Rudolf Nissen

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Rudolf Nissen (* 5. September 1896 in Neisse, Schlesien; † 22. Januar 1981 in Riehen) war ein deutscher Chirurg jüdischer Abstammung. Seine Berufsauffassung war geprägt von seinem Vater, der ebenfalls Chirurg war, und seinem Lehrer Ferdinand Sauerbruch. Nach der Machtübernahme der NSDAP verließ er Deutschland 1933, insbesondere weil er das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums nicht, wie verlangt, gegen Mitarbeiter anwenden wollte; ihm war klar, dass er früher oder später selbst dessen Opfer sein werde, auch wenn er als Frontkämpfer vorläufig ausgenommen war.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Rudolf Nissen war der Sohn des Chirurgen Franz Nissen und seiner Ehefrau Margarethe geb. Borchert. Er heiratete Ruth Becherer, Tochter von Walter Becherer. 1913 erlangte er das Abitur am Humanistischen Gymnasium in Neisse und begann im selben Jahr das Studium der Medizin an der Universität Breslau, wechselte aber schon bald an die Ludwig-Maximilians-Universität in München. Im ganzen Ersten Weltkrieg diente er in einem Sanitätsbataillon. Als Soldat erlitt er einen Lungensteckschuss, dessen Folgen ihn zeitlebens belasteten. Nach dem Krieg setzte er sein Medizinstudium an den Universitäten Marburg und Breslau fort.

Nach dem Staatsexamen 1920 arbeitete Nissen bei dem Pathologen Ludwig Aschoff an der Universität Freiburg. Seine chirurgische Ausbildung begann er 1921 in München bei Ferdinand Sauerbruch. Nach der Facharztanerkennung habilitierte sich Nissen 1927 für Chirurgie. Als Sauerbruch 1927 einen Ruf an die Charité erhielt, ging Nissen als Oberarzt mit nach Berlin. Dort wurde er 1930 zum nichtbeamteten a. o. Professor ernannt.

Bereits in den ersten Monaten der Zeit des Nationalsozialismus emigrierte er in die Türkei. Mit Unterstützung der „Notgemeinschaft“ von Philipp Schwartz und nach Beratung mit Sauerbruch 1933 wurde er Ordinarius für Chirurgie an der Universität Istanbul.

„Er hatte seine glücklichste Zeit in der Türkei erlebt, wie er sagte. ... Er hat mein Manuskript durchgesehen und anschließend gesagt: »Unter einer Bedingung können Sie es mir widmen. Sie müssen unten auf der Widmung die Symbole der Berliner Chirurgen anbringen«.“

Arslan Terzioǧlu über Nissen (2006)

Obwohl ihm die türkische Regierung bei der Vertragsverlängerung entgegengekommen war, ging Nissen nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wegen gesundheitlicher Probleme in die USA; denn sein Lungenleiden hatte sich durch das Exil und die anstrengende Arbeit verschlimmert. Dort musste er alle Studien- und Ausbildungsprüfungen wiederholen. Von 1939 bis 1941 war er Research Fellow of Surgery am Massachusetts General Hospital in Boston und von 1941 bis 1952 Chief of Division der Chirurgie am Jewish Hospital of Brooklyn sowie Director of Surgery am Maimonides Medical Center in New York City. Ab 1944 war er außerdem Assistant Professor of Surgery am Long Island College Hospital in Brooklyn.

1952 folgte er dem Ruf der Universität Basel auf den Lehrstuhl für Chirurgie. Nach der Emeritierung 1967 führte er bis 1970 eine Arztpraxis in Basel. Mit Werner Wachsmuth war er zeitlebens eng befreundet.

Nissens Fundoplikatio ist noch heute eine Standardoperation im Übergangsbereich Speiseröhre-Magen.[1]

Positionen und Auszeichnungen[Bearbeiten]

1963 wurde er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Er stand 1963 der Vereinigung der Bayerischen Chirurgen, einem Berufsverband, und zeitweise der Société Suisse de Chirurgie - Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie SGC vor. In Anerkennung seiner Verdienste um die Chirurgie wurde er 1967 zum Präsidenten des Gründungsvereins der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität München rechts der Isar gewählt.

Die Hacettepe-Universität Ankara verlieh ihm 1973 die Ehrendoktorwürde, um seine Bedeutung für die Geschichte der türkischen Medizin zu betonen. 1966 hatte er bereits dieselbe Würde von der Humboldt-Universität zu Berlin erhalten. 1994 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg.

1967 wurde er mit der Paracelsus-Medaille ausgezeichnet.

Rudolf Nissen-Preis[Bearbeiten]

Mit dem Rudolf Nissen-Preis zeichnet die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie alle zwei Jahre hervorragende Viszeralchirurgen aus. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Preisträger
2001: Sir Alfred Cuschieri, Dundee
2003: Hiroshi Akiyama, Tokio
2005: Henri Bismuth, Villejuif
2007: Christian Herfarth, Heidelberg
2009: Wolfgang Teichmann, Hamburg

Literatur[Bearbeiten]

  • Rudolf Nissen: Helle Blätter, dunkle Blätter. Erinnerungen eines Chirurgen Erstauflage DVA, Stuttgart 1969, Wiederaufl. ebd. 1984 ISBN 3-421-01499-X; Herder-Buchgemeinde, Freiburg o. J. (1969); Reprint: Ecomed, Landsberg 2001 ISBN 3-609-16029-2 (alle mit genauem Personenregister, was insbes. in Bezug auf die türkischen Jahre 1933 - 1939 und die dortige deutsche Exilgruppe sehr aufschlussreich ist)
    • Kurze Erstfassung des Kapitels über Sauerbruch (S. 143ff. in "Blätter") in: Hans Schwerte & Wilhelm Spengler Hgg.: Forscher und Wissenschaftler im heutigen Europa. 2. Erforscher des Lebens. Mediziner, Biologen, Anthropologen Stalling, Oldenburg 1955 Reihe: Gestalter unserer Zeit Band 4. (Obwohl Nissen dem NS gegenüber von Anfang an realistisch-kritisch war, gelang es den beiden SS-Männern (Schwerte durch seinen Identitätswechsel getarnt) demnach, das NS-Opfer Nissen zur Mitarbeit zu gewinnen; zugleich ein Versuch zur eigenen Reinwaschung, den die Täter unternahmen). Wieder in ders.: Fünfzig Jahre erlebter Chirurgie. Ausgewählte Vorträge & Schriften Schattauer, Stuttgart 1978 ISBN 3-7945-0615-4 S. 344 - 348
      • Zur deutlichen Kritik Nissens an der fälschlich sog. Sauerbruch-Autobiographie Das war mein Leben bei Kindler siehe die Art. Sauerbruch und Hans Rudolf Berndorff
    • Rezension (Blätter...): in Archives of Orthopaedic and Trauma Surgery ISSN 0936-8051 Bd. 68, Nr. 4, Dezember 1970, von A. N. Witt. (auch online buchbar [1] deutsch)
    • Rezension: David Vanderpool, Bright leaves, dark leaves. in Journal of the American College of Surgeons, Volume 196, Issue 2, Februar 2003, p. 313-318. Elsevier, Amsterdam Online
  • Erwin Rotermund: Helle Blätter, dunkle Blätter. Rudolf Nissen: Bewährung im Exil. In: 100 Jahre Rudolf Nissen. Hgg. Felix Harder & Mario Rossetti. Schwabe, Basel 1997, S. 199 - 210. Reihe: Basler Beiträge zur Chirurgie 9 ISBN 3-7965-1032-9
  • R. N. (Hg. mit Fritz Hartmann, Johannes Linzbach und Hans Schäfer): Das Fischer-Lexikon. Bd. 16 - 18: Medizin 1 - 3; als Autor: Art. "Chirurgie" in Teil-Band 3 (= Band 18), Fischer Bücherei TB, Frankfurt 1959 u.ö., zuletzt 1970, S. 10 - 47 (auch: histor. Abriss)
  • R. N. (Hg. mit Georg Brandt & Hubert Kunz): Intra- und postoperative Zwischenfälle. Ihre Verhütung und Behandlung. Sammelwerk in 4 Bänden. Georg Thieme, Stuttgart 1964ff. (zuletzt Neuaufl. Band 2: Abdomen. 1985)
  • Faruk Sen, Dirk Halm: Exil unter Halbmond und Stern - Herbert Scurlas Bericht über die Tätigkeit deutscher Hochschullehrer in der Türkei während der Zeit des Nationalsozialismus. 2007 ISBN 3-89861-768-8
  • Daniel Webster Fults, Philipp Taussky: The Life of Rudolf Nissen: Advancing Surgery Through Science and Principle. In: World Journal of Surgery. 2011. doi:10.1007/s00268-011-1047-1.
  • Huldrych M. Koelbing: Nissen, Rudolf. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 289 (Digitalisat).

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rudolf Nissen & Mario Rossetti: Die Behandlung der Hiatushernien und Reflux-Oesophagitis mit Gastropexie und Fundoplicatio. Indikation, Technik und Ergebnisse Georg Thieme, Stuttgart 1959; 2. neubearb. Aufl. ebd. 1981; italienische Fassung bei Cappelli, Bologna 1964