Rudolf Otto

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Rudolf (ursprünglich Karl Louis Rudolph) Otto (* 25. September 1869 in Peine; † 6. März 1937 in Marburg) war ein deutscher Religionswissenschaftler und evangelischer Theologe.

Rudolf Otto

Leben[Bearbeiten]

Otto nahm im Mai 1888 an der Universität Erlangen das Studium der Theologie auf und wechselte später an die Universität Göttingen. 1898 wurde er mit einer Arbeit über Geist und Wort bei Luther zum Lic. theol. promoviert. Eine Promotion zum Dr. phil. folgte 1905 in Tübingen (Dissertation: Naturalistische und religiöse Weltansicht). 1906 trat er nach achtjähriger Tätigkeit als Privatdozent eine Stelle als außerordentlicher Professor in Göttingen an. 1913 wurde Otto nach mehreren vorangegangenen vergeblichen Kandidaturen im Wahlkreis Göttingen als Abgeordneter der Nationalliberalen Partei in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt. 1915 wurde er Professor für Systematische Theologie in Breslau und wechselte 1917 an die Philipps-Universität Marburg. Im Mai 1918 trat er wegen seiner Ablehnung des Dreiklassenwahlrechts mit einigen Gleichgesinnten aus der Fraktion seiner Partei aus. Wie die meisten anderen Abgeordneten vom linken Flügel der Nationalliberalen schloss sich Otto der Deutschen Demokratischen Partei an und vertrat sie 1919 in der Preußischen Landesversammlung.

Obwohl er noch verschiedentlich Rufe an andere Hochschulen erhielt, behielt er den Marburger Lehrstuhl für den Rest seines akademischen Lebens. 1927 gründet er an der Marburger Universität die Religionskundliche Sammlung. 1929 wurde er emeritiert.

Rudolf Otto starb 1937 nach längerem Spitalaufenthalt an einer Lungenentzündung, nachdem er sich beim Sturz von einem Turm aus 20 Meter Höhe schwer verletzt hatte. Hartnäckigen, allerdings nie bestätigten Gerüchten zufolge handelte es sich bei dem Sturz um einen Selbstmordversuch.[1] Er liegt auf dem Marburger Stadtfriedhof begraben.

Werk[Bearbeiten]

Durch Reisen nach Indien, Sri Lanka, China, Japan, den Nahen Osten und Afrika wurde Ottos Interesse für die Religionen der Welt geweckt, besonders für den Hinduismus.

In seinem Hauptwerk (Das Heilige, 1917) setzt er sich mit der Erfahrung des Heiligen auseinander. Diese schließt seiner Auffassung nach insofern irrationale Momente ein, als damit verbundene Gefühle sich der rationalen begrifflichen Fassung entziehen und nur durch hinweisende Ideogramme bzw. Deute-Begriffe aufgezeigt werden können. Die irreduziblen Momente dieser Erfahrung bezeichnet er als mysterium tremendum und mysterium fascinans. Dieses Prinzip wurde, wenn auch nicht so dezidiert und ohne diese Termini zu benutzen, von Luther erkannt. Dies wird unter anderem im „Kleinen Katechismus“ sichtbar, da die Antwort der einzelnen Artikel stets folgendermaßen beginnt: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten und lieben …“. Das Gewicht bei den beiden Verben liegt eher auf dem „lieben“, zumal es ein emotional intensiverer und tieferer Akt ist: Ein Bild, dass das größere „Ja“ das kleinere „Nein“ mit einschließt.

Im erstgenannten Gefühl offenbart sich Gott als eine überwältigende Macht, vor der die Kreatur erschauert und die als das ganz Andere die menschliche Vernunft transzendiert. Das Heilige wird allerdings nicht als das absolut Unheimliche empfunden, denn untrennbar von diesem Aspekt existiert die faszinierende, beglückende Erfahrung des Göttlichen. Die Irreduzibilität der Momente des Schauderns und des Vertrauens kennzeichnet Otto, indem er das Heilige als Numinoses (er übersetzt das lateinische numen mit „übernatürliches Wesen ohne genauere Vorstellung“) bestimmt.

Otto versucht das Problem des Heiligen als inkommensurabel und ganz anders in seiner Beziehung zu Begriffen, moralischen Prinzipien und positiver Religion zu lösen, indem er sich auf Kants Idee der Schematisierung bezieht. Nach Otto erinnert die numinose Erfahrung an Begriffe und Prinzipien wie Liebe, Übermacht und Güte, so dass das Numinose zwar nicht beschrieben, jedoch mit dem Denken und Handeln verbunden ist. Als Folge dieser Schematisierung entsteht das Heilige als komplexe A-priori-Wertkategorie.

Kritik an dieser Darstellung des Heiligen als A-priori-Kategorie wendet ein, dass bei Kant Erfahrungen nur dadurch möglich sind, dass A-priori-Kategorien vorhanden sind, während Otto aus Erfahrungen A-priori-Kategorien entstehen lässt, um die religiöse Erfahrung als sui generis und somit Gültiges zu bewahren.

In seinen religionswissenschaftlichen Hauptwerken, Die Gnadenreligion Indiens und das Christentum und Westöstliche Mystik, vergleicht Otto unter den Aspekten der gläubigen Frömmigkeit und der Mystik, den Hinduismus mit dem Christentum. Er untersucht Bhakti und Advaita Vedanta und stellt den berühmten Philosophen des Vishnuismus, Ramanuja, und den shivaitischen Gründer des Advaita Vedanta, Shankara, dar. Otto erklärt Ähnlichkeiten zwischen Hinduismus und Christentum, gelangt aber zu dem Schluss, die Mystik des Christentums sei der des Vedanta überlegen.

Ottos Einfluss auf Theologie, Religionsphilosophie und Religionswissenschaft im 20. Jahrhundert war erheblich: Der evangelische Theologe Paul Tillich war ebenso von ihm beeinflusst wie der aus Rumänien stammende Religionswissenschaftler Mircea Eliade und der bedeutendste Otto-Schüler im deutschsprachigen Bereich, Gustav Mensching, aber auch Kurt Goldammer und Religionsphänomenologen wie Gerardus van der Leeuw. Der phänomenologisch arbeitende Philosoph Hermann Schmitz hat Ottos Ansatz zu einer Theorie der numinosen Gefühle erweitert.

Eine besondere Bedeutung hat Otto auch im Rahmen der (Religions-)Psychologie gefunden. Hervorzuheben ist hierbei vor allem die Rezeption des Begriffes des Numinosen durch die Tiefenpsychologie Carl Gustav Jungs sowie dessen Aufnahme und kritische Würdigung durch die Transpersonale Psychologie in ihren verschiedensten Ausprägungen (z.B. Karlfried Graf Dürckheim). In den USA wird Rudolf Otto, im Gegensatz zur deutschen Religionspsychologie, noch heute in seiner Wirkung als zentral erachtet.

Ottos Ansichten werden in der Religionswissenschaft und Religionstheorie nicht mehr als allgemeingültig anerkannt, dennoch hat sein Werk auch heutzutage noch Wirkung, beispielsweise bei asiatischen Theologen und Religionsphilosophen. Rudolf Otto und sein Schüler Gustav Mensching sind in den letzten Jahren als Vordenker der Praktischen Religionswissenschaft (Udo Tworuschka) wiederentdeckt worden.[2]

Ehrungen[Bearbeiten]

Otto wurde 1932 von der Universität Uppsala mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Die Anschauung von heiligen Geiste bei Luther: Eine historisch-dogmatische Untersuchung. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1898 (online).
  • Die historisch-kritische Auffassung vom Leben und Wirken Jesu: 6 Vorträge, im März 1901 in Hannover … gehalten. Göttingen 1901. 3. Auflage als: Leben und Wirken Jesu nach historisch-kristischer Auffassung: Vorträge. Göttingen 1902 (4. Auflage 1905 online).
  • Das Heilige: Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Trewendt & Granier, Breslau 1917 (4. Auflage 1920 online). Nachdruck: Beck, München 2004, ISBN 3-406-51091-4.
  • Vischnu-Nârâyana: Texte zur indische Gottesmystik, I, 1917.
  • Siddhânta des Râmânuja: Texte zur indische Gottesmystik,II, 1917.
  • Die Gnadenreligion Indiens und das Christentum: Vergleich und Unterscheidung, 1930.
  • West-östliche Mystik: Vergleich und Unterscheidung zur Wesensdeutung. Leopold Klotz, Gotha 1926 (online).
  • Das Gefühl des Überweltlichen: Sensus Numinus [Aufsätze], 1931.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lindsay Jones (Hrsg.): Encyclopedia of Religion: Second Edition. Thomson Gale, Farmington Hills (Minnesota) 2005, ISBN 0-02-865743-8, S. 6926.
  2. Vgl. Udo Tworuschka: Religionswissenschaft. Wegbereiter und Klassiker. UTB, Köln 2011, ISBN 978-3-8252-3492-8, S. 111–130.