Rudolf Scharping

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Rudolf Scharping in seiner Zeit als Verteidigungsminister (um 2000)

Rudolf Scharping (* 2. Dezember 1947 in Niederelbert, Westerwald; vollständiger Name: Rudolf Albert Scharping) ist ein deutscher Politiker (SPD) und Sportfunktionär.

Er war von 1991 bis 1994 Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz und von 1998 bis 2002 Bundesminister der Verteidigung. Von 1993 bis 1995 war er außerdem Bundesvorsitzender der SPD, bei der Bundestagswahl 1994 war er Kanzlerkandidat. Von März 1995 bis Mai 2001 war er Parteivorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE). Seit 2005 ist er Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer. 2009 sowie am 23. März 2013 bestätigte die Bundesversammlung der Organisation Scharping in dieser Position,[1] obgleich Scharping kurz vor seiner zweiten Wiederwahl mitgeteilt hatte, dass er nicht wieder für das Amt kandidieren wolle.[2]

Leben[Bearbeiten]

Ausbildung[Bearbeiten]

Nach dem Abitur 1966 am Gymnasium Lahnstein war Scharping Reserveoffizieranwärter bei der Bundeswehr, wurde jedoch nach wenigen Wochen beim Jagdbombergeschwader 33 in Büchel/Eifel wegen seiner Sehschwäche beurlaubt und nach einem halben Jahr entlassen.

Ab 1966 studierte er Rechtswissenschaft und Soziologie an der Universität Bonn. Nach fünf Semestern wechselte er zum Hauptfach Politikwissenschaft und legte 1974 seine Magisterprüfung (M. A.) ab. Seine Magisterarbeit hat den Titel Probleme eines regionalen Wahlkampfes am Beispiel des Bundestagswahlkampfes 1969 der SPD im Wahlkreis Bad Kreuznach.

Parteilaufbahn[Bearbeiten]

Scharping ist seit 1966 Mitglied der SPD. 1968 wurde ein Parteiordnungsverfahren gegen ihn eingeleitet, weil er Flugblätter gegen die Anschaffung der Starfighter verteilt hatte. Das Verfahren wurde jedoch nach zehn Monaten eingestellt. Von 1969 bis 1974 war er Landesvorsitzender der Jusos in Rheinland-Pfalz, von 1974 bis 1976 stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos. 1978 besuchte er als JuSo-Mitglied die XI. Weltfestspiele der Jugend in Havanna.[3]

1984 bis 1990 war er Vorsitzender des SPD-Bezirks Rheinland/Hessen-Nassau, 1985 bis 1991 Vorsitzender der SPD-Landtagsfraktion, 1985 bis 1993 Vorsitzender der SPD Rheinland-Pfalz.

1993 sprach sich eine relative Mehrheit der SPD-Mitglieder in einer Urwahl für Scharping als Parteivorsitzenden aus, anschließend wählten ihn die satzungsmäßig dazu bestimmten Bundesdelegierten auf einem Sonderparteitag in Essen zum Bundesvorsitzenden der SPD. Er setzte sich dabei gegen seine beiden Gegenkandidaten Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul durch. Scharping profitierte davon, dass er im Gegensatz zu Schröder nicht öffentlich erklärt hatte, dass er auch Kanzlerkandidat werden wollte. So zog er auch die Stimmen derjenigen Mitglieder auf sich, die Oskar Lafontaine als Kanzlerkandidat wollten. Bei der Bundestagswahl 1994 verlor er jedoch gegen den amtierenden Bundeskanzler Helmut Kohl. Auf dem Mannheimer Parteitag im November 1995 unterlag er dann in einer Kampfabstimmung um den Parteivorsitz dem damaligen Ministerpräsidenten des Saarlandes Oskar Lafontaine und wurde damit nicht im Amt bestätigt. Er war dann bis 2003 stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD und von März 1995 bis Mai 2001 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE).

Abgeordnetentätigkeit[Bearbeiten]

Von 1975 bis 1994 war Scharping Mitglied des Landtages von Rheinland-Pfalz.

Von 1994 bis 2005 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Hier war er von 1994 bis 1998 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und Oppositionsführer. Scharping ist 1998 als direkt gewählter Abgeordneter des Wahlkreises Montabaur und sonst stets über die Landesliste Rheinland-Pfalz in den Bundestag eingezogen.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten]

Rudolf Scharping (rechts) mit US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (2001)

Vom 21. Mai 1991 bis zum 15. Oktober 1994 war er Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz. Er war nach vierundvierzigjähriger CDU-Regierungszeit der erste Sozialdemokrat in diesem Amt.

Vom 27. Oktober 1998 bis zum 18. Juli 2002 war Scharping Bundesminister der Verteidigung und der erste, unter dessen Führung die Bundeswehr an einem Krieg teilnahm.

Privates[Bearbeiten]

Rudolf Scharping ist in zweiter Ehe mit Kristina Gräfin Pilati von Thassul zu Daxberg (geb. Paul), verheiratet. Mit seiner ersten Ehefrau Jutta Scharping, geb. Krause, hat er drei Töchter.

Amtszeit als Verteidigungsminister[Bearbeiten]

Herkules-Projekt[Bearbeiten]

Während seiner Amtszeit brachte Scharping das IT-Projekt Herkules auf den Weg, das die Telekommunikationsstruktur der gesamten Bundeswehr erneuern sollte.

Kosovo-Konflikt[Bearbeiten]

Der Angriff auf die Bundesrepublik Jugoslawien im Kosovo-Krieg stieß in Teilen der Bevölkerung auf Kritik, nicht nur weil die Übereinstimmung mit dem Grundgesetz und dem Völkerrecht umstritten war. Scharping rechtfertigte den Krieg wiederholt[4] mit der angeblichen Existenz eines serbischen Plans zur militärischen Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo, dem so genannten Hufeisenplan und bevorstehenden Greueltaten. Mittlerweile gilt als wahrscheinlich, dass dieser Plan nicht existierte, sondern eine gezielte Desinformation eines Geheimdienstes war.[5]

Nach General Heinz Loquai waren zu Kriegsbeginn wichtige Berichte zurückgehalten worden und dadurch selbst das bundesdeutsche Parlament nicht hinreichend über die tatsächliche Lage im Kosovo informiert gewesen. Zu Scharpings Verwendung des Hufeisenplans zur Rechtfertigung humanitärer Einsätze der Bundeswehr äußerte Loquai: „Ich kann nur sagen, dass der Verteidigungsminister bei dem, was er über den Hufeisenplan sagt, nicht die Wahrheit sagt.“

Entlassung Scharpings[Bearbeiten]

Im Juli 2002 wurde Scharping von Bundeskanzler Schröder entlassen. Als Gründe für die Entlassung kurz vor der Bundestagswahl 2002 gelten die Mallorca-Affäre, die Hunzinger-Affäre und der Verlust von Ansehen und Respekt in der Bundeswehr. So ließ er sich unter anderem für die Zeitschrift Bunte mit seiner Lebensgefährtin Kristina Gräfin Pilati-Borggreve im Swimming-Pool auf Mallorca ablichten, während gleichzeitig die Bundeswehr unmittelbar vor einem Einsatz in Mazedonien stand; zudem wurde sein PR-Berater Moritz Hunzinger verdächtigt, Politiker bestochen zu haben. Eine der Affären hatte sich schon Anfang September 2001 zugespitzt und Scharping in die Kritik gebracht.[6]

Sportpolitisches Engagement[Bearbeiten]

Scharping am Rande des Weltcuprennens in Nürnberg 2005
Scharping auf der Jahreshauptversammlung des BDR am 21. März 2009 in Leipzig.

Am 19. März 2005 wurde Rudolf Scharping zum Präsidenten des Bundes Deutscher Radfahrer gewählt und am 21. März 2009 nach heftiger verbandsinterner Kritik in einer Kampfabstimmung auf der Jahreshauptversammlung in Leipzig wiedergewählt.[7] Am 23. März 2013 wurde er nochmals wiedergewählt.

Sonstiges Engagement[Bearbeiten]

Nach einer Tätigkeit als Gastdozent wurde Rudolf Scharping 2006 von der Fletcher School of Law and Diplomacy zum Gastprofessor für Internationale Politik berufen.

Scharping ist Geschäftsführender Gesellschafter der RSBK Strategie Beratung Kommunikation GmbH, ein Unternehmen mit Sitz in Frankfurt am Main, das sich u.a. auf das Gebiet der Public Private Partnership spezialisiert hat. Ab 2007 beriet er das Beteiligungskapitalunternehmen Cerberus, das sich auf das Aufkaufen von beinahe bankrotten Firmen spezialisiert hat.[8] Spätestens seit Mai 2009 ist Scharping als Berater für Maria-Elisabeth Schaeffler tätig. Eine seiner Aufgaben ist die Verhandlung für die Unternehmensführung mit den Arbeitnehmervertretern und Gewerkschaften und die Unterstützung der Schaeffler Gruppe bei der Fusion mit der Continental AG.[9]

Kabinette[Bearbeiten]

Kabinett ScharpingKabinett Schröder I

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Am 2. November 2000 verlieh ihm die Anti-Defamation League (ADL) in New York für sein Engagement für die Benennung Feldwebel Schmid Kaserne in Rendsburg den Paul Ehrlich - Günther K. Schwerin - Menschenrechtspreis.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Mit Friedhelm Wollner (Hrsg.): Demokratischer Sozialismus. Diskussionsbeiträge zum Orientierungsrahmen ’85 der SPD. Rowohlt, Reinbek 1973, ISBN 3-499-11713-4.
  • Was jetzt zu tun ist. Piper, München/Zürich 1994, ISBN 3-492-03722-4.
  • Die Einheit wirtschaftlich und sozial gestalten. Einstiegsvortrag zum Leipziger Wirtschaftsgespräch am 20. September 1995 in Leipzig. Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig 1995, ISBN 3-86077-264-3.
  • Bürgerrechte in die Informationswelt verlängern. In: Demokratische Medien – der Mensch im Mittelpunkt. Für eine humane und soziale Informationsgesellschaft. Dokumentation der Reden und Podiumsdiskussionen der SPD-Medienkonferenz vom 5. Mai 1995. Schüren, Marburg 1995, ISBN 3-89472-137-5, S. 14–27.
  • Meine Tour de France. 25 Touren und Etappen zum Nachradeln auf der Spur des längsten, härtesten und spannendsten Radrennens der Welt. Gerstenberg, Hildesheim 1998, ISBN 3-8067-2835-6.
  • Wir dürfen nicht wegsehen. Der Kosovo-Krieg und Europa. Ullstein, Berlin 1999, ISBN 3-550-07106-X; aktualisierte Taschenbuchausgabe Econ, München 2001, ISBN 3-548-75003-6.
  •  Carlo Altomonte, Pierre Defraige, Lucas Delatre, Karl-Theodor zu Guttenberg, Sylvie Goulard, Rudolf Scharping: Le Partenariat privilégié, alternative à l'adhésion. Fondation Robert Schuman, Paris/Brüssel 2006, ISSN 1761-2233.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rudolf Scharping – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Radsport: Scharping als BDR-Präsident wiedergewählt. In: Spiegel Online. 23. März 2013
  2. BDR-Chef Scharping vor Rückzug – Schenk vor Rückkehr. In: Westfälische Nachrichten. 28. Februar 2013
  3.  Kuba: Deutsche fragen nach Polit-Häftlingen. In: Der Spiegel. Nr. 31, 1978, S. 80–81 (online).
  4. Tino Moritz: Einsame Zweifler. In: die tageszeitung. 6. April 2001, abgerufen am 24. Juni 2013.
  5. Jo Angerer, Mathias Werth: Der Kosovo-Krieg: Es begann mit einer Lüge
  6. Pleiten, Pech und Pannen: Bundeswehr lästert über Scharping. In: Spiegel Online. 19. Juli 2002
  7. Radsport – Scharping schafft Wiederwahl. In: Süddeutsche Zeitung. 21. März 2009
  8. Cerberus: Ein Höllenhund vor den Toren. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 12. Mai 2007
  9. Uwe Ritzer: Scharping und Schaeffler – In diskreter Mission. In: Süddeutsche Zeitung. 29. Mai 2009