Rudolf von Jhering

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Rudolf von Jhering

Rudolf von Jhering Aussprache: [ˈjeːrɪŋ] (* 22. August 1818 in Aurich; † 17. September 1892 in Göttingen) war ein deutscher Rechtswissenschaftler.

Leben[Bearbeiten]

„Kampf um's Recht“, Frontseite der 4. Aufl. (1874)
Rudolf von Jhering, Büste von Ferdinand Hartzer (1888)

Rudolph (wie er sich bisweilen selbst schrieb[1]) Jhering (alte, aber immer noch gebräuchliche Schreibweise: Ihering) stammte aus einer Juristenfamilie, die seit 1522 in Ostfriesland nachweisbar ist. Sein Urgroßvater Sebastian Eberhard Jhering (1700–1759) wurde 1754 zum Namensgeber des ostfriesischen Ortes Jheringsfehn. Seine Eltern waren Georg Albrecht Jhering aus Aurich (1779–1825) und Anna Maria Schwers (1792–1861) aus Leer.

Jhering studierte in Heidelberg, Göttingen, München und ab 1838 in Berlin, wo er 1842 auch promovierte. Nach Professuren in Basel, Rostock, Kiel, Gießen kam er 1868 nach Wien. Dort hielt er seinen berühmten Vortrag „Der Kampf ums Recht“[2], der in zwei Jahren zwölf Auflagen erlebte und in 26 Sprachen übersetzt wurde. Über das Recht heißt es dort:

„Das Leben des Rechts ist ein Kampf – ein Kampf der Völker, der Staatsmacht, der Klassen und Individuen. In der Tat hat das Recht eine Bedeutung nur als Ausdruck von Konflikten und es stellt die Anstrengungen der Menschheit dar, sich selbst zu zähmen. Aber leider hat das Recht versucht, der Gewalt und dem Unrecht mit Mitteln zu begegnen, die in einer vernünftigen Welt dereinst als ebenso befremdlich wie schändlich gelten werden. Denn das Recht hat niemals wirklich versucht, die Konflikte der Gesellschaft zu lösen, sondern nur sie zu lindern, indem es Regeln niederlegte, nach welchen sie ausgefochten werden sollen.“

In Wien verlieh ihm der österreichische Kaiser den erblichen Adel. 1872 nahm er einen Ruf nach Göttingen an. Sein Nachfolger in Wien wurde Adolf Exner. In Göttingen blieb er – Rufe nach Leipzig und Heidelberg ablehnend – bis zu seinem Tode im Jahr 1892.

Als besonderer Umstand in der wissenschaftlichen Entwicklung Jherings wird immer wieder seine rechtstheoretische „Bekehrung“ hervorgehoben. Noch in seinem (unvollendet gebliebenen) Werk „Der Geist des römischen Rechts auf den verschiedenen Stufen seiner Entwicklung“ stellt er gemäß der historischen Rechtsschule ein durch die Begriffsjurisprudenz geprägtes System vor. Hiervon nahm Jhering aber immer mehr (schon im dritten Band dieses Werks) zu Gunsten einer soziologischen Betrachtung des Rechts Abstand, die er (im ebenfalls unvollendet gebliebenen) Werk „Der Zweck im Recht“ näher ausführt. Nach seiner Auffassung dient das Recht dem Schutz der individuellen und gesellschaftlichen Interessen durch deren Koordination und der Minimierung der Gelegenheit für deren Konflikte (vgl. Interessenjurisprudenz). In der Dogmatik des Zivilrechts findet sich seine 1861 getroffene terminologische Unterscheidung zwischen positivem und negativem Interesse [3] noch heute wieder. Als sehr bedeutsam gilt auch seine „Entdeckung“ der vorvertraglichen Haftung (der sog. Culpa in contrahendo)[4] in demselben Aufsatz. Bahnbrechend war dabei weniger die Trennung nach Schadensersatzkategorien, die ohne diese Terminologie bereits bei Friedrich Carl von Savigny und Friedrich Mommsen angelegt war. Durch die Kombination der außervertraglichen Haftung für leichte Fahrlässigkeit, die Haftung für culpa lata war allgemein anerkannt, und das negative Interesse fand er eine tragfähige Kompromisslösung für den erbitterten Streit zwischen Willenstheorie und Erklärungstheorie, in dem er die Willenstheorie mit einer Haftung für das negative Interesse verband. Die von Jhering vorgeschlagene Haftung dient dabei weniger einer Verschuldenshaftung als einer Garantiehaftung. Die Lösung Jherings findet sich noch heute in § 122 BGB wieder. Die z.T. noch heute als Culpa in contrahendo bezeichnete Haftung für vorvertragliches Verschulden mit §§ 311 Abs. 2, 241, 280 Abs. 1 BGB hat trotz ihrer Bezeichnung nur wenig mit Jherings Konstrukt zu tun. Das wissenschaftliche Ansehen Jherings in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kommt dem des Friedrich Carl von Savigny in der ersten Hälfte des Jahrhunderts nahe, wenngleich die Methoden der beiden durchaus unterschiedlich waren.

In seiner Wirkungsstätte Göttingen erinnern unter anderem eine nach ihm benannte Straße und eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus an sein Leben und Wirken. Im Jahr 1894 wurde im 15. Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus die Jheringgasse nach ihm benannt.

Familie[Bearbeiten]

Er war mehrfach verheiratet. Seine erste Frau war Helene Hofmann (†1848). Nach ihrem Tod heiratete er Ida Frölich (* 16. September 1826; † 3. September 1867), mit der er fünf Kinder hatte. Nach deren Tod heiratete er im Sommer 1869 in Wien die Erzieherin seiner Kinder Luise Wilders (1840-1909). Er hatte folgende Kinder:

∞ Maria Anna Clara Belzer (* 17. Mai 1846; † 22. August 1906 in Sao Paulo)
∞ Meta Johanna Buff (†1929) Tochter von Heinrich Buff und seiner zweiten Frau Johanna Moldenhauer
  • Elise Marie Agathe Helene (* 9. Juli 1852; † 23. Januar 1920) ∞ 1882 Victor Gabriel Ehrenberg (1852–1929) Professor Dr.iur. Dr.rer.pol. in Göttingen
  • Karl Friedrich August (* 6. Dezember 1853; † 31. Januar 1919)
  • Ernst Albrecht Wilhelm Heinrich (* 4. August 1856; † 1924) ∞ Emma Hildebrand
  • Rudolf Justus Heinrich Hermann Ludwig (* 5. Januar 1862; † 29. März 1934) ∞ NN. Hube

Werke[Bearbeiten]

Zitate[Bearbeiten]

„Der Gesetzgeber soll denken wie ein Philosoph, aber reden wie ein Bauer.“

„Der Kampf ums Recht ist die Poesie des Charakters.“

„Im Kampfe sollst du dein Recht finden.“

„Recht ist unausgesetzte Arbeit und zwar nicht bloß der Staatsgewalt, sondern des ganzen Volkes. Jeder Einzelne, der in die Lage kommt, sein Recht behaupten zu müssen, übernimmt an dieser nationalen Arbeit seinen Anteil, trägt sein Scherflein bei zur Verwirklichung der Rechtsidee auf Erden.“ (Der Kampf ums Recht, 1872)

„Die Form ist die geschworene Feindin der Willkür, die Zwillingsschwester der Freiheit. Denn die Form hält der Verlockung der Freiheit zur Zügellosigkeit das Gegengewicht, sie lenkt die Freiheitssubstanz in feste Bahnen, daß sie sich nicht zerstreue, verlaufe, sie kräftigt sie nach innen, schützt sie nach außen. Feste Formen sind die Schule der Zucht und Ordnung und damit der Freiheit selber und eine Schutzwehr gegen äußere Angriffe, – sie lassen sich nur brechen, nicht biegen.“

Literatur[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Rudolph Jhering, Das Schuldmoment im römischen Privatrecht. Eine Festschrift, Gießen (Verlag Emil Roth) 1867, vor S. 1.
  2. Rudolf von Jhering, Der Kampf ums Recht, Wien, 1872
  3. Rudolf von Jhering, Culpa in contrahendo, in: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und. deutschen Rechts (Jhering-Jahrbuch), 4. Bd., 1861, 1
  4. Rudolf von Jhering, Culpa in contrahendo, in: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und. deutschen Rechts (Jhering-Jahrbuch), 4. Bd., 1861, 1

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rudolf von Jhering – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Rudolf von Jhering – Quellen und Volltexte