Welfen

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Stammbaum der Welfen. Die älteste erhaltene Darstellung eines mittelalterlichen Adelsgeschlechtes entstand wohl in der alten welfischen Grablege, dem Kloster Weingarten, in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts. Fulda, Hochschul- und Landesbibliothek, Handschrift D 11, fol. 13v (Kat.- Nr. II.A.20)

Die Welfen waren ein ursprünglich fränkisches Adelsgeschlecht aus dem Maas-Mosel-Raum, das seit dem 9. Jahrhundert bekannt ist und eng mit dem Kaiserhaus der Karolinger verwandt war, welches die Welfen mit einer Grafschaft in Oberschwaben belehnte sowie eine Seitenlinie im Jahr 888 mit dem Königreich Burgund. Als die Familie im Mannesstamm 1055 mit Welf III., Herzog von Kärnten und Markgraf von Verona, ausstarb, heiratete seine Schwester Kunigunde in die oberitalienische Familie d’Este ein, zu der die nachfolgenden jüngeren Welfen sämtlich gehören. Diese stellten ab 1070 (mit Unterbrechungen) bis 1180 die Herzöge von Bayern, von 1137 bis 1180 die Herzöge von Sachsen und ab 1235 die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg.

1692 stieg die im Teilfürstentum Calenberg-Göttingen regierende Linie zu Kurfürsten von Hannover auf; sie erbte 1714 vom Haus Stuart den Thron des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland, den sie bis 1901 als Haus Hannover besetzte. Das Kurfürstentum Hannover wurde auf dem Wiener Kongress 1814 zum Königreich Hannover erhoben; die britischen Monarchen regierten es bis 1837 in Personalunion, danach – bis zur Annexion durch Preußen 1866 – ein nach Deutschland zurückgekehrter Zweig des englischen Königshauses. Eine ältere Linie regierte im Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, das 1814 zum Herzogtum Braunschweig wurde; nach dem Aussterben dieser Linie 1884 fiel der Braunschweiger Thron an die im österreichischen Exil lebende hannoversche Linie, die ihn aber erst 1913 einnehmen konnte, bis zur Novemberrevolution 1918.

Die Welfen hatten somit ihren Machtzenit zum einen im Heiligen Römischen Reich im 12. Jahrhundert als Gegenpart zu den Staufern, zum anderen im 18. und 19. Jahrhundert als Könige von Großbritannien und Irland. Sie sind, neben den Kapetingern, das älteste noch existierende Hochadelsgeschlecht Europas.

Am 6. Februar 1981 starb mit der damals 63 Jahre alten Königin Friederike von Griechenland, Tochter des 1918 entthronten Braunschweiger Herzogs, die vorerst letzte Welfin auf einem Thron. Ihr Neffe Ernst August von Hannover (* 1954), Ehemann von Prinzessin Caroline von Monaco, ist zurzeit Oberhaupt der Welfen-Familie.

Geschichte[Bearbeiten]

Bei den Welfen wird zwischen den älteren und den jüngeren Welfen unterschieden, bei den älteren zudem zwischen den burgundischen (auch Rudolfinger genannt) und schwäbischen Welfen, deren Stammburg bei Weingarten (Altdorf) im Schussental lag. Der verwandtschaftliche Zusammenhang zwischen diesen beiden Linien ist aufgrund der Namensgleichheit wahrscheinlich, aber nicht gesichert. Woher der Name Welf (italienisch: Guelfi, englisch: Guelph) rührt, ist unbekannt. Erst über 700 Jahre nach der urkundlichen Ersterwähnung des frühmittelalterlichen Geschlechts entstand im Spätmittelalter (nach 1485) zur Erklärung dieses Namens die Welfensage.

Die älteren Welfen[Bearbeiten]

Die burgundischen Welfen[Bearbeiten]

Die burgundischen Welfen stammen nach der weithin akzeptierten Ansicht Josef Fleckensteins aus der fränkischen Herrschaftsschicht und treten urkundlich erstmals im 8. Jahrhundert mit Graf Ruthard auf, der als einer der Stammväter der Familie gilt[1] und nach 746 Besitz an Maas und Mosel, also im Kerngebiet der karolingischen Macht, erwarb. Seit der Mitte des 8. Jahrhunderts waren die Welfen auch in Oberschwaben begütert, am bekanntesten davon ist ihr Besitz in Weingarten (Altdorf).

Nach der Familienlegende führen die Welfen ihren Stammbaum bis auf Edekon zurück, einen hunnischen oder skythischen Fürsten zur Zeit Attilas um 450 und Vater des Odoaker (siehe unten). Die gesicherte Stammreihe der Familie beginnt jedoch erst mit Graf Welf I. (819 bezeugt). Ihm gelang es, seine Machtposition durch die Verheiratung seiner beiden Töchter Judith († 843) und Hemma († 876) mit den Karolingern Ludwig dem Frommen († 840), dem Sohn und Nachfolger Karls des Großen, und mit dessen Sohn, König Ludwig dem Deutschen († 876), auszubauen und zu festigen.

Welfs Sohn Konrad begründete die burgundische Linie der Welfen, die im Jahr 888 den Thron des Königreichs Burgund (Hochburgund) bestieg und 1032 mit Rudolf III. erlosch. Mit Adelheid, der Gemahlin Ottos des Großen, stellte auch diese Linie eine frühe Kaiserin des Heiligen Römischen Reichs.

Welf II., wahrscheinlich ein weiterer Sohn Konrads, wurde Graf im Linzgau und Alpgau und ist der Stammvater der schwäbischen Welfen, wobei die familiären Zusammenhänge nicht nur zwischen ihm und Konrad, sondern auch zwischen ihm und seinen Nachkommen nicht genau bekannt sind. Erst mit Rudolf I., der 935 bezeugt ist, und seinem Bruder Konrad, der als Heiliger Konrad von Konstanz bekannt ist, und die beide Urenkel Welfs II. sein können, setzt gesicherte Information wieder ein.

Die schwäbischen Welfen[Bearbeiten]

Die schwäbischen Welfen gründeten ihre Macht auf umfangreichen Allodial- und Lehnsbesitz in Schwaben, Rätien und Bayern.

Um die Mitte des 9. Jahrhunderts kam das mittlere Schussental als Grafschaft Schussengau in Besitz des schwäbischen Zweiges der Welfen (laut Josef Fleckenstein ursprünglich Franken aus dem Maas-Mosel-Raum[2]), die in Altdorf gegenüber dem Martinsberg eine Pfalz errichteten, ihre neue Stammburg. Um 935 gründeten die Welfen in Altdorf ein Frauenkloster, das als Grablege (Familiengrab) ihres Geschlechts bestimmt war, aber bereits 1053 durch einen Brand zerstört wurde. Die Nonnen wurden zunächst auf den Martinsberg umgesiedelt. Welf III., ein Urenkel Rudolfs I., wurde 1047 zum Herzog von Kärnten ernannt, mit ihm erlosch die Familie im Mannesstamm aber auch schon acht Jahre später.

Name und Besitz der Welfen gingen auf den Sohn seiner Schwester Kunigunde oder Kunizza über, die etwa zwanzig Jahre zuvor den italienischen Markgrafen Alberto Azzo II. d’Este geheiratet hatte; er ist der Stammvater der jüngeren Welfen aus dem Hause Este; dieses war ebenso wie die Welfen ursprünglich ein fränkisches Geschlecht aus dem Umkreis Karls des Großen, das er in der Lombardei mit der Verwaltung von Grafschaften betraut hatte.

Die jüngeren Welfen (Haus Welf-Este, Herzöge von Bayern und Sachsen, ab 1070)[Bearbeiten]

Welf IV., der Sohn Kunigundes und Alberto Azzos, wurde im Jahr 1070 von König Heinrich IV. zum Herzog von Bayern ernannt. 1056 gründete Welf IV. nach der Verlegung der Stammburg von Altdorf auf die benachbarte Veitsburg in Ravensburg auf dem Altdorfer Martinsberg ein neues Benediktinerkloster, das mit Mönchen aus Altomünster besiedelt wurde, die heutige Abtei Weingarten; die Altdorfer Nonnen besiedelten im Gegenzug das Kloster Altomünster. Mit Welf IV. und seinen Söhnen Welf V. und Heinrich dem Schwarzen begann die Zeit, in der die Familie im Kaiserreich in der Opposition gegen die Staufer die zentrale Rolle spielte, insbesondere, nachdem Heinrich durch seine Ehe mit der Billungerin Wulfhild, Erbin der Gebiete um Lüneburg, die Machtstellung der Welfen in Sachsen begründete sowie beider Sohn Heinrich der Stolze durch seine Ehe mit Gertrud von Sachsen, der einzigen Tochter des Kaisers Lothar III., dessen brunonischen Hausbesitz um Braunschweig und gegen Ende seines Lebens zusätzlich den Titel eines Herzogs von Sachsen erwarb.

Der sich aufgrund dieser Position andeutende Schritt zum Königtum gelang den Welfen jedoch nicht. Anstelle Heinrichs wurde 1138 der Staufer Konrad III. gewählt – Heinrichs Machtfülle und sein Temperament erschienen den anderen Fürsten zu bedrohlich. Als Konrad von Heinrich den Verzicht auf eines seiner beiden Herzogtümer verlangte, kam es zum Streit, der Verhängung der Reichsacht über Heinrich und dem Entzug beider Herzogtümer. Zwar konnte Heinrich Sachsen gegen alle Angriffe bewahren, er starb aber bereits ein Jahr später, noch ehe er das 32. Lebensjahr vollendet hatte.

Welfen-Wappen (um 1200) vom Grab Welfs VI. und Welfs VII. in St. Johannes Baptist (Steingaden), ursprünglich: blauer Löwe auf goldenem Grund (heute im Bayerischen Nationalmuseum, München)

Nach dem Tod Heinrichs des Stolzen übernahm zunächst sein Bruder Welf VI. die Führung des Hauses und die Verwaltung der welfischen Stammgüter in Schwaben, da Heinrich der Löwe, der einzige Sohn Heinrichs des Stolzen, noch nicht volljährig war. 1142 gelang es ihm, von Konrad III. die Rückgabe des Herzogtums Sachsen an Heinrich den Löwen zu erreichen. Markgraf Welf VI. gründete 1147 das Prämonstratenserkloster Steingaden als Hauskloster und Grablege.

Schon um 1120 war Judith, die Schwester Heinrichs des Stolzen und Welfs VI., mit Friedrich von Staufen, Herzog von Schwaben, verheiratet worden, um einen Ausgleich zwischen Staufern und Welfen zu bewirken. Aus dieser Ehe ging der spätere Kaiser Friedrich Barbarossa hervor, der 1151 eine Versöhnung zwischen seinem Onkel Konrad III. und seinen welfischen Vettern bewirken konnte. Konrad war 1152 gestorben und Friedrich sein Nachfolger. Im Zuge der Aussöhnung erhielt Heinrich der Löwe 1156 das Herzogtum Bayern zurück. Welf VI. wurde Herzog von Spoleto und damit der mächtigste Mann im italienischen Reichsteil, da er aufgrund seiner Verwandtschaft mit dem Hause Este auch über Sardinien und als Markgraf über Tuscien herrschte. In der Tübinger Fehde (1164–1166) zeigte sich die Abhängigkeit des Kaisers von den Großen des Reiches genauso wie die Komplexität der Herrscher-Beziehungen, die nicht auf den staufisch-welfischen Gegensatz zu reduzieren ist. Als 1167 aber sein einziger Sohn Welf VII. an der Malaria starb, verlor er das Interesse an der Politik und vermachte Friedrich I. Barbarossa durch Erbvertrag die welfischen Hausgüter in Schwaben, namentlich Ravensburg und Altdorf, die nun den staufischen Hausgütern zugeschlagen wurden.

In der Folge kam es zu neuerlichen Konflikten zwischen dem Kaiser und seinem Vetter Heinrich, im Verlauf derer dieser nicht nur seine Herzogtümer Bayern und Sachsen verlor (1179 Reichsacht, 1180 Aberkennung der Reichslehen), sondern auch nach England zu seinen Verwandten aus dem Hause Plantagenet ins Exil gehen musste – seine Frau Mathilde war die Schwester von Richard Löwenherz. Die Macht der Welfen in Deutschland war gebrochen, das Herzogtum Bayern fiel an die Wittelsbacher, die dort bis 1918 regierten.

Nach einer Versöhnung mit dem Kaiser 1194 erhielt er zwar einen Teil seiner Güter und Titel zurück, der Kampf zwischen Staufern (verbündet mit dem französischen Königshaus der Kapetinger und mit Aragon) und Welfen (verbündet mit dem Haus Anjou-Plantagenet) dauerte aber fort, spiegelt sich vor allem in den inneritalienischen Auseinandersetzungen der kaisertreuen und der papsttreuen Partei (der Ghibellinen und Guelfen) wider.

Deutscher König und Kaiser (staufisch-welfischer Thronstreit 1198–1214/15)[Bearbeiten]

Ein letztes Aufflackern der welfischen Opposition war die Wahl Ottos IV., Sohn Heinrichs des Löwen, 1198 zum Gegenkönig zu Philipp von Schwaben. Nach dessen Ermordung 1208 wurde Otto 1209 durch Papst Innozenz III. zum ersten und einzigen welfischen Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt, schon kurz darauf aber wegen seines Versuchs, Sizilien ins Reich einzugliedern, unter Kirchenbann gestellt. 1214 unterlag Otto in der Schlacht bei Bouvines dem französischen König Philipp II. August, was ihn so schwächte, dass er im Thronstreit mit Friedrich II., der 1212 zum Gegenkönig gewählt worden war, keine ernsthaften Chancen mehr hatte. Otto IV. starb 1218 auf der Harzburg, Friedrich II. wurde sein Nachfolger. Über Ottos Nichte Agnes, Tochter Heinrichs des Langen, fiel 1214 auch die Kurpfalz an die Wittelsbacher.

Herzogtum Braunschweig-Lüneburg (1235–1806)[Bearbeiten]

Das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg entstand aus den Eigengütern der Welfen in Sachsen. Diese hatte Otto das Kind, ein Enkel Heinrichs des Löwen, auf Kaiser Friedrich II. übertragen und erhielt sie am 21. August 1235 auf dem Hoftag zu Mainz als Reichslehen zurück. Namensgebend waren die beiden größten Städte des Territoriums, Braunschweig und Lüneburg. Als Gesamtherrschaft bestand das Herzogtum allerdings nur bis zur ersten Teilung im Jahre 1269. Im südlichen Teil des Herzogtums entstand zunächst das Fürstentum Braunschweig mit Besitzungen rund um Braunschweig, Wolfenbüttel, Einbeck und Göttingen. Im nördlichen Teil des Herzogtums entstand das Fürstentum Lüneburg mit Besitzungen im Raum Lüneburg. Beide Teilfürstentümer bildeten weiterhin das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, welches reichsrechtlich fortbestand. Im Teilungsvertrag war vereinbart worden, dass beide Linien den Titel „Herzog zu Braunschweig und Lüneburg“ führen sollten. Außerdem sollten eine Reihe an Besitztümern und Gerechtigkeiten im Besitz des Gesamthauses bleiben - so unter anderem die Rechte an der Burg Braunschweig. Im Verlauf der folgenden Jahrhunderte wurde es noch mehrmals geteilt. Die so immer wieder entstehenden Teilstaaten erhielten ihre Namen in der Regel nach ihrer jeweiligen Residenz. Die verschiedenen Linien konnten sich bei Aussterben einer Linie gegenseitig beerben. So entstanden im Laufe der Jahrhunderte das alte, mittlere und neue Haus Braunschweig, sowie das alte, mittlere und neue Haus Lüneburg. Die Zahl der gleichzeitig regierenden Teildynastien schwankte zwischen zwei und fünf. Die Teilfürstentümer existierten bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im Jahre 1806.

Herzogtum Braunschweig (1814–1918)[Bearbeiten]

Nach dem Wiener Kongress entstand das noch bis 1918 bestehende Herzogtum Braunschweig. Es war identisch mit dem Territorium des welfischen Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel und des Fürstentums Blankenburg, die während der französischen Besatzungszeit von 1807 bis 1813 dem Königreich Westphalen einverleibt worden waren. Es bestand aus mehreren, nicht zusammenhängenden Teilen: das Gebiet zwischen Aller und Harz mit Braunschweig, das Gebiet zwischen Harz und Weser mit Holzminden, Blankenburg am Harz mit seiner Umgebung, das Amt Calvörde (eingeschlossen von der Provinz Sachsen), das Amt Thedinghausen zwischen Bremen und Verden und weiteren Exklaven. Das Neue Haus Braunschweig, das in dem kleinen Herzogtum regierte, war neben der hannoverschen die ältere Linie der Welfen. Sie starb 1884 mit dem erbenlosen Herzog Wilhelm aus.

Das Herzogtum Braunschweig wäre 1884 nach dem Tod Wilhelms an den im österreichischen Exil lebenden Kronprinzen von Hannover, Ernst August Herzog von Cumberland (1845–1923), gefallen. Auf Betreiben Bismarcks lehnte der Bundesrat die beanspruchte Regentschaft ab. Von 1884 bis 1913 hatten Prinzen aus Preußen und Mecklenburg die Regentschaft inne. Erst durch die Heirat seines Sohnes Prinz Ernst August (1887–1953) mit Prinzessin Viktoria Louise, der einzigen Tochter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., erfolgte die erneute Inbesitznahme des Herzogtums Braunschweig durch die Welfen. Als letzter welfischer Herzog regierte Ernst August aus der hannoverschen Linie das Land Braunschweig von 1913 bis 1918. Nach der Novemberrevolution in Braunschweig von 1918 wandelte es sich in den Freistaat Braunschweig um.

Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg und Königreich Hannover[Bearbeiten]

Das welfische Teilfürstentum Calenberg-Göttingen wurde von Kaiser Leopold I. 1692 als Dank für die Unterstützung im Pfälzischen Erbfolgekrieg mit der Kurwürde belohnt. Aus dem Fürstentum Calenberg bildete sich mit der Verleihung der Kurwürde das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg. Hierzu wurde vom Kaiser 1692 die neue (neunte) Kur des Heiligen Römischen Reiches kreiert. Der im Fürstentum Calenberg regierenden Linie der Welfen wurde diese neunte Kurwürde verliehen.

Das neue Kurfürstentum lag im Gebiet des heutigen Niedersachsen und Teilen des Landes Sachsen-Anhalt (mit Amt Calvörde und Blankenburg). Es umfasste folgende Territorien des Heiligen Römischen Reiches: Fürstentum Calenberg, Fürstentum Grubenhagen, Grafschaft Hoya, Herzogtum Sachsen-Lauenburg, Fürstentum Lüneburg (ab 1705), das Herzogtum Bremen und das Herzogtum Verden (ab 1715). Calenberg, Grubenhagen und Lüneburg waren nominell Teilfürstentümer des mittelalterlichen Herzogtums Braunschweig und Lüneburg.[3] Ursprünglich war das Kurfürstentum ein reines Binnenland (Raum Hannover). Erst mit dem Erwerb des Herzogtums Bremen konnte sich Kurhannover zur Nordsee ausweiten. Der Großteil des Kurfürstentums befand sich im Niedersächsischen Reichskreis. Die Grafschaft Hoya und das Herzogtum Verden waren Teile des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises. Residenzen waren das Leineschloss in Hannover sowie Schloss Herrenhausen und Schloss Celle.

Das Königreich Hannover entstand 1814 auf dem Wiener Kongress als Nachfolgestaat des Kurfürstentums Braunschweig-Lüneburg. Zunächst, bis 1837, war der König gleichzeitig der König des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Irland.

Im Deutschen Krieg von 1866 verlor das Königreich Hannover an der Seite Österreichs und des Deutschen Bundes den Krieg gegen Preußen, wurde annektiert und war fortan nur noch Provinz im Königreich Preußen. Die Welfen wurden, wie das Haus Hessen-Kassel, von den preußischen Hohenzollern entthront. Das Haus Hannover repräsentiert seit dem Tod des erbenlosen – nicht kinderlosen – Herzogs Wilhelm von Braunschweig das Gesamthaus Braunschweig-Lüneburg. Alle welfischen Familienmitglieder tragen den Namen „Prinz(essin) von Hannover, Herzog(in) zu Braunschweig und Lüneburg“.

Siehe auch: Haus Hannover

Könige im Königreich Großbritannien und Irland[Bearbeiten]

Das kurfürstliche Haus von Hannover regierte Großbritannien und Irland innerhalb von fünf Generationen in Personalunion, die 1837 nach 123 Jahren endete: Georg(e) I. (1714–1727), Georg(e) II. (1727–1760), Georg(e) III. (1760–1820) und Georg(e) IV. (1820–1830). Nachdem Georg(e) IV. 1830 kinderlos starb, wurde sein Bruder Wilhelm IV. König von Großbritannien, Irland und Hannover. Als dieser Wilhelm ebenfalls kinderlos starb, bestieg seine Nichte Victoria als letzte Welfin den britischen Thron. Von Viktorias Gatten, Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, stammt das heutige britische Königshaus ab. Es wurde 1917 von Saxe-Coburg-Gotha in Haus Windsor umbenannt.

Könige im Königreich Hannover[Bearbeiten]

Da die unterschiedlichen Erbfolgegesetze in Hannover eine weibliche Thronerbin nur dann zuließen, wenn es keinen männlichen Erben gab, konnte Viktoria nicht Königin von Hannover werden. Somit wurde ihr Onkel, der Herzog von Cumberland, Ernst August I. 1837 erster selbständig regierender König von Hannover (1771–1851). Nach seinem Tod folgte ihm sein Sohn Georg V. als König von Hannover (1819–1878) auf den Thron. Seine Regierungszeit wurde 1866 durch die preußische Annexion beendet.

König Georg V. ging gemeinsam mit seiner Frau Königin Marie nach Österreich. Er starb im Exil und wurde in der Königsgruft von Schloss Windsor beigesetzt. Seine Witwe lebte bis zu ihrem Tode in der Königinvilla in Gmunden. Ihr Enkel, Prinz Ernst August (1887–1953), ehelichte 1913 die Prinzessin Viktoria Louise, einzige Tochter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., und konnte dadurch den vakanten Thron des Herzogtums Braunschweig besteigen.

Nach dem Ersten Weltkrieg[Bearbeiten]

Mit dem Fall der deutschen Monarchien im Jahre 1918 musste auch Herzog Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg abdanken[4] und ging mit seiner Familie ins österreichische Exil auf Schloss Cumberland, das bereits sein Vater in Gmunden errichtet hatte.

Die Familie kehrte 1925 ins ehemalige Herzogtum Braunschweig zurück. Der Freistaat Braunschweig sprach der ehemals herzoglichen Familie unter anderem Schloss Blankenburg und die Domäne Hessen im heutigen Landkreis Harz zu. Ernst August, der Schwiegersohn des früheren deutschen Kaisers, behauptete sich erfolgreich als freier Unternehmer und änderte 1931 den primären Familiennamen von Braunschweig-Lüneburg wieder in Hannover, wobei der offizielle Familienname (auch im Paß und den Personenstandsurkunden) bis heute lautet: Prinz / Prinzessin von Hannover Herzog / Herzogin zu Braunschweig und Lüneburg Königlicher Prinz / Königliche Prinzessin von Großbritannien und Irland. Die Familienmitglieder verfügen über die deutsche, britische und österreichische Staatsangehörigkeit; der britische Familienname lautet Guelph mit dem Zusatz His / Her Royal Highness. Da jedoch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 ein Bruch zwischen dem regierenden britischen Königshaus und seiner deutschen Nebenlinie eingetreten war, wurde dem letzten hannoverschen Kronprinzen Ernst August am 13. Mai 1915 von König Georg V. der Hosenbandorden aberkannt und am 28. März 1919 aufgrund des Titles Deprivation Act von 1917, welcher "Feinden des britischen Empire" ihre britische Peerswürde nahm, der britische Titel 3rd Duke of Cumberland and Teviotdale, 3rd Earl of Armagh aberkannt. Die theoretische Anwartschaft der Welfen auf diesen Titel wurde jedoch aufrechterhalten.

Im Verlauf des 2. Weltkrieges, besonders in den letzten Kriegsmonaten, waren die Welfen über Rüstungsgeschäfte auch mittelbar an der Ausbeutung von Zwangsarbeitern beteiligt.[5] Entsprechend dem Potsdamer Abkommen besetzte im Juli 1945 die Sowjetarmee u. a. Blankenburg und die „Domäne Hessen“. Die Familie konnte zuvor mit Hilfe von Lastwagen der britischen Armee einen Teil der Mobilien mit auf die Marienburg nehmen, wohin sie sich zeitweilig zurückzog. Das Schloss ist heute als Familienmuseum der Öffentlichkeit zugänglich. Es wird, gemeinsam mit den Ländereien der Domäne Calenberg, von Prinz Ernst August (* 1983 in Hildesheim) bewirtschaftet, dem auch das Fürstenhaus Herrenhausen gehört. Sein Vater Ernst August lebt auf den österreichischen Besitzungen.

Die wichtigsten Welfen[Bearbeiten]

Die wichtigsten Mitglieder der Familie
in der Geschichte des Westfrankenreichs und des Königreichs Burgund
Name Herrschaft Bemerkungen
Hugo Abbas († 866) Erzieher der Könige Odo und Robert I.
Rudolf I., König von Hochburgund 888–912
Rudolf II., König von Hochburgund 912–937 König von Italien 922–926, von Niederburgund ab 930
Konrad III. der Friedfertige, König von Burgund 937/951–993
Rudolf III., König von Burgund 993–1032
in der Geschichte des Heiligen Römischen Reichs
Name Herrschaft Bemerkungen
Welf III., Herzog von Kärnten 1047–1055
Welf IV., Herzog von Bayern 1070–1077 und
1097–1101
Welf V., Herzog von Bayern 1101–1120
Welf VI., Herzog von Spoleto 1152–1191
Heinrich der Schwarze, Herzog von Bayern 1120–1126
Heinrich der Stolze, Herzog von Bayern
Herzog von Sachsen
1126–1138
1137–1139
Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen
Herzog von Bayern
1142–1180
1156–1180
Otto IV., deutscher König, ab 1209 Kaiser 1198–1218
in der Geschichte Großbritanniens und Irlands
Name Herrschaft Bemerkungen
Georg I., König 1714–1727
Georg II., König 1727–1760
Georg III., König 1760–1820
Georg IV., König 1820–1830
Wilhelm IV., König 1830–1837
Victoria, Königin 1837–1901
in der Geschichte Hannovers
Name Herrschaft Bemerkungen
Ernst August, Kurfürst 1679–1698
Georg I. Ludwig, Kurfürst 1698–1727
Georg II., Kurfürst 1727–1760
Georg III., König 1760–1820
Georg IV., König 1820–1830
Wilhelm, König 1830–1837
Ernst August, König 1837–1851
Georg V., König 1851–1866

Guelfen[Bearbeiten]

Nach den Welfen wurde im mittelalterlichen Italien auch die anti-kaiserliche Partei der Guelfen benannt, die gegen die Staufer bzw. später gegen die nachfolgenden Kaiser eingestellt war.

Siehe auch: Ghibellinen und Guelfen

Siehe auch[Bearbeiten]

Kuppelreliquiar aus dem Welfenschatz

Morganatische und außereheliche Abkömmlinge:

Quellen[Bearbeiten]

  • Quellen zur Geschichte der Welfen und die Chronik Burchards von Ursberg, herausgegeben und übersetzt von Matthias Becher unter Mitarbeit von Florian Hartmann und Alheydis Plassmann (= Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe. Bd. 18b). Darmstadt 2007, ISBN 978-3-534-07564-5.

Literatur[Bearbeiten]

Übergreifendes

Mittelalterliche Aspekte

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Welfen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Josef Fleckenstein: Über die Herkunft der Welfen und ihre Anfänge in Süddeutschland. In: Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des großfränkischen und frühdeutschen Adels (= Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte. Bd. 4). Hrsg. von Gerd Tellenbach. Albert, Freiburg 1957, S. 71–136. Dem hat Wolfgang Hartung widersprochen: Die Herkunft der Welfen aus Alamannien. In: Karl-Ludwig Ay, Lorenz Maier, Joachim Jahn (Hrsg.): Die Welfen. Landesgeschichtliche Aspekte ihrer Herrschaft (= Forum Suevicum. Bd. 2). UVK, Konstanz 1998, S. 23–55 (Digitalisat, PDF). Auf die Tücken personengeschichtlicher Forschungen zum Mittelalter mit „zum Teil etwas kühnen Hypothesen“ hingewiesen hat Werner Hechberger: Adel im fränkisch-deutschen Mittelalter. Ostfildern 2005, S. 306–328, hier S. 316.
  2. Josef Fleckenstein: Über die Herkunft der Welfen und ihre Anfänge in Süddeutschland. In: Studien und Vorarbeiten zur Geschichte des großfränkischen und frühdeutschen Adels (= Forschungen zur oberrheinischen Landesgeschichte. Bd. 4). Hrsg. von Gerd Tellenbach. Albert, Freiburg 1957, S. 71–136, hier S. 105–107.
  3. Die Fürsten des eigenständigen Fürstentums Braunschweig-Wolfenbüttel nannten sich ebenfalls Herzöge von Braunschweig und Lüneburg.
  4. Abdankung des Herzogs Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg. Digitalisat der Abdankungsurkunde, Niedersächsisches Landesarchiv.
  5. Adel ohne Skrupel – Die dunklen Geschäfte der Welfen. Story im Ersten, 18. August 2014. Dazu das Dossier Die dunklen Geschäfte der Welfen. In: NDR.de, 18. August 2014; Dieter Bartetzko: Alter Adel, finstere Vergangenheit. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. August 2014; Gustav Seibt: Wie die Welfen von der Arisierung profitierten. In: Süddeutsche.de, 18. August 2014..