Ruhrfestspiele

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Die Ruhrfestspiele sind eines der ältesten und zugleich eines der größten und renommiertesten Theaterfestivals Europas. Das Festival ist ein kulturelles Ereignis des Ruhrgebietes, das seine Ursprünge in der Nachkriegszeit hat und seitdem in Recklinghausen stattfindet.

Das Logo des Festivals

Konzept[Bearbeiten]

Ruhrfestspielhaus

Die Ruhrfestspiele werden jährlich von der Ruhrfestspiele Recklinghausen GmbH veranstaltet. Die Gesellschaft wird zu je 50 % von der Stadt Recklinghausen und dem Deutschen Gewerkschaftsbund getragen, die jährlich jeweils etwa 1,1 Millionen € beitragen. Die Ruhrfestspiele verfügen über kein festes Ensemble. Inszenierungen der Festspiele sind Koproduktionen mit bekannten europäischen Künstlern und Vorführungen von Gastgruppen. Erklärtes Ziel ist es, dadurch eine Zusammenführung verschiedener Kunstformen, Sprachen und Kulturen zu erreichen. Hauptspielort ist das Ruhrfestspielhaus.

Geschichte[Bearbeiten]

Entstehung[Bearbeiten]

Während des kalten Winters 1946/47 standen die Hamburger Theater vor der Schließung, weil ihnen Kohlen für die Beheizung und den Betrieb der Bühnentechnik fehlten. Der Verwaltungsdirektor des Deutschen Schauspielhauses Otto Burmeister, der Betriebsratsvorsitzende der Hamburgischen Staatsoper Karl Rosengart und weitere Beteiligte fuhren daraufhin in zwei holzgasbetriebenen LKW ins Ruhrgebiet, um auf den Kohlezechen um Hilfe zu bitten. Von der Autobahn A2 sahen sie die Schlote der Kraftwerksanlagen der Zeche König Ludwig 4/5 in Recklinghausen-Suderwich und schilderten den dort Beschäftigten ihre Situation. Unter Umgehung der Kontrolle durch die Besatzungsmächte halfen die Bergarbeiter den Theaterleuten und luden die LKW mit Kohle voll. Diese illegale Aktion wurde mehrfach wiederholt, bis die beladenen LKW von der Militärpolizei entdeckt wurden.[1]

Zum Dank für die Kohlehilfen gastierten im Sommer 1947 150 Schauspieler der drei Hamburger Staatsbühnen unter dem Motto „Kunst gegen Kohle“ im Städtischen Saalbau Recklinghausen. Zur Eröffnung spielte die Hamburgische Staatsoper mit dem Philharmonischen Orchester am Abend des 28. Juni die Mozart-Oper Figaros Hochzeit. Unter der Regie von Kurt Puhlmann und dem Dirigat von Wilhelm Brückner-Rüggeberg agierten in der Oper unter anderem Alfred Pfeifle und Gustav Neidlinger. Am nächsten Vormittag führte das Thalia Theater, welches damals unter der Intendanz von Willy Maertens stand, das Lustspiel Das verschlossene Haus von Michael Harward unter der Regie von Heinz Sailer auf. Gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester spielte die Staatsoper am Abend Don Pasquale von Gaetano Donizetti. Die Stücke wurden an den folgenden zwei Tagen wiederholt. Am 1. Juli schloss das Deutsche Schauspielhaus unter der Regie von Willy Meyer-Fürst einen „Russischen Komödienabend“ mit den Eintaktern Er ist an allem schuld von Leo Tolstoi und Der Heiratsantrag sowie Der Bär von Anton Tschechow an, der am folgenden Nachmittag wiederholt wurde. Mit der erneuten Aufführung Figaros Hochzeit beendete die Staatsoper am Abend des 2. Juli ihr Programm. Die Eintrittskarten kosteten zwischen 4 und 5 Reichsmark, die Erlöse gingen an die Unterstützungskasse für Berginvalide der Zeche König Ludwig.[2]

Der Hamburger Bürgermeister Max Brauer hielt zu den ersten Festspielen eine Rede von der Förderbrücke zu der Belegschaft der Zeche: „Ich kann mir eine andere und neue Art der Festspiele vorstellen. Festspiele nicht nur für Literaten und Auserwählte, sondern Festspiele inmitten der Stätten harter Arbeit. Ja, Festspiele im Kohlenpott vor den Kumpels. Ja, Festspiele statt in Salzburg in Recklinghausen.“ [3]

Erste Jahre[Bearbeiten]

Die Stadt Recklinghausen und der Deutsche Gewerkschaftsbund gründeten die Gesellschaft zur Durchführung der Ruhrfestspiele und riefen die Ruhrfestspiele als jährliches Ereignis ins Leben. Die künstlerische Leitung hatte Dr. Karl Pempelfort 1947 bis 1951 inne.[4] Ihm folgte 1952 bis 1965 Otto Burmeister. Das Programm war in den ersten Jahren von klassischem Theaterrepertoire wie Goethe, Schiller und Shakespeare und populären Opern wie Mozart,Wagner und Verdi geprägt. Mit Wir sind noch einmal davongekommen von Thornton Wilder wurde 1952 zum ersten Mal Gegenwartstheater auf den Spielplan gesetzt, mit dem Gastspiel Herr Puntila und sein Knecht Matti der Städtischen Bühnen Frankfurt 1955 erstmals ein Stück von Bertolt Brecht.[5]

Ebenso wichtig wie die Aufführungen im Saalbau waren die Kontakte zwischen den Theaterleuten und den Arbeitern. Besondere Bedeutung maß man in diesem Zusammenhang den „Invalidenkonzerten“ in der Lohnhalle der Zeche König Ludwig 1/2 bei, die zudem von Grubenfahrten der Schauspieler und Gespräche mit den Arbeitern begleitet wurden. Damit die Arbeiter auch tatsächlich einen Großteil des Publikums stellten, wurden die Preise niedrig gehalten, wobei zwei Drittel des Kartenangebots über die Gewerkschaften vertrieben wurden.[6]

Umzug ins Ruhrfestspielhaus[Bearbeiten]

Finanzielle Unterstützung leistete das Land Nordrhein-Westfalen ab 1949. In den kommenden Jahren wurde das Ereignis ständig erweitert, die Festspielzeit verlängert und Konzerte, Kunstausstellungen und politische Veranstaltungen einbezogen. Die Opernaufführungen stellte man jedoch nach 1953 ein. Der Spielort Saalbau wurde zu eng und den technischen Ansprüchen nicht mehr gerecht. Max Brauer forderte daher 1950 den Neubau eines Theaters in Recklinghausen. Der Stadtrat beschloss 1953 den Bau des Ruhrfestspielhauses auf dem Hügel des Stadtgartens. Mit finanzieller Hilfe des 1959 vom regelmäßigen Festspielbesucher Theodor Heuss gegründeten Vereins „Freunde der Ruhrfestspiele“ konnte der Grundstein des Festspielhauses am 3. Juni 1961 gelegt werden. 1965 fanden die Aufführungen erstmals im Ruhrfestspielhaus statt.[2][1]

Nach zunehmender Kritik wurde das Programm in den 1960er und 70er Jahren politischer. Ein 1976 gegründeter Beirat aus Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern gestaltete das Programm mit. Unabhängige Theatergruppen wie das GRIPS-Theater oder die Theatermanufaktur gastierten häufiger[5], vermehrt wurden Brecht-Stücke auf die Spielpläne gesetzt. Das Rahmenprogramm ergänzte man ferner um das junge forum, die Kulturtage und das Kulturvolksfest am 1. Mai.

Ensemble der Ruhrfestspiele[Bearbeiten]

Seit 1977 zeigte das Ruhrspielmobil eigene Produktionen auf Gewerkschaftsveranstaltungen in der Region. 1981 gründete sich das Ensemble der Ruhrfestspiele.[5] Das Ensemble warb auf etwa 100 Aufführungen im Jahr mit eigenen Produktionen (Wer bezahlt die Zeche?, Der Weltuntergang, Rockefeller I) bundesweit für die Ruhrfestspiele. Nach einer Neuformation 1983 wurde ihm mit dem Theater im Depot im alten Recklinghäuser Straßenbahndepot ein fortwährender Spielort zugeteilt. Ab 1984 übernahm die Formation auch je eine große Inszenierung im Rahmen der Festspiele.[2]

Reform der Festspiele[Bearbeiten]

Die Ruhrfestspiele wurden 1990/91 zum Europäischen Theater reformiert. Der neue Festspielleiter Hansgünther Heyme legte besonderen Wert auf die Zusammenarbeit mit ausländischen Theatern. Auf diese Weise sollte die „Kultur als das gemeinsame Erbe der Nationen zwischen Atlantik und Ural kann als die Basis Europas angesehen“ sowie „wachsende[m] Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit“ entgegengewirkt werden. Heyme stellte die Festspiele jeweils unter ein bestimmtes Motto (1991: Reichs-Gründungen, 1993: Aufbrüche – 25 Jahre nach ’68, 1996: 50 Jahre Ruhrfestspiele – Kunst ist der Motor jeder Kultur, 1998: Zukunft ohne Vergangenheit, 2001: Mut, sag ich, Mut, 2002: SehnSüchte [4]).

Während der Renovierung des Ruhrfestspielhauses 1997 bis 1999 fanden die Aufführungen beispielsweise in der Vestlandhalle, im Theater Marl, im Eisenlager der Zeche Auguste Victoria in Marl und im Theaterzelt der Ruhrfestspiele statt.[4]

Gegenwärtige Entwicklung[Bearbeiten]

Zuschauerrückgang[Bearbeiten]

Nachdem der Vertrag von Hansgünther Heyme nicht verlängert wurde, übernahm Frank Castorf im August 2003 die Leitung für die Festspiele 2004. Die Intendanz übernahm Gerard Mortier, der gleichzeitig Intendant der RuhrTriennale war, mit der die Ruhrfestspiele fusioniert werden sollten. Unter anderem wurde Christoph Schlingensief engagiert, der zehn Autos mit Lautsprechern ausstattete, die jeweils einzelne Instrumente von Wagner-Opern spielten und sie als Wagner-Rallye quer durchs Ruhrgebiet fahren ließ. Doch Castorfs experimentelles, postdramatisches Theater schreckte das Publikum offenbar ab. Es wurden etwa 22.000 Karten verkauft, lediglich die Hälfte der Vorjahre. Die rückläufigen Besucherzahlen in Kombination mit teuren Produktionen führten die Ruhrfestspiele Recklinghausen GmbH mit einem Verlust von etwa 80.000 € in die Zahlungsunfähigkeit. Nach der Bekanntgabe von Frank Castorfs vorzeitiger Entlassung im September 2004 trat Gerard Mortier als Intendant der Ruhrfestspiele und der RuhrTriennale vorzeitig zurück.

Neue Besucherrekorde nach Intendanzwechsel[Bearbeiten]

Neuer Festspielleiter wurde der Intendant des Théâtre National du Luxembourg, Frank Hoffmann. Er versuchte bei den Ruhrfestspielen 2005 innerhalb des knappen Budgets mit einer Mischung aus etablierteren Stücken mit bekannten Namen und weniger experimentellen Aufführungen ein größeres Publikum anzusprechen. Hoffmann stellte Gotthold Ephraim Lessing in den Mittelpunkt und setzte Minna von Barnhelm, Emilia Galotti und Nathan der Weise auf den Spielplan. Bereits im Vorverkauf wurden mehr Karten abgesetzt, als in der gesamten Spielzeit des Vorjahres. Der Trend setzte sich auch im Jahr 2006 mit Vorverkaufszahlen fort, wie sie zuletzt 1962 erreicht wurden. 2006 setzte Hoffmann Stücke von William Shakespeare in den Mittelpunkt der Festspiele. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Aufführung des Dramas Richard II. in einer Inszenierung des Old Vic Theatre mit Kevin Spacey und Greg Wise in den Hauptrollen. 2007 war Johann Wolfgang von Goethe der geistige Patron der Spielzeit. Zu den Höhepunkten zählte A disappearing number von Simon McBurney.

2008 stand unter dem Motto Es war einmal in Amerika... Ein Traum vom Theater. Im Zentrum standen die amerikanischen Theaterautoren von Eugene O'Neill über Arthur Miller bis hin zu zeitgemäßen Autoren. Auf der Bühne agierten erneut hochkarätige internationale und deutschsprachige Künstler. Im Rahmen des Eröffnungsstücks Speed-the-Plow von David Mamet, eine Koproduktion mit dem Old Vic Theatre in London, traten Jeff Goldblum und Kevin Spacey in den Hauptrollen auf. Cate Blanchett war als Regisseurin mit Blackbird von David Harrower zu Gast. Insgesamt besuchten mehr als 76.000 Zuschauer die Festspiele 2008. Im Jahr 2009 wurde die Kooperation mit dem Old Vic Theatre fortgesetzt und zwei Produktionen unter der Regie von Sam Mendes in Deutschland uraufgeführt. Dabei handelte es sich um Der Kirschgarten von Anton Tschechow und Ein Wintermärchen von William Shakespeare, in den Hauptrollen agierten unter anderem Ethan Hawke und Rebecca Hall. Der Schwerpunkt der Ruhrfestspiele 2009 lag allerdings auf den nordischen Dramatikern, welcher durch den Programmtitel Nordlichter verdeutlicht wurde. So standen unter anderem Stücke des Norwegers Henrik Ibsen und des Schweden August Strindberg auf dem Spielplan. Mit über 80.000 Besuchern wurde 2009 ein neuer Besucherrekord aufgestellt.

Als Teil der Kulturhauptstadt 2010 beleuchteten die Ruhrfestspiele in diesem Jahr Heinrich von Kleist. Unter dem Motto Kontinent Kleist im romantischen Meer befasste sich das Festival mit den Einflüssen des 1811 durch Selbstmord verstorbenen Dramatikers auf seine Zeitgenossen und Nachfolger.[7] Aufmerksamkeit erlangte jedoch vor allem die Inszenierung The Infernal Comedy – confessions of a serial killer, in der John Malkovich den Frauenmörder Jack Unterweger verkörperte.[8] [9]

Die Ruhrfestspiele standen 2012 unter dem Motto Im Osten was Neues: Von den fernen Tagen des russischen Theaters in die Zukunft und konnte rund 80.000 Besucher verzeichnen, das drittbeste Besucherergebnis in der 66-jährigen Geschichte der Festspiele.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Rudolf Hille: Die Zeche König Ludwig und der Beginn der Ruhrfestspiele. In: Arbeitsgruppe König Ludwig, Christoph Thüer (Hrsg.): Unsere Zeche König Ludwig. Wiege der Ruhrfestspiele und mehr …., Regio, Werne 2005. S. 180ff
  2. a b c Gerd Holtmann: Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. In: Werner Burghardt (Hrsg.): 750 Jahr Stadt Recklinghausen. 1236–1986. Winkelmann, Recklinghausen 1986. S. 295ff
  3. Zitiert nach Hille: Die Zeche König Ludwig und der Beginn der Ruhrfestspiele. a.a.O. S. 181
  4. a b c Werner Schulze-Reimpell, Ingeborg Janich: Ruhrfestspiele Recklinghausen / Europäisches Festival. In: Manfred Brauneck (Hrsg.): Theaterlexikon. Begriffe und Epochen, Bühnen und Ensembles. Rowohlt, Reinbek 1986, 4. Ausgabe 2001. S. 866f
  5. a b c C. Bernd Sucher (Hrsg.): Theaterlexikon. Epochen, Ensembles, Figuren, Spielformen, Begriffe, Theorien. dtv, München 1996. S. 368f
  6. Gerd Holtmann: Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. a.a.O. S. 298
  7. dpa/olb. Abgerufen am 2. Januar 2010.
  8. John Malkovich zu Gast im Festspielhaus Recklinghausen Münstersche Zeitung vom 4. Juni 2006
  9. John Malkovich spielt bei den Ruhrfestspielen RP online vom 4. Juni 2010

Literatur[Bearbeiten]

  • Ruhrfestspiele Recklinghausen GmbH (Hrsg.): 50 Jahre Ruhrfestspiele Recklinghausen. Pomp, Essen 1996
  • Ingeborg Schnelling-Reinicke: Gründung und Entwicklung der Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Rheinland-Verlag, Köln 1998

Weblinks[Bearbeiten]