Rundkirche

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Rundkirche ist eine kirchenbauhistorische Besonderheit, bei der der Innenraum im Gegensatz zum Longitudinalbau oder der kreuzförmigen Kirche einen im Wesentlichen kreisförmigen Grundriss aufweist.

Die Rundkirche ist eine Form des einfachen Zentralbaus. Sie diente früher als Tauf-, Grab- oder Wehrkirche. Etwaige Anbauten, wie Apsiden, Portikus (Vorraum), Seitenkapellen oder Sakristei sind nicht Bestandteil des eigentlichen Kirchenraumes, und ändern den Charakter der Rundkirche nicht wesentlich.

Vorgeschichte und Geschichte[Bearbeiten]

Europa und Levante[Bearbeiten]

Die ältesten Rundbauten sind offene neolithische Tempel, wie sie vom Göbekli Tepe bekannt sind und in Jerf el Ahmar in der Levante gefunden wurden; auch Stonehenge, seine hölzernen Vorläufer und andere megalithische Steinkreise (cromlechs) sind Rundbauten. Die Idee des Rundtempels verschwand jedoch immer wieder eine Zeit lang, um dann beispielsweise als Clava Cairn oder Tholos wieder aufzutauchen. Oft sind nur noch Fundamente zu finden, wie in Agrigent auf Sizilien sowie auf Sardinien und den Balearen. Ab der Bronzezeit werden die Überreste etwas umfangreicher. Rundbauten wie die irischen Duns oder die schottischen Wheelhouses belegen den Fortbestand der Idee ebenso wie die sardischen Nuraghen. Während der Eisenzeit kommen die Beehive-huts sowie die schwedischen Fornburgen hinzu. In Rom entstanden die Vestatempel am Tiber.

Es ist davon auszugehen, dass die Idee der Rundkirche als formale Übernahme vorchristlicher Kultbauformen wie den Tholoi und Monopteroi entstand. Besonders in altchristlicher Zeit und im Mittelalter konnte sich diese Bauform gelegentlich gegenüber der christlichen Kreuzbasilika behaupten. Die älteste christliche Rundkirche soll die Grabeskirche in Jerusalem (ca. 335 n. Chr.) sein. In der Folgezeit treten christliche Rundkirchen vor allem in Form von Land-, Tauf-, Wehr- und Grabkirchen oder Schlosskapellen auf.

Rekonstruktionszeichnung der georgischen Kathedrale in Bana von Anatoly Kalgyn, 1907

Georgien und Armenien[Bearbeiten]

Es gibt in der mittelalterlichen georgischen und armenischen Kirchenarchitektur einige herausragende Beispiele von Vierkonchenbauten und Sechskonchenbauten, bei denen die entsprechende Zahl von halbrunden Apsiden um einen zentralen Kuppelsaal angeordnet sind. Außen umgibt sie ein kreisrunder Umgang. In Ruinen erhalten blieben die armenische Kathedrale von Swartnoz aus dem 7. Jahrhundert und die georgische, um 900 erbaute Rundkirche von Bana. Armenische Rundkirchen in Ani stammen aus dem 10. und 11. Jahrhundert.

Äthiopien[Bearbeiten]

Hauptartikel: Rundkirche (Äthiopien)
Typische Rundkirche in Äthiopien

In Äthiopien hat sich seit dem 16. Jahrhundert die Rundkirche durchgesetzt und ist heute die charakteristische Form des Kirchenbaus. Äußerlich sehen diese Kirchen aus wie große Tukuls (klassische Rundhütten), im inneren sind sie meistens in drei Bereiche aufgeteilt: Das Kene Mahalet, das Mäkdas und das Kedus Kedusan.

Das Kene Mahalet ist ein Rundgang im äußeren Bereich, der durch eine Wand von den beiden inneren Abschnitten getrennt ist. Es kann von jedermann betreten werden, der Boden ist mit Teppichen ausgelegt und im Eingangsbereich befinden sich Stühle für die Alten und Kinder (der äthiopisch-orthodoxe Gottesdienst wird stehend gefeiert). In den zweiten Bereich, das Mäkdas dürfen nur die Priester durch Türen eintreten. Dort werden die Kirchentrommeln (kebero) und Sistren für den Gottesdienst aufbewahrt. Der Boden ist ebenfalls mit Teppichen ausgelegt. Das Kedus Kedusan ist das Allerheiligste. Es ist rechteckig und beinhaltet den Altar und den Tabot, eine Nachbildung der Bundeslade aus Holz. Alle Wände sind mit Ornamenten und Heiligenbildern bemalt.

Abgrenzung[Bearbeiten]

Rotunden[Bearbeiten]

Die Rotunde ist kein Kirchentypus, sondern ein architektonisches Element. Sie steht entweder alleine (Zentralbau mit kreisförmigem Grundriss) oder ist Teil eines unrunden Gesamtkonzepts (Petersdom) oder ist sogar ganz vom eigentlichen sakralen Bau separiert (Glockentürme irischer Klöster). Ihre besondere Bedeutung erhalten Rotunden durch vereinzelt sogar sehr große Kuppeln. Große, insbesondere barocke Zentralbauten bezeichnet man nicht als Rundkirchen, weil sie nicht vom Typus Tauf-, Grab- oder Wehrkirche sind. Auch lassen sich kreisrunde Brunnen in Parkanlagen nicht so bezeichnen, wohl aber als Brunnenrotunde. Wenigstens hat sich das so in der Tourismusliteratur eingebürgert, auch wenn es in den eigentlichen Architekturlexika so gut wie nicht vorkommt.

Beispiele
ein Oktogon

Oktogone[Bearbeiten]

Oktogone von hohem Bekanntheitsgrad (wie etwa der Aachener Dom) werden kaum als Rundkirchen fehlbezeichnet. Wenn jedoch – wie etwa bei einer Wehrkirche – die geometrische Anlage auf einer kleinen Fläche fast kreisrund wahrgenommen wird, dann kann die Zuordnung erfolgen. Konstantin I. beginnt im Jahre 327 n. Chr. in Antiochia den Bau der ersten oktogonalen Kirche, der „Domus Aurea“. Es gibt Architekturlexika, die in diesen Fällen die Bezeichnung „Rundkirche“ – im touristischen Sprachgebrauch ohnehin fest eingebürgert – ausdrücklich zulassen. Beispiele dafür:

Sonstige Formen[Bearbeiten]

Aufgrund des Typus stehen folgende Kirchen in der Tradition der Rundkirche, obwohl ihr Grundriss nicht kreisförmig ist:

Rundkirchen im engeren Sinne[Bearbeiten]

Frühchristliche Zeit[Bearbeiten]

Mittelalter[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Österreich[Bearbeiten]

Häufig sind mittelalterliche Wehrkirchen nur noch als Ruinen erhalten:

Italien[Bearbeiten]

Italien hat eine Vielzahl von Rundkirchen (→ Weblink)

Skandinavien[Bearbeiten]

An den Skandinavischen Rundkirchen, insbesondere auf Bornholm, ist der architektonische Grund-Typus sehr instruktiv.

Ungarn[Bearbeiten]

Rundkirche von Oskű

Gut erhaltene Beispiele gibt es auch in Ungarn und Siebenbürgen, hier Körtemplom genannt (aus ungarisch koer ‚Kreis/rund‘ und templom ‚Kirche/Tempel‘).

England[Bearbeiten]

Beispiele für mittelalterliche Rundkirchen, die nicht in der Wehrkirchen-Tradition stehen, finden sich in England:

Spätere Epochen[Bearbeiten]

Moderne[Bearbeiten]

In den folgenden Bauten wird architektonisch, jedoch nicht funktional, an die alte Tradition angeknüpft:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Matthias Untermann: Der Zentralbau im Mittelalter. Form - Funktion - Verbreitung. Darmstadt 1989, ISBN 978-3-534-10267-9.
  • Denis Boniver: Der Zentralraum. Studien über Wesen und Geschichte. Stuttgart 1937

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rundkirchen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Rundkirche – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen