Ruslan Leontjewitsch Stratonowitsch

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Ruslan Leontjewitsch Stratonowitsch (russisch Русла́н Лео́нтьевич Страто́нович, englische Transkription Ruslan Leontievich Stratonovich; * 31. Mai 1930 in Moskau; † 13. Januar 1997 ebenda) war ein russischer Physiker und Wahrscheinlichkeitstheoretiker (stochastische Prozesse).

Stratonowitsch machte als Externer Abitur und gewann als Schüler eine Goldmedaille für seine Leistungen. Er studierte ab 1947 an der Lomonossow-Universität und spezialisierte sich dort unter P. I. Kusnezow auf Radiophysik (eine sowjetische Bezeichnung für Schwingungsphysik - einschließlich Rauschen - im weitesten Sinn, vor allem aber im elektromagnetischen Bereich). 1953 machte er seinen Abschluss und kam in Kontakt mit dem Mathematiker Andrei Kolmogorow. 1956 wurde er promoviert (Theorie korrelierter Zufallspunkte und Anwendung auf die Berechnung von elektronischem Rauschen). 1969 wurde er Professor für Physik an der Lomonossow-Universität.

Er entwickelte ein stochastisches Kalkül als Alternative zum Ito-Kalkül in der Stochastischen Integration. Hier ist das Stratonovich Integral nach ihm benannt (gleichzeitig von D. L. Fisk entwickelt). Ende der 1950er Jahre entwickelte er eine Theorie nichtlinearer optimaler Filter (von der der Kalman-Filter ein Spezialfall ist, über den Rudolf Kálmán ab 1960 publizierte[1]) aus der Theorie der bedingten Markow-Prozesse, Thema seiner Habilitation (russischer Doktortitel) 1965 (Bedingte Markow-Prozesse und ihre Anwendung in der optimalen Kontrolltheorie). Er stellte seine Filtertheorie erstmals 1958 auf der Allunions-Konferenz über statistische Radiophysik vor.

Die Hubbard-Stratonovich-Transformation[2][3] in der Theorie der Pfadintegrale (bzw. Verteilungsfunktionen der statistischen Mechanik) wurde von ihm eingeführt (und von John Hubbard in der Festkörperphysik angewandt). Sie beruht auf einer mathematischen Umformung der Gaußform des Pfadintegral-Kerns mit Hilfe der Einführung eines zusätzlichen skalaren Feldes. Physikalisch entspricht dies der Einführung eines mittleren Feldes, so dass ein über Zweikörperkräfte wechselwirkendes Vielteilchensystem durch ein Vielteilchensystem mit mittlerem Feld ersetzt werden kann.

1965 entwickelte er die Theorie der Bewertung von Information (Value of Information), die Entscheidungs-Situationen beschreibt, in denen es um die Frage geht, wie viel jemand für eine Information bezahlen soll.[4].

Zuletzt veröffentlichte er ein Buch über nichtlineare Nichtgleichgewichts-Thermodynamik.

1984 erhielt er den Lomonossow-Preis, 1988 den Staatspreis der UdSSR und 1996 den Preis der Russischen Föderation.

Zu seinen Schülern zählt Viacheslav Belavkin (der Quanten-Versionen seiner stochastischen Theorien entwickelte).

Schriften[Bearbeiten]

  • mit P. I. Kuznetsov The propagation of electromagnetic waves in multiconductor transmission lines, Pergamon Press 1964
  • Topics in the theory of random noise, 2 Bände, Gordon and Breach, 1963, 1967
  • Herausgeber mit P. I. Kuznetsov, V. I. Tikhonov: Nonlinear transformation of stochastic processes, Pergamon Press 1965
  • Conditional Markov processes and their application to the theory of optimal control, Elsevier 1968
  • Nonlinear Nonequilibrium Thermodynamics, 2 Bände, Springer Series in Synergetics, 1992, 1994 (Band 1: Linear and Nonlinear Fluctuation-Dissipation Theorem, Band 2: Advanced Theory)

Literatur[Bearbeiten]

  • M. S. Yarlykov, Yu. A. Soloviev To the 80th Birthday of R. L. Stratonovich, Automation and Remote Control, Band 71, 2010, S. 1447-1450, doi:10.1134/S0005117910070192

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stratonovich traf Kalman erstmals 1960 auf einer Konferenz in Moskau und war mit ihm in Briefwechsel
  2. Stratonovich On a Method of Calculating Quantum Distribution Functions, Soviet Physics Doklady, Band 2, 1958, S. 41
  3. Hubbard Calculation of Partition Functions, Physical Review Letters, Band 3, 1959, S. 77
  4. Stratonovich On value of information, Izvestiya of USSR Academy of Sciences, Technical Cybernetics 5, 1965, S. 3–12