Rusnė

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Rusnė
Wappen
Wappen
Staat: Litauen Litauen
Bezirk: Klaipėda
Koordinaten: 55° 18′ N, 21° 23′ O55.29694444444421.378055555556Koordinaten: 55° 18′ N, 21° 23′ O
 
Einwohner (Ort): 1 642 (2001)
Zeitzone: EET (UTC+2)
Rusnė (Litauen)
Rusnė
Rusnė
Rusnė an der Memel
Blick von Norden auf Russ und die Mündungsarme des gleichnamigen Flusses (links): In der Bildmitte die Skirwieth (heute die Grenze zwischen Litauen und Russland, rechts vorne die Atmath. Im Hintergrund das Kurische Haff.

Rusnė (deutsch Ruß) ist ein Städtchen (miestelis) in der Rajongemeinde Šilutė (Heydekrug) im Westen Litauens im Bezirk Klaipeda.

Name[Bearbeiten]

Die Ortschaft liegt im historischen Ostpreußen (Memelland) im Stammesgebiet der prussischen Schalauer. Im Dialekt der Schalauer bedeutet der Name „Ort, der umflossen ist“.

Geografie[Bearbeiten]

Der Ort liegt auf einer Insel im Mündungsdelta des Flusses Memel, über den Hauptschifffahrtsweg Atmata (Atmath) etwa 12 Kilometer vom Kurischen Haff entfernt, und befindet sich somit mitten im Regionalpark „Nemuno Deltos“ (Memel-Delta). Unmittelbar südöstlich von Rusnė verläuft die Grenze zur russischen Oblast Kaliningrad, wo die Elchniederung beginnt. Nordöstlich befindet sich die Stadt Šilutė (Heydekrug).

Geschichte[Bearbeiten]

Im Ort Ruß im Memeldelta fanden schon die Wikinger einen sicheren Hafen, von dem aus sie über die Flusswege weiter nach Osten vordrangen. Seit etwa 1419 bestand das Kirchspiel Ruß. Mit dem Friedensvertrag von 1422, der die Grenze zwischen dem Gebiet des Deutschen Ordens und Litauen festlegte, kam der Ort endgültig zum Ordensland. Da die Litauer jedoch immer wieder in die Grenzgebiete einfielen, blieb das Gebiet lange Zeit in der Besiedlung zurück. Für 1448 wird allerdings das Vorhandensein eines Kruges in Ruß erwähnt. Nach der Säkularisierung des Ordens wurde 1525 das Amt Ruß als Verwaltungsbereich eingerichtet, es unterstand dem Hauptamt Insterburg. 1750 hatte das Amt Ruß 4254 Einwohner. Nach Überwindung der Leiden durch den Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763) und durch die Epidemien des 18. Jahrhunderts begann sich Ruß vor allem bedingt durch den aufstrebenden Holzhandel auf der Memel positiv zu entwickeln. Besonders zugezogene Juden übten diesen Handel aus, und nachdem 1880 bereits 133 Juden in Ruß wohnten, gehörte der Ort zu den größten jüdischen Siedlungen der Region. Am Ende des 19. Jahrhunderts waren in Ruß, das seit 1818 zum preußischen Kreis Heydekrug gehörte, sechs dampfbetriebene Schneidemühlen vorhanden, daneben wurde Lachsfischerei und Schifffahrt betrieben. 1885 hatte der Ort 2078 Einwohner, die zumeist evangelisch waren. Sie waren zum Teil wohlhabend, und so war es möglich, dass ein eigenes Schulhaus auf der Spitze der Insel erbaut werden konnte, das nicht nur einer Volksschule, sondern auch einer Mittelschule Platz bot. 1910 war die Zahl der Einwohner leicht auf 1826 zurückgegangen. Mit dem Versailler Vertrag von 1919 kam Ruß in das so genannte Memelgebiet, das zunächst von den Franzosen verwaltet wurde. Im Januar 1923 besetzten litauische Freischärler das Gebiet, und im darauffolgenden Jahr überließ der Völkerbund das Memelland Litauen als autonomes Gebiet. Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gab Litauen das Memelland im März 1939 an Deutschland zurück. Im Oktober 1944 wurde Ruß mit dem gesamten Kreisgebiet von der Roten Armee erobert. Von 1948 bis 1990 gehörte es zur „Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik“.

Religionen[Bearbeiten]

Kirche[Bearbeiten]

Siehe dazu den HauptartikelEvangelisch-lutherische Kirche Rusnė

Kirchengebäude[Bearbeiten]

Die ehemalige evangelische Pfarrkirche Ruß und heutige evangelisch-lutherische Gemeindekirche Rusnė im Jahre 2007

Im einstigen Ruß stand die älteste Kirche des Memellandes[1][2]. Im Jahre 1419 wurde sie als erste Kirche im Ort errichtet. Nach ihrer Vernichtung durch einen verheerenden Brand im Jahre 1774 erfolgte 1809 der Neubau eines Gotteshauses[3] – in Feldstein- und Ziegelmauerwerk mit einem massiven Turm, der auf Resten der ersten Kirche errichtet wurde. Das Innere der Kirche prägte der Kanzelaltar. Die weitherinragende Orgelempore ließ den Raum dunkel erscheinen.

Den Zweiten Weltkrieg hat die Kirche nahezu unbeschadet überstanden und wurde sogar nach 1945 noch für gottesdienstliche Zwecke genutzt, bis die staatlichen Behörden ihre Schließung anordneten. Das Kirchenschiff übergab man der alten und dann weiter betriebenen Taubstummenanstalt als Turnhalle.

In den frühen 1990er Jahren wurde die Kirche rückübereignet. Sie gehört jetzt der Ortsgemeinde, die sie – nach aufwändigen Reparaturarbeiten, bei denen man sich am historischen Vorbild orientierte – am 21. August 1994 wieder einweihte.

Kirchengemeinde[Bearbeiten]

Das ehemalige evangelische Pfarrhaus in Ruß

Die Gründungszeit eines Kirchspiels in Ruß liegt um 1419[4] Mit Einführung der Reformation waren hier ab 1541 lutherische Geistliche tätig. Gehörte die Pfarrei zunächst zur Inspektion Memel, so war sie dann bis 1945 dem Kirchenkreis Heydekrug in der Kirchenprovinz Ostpreußen (von 1920 bis 1939 im Landessynodalverband Memelland) der Kirche der Altpreußischen Union zugeordnet.

In den 1990er Jahren entstand in dem inzwischen litauischen Städtchen Rusnė eine neue evangelisch-lutherische Gemeinde, der auch die bis dahin nicht mehr für gottesdienstliche Zwecke genutzte Kirche übereignet wurde. Sie gehört zur Evangelisch-lutherischen Kirche in Litauen.

Juden[Bearbeiten]

Synagogengebäude[Bearbeiten]

Im Jahre 1857 wurde in Ruß reine Synagoge und ein Ritualbad gebaut[2]. Bereits 1837 hatte man einen Friedhof angelegt, der jedoch wegen regelmäßiger Überschwemmungen 1844 aufgegeben und in Heydekrug neu angelegt wurde.

Synagogengemeinde[Bearbeiten]

Die ersten Juden, die sich im Kreis Heydekrug ansiedelten, taten es nicht in der Kreisstadt, sondern in Ruß[2]. Die meisten von ihnen waren Holzhändler, die mit dafür sorgetn, das der Holzhandel hier Auftrieb bekam. Im Jahre 1855 wohnten in Ruß 33, im Jahre 1880 bereits 133 Juden. Am 1. Januar 1863 gründeten sie in Ruß ihre eigene Synagogengemeinde.

Nach dem Ersten Weltkrieg wuchs die Judengemeinde nicht mehr. Im jahre 1920 sollen hier nur noch 17 Familien gewohnt haben. Anfang 1939 verließen sie mit ihren Glaubensgenossen in anderen Orten des Memellandes massenhaft die Region, nachdem die Wahlen in das Landesdirektorium von der NSDAP gewonnen worden waren. Man vermutet, dass viele von ihnen im Sommer 1941 bei Massenvernichtungen umgebracht wurden.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Wegen seiner naturbelassenen Umgebung und seinem weitgehend erhaltenen landestypischen Ortsbild wird Rusnė zunehmend zu einem Anziehungspunkt für den Tourismus in Litauen. Der Ökotourismus hat hier eine große Popularität, da man besonders zu Zeiten des Vogelzuges etliche seltene Vogelarten beobachten kann. Außerdem ist Rusnė ein beliebter Ort zum Angeln. Weiterhin bestehen Fährverbindungen über das Haff auf die Kurische Nehrung.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Söhne und Töchter[Bearbeiten]

Andere[Bearbeiten]

Verweise[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rusnė – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rusnė - Ruß bei ostpreussen.net
  2. a b c Ruß bei wiki-de
  3. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen, 1968, S.100, Abb. 430
  4. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 510