Russophobie

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Die Russophobie (auch: Russenfeindlichkeit oder Antirussismus[1]) ist eine ablehnende Haltung gegenüber Russland, den Russen oder der russischen Kultur. Sie ist eine Ausprägung der Xenophobie und ist das Gegenteil von Russophilie.

Es existieren eine Vielzahl von Klischees über Russland und Russen, die teils auf berechtigter Kritik, teils auf Vorurteilen gründen[2] und als Elemente in der politischen Auseinandersetzung gegen die Sowjetunion und die Russische Föderation eingesetzt werden.[3] Argumentationen gegen Russophobie sind in Russland in rechten Kreisen verbreitet, werden auch gegen demokratische Reformbestrebungen eingesetzt und dienen mitunter dazu, Mythen über dem Fall der Sowjetunion zu konstruieren.[4]

Die Geschichte der Verbindungen Russlands mit Westeuropa[5] und die erfolgreiche Integration von nach Westeuropa, in die USA und nach Israel emigrierten Russen deutet darauf hin, dass es keine allgemeine Russenfeindlichkeit gibt.[6] Das Phänomen des negativen Russlandbilds hat sich nach Ansicht einzelner Autoren in 500-jähriger Tradition in neuester Zeit teilweise unnötig falsch[7] oder aus russischnationaler Sicht zu einer „Ideologie“ entwickelt.[8]

Es wurde auch die Frage gestellt, „ob nicht unser Russlandbild meist auch in Abhängigkeit davon entsteht, wie Russland sich selbst einschätzt … Beide Arten von Bildern – Fremd- und Selbstbilder – haben sich im Verlaufe der Geschichte unserer gegenseitigen Wahrnehmungen und Beziehungen beeinflusst. Sie befinden sich in einer Art Symbiose insofern ein Bild ein anderes provoziert … Was sich zuweilen an diesen Bildern an Vorurteilen verbirgt und wozu sie eingesetzt werden können, hat manchmal schreckliche Folgen gehabt.“ [9]

Zeitgeschichte[Bearbeiten]

Mittelalter und frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Erste negative Darstellungen der Russen datieren aus dem 13. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Kampf des Deutschen Ordens gegen die „Schismatiker“ im Osten. So werden die Russen beispielsweise in der Livländischen Reimchronik als Ungläubige bezeichnet, die Ländereien der Christen plündern.

Um die Wende zum 16. Jahrhunderts intensivierten sich Russisch-Litauische Kriege zwischen dem Großfürstentum Moskau und dem Großfürstentum Litauen um das Erbe der Kiewer Rus. Der Anspruch der Rurikiden-Fürsten von Moskau, Herrscher der ganzen Rus zu sein, stieß auf Widerstand in den durch Personalunion verbundenen Staaten Litauen und Polen. Zu dieser Zeit entwickelten vor allem polnische Gelehrte und Autoren eine antirussische Publizistik, die sie in Europa verbreiteten.[10] Um Allianzen der Russen in Europa zu verhindern, schrieb König Sigismund I. an europäische Herrscher und an den Papst, die „Moskowiter“ seien Feinde des Christentums und hätten sich mit Türken und Tataren verschworen, um das Christentum zu zerstören.[10]

Im Zusammenhang mit dem Livländischen Krieg berichteten europäische Russlandreisende von der Tyrannei des russischen Zaren Iwans „des Schrecklichen“ (richtige Übersetzung: der Furchteinflößende), wodurch sich das Bild einer überaus repressiven russischen Herrschaft verbreitete. Die Opritschnina war am Anfang gegen die alten Fürstenfamilien gerichtet. Später änderte sich die Richtung der repressiven Politik, um immer neue Zielgruppen zu treffen. Ruslan G. Skrynnikow belegte das mit einer Rekonstruktion der Namensliste der Hingerichteten aus dem Synodikon Ivan Groznyjs.[11]

Neue Zeit bis zum 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Vormarsch der russischen Barbarei. Französische Lithografie aus der Zeit der Napoleonischen Kriege

Antirussische Auffassungen kamen im 19. Jahrhunderts in Frankreich auf. Während die europäische Aufklärung insgesamt ein positives Verhältnis zu Russland hatte[12], betrachtete Napoléon Bonaparte die Russen als rückständige Barbaren, die seinen liberalen und revolutionären Ideen im Wege stünden.[13] Einige Autoren fassen die Respektlosigkeit französischer Soldaten während des Russlandfeldzugs 1812 gegenüber der russischen Zivilbevölkerung und Kultur als Beleg für eine besondere Russenfeindlichkeit auf.[13] Die französischen Truppen plünderten aber auch in anderen eroberten Gebieten Klöster und Kirchen, nutzten sie als Pferdeställe oder Militärlager und Napoleon verfügte nach 1806 die Schließung vieler Klöster. Vor seinem Abzug aus Moskau versuchte Napoléon die Türme des Moskauer Kremls sprengen zu lassen. Nach der französischen Niederlage gab es weiter eine ablehnende Haltung gegenüber den Russen. Astolphe de Custine bereiste das Russische Kaiserreich in den 1830er Jahren und hinterließ eine Reisebeschreibung, die eine scharfe Kritik der Autokratie und des Lebens im zeitgenössischen Russland enthielt.

In François Guizots Geschichte der europäischen Zivilisation (1828) kommt Russland nicht vor und auch Jules Michelet schloss Russland von der „wirklichen“ Geschichte aus.[14] Die Unterdrückung des polnischen Freiheitskampfes 1830 löste eine Solidarisierungswelle in Europa mit den gegen das Zarenregieme aufbegehrenden Polen aus, die sich auf "vorgeformte Bilder russphober Publizistik"[15] stützen konnte. 1835 hatte Alexis de Tocqueville in seinem Buch Über die Demokratie in Amerika Amerika und Russland als Weltmächte gegenübergestellt, die einen Gegensatz von Demokratisierung und Freiheit einerseits und Zentralisation und Knechtschaft andererseits bildeten. Ein Jahr später wurde der Philosophische Brief von Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew gedruckt, in dem die konservativen Slavophilen den reformorientierten Westlern gegenübergestellt sind. Jutta Scherrer meinte, "die Slavophilen schufen in der Dichotomie Russland/Europa erstmals Selbst- und Fremdbilder von ‚wir’ und ‚sie’ (my i oni), vom 'Eigenem' und 'Fremden'." [16] 1843 erschien das Buch Russland im Jahr 1839 von Astolphe de Custine, das noch im gleichen Jahr ins Englische und Deutsche übersetzt wurde und zahlreiche Neuauflagen erlebte.[17]. Custine, der durchaus mit Sympathien nach Russland gereist war, prägte desillusioniert das Bild von der dortigen despotischen Staatsform und einer versklavten, unterwürfigen Bevölkerung nachhaltig. Dagegen beschrieben Anatole Leroy-Beaulieu[18] und Eugène-Melchior de Vogüé[19] ein Russland, das dem von Custine vollständig entgegengesetzt ist. Auch Jules Vernes Theaterstück Michel Strogoff, das 1880 in Paris uraufgeführt wurde, trug zu einer Wende im französischen Russlandbild bei. Ähnliches lässt sich für das etwa über Nietzsche, Rilke, Thomas Mann in Deutschland vermittelte Russlandbild sagen.

Während europäische Konservative in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Russland eher als "Retter Europas", als Hort legitimer Monarchie und Bewahrer christlicher Glaubenstradition sahen, wurde von das Bild Russlands als „Gendarme Europas“ von liberalen und linksrevolutionären Kreisen aufgegriffen und verbreitet, darunter auch von Karl Marx und Friedrich Engels.[20] Es erschienen auch zahlreiche Pamphlete von Exil-Polen, die den "kulturlosen" Russen gar eine asiatisch-turanische Herkunft bescheinigten.[21]

Die Furcht vor dem russischen Bären ging auf Russlands tragende Rolle in der reaktionären Heiligen Allianz zurück. Vor allem wurde die Unterdrückung nationaler Unabhängigkeitsbestrebungen im russisch beherrschten Polen angeprangert. Im Heiligen Römischen Reich wurde ein zu starker Machtgewinn Russlands auf Kosten des Osmanischen Reiches befürchtet, für die österreichische Habsburgermonarchie hingegen war das christliche Russland wichtiger Partner in den jahrhundertelangen Türkenkriegen. England sorgte sich um seinen Überseehandel. Es unternahm Anstrengungen, um ein russisches Vordringen über den Bosporus hinaus ins Mittelmeer, sowie eine russische Expansion nach Persien und Zentralasien – und möglicherweise sogar Indien – zu verhindern. Dieser britisch-russische Interessenskonflikt wurde als Great Game bekannt[22] und führte zum Krimkrieg, an dem auch Frankreich teilnahm.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts näherten sich Frankreich und England politisch wieder Russland an, wohingegen die Beziehungen Deutschlands zu Russland, die traditionell und über Jahrhundert sehr gut waren[23], und Österreich-Ungarns zu Russland stark abkühlten. Beide wollten eine russische Machterweiterung im Machtvakuum nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches auf dem Balkan im Zeichen des Panslawismus eindämmen, was in diesen beiden Staaten stark mit Slawophobie und Nationalismus, der sich auch gegen andere Nationen richtete, verflochten war.[24] hinzu kamen österreichisch-russische Gegensätze auf dem Balkan. 1914 konnten sich auch große Teile der Linken in Deutschland mit dem Kampf gegen den als fortschrittsfeindlich empfundenen Zarismus identifizieren. Dies erleichterte den Eintritt in den Ersten Weltkrieg und kam der sogenannten Burgfriedenspolitik zugute. Während des Krieges ließ Österreich-Ungarn zahlreiche russophile Ruthenen in Konzentrationslager wie Thalerhof oder Theresienstadt deportieren, wo Tausende von ihnen starben.

Lenin und die Bolschewiki übertrugen den ursprünglich für die Habsburgermonarchie geprägten Begriff Völkergefängnis[25] auf das Zarenreich. Die damit geweckten Hoffnungen in dessen nichtrussischen Randgebieten auf Selbständigkeit erfüllten sich aber nicht.[26] Später wurde der Begriff "Völkergefängnis" auch auf die Sowjetunion bezogen.[27]

Die Oktoberrevolution von 1917 und der anschließende Bürgerkrieg mit seinen Grausamkeiten auf beiden Seiten endeten Anfang der 1920er Jahre mit dem Sieg der Bolschewiki, den die anderen Großmächte vergeblich durch Militärinventionen zu verhindern gesucht hatten. Dies hatte einen internationalen Anstieg der Russophobie zur Folge, nachdem die kommunistische Bewegung bald von Moskau dominiert wurde und Sowjetrussland bzw. die Sowjetunion den kapitalistischen Mächten mit der Weltrevolution drohte. Eine brutale Repression im Innern, besonders seit dem Beginn des Stalinismus, sowie Abschließung und diplomatische Isolation der Sowjetunion begünstigten auch russenfeindliche Tendenzen der Zwischenkriegszeit.

Sowjetische Kriegsgefangene im KZ Mauthausen. Die sowjetischen Gefangenen wurden grausamer behandelt als Gefangene anderer Nationen.

Eine rassistisch begründete Russophobie in Deutschland als Kombination von Antisemitismus und Antibolschewismus, dem zu bekämpfenden so genannten Jüdischen Bolschewismus war in der Zeit des Nationalsozialismus vorherrschend. Hitler beschrieb die Russen in seinem Buch Mein Kampf als zur Selbstorganisation unfähige Untermenschen, die lediglich dank der „germanischen Oberschicht“ ein Reich aufbauen konnten. Die Nationalsozialisten sahen die Sowjetunion als wichtigen Lebensraum im Osten für die deutsche Herrenrasse. Nach dem Endsieg war im Generalplan Ost eine Dezimierung, Versklavung und großangelegte Deportation der Bevölkerung vorgesehen, wobei Städte wie Leningrad und Moskau dem Erdboden gleichgemacht werden sollten. Auch wenn diese Pläne nie realisiert wurden, steht die großflächige Vernichtung von Menschenleben und Kulturgut in der Sowjetunion, insbesondere die Aushungerung von über einer Million Menschen während der Leningrader Blockade im Deutsch-Sowjetischen Krieg, mit der nationalsozialistischen Ideologie und Planung (siehe auch Hungerplan) in Verbindung.

Im Kalten Krieg speiste sich Misstrauen aus diesem politisch-ideologischen Kampf zwischen der westlichen Welt und dem sozialistischen Ostblock. Insbesondere konservative und rechte Kreise Westdeutschlands sahen in der Nachkriegszeit eine Bedrohung aus dem Osten. Die Angst vor den Kommunisten und vor der atomaren Bedrohung prägte das Bewusstsein auch in den USA seit den frühen 1950er Jahren. Präsident Wladimir Putin erklärte, die Russophobie des Westens und der osteuropäischen Staaten ginge auf die Interventionen der Sowjetunion in der DDR, in Ungarn und in der Tschechoslowakei zurück. [28]

Vor allem in der Ära Ronald Reagan griffen Hollywood-Produktionen stereotypenhafte Bilder von Russen auf. Nach der politischen Wende und dem Zerfall des Ostblocks warnten vor allem ehemalige Sowjetologen und Dissidenten aus Mittelosteuropa und Russland vor einem allzu optimistischen Bild Russlands. Dabei gab es eine starke Wechselwirkung mit der US-Osteuropapolitik.[7] Viele neue Staaten wie die baltischen Staaten oder die Ukraine bauten ihre nationale Identität auch aus einer Gegenüberstellung zu Russland auf.[8] Ein weiterer Faktor der Russophobie war die Angst vor der sich ausbreitenden russischen Mafia, die in den 1990er Jahren das Bild eines kriminellen und kleptokratischen Russlands prägte. Andererseits unterstützte der Westen den Kurs des russischen Präsidenten Boris Jelzin und vermied weitgehend Kritik an seiner Politik. Der Russlandexperte Boris Reitschuster meint, Putin "ist russophob, also das, was er anderen vorwirft: Er hat eine geringe Meinung von den Menschen in Russland, weil er sie für unreif hält und wie Kinder behandelt. Kinder, die stark geführt werden müssen und auch mal Prügel wollen."[29]

Deutschland[Bearbeiten]

Es wird bemängelt, die Russlandberichterstattung in Deutschland sei teilweise oder überwiegend von einer ablehnenden Haltung und mangelnden Differenziertheit[30][31] geprägt. Schwierigkeiten und Missverständnisse in der Korrespondententätigkeit kommen hinzu.[32] Insbesondere der Fokus auf Wladimir Putin und die politischen Krisen Russlands in den westlichen Medien zeichne nach Ansicht einiger Kommentatoren ein schiefes Bild der tatsächlichen Verhältnisse in Russland.[33][34]

Ansatzpunkte der Russophobie[Bearbeiten]

Russophobe Vorstellungen bestehen teilweise aus einem über lange Zeit konsistenten ablehnenden Gedankengut[10]. Zentrale politische Ansatzpunkte für eine grundlegende Russlandkritik basieren auf einer angeblichen Unfähigkeit zur Selbstverwaltung und einer daraus resultierenden tyrannischen Regierungsform, oder der das Volk sich "Blind unter die Macht absolute Macht des Herrschers" unterordne[10]. Dies wird häufiger auch mit einem angeblichen russischen Imperialismus und der Russisch-Orthodoxen Kirche als "Religion der Sklaven" in Verbindung gebracht.

Theorie der Russophobie als Ideologie nach Oleg Nemenski[Bearbeiten]

Das Konzept der Russophobie wurde ein integraler Bestandteil der Mythologie russischer Nationalisten.[35] Der russische Historiker Oleg Nemenski hat eine Theorie der Russophobie als Ideologie entwickelt. Ähnlich wie etwa der klassische Normannismus der deutschen Historiker des 18. Jahrhunderts bezüglich des Gründung des russischen Staates oder die von Astolphe de Custine lancierte Konzeption Russlands als eines "Völkergefängnisses", gründeten dieser Theorie zufolge die heutige westliche Politologie und Journalismus, die dazu neigen, das Vorhandensein einer freien öffentlichen Meinung in Russland zu leugnen und die von der russischen Mehrheit vertretenen Standpunkte der staatlichen Propaganda zuzuschreiben. Traditionell führten solche Herangehensweisen zu inadäquaten Schlussfolgerungen und geringer Prognosequalität des Geschehens in Russland[8]. Alles spezifisch Russische würde als freiheitsfeindlich empfunden. Das beträfe nicht nur die „despotische” politische Macht, sondern auch die Russisch-Orthodoxe Kirche und die russische Orthodoxie als „Religion der Sklaven”. Die Gegenüberstellung der „westlichen Freiheit” und der „russischen Sklaverei” habe in verschiedenen Epochen unterschiedliche Ausprägungen erlebt. Nach der Herausbildung von Nationalstaaten würden die Russen als Träger der imperialen Gedankenguts als Feinde des freien Nationalen dargestellt, während sie bei der Gegenüberstellung des neoliberalen Globalismus und der nationalen Souveränität, umgekehrt, als Träger des „rückständigen” Nationalen gelten.

Da jedoch das Zeitalter der Nationalstaaten noch nicht vergangen sei, dominierte die Vorstellung der Russen als „ewige Imperialisten”. Nachbarvölker der Russen stünden unter der „russischen Knute”. Da absolute Macht nach Definition nach qualitativem und quantitativem Wachstum, sprich Expansion streben müsse, würden die Russen als „sklavisches Volk” als Instrument bei diesem Unterfangen verstanden. Damit sei eng die Überzeugung verflochten, dass die Russen nach der Eroberung Europas trachteten und die nicht schwindende Angst des westlichen Menschen vor einer russischen Invasion („Die Russen kommen!”). Jegliche Freiheit würde als potenzielles Vernichtungsobjekt der russischen Tyrannen und der Freiheit hassenden Russen angesehen.

Russische Niederschlagung des Novemberaufstands (1830). Zeitgenössische allegorische Darstellung Polens als Opfer eines asiatischen Nomaden

Bei den Erklärungsversuchen für eine derart auffällige „Andersartigkeit” der Russen würden meist zwei Argumentationsstrategien beobachtet: historisch und genetisch. Nach Darstellung der ersten, ist die russische Kultur der Tyrannei und der Sklaverei als Kombination von zwei Hauptquellen bedingt, der byzantinischen Orthodoxie und des tatarischen Despotismus. Nach einer entwickelten historischen Konzeption würde behauptet, dass Russland die Goldene Horde beerbt hat, indem es die Haupteigenschaften der politischen Kultur dieses nomadischen Gebildes übernommen hat. Russland als Goldene Horde wurde zum typischen russophoben Stereotyp, sowohl in historischen Essays, als auch in der Publizistik.

Häufig genug träfe man allerdings auf Erklärungen, die eine besondere genetische Neigung der Russen zur Unfreiheit verantwortlich machen. Demnach duldeten die Russen die Tyrannei, weil sie von Natur aus dazu veranlagt seien. Nach dieser Darstellung sind die Russen nicht bloß ein rückständiges Volk, sondern als genetisch minderwertig und unfähig, die westlichen Werte zu empfangen. Zahlreiche Publizisten behaupteten im Lauf der Geschichte, die russische Genetik sei durch die historische Erfahrungen des Volkes verdorben: Leibeigenschaft, Kriege, Repressionen, Revolutionen etc. Praktische Resultate einer solchen Wahrnehmung waren nicht nur im Zweiten Weltkrieg zu spüren, sondern durchaus auch heute. Argumentationslinien der US-Anwälte, die sich auf Todesfälle der russischen Adoptivkinder in amerikanischen Familien spezialisieren, basieren nicht selten auf den vermeintlich besonderen genetischen Neigungen der Russen[8].

Russenfeindlichkeitsvorwürfe in Deutschland[Bearbeiten]

Der kontrovers diskutierte [36][37][38] Historiker Wolfgang Wippermann stellt die These auf, alle westliche Medienberichterstattung sei von Gedankengut beeinflusst, das der -ebenfalls unrealistischen- russischen Selbstwahrnehmung "fundamental" widerspräche.[39]

Gregor Gysi meinte, die Kritik am russischen Präsidenten "darf nicht so einseitig sein, quasi russenfeindlich, wie das bei den Grünen der Fall war".[40]

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte einen Artikel des aus Russland stammenden, seit 1991 in den USA lebenden Kulturhistorikers Michail Jampolsky, in dem der ausführte, die russische Gesellschaft sei dabei, eine Sklavenmoral zu entwickeln. "Die gesamte russische Gesellschaft, von Putin bis zum letzten Straßenkehrer, ist gleichermaßen vom Ressentiment infiziert." [41] Das wurde in der gleichen Zeitung von der Osteuropawissenschaftlerin Annett Jubara zurückgewiesen.[42]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gabriela Lehmann-Carli, Yvonne Drosihn, Ulrike Klitsche-Sowitzki, Hilmar Preuß: Russland zwischen Ost und West?: Gratwanderungen nationaler Identität. Frank & Timme, Berlin 2010, ISBN 978-3-86596-338-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Heinz Gollwitzer: Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum Beginn des Imperialismus. V&R, 1972, S. 372.
  2. Jonathan Steel: The west's new Russophobia is hypocritical - and wrong. In: the guardian vom 30. Juni 2006[1]
  3. Johnson Forest: Till. Post-totalitarian national identity: public memory in Germany and Russia. In: Social & Cultural Geography. Bd. 5, Nr. 3, September 2004.
  4. Robert Horvath: The legacy of Soviet dissent: dissidents, democratisation and radical nationalism in Russia. Psychology Press 2005. S. 262
  5. Siehe dazu z.B. das von Lew Kopelew initiierte Wuppertaler Forschungsprojekt [2]. Im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurden die West-östlichen Spiegelungen in vollem Umfang digitalisiert und stehen über die Bayerische Staatsbibkliothek zur Verfügung: [3].
  6. Exkurs in die Geschichte: Russen im Ausland [4]
  7. a b Andrei Tsygankov. Russophobia: Anti-Russian Lobby and American Foreign Policy. Palgrave, 2009
  8. a b c d Oleg Nemenski. Russophobie als Ideologie // Fragen des Nationalismus № 13, 2013 (russ.) auf der Webseite von http://vnatio.org/
  9. Jutta Scherrer: 'Russland in Selbst- und europäischen Fremdbildern. Vortrag auf der Tagung in Genshagen/Brandenburg 1.-2. Dezember 2006 (unpag. S. 1)[5]
  10. a b c d Poe, Marshall T. (2001). People Born to Slavery: Russia in Early Modern European Ethnography, 1478–1748. Cornell University Press. p. 21. ISBN 0-8014-3798-9
  11. Vgl. die vom Autor erweiterte deutsche Übersetzung: Ruslan Grigrojewitsch Skrynnikow Ivan der Schreckliche und seine Zeit. Mit einem Nachwort von Hans-Joachim Torke. München 1992. Siehe auch den Nachruf auf Skrynnikow von Alexandr Lavrov [6].
  12. Leibniz, der Zar Peter I. mehrfach getroffen hatte, rühmte Russland als tabula rasa, wo man unzählige Fehler Westeuropas vermeiden könne. Montesquieu dagegen bezeichnete den Zaren, der seine Reformen mit tyrannischen Methoden durchsetzte, als „größten Barbaren der Menschheit“. Voltaire wiederum pries denselben in seiner „Geschichte des russischen Reichs unter Peter dem Grossen’’. Herder sah in Russland einen künftigen Träger europäischer Kultur. "Die Europäisierung des russischen Hofes und die Erziehung des russischen Adels, der die französische Sprache und französische Sitten übernahm, wurde im 18. Jahrhundert mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Doch aufmerksamen Besuchern Russlands, deren Zahl seit dem 18. Jahrhundert ständig zunahm, fiel der enorme Abgrund zwischen der analphabetischen bäuerlichen Masse und der gebildeten Minderheit auf, der in Europa nichts Vergleichbares hatte." (Scherrer a.a.O., unpag. (S. 5))
  13. a b McNally, Raymond. The origins of Russophobia in France 1812-1830. In: The American Slavic and East European Review 17 (1958), S. 173-189
  14. Vgl. Martin Malia: Russia Under Western Eyes. Cambridge/Mass. 1999, S. 102.
  15. Dieter Groh: Russland und das Selbstverständnis Europas. Neuwied 1961, S. 189
  16. Scherrer a.a.O., unpag. (S. 10)
  17. Gekürzte Ausgabe: russische Schatten
  18. L'Empire des tsars et les Russes. 3 Bde., 1881-2 und 1889)
  19. Le Roman russe. 1886
  20. Geschichte der Russophobie. Weltfeind im Osten - Zur geistigen Vorgeschichte der "Neocons", FAZ, 26. August 2008
  21. Franciszek Duchinski: Peuples aryâs et tourans, agriculteurs et nomades: Necessité des réformes dans l'exposition de l'histoire des peuples Aryâs-Européens et Tourans, particulièrement des Slaves et des Moscovites. Paris 1864, S. 22.
  22. John Howes Gleason. The genesis of Russophobia in Great Britain: a study of the interaction of policy and opinion. Octagon Books, 1972
  23. Siehe dazu Deutsch-russische Beziehungen
  24. John M. Haar. The Russian Menace: Baltic German Publicists and Russophobia in World War I Germany. University Microfilms, 1986
  25. Matthias Theodor Vogt u.a. (Hg.): Peripherie in der Mitte Europas. Frankfurt am Main 2009, S. 126. Siehe auch Anderas Kappeler: Russland als Vielvölkerreich: Entstahung - Geschichte- Zerfall. 2. Auflage München 2008
  26. Vgl. Helmut Akltrichter: Sowjetunion: Der russische Bürgerkrieg und die Gründung der Sowjetunion In: Universal-Lexikon [7]
  27. Z.B. Christian Esch: UdSSR. Die trauer um das Völkergefängnis. In: fr-online vom 25. Dezember 2001 [8]
  28. http://archive.kremlin.ru/articles/bookchapter9.shtml Homepage des Kremls: Interview mit Vladimir Putin im Jahr 2000
  29. Boris Reitschuster: "Putin selbst ist russenfeindlich". Russland-Experte Reitschuster im Interview.[9]
  30. Offener Brief von Michail Gorbatschow an die deutschen Medien [10]; Wenke Crudopf: Russland-Stereotypen in der deutschen Medienberichterstattung. Arbeitspapiere des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin. 29/2000 [11].
  31. Sprachwissenschaftlerin Sabine Schiffer über Parteinahme in den deutschen Medien, Weltnetz.tv
  32. Siehe dazu z.B. Juliane Inozemtsev: Teil des Rausches. Selbstkritisches von deutschen Osteuropa-Korrespondenten zur „Orangen Revolution“. In: eurasisches Magazin vom 31. Juli 2008 [12]
  33. Gastkommentar, www.derstandard.at, abgerufen am 11. August 2014.
  34. Nobody can doubt the brutality of Putin’s Russia. But the way the Ukraine conflict is covered in the west should raise some questions, www.theguardian.com, abgerufen am 11. August 2014.
  35. Anatoly M. Khazanov: The nation-state in question, 2003 Princeton University Press, Seiten 90,91 96–97 Kapitel "A State without a Nation? Russia after Empire"; "In the late 1980s and early 1990s, only russian nationalists used the bugaboo of Russophobia"
  36. Die Wirklichkeit ausgepfiffen, Spiegel, 29. Juni 1998
  37. Stephan Waitz: Wolfgang Wippermann: Stalins Mann in Berlin. In: ef-magazin.de vom 16. Oktober 2007 [13]
  38. Zweierlei VergleichNationalsozialistische, stalinistische und realsozialistische Herrschaftspraxis, FAZ, 21. Dezember 2009
  39. Russophobie Reloaded?, Wolfgang Wippermann in Neues Deutschland, abgerufen am 22. August 2014.
  40. Zit. nach Albrecht Meier, Matthias Meisner: Gysi nennt Grüne "quasi russenfeindlich". In: Der Tagesspiegel vom 5. April 2014 [14]
  41. Michail Jampolsky: Die Russen verlieren den Bezug zur Realität. In: faz.net v. 12. November 2014 [15]
  42. Annett Jubara: Nietzsche hilft nicht weiter. In: faz.net v. 26. November 2014 [16]