Russische Kolonisation

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die russische Kolonisation war ein Prozess der Erschließung oder Eroberung neuer Gebiete durch Russland. Sie zeichnete sich im Gegensatz zur Kolonisation der meisten anderen europäischen Kolonialmächte dadurch aus, das sie nicht in erster Linie auf Gebiete in Übersee abzielte, sondern vor allem auf kontinentale Expansion in angrenzenden Gebieten setzte (Binnenkolonialismus). Dies war zum einen durch das jahrhundertelange Fehlen eines vollwertigen Zugangs zu den Weltmeeren bedingt, zum anderen durch das Vorhandensein großer, zum Teil ziemlich dünn besiedelter Landmassen in direkter Nachbarschaft.

Lenin (in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus) stellt Russland 1914 als zweitgrößte Kolonialmacht hinter England und vor weiteren Großmächten wie Frankreich, Deutschland, den Vereinigten Staaten und weiteren Staaten dar. Nach Auflösung der Sowjetunion erlangten weite Teile dieser binnenkolonialen Territorien und Einflusssphären ihre Unabhängigkeit, weit später als die überseeischen Kolonien der klassischen Kolonialmächte.

Russisches Reich zur Zeit seiner größten Ausdehnung 1790-1860. Die Ausdehnung des russischen Reiches zeigt deutlich die Bedeutung des russischen Kolonialismus.

Binnenkolonialismus des zaristischen Russlands[Bearbeiten]

Seit dem 16. Jahrhundert dehnte sich Russland in fünf Richtungen aus: in Sibirien, in Mitteleuropa, in Zentralasien, im Gebiet des Kaukasus und auf dem Balkan.

Sibirische und amerikanische Stoßrichtung[Bearbeiten]

Zu einem Vielvölkerstaat wurde Russland erstmals nach der Eroberung der tatarischen Khanate Kasan und Astrachan in den Jahren 1552 und 1556. Daran anschließend begann die Eroberung Sibiriens, wo nach dem Fall des Khanats Sibir die russischen Kosaken immer weiter östlich vordrangen, Forts gründeten und die indigene Bevölkerung zu Tributzahlungen an den Zaren zwangen. Ein großer Antrieb für die Erschließung und die Besiedelung war der Pelzhandel sowie die Freiheit von der Leibeigenschaft. Ende des 17. Jahrhunderts wurde mit China der Vertrag von Nertschinsk geschlossen, der die Grenzen der Einflussgebiete zweier Staaten am Amur festlegte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts brachte Russland ganz Sibirien bis zur Beringstraße unter Kontrolle und begann mit der Ausdehnung auf dem nordamerikanischen Kontinent (Alaska, Fort Ross). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entledigte sich Russland aus Sorge vor Überdehnung der amerikanischen Besitzungen (Verkauf von Alaska), erweiterte jedoch seinen Einfluss im Fernen Osten auf Kosten Chinas (Vertrag von Aigun). Weiteres russisches Vordringen in die Mandschurei und die Gründung von Häfen Port Arthur und Dalian lösten Spannungen mit Japan aus und führten zum Verlust des Einflusses in Korea und der Mandschurei.

Kaukasische Stoßrichtung[Bearbeiten]

Ehemalige binnenkoloniale Territorien und Einflusssphären
Besitzung Erwerb Verlust Geschichte
Armenien 1829 1918 im neunten Russisch-Türkischen Krieg 1829 kommt der östliche Teil Armeniens an Russland, im zehnten Russisch-Türkischen Krieg 1857 kommen weitere Teile Ostarmeniens und die Provinzen Kars und Ardahan hinzu, 1918 als Demokratische Republik Armenien unabhängig
Aserbaidschan 1784 1918 1784 Eroberung von Nord-Aserbaidschan, im sechsten Russisch-Türkischen Krieg fallen bis 1814 die Khanate Gəncə, Schirwan, Karabach, Şəki, Quba, Baku und Talysch endgültig an Russland, im siebten Russisch-Persischen Krieges kommen 1828 noch die Khanate Naxçıvan und Jerewan (1828) hinzu, 1918 als Demokratische Republik Aserbaidschan unabhängig.
Baltikum 1721 1918 im Großen Nordischen Krieg 1721 tritt Schweden die Provinzen Livland, Estland, Ingermanland und einen Teil Kareliens, sowie die Inseln Ösel, Dagö und Mön an Russland ab, 1918 auf Druck des Deutschen Reiches als Estland, Lettland und Litauen unabhängig
Finnland 1808 1918 1808 im Zuge des Russisch-Schwedischen Krieges von Russland erobert, sowie die Ålandinseln, Teile von Lappland und Västerbotten, 1809 Gründung des Großfürstentums Finnland als autonomen Teil Russlands, 1918 unabhängig
Georgien 1783 1918 1783 Schutzvertrag Ostgeorgiens (Kartlien-Kachetien) mit Russland, 1810 Eroberung des georgischen Königreiches Imeretien, 1864 Anschluss Westgeorgiens, 1918 unabhängig
Kars 1878 1918 nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1877–1878 Teil des Russischen Reichs, nach der Oktoberrevolution wieder an die Türkei übergeben.
Kasachstan 1822 1918 ab 1731 unter russischem Einfluss, 1801 als Kasachen-Khanat unabhängig, 1822 kommt ganz Kasachstan an Russland, 1918 autonome Sowjetrepublik
Kirgisistan 1865 1918 ab 1865 schrittweise Eroberung, 1875 Russland eingegliedert, 1918 Teil der Turkestanischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik, 1925 Bildung des Karakirgisischen Autonomen Bezirks, 1935 Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik
Kongresspolen
Weichselgebiet
1815 1916 1815 vom Wiener Kongress erschaffen, durch Personalunion mit Russland verbunden, zwischen 1831 und 1867 als Weichselgebiet eingegliedert, 1916 als Regentschaftskönigreich Polen selbstständig
Kurilen-Inseln 1945 Im 19. Jahrhundert zwischen Russland und Japan umstritten, seit 1945 sowjetisch, wird von Japan beansprucht
Mandschurei 1858 1905 1858 Annexion der Äußeren Mandschurei, 1900 auch Besetzung der Mandschurei südlich des Amur, durch den Russisch-Japanischen Krieg 1905 an China zurück
Moldawien
Bessarabien
1792
1878
1856
1917
im Frieden von Jassy 1792 werden vom Osmanischen Reich alle Besitzungen östlich des Dnister an Russland abgetreten, im Frieden von Bukarest 1812 Eingliederung eines erweiterten Bessarabiens, 1856 Unterstellung Moldaus und der Walachei unter die Kollektivgarantie der 7 Unterzeichnerstaaten, südliche Bessarabien zurück an Moldau, durch den Berliner Kongress 1878 kommt Südbessarabien wieder an Russland, 1917 als Moldauische Demokratische Republik unabhängig
Sibirien 1547 seit der Gründung des Russischen Zarenreiches 1547 schrittweise Eroberung Sibiriens, heute Teil Russlands
Südsachalin 1945 im 19. Jahrhundert zwischen Japan und Russland umstritten, seit 1945 sowjetisch, wird von Japan beansprucht
Tadschikistan 1868 1924 1868 wird Buchara russisches Protektorat und Tadschikistan somit eine Kolonie Russlands, 1924 autonome Republik innerhalb der Usbekischen SSR, 1929 eigene Sowjetrepublik
Turkmenistan 1894 1924 seit 1894 russisch, 1924 Sowjetrepublik
Ukraine 1667 1917 nach dem Russisch-Polnischen Krieg 1654–1667 wurde die östlich des Dnepr gelegene Ukraine Teil des Zarentums Russland. 1795 wurde der westliche Teil mit Ausnahme Galiziens russisch. 1796 wurden der südliche und östliche Teil der heutigen Ukraine vom Osmanischen Reich an Russland abgetreten und im Gouvernement Neurussland zusammengefasst. 1917 unabhängig, 1922 Ukrainische Sowjetrepublik
Usbekistan 1868 1918 1868 russische Kolonie und Errichtung des Generalgouvernements Turkestan, 1918 Teil der Turkestanischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik, 1925 eigene Sowjetrepublik
Weißrussland 1793 1918 nach der Teilung Polens 1793 russisch, 1918 zeitweise unabhängig, 1920-1939 Westteil an Polen angeschlossen, 1922 Sowjetrepublik

Überseeische Kolonie Russisch-Amerika mit Alaska[Bearbeiten]

Schon 1741 wurde Alaska durch die russische Bering-Tschirikow Expedition (wieder)entdeckt. Die Russisch-Amerikanische Kompagnie erhielt 1799 von Zar Paul I. das Monopol für den Pelzhandel in Russisch-Amerika. Obwohl bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts zahlreiche spanische, britische, französische und amerikanische Expeditions- und Handelsschiffe entlang der Küsten Alaskas segelten, blieb das Land bis 1867 bei Russland. In diesem Jahr kauften die Vereinigten Staaten Alaska für 7,2 Millionen US-Dollar von Russland.

Im Zuge der territorialen Erweiterung Russisch-Amerikas gab es auch Bestrebungen Russlands, sich weiter südlich im klimatisch günstigeren Kalifornien festzusetzen. So wurde 1812 rund 80 Kilometer nördlich San Franciscos das Fort Ross als der Versuch der Errichtung einer Ernährungsbasis für den Norden aufgebaut. Wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit wurde es jedoch 1841 an den Schweizer Johann Sutter verkauft.

Territorien außerhalb des zusammenhängenden Festlands[Bearbeiten]

Russische Territorien von Korfu bis nach Kalifornien

Korfu und ionische Inseln[Bearbeiten]

Nach der Zerschlagung der Republik Venedig durch Napoleon wurden die ionischen Inseln, heute Griechenland, 1798 russisches Protektorat, dies bestand auf Korfu am längsten (1808).

Jever[Bearbeiten]

Jever und Umland, heute Niedersachsen, Deutschland, waren keine kolonialen Erwerbungen, sondern 1793 Erbe Katharinas II. 1818 trat Russland das Gebiet an Oldenburg ab.

Port Arthur[Bearbeiten]

Port Arthur, heute Stadtteil von Dalian, VR China war von 1898 an russisches Pachtgebiet und Flottenstützpunkt am Gelben Meer. Russland verzichtete auf Port Arthur 1905 infolge des Russisch-Japanischen Kriegs durch den Vertrag von Portsmouth.

Kauaʻi[Bearbeiten]

1816 schloss der in russischen Diensten stehende Deutsche Georg Anton Schäffer eigenmächtig, aber im Namen der russischen Krone, einen Protektoratsvertrag über die Hawaii-Insel Kauaʻi mit dem hawaiischen Unter-König Kaumualii ab. Dieser Vertrag wurde allerdings vom Zaren abgelehnt und Schäffer 1817, auch auf Druck US-amerikanischer und britischer Geschäftsleute, die u. a. als königliche Berater fungierten, zum Verlassen von Hawaii gezwungen.

Sagallo[Bearbeiten]

Bei Sagallo im heutigen Djibuti versuchte 1889 der Kosake Nikolai Aschinow einen Ausgangspunkt für eine russische Kolonisation in Afrika zu schaffen („Russisch-Somaliland“). Französische Ansprüche und die Zurückhaltung des russischen Zaren vereitelten dieses Vorhaben.

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Littke: Vom Zarenadler zum Sternenbanner. Die Geschichte Russisch-Alaskas. Magnus Verlag, Essen 2003, ISBN 3-88400-019-5

Weblinks[Bearbeiten]

Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, VI. Die Aufteilung der Welt unter die Großmächte