Russischer Löwenzahn

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Russischer Löwenzahn
Taraxacum kok-saghyz.png

Russischer Löwenzahn (Taraxacum kok-saghyz)

Systematik
Ordnung: Asternartige (Asterales)
Familie: Korbblütler (Asteraceae)
Unterfamilie: Cichorioideae
Tribus: Cichorieae
Gattung: Löwenzahn (Taraxacum)
Art: Russischer Löwenzahn
Wissenschaftlicher Name
Taraxacum kok-saghyz
L.E.Rodin

Der Russische Löwenzahn (Taraxacum kok-saghyz) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Löwenzahn (Taraxacum) in der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Sie ist ursprünglich in Kasachstan und im westlichen Xinjiang beheimatet. Diese Art wird zur Zeit intensiv erforscht, um Naturkautschuk zu gewinnen.[1]

Beschreibung[Bearbeiten]

Erscheinungsbild und Laubblatt[Bearbeiten]

Der Russische Löwenzahn ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 4 bis 15 cm erreicht. Sie enthält in allen Teilen einen weißen Milchsaft. Es wird eine Pfahlwurzel gebildet.[2]

Die Laubblätter stehen in einer grundständigen Rosette zusammen. Der Blattstiel ist blassgrün und geflügelt. Die einfache, bläulich-gräulich-grüne, mehr oder weniger fleischige Blattspreite ist bei einer Länge von 3 bis 7 (bis 10) cm und einer Breite von 1,2 bis 3 cm schmal bis breit verkehrt-lanzettlich. Der Blattrand ist entfernt gezähnt bis regelmäßig gelappt bis fiederteilig. Die zwei oder drei, bis selten fünf Paare Seitenlappen sind breit dreieckig. Die Blattspreite besitzt höchstens wenige spinnenförmige Haare (Trichome) oder ist kahl.[2]

Blütenstand und Blüte[Bearbeiten]

Die Blütezeit reicht in China vom späten Frühling bis zum frühen Sommer. Der hellgrüne bis rosafarbene Blütenstandsschaft besitzt spinnenförmige Haare und überragt die Laubblätter mehr oder weniger. Der körbchenförmige Blütenstand besitzt einen Durchmesser von 2 bis 3 cm. Die nicht dachziegelförmig übereinander angeordneten 8 bis 13 äußeren Hüllblätter sind hellgrün, manchmal im Licht auch violett erscheinend und eilanzettlich bis schmal eiförmig. Die äußeren Hüllblätter sind bei einer Länge von 5,5 bis 7 mm und einer Breite 1,2 bis 2,2 (1 bis 2,5) mm kürzer, als die inneren Hüllblätter. Sie sind leicht angedrückt bis aufrecht, der Rand ist weißlich hellgrün oder häutig. Die inneren Hüllblätter sind 8 bis 12 mm lang mit einem dünnen 1 bis 2 mm langen Horn am oberen Ende. Die Zungenblüten sind hellgelb, die inneren sind dabei gelb gezähnt am oberen Ende. Die Narben sind intensiv gelb.[2]

Achänen des Russischen Löwenzahns

Frucht[Bearbeiten]

Die hell-gräulich strohbraune Achäne verschmälert sich bei einer Länge von 2,8 bis 3,8 mm und einer Breite von 0,7 bis 0,9 mm allmählich zu einer fast zylindrischen, zapfenartigen Form. Sie sind mehr oder weniger dicht bedornt, und sind kegelförmig abgeflacht mit einem 3 bis 4,5 mm langen Schnabel. Der weiße Pappus weist eine Länge von 3,5 bis 4,5 mm auf.[2]

Chromosomenzahl[Bearbeiten]

Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 16 bei einem diploiden Chromosomensatz.[2]

Vorkommen[Bearbeiten]

Die ursprüngliche Heimat ist Kasachstan und das westliche Xinjiang.[2]

Der Russische Löwenzahn bevorzugt sandige bis lehmige und tonige Böden, die gut drainiert, aber feucht sind. Er kann auf sauren, neutralen und sogar stark alkalischen Böden wachsen. Es wächst sowohl im Halbschatten, als auch im vollen Tageslicht.[3]

Taxonomie[Bearbeiten]

Die Erstbeschreibung von Taraxacum kok-saghyz erfolgte 1933 durch Leonid Efimovic Rodin in Trudy Botanicheskogo Instituta Akademii Nauk S S S R., Ser. 1, in: Flora i Sistematika Vysshikh Rastenii. Moscow & Leningrad, 1, S. 187–189, Figur 1–10. Ein Synonym für Taraxacum kok-saghyz Rodin ist Taraxacum brevicorniculatum Korol..[4]

Das Artepitheton kok-saghyz leitet sich vom türkischen kok-sagiz ab, wobei die türkischen Wörter kok Wurzel und sagiz Gummi bedeuten.[5]

Verwendung[Bearbeiten]

Der Russische Löwenzahn wurde in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Kasachstan entdeckt, als nach einer einheimischen Quelle für Kautschuk in der damaligen Sowjetunion gesucht wurde. Bereits 1941 wurde 30% des sowjetischen Gummiverbrauchs auf 67.000 ha erzeugt.[6] Auch in anderen Ländern wurde er erforscht und angebaut, so auch im Deutschen Reich unter dem Projekt Kok-Saghys. Unter anderem wurde 1942 im KZ Auschwitz eine Forschungsstation für Pflanzenkautschuk eingerichtet, in der 150 bis 250 Zwangsarbeiter eingesetzt wurden.[7] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er aber bald von Hevea brasiliensis verdrängt, auch in der Sowjetunion. Erst in den letzten Jahren wird er wieder als Kautschukersatz in Erwägung gezogen.[6]

Kautschukersatz[Bearbeiten]

Nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten, wird der Russische Löwenzahn seit einigen Jahren wieder als potentielle Rohstoffpflanze für Kautschuk betrachtet und in Europa und Nordamerika erforscht. Ziel der Forschungen ist es, aus dem Russischen Löwenzahn verwertbaren Löwenzahnkautschuk als Alternative zum heute gebräuchlichen Naturkautschuk aus dem Milchsaft des Kautschukbaums (Hevea brasiliensis) und synthetischen Kautschuk zu gewinnen. So liefert der Russische Löwenzahn 1 Milliliter Kautschuk pro Pflanze.[1] Zudem bietet der kurze Lebenszyklus von sechs bis acht Monaten und die Möglichkeit der Gewebekulturen zusätzliche Vorteile gegenüber anderen potentiellen Gummilieferanten.[6] Die Gummipartikel, die aus dem Russischen Löwenzahn gewonnen werden, sind denen aus Hevea brasiliensis sehr ähnlich. Sie enthalten sehr reinen Poly(cis-1,4-isopren) mit einer hohen molekularen Masse.[8]

Sonstige Verwendung[Bearbeiten]

Die Hauptwirkstoffe sind Sesquiterpenlacton-Bitterstoffe (Tetrahydroridentin B, Taraxacolid-β-D-glucodid und andere), ein Phenolcarbonsäurederivat (Taraxosid), und Triterpene (Taraxasterol und dessen Derivate) und Inulin. Dadurch stellt der Russische Löwenzahn ein Interesse für die pharmazeutische Industrie dar.

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Xuejun Ge, Jan Kirschner & Jan Štěpánek: Taraxacum: Taraxacum kok-saghyz, S. 312 - textgleich online wie gedrucktes Werk, In: Wu Zheng-Yi, Peter H. Raven & Deyuan Hong (Herausgeber): Flora of China, Volume 20–21 - Asteraceae, Science Press und Missouri Botanical Garden Press, Beijing und St. Louis, 12. November 2011. ISBN 978-1-935641-07-0 (Abschnitt Beschreibung und Verbreitung)
  • Jan B. van Beilen & Yves Poirier: Guayule and Russian Dandelion as Alternative Sources of Natural Rubber. In: Critical Reviews in Biotechnology, Volume 27, Nr. 4, 2007, S. 217-31: doi:10.1080/07388550701775927. (Abschnitt Verwendung)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Kern, Timo, biotechnologie.de (Hrsg.): Förderbeispiel Latex aus Löwenzahn. 2011 ([1]).
  2. a b c d e f Xuejun Ge, Jan Kirschner & Jan Štěpánek: Taraxacum: Taraxacum kok-saghyz, S. 312 - textgleich online wie gedrucktes Werk, In: Wu Zheng-Yi, Peter H. Raven & Deyuan Hong (Herausgeber): Flora of China, Volume 20–21 - Asteraceae, Science Press und Missouri Botanical Garden Press, Beijing und St. Louis, 12. November 2011. ISBN 978-1-935641-07-0
  3. Taraxacum kok-saghyz bei Plants For A Future
  4. Taraxacum kok-saghyz bei Tropicos.org. Missouri Botanical Garden, St. Louis
  5. middleeastexplorer. abgerufen am 24. Dezember 2011
  6. a b c  van Beilen JB, Poirier Y,: Guayule and Russian Dandelion as Alternative Sources of Natural Rubber. In: Crit. Rev. Biotechnol.. 27, 2007 ([2]).
  7. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 18 vom 4. Mai 2008, Seite 67
  8. T. Schmidt, M. Lenders, A. Hillebrand, N. van Deenen, O. Munt, R. Reichelt, W. Eisenreich, R. Fischer, D. Prüfer, C.S. Gronover: Characterization of rubber particles and rubber chain elongation in Taraxacum koksaghyz. BMC Biochem., 2010. Online.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Löwenzahn – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Russischer Löwenzahn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien