Russischsprachige Bevölkerungsgruppen in Deutschland

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Als russischsprachige Bevölkerungsgruppen in Deutschland werden, unabhängig von ethnischen oder nationalen Zuordnungen, in Deutschland lebende Bevölkerungsgruppen bezeichnet, die auch in Deutschland untereinander überwiegend Russisch sprechen.

Einer Berechnung von Aleksandr Arefjew, dem stellvertretenden Direktor des soziologischen Forschungszentrums des russischen Volksbildungsministeriums, zufolge lebten in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2007 etwa sechs Millionen Russischsprecher, darunter angeblich drei Millionen ethnische Russen, die aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zugewandert sind.[1] Gegen Arefjews Zählweise wendet Wolf Oschlies ein, dass hier „offenkundig eine Verwechselung vor[liegt]: Man stellt sich Deutschland wie das Baltikum, Kasachstan und andere Länder mit starken russischen Volksgruppen vor, übersieht dabei aber, dass die Russischsprachigen in Deutschland [...] kein großes Interesse daran haben, ihre russische Sprachkompetenz zu bewahren und an nachfolgende Generationen weiterzugeben.“[2]

Im Jahr 2012 waren von den drei Millionen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland Zugewanderten 500.000 russische Staatsbürger.[3] Die Zuwanderer kamen in den Jahren kurz vor und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks bzw. der Sowjetunion nach der Wiedervereinigung in die Bundesrepublik Deutschland. Die meisten reisten als Russlanddeutsche oder als russischsprachige Juden bzw. als deren Familienangehörige ein (darunter viele Russen, Ukrainer, Weißrussen und Menschen aus anderen Völkern der ehemaligen UdSSR). Viele der ethnischen Russen, vor allem die Jüngeren und Gebildeteren unter ihnen, wollen sich Oschlies zufolge „so rasch wie möglich in ihre neue Umgebung integrieren und sich kulturell assimilieren. Sie wollen gar nicht als Russen erkannt werden, verschweigen ihre russische Herkunft und als ‚Propagandisten‘ für Sprache und Kultur der Russen sind sie ein Totalausfall.“ Auch Arefjew geht von einem stetigen starken Rückgang der Russischsprecher in Deutschland und Westeuropa aus. Oschlies' These, wonach Menschen, die mit der russischen Sprache aufgewachsen sind, in Deutschland schnell auf deren Gebrauch verzichteten und wonach eine solche Assimilation positiv zu bewerten sei, widerspricht Natalie Hübner in einer Studie für die Fachhochschule Köln.[4] Für Hübners These spricht, dass Personen, die auch Russisch sprechen können, in der stark exportorientierten deutschen Wirtschaft Wettbewerbsvorteile gegenüber Personen haben, auf die das nicht zutrifft, und dass das immer mehr Betroffenen bewusst wird.

Der frühere niedersächsische Innenminister Heiner Bartling stellte 2003 fest, dass sich in den vorangegangenen Jahren bei den Spätaussiedlern der Anteil der deutschstämmigen Familienangehörigen auf 25 Prozent (bei folglich 75 Prozent nicht-deutschen Familienangehörigen) verändert habe.[5] Besonders bei den letzten Aussiedler-Jahrgängen war bei der Einreise in Deutschland weitestgehend Russisch die bevorzugte Umgangssprache. Sie blieb es für viele auch danach, vor allem in Regionen mit einem hohen Anteil von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion.[6]

Ein relativ neuer Trend besteht darin, dass Deutsche aus Russland, die sich primär als Deutsche betrachten, die spezifischen Sozialisationserfahrungen, die sie selbst oder ihre Vorfahren in der ehemaligen Sowjetunion gemacht haben, in Deutschland pflegen und nutzen. Das betrifft einerseits ihre Russischkenntnisse, die einige als einen wertvollen Teil ihres Humankapitals zu schätzen gelernt haben, andererseits kulturelle Traditionen, die sie in einem von Russen dominierten Umfeld erworben haben, und landeskundliche Kenntnisse.[7]

Geschichte[Bearbeiten]

Bei den Auswanderungen aus Russland und der Sowjetunion nach Deutschland bzw. in den deutschen Sprachraum seit Anfang des 20. Jahrhunderts werden vier Einwanderungswellen unterschieden.

Die erste Welle war die Folge der russischen Revolution 1917. In den 1920er Jahren lebten viele Exilrussen, größtenteils geflohene Gegner der Bolschewiken, Adlige und Bürgerliche aus Mittel- und Oberschicht, im Deutschen Reich, rund 360.000 allein im Raum Berlin. Darunter waren der Schriftsteller Vladimir Nabokov, der Maler und Kunsttheoretiker Wassily Kandinsky und der Unternehmer Leo Leontowitsch Gorbatschow (Betreiber der gleichnamigen Wodkadestillation). Aus dieser Zeit rührt die Bezeichnung "Charlottengrad" für Berlin-Charlottenburg. Die meisten verließen das Deutsche Reich bereits mehrere Jahre vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933.

Zu der zweiten Welle zählen Kriegsgefangene und vor allem 200.000 bis 250.000 Verschleppte und Überläufer im Zweiten Weltkrieg, die nach dem Krieg in Deutschland blieben (vgl. auch: Displaced Persons).

Die dritte Welle bestand aus sogenannten Dissidenten – Intellektuelle, deren Werke gegen die Leitlinien der kommunistischen Diktatur in der Sowjetunion verstießen und die deswegen in den Westen ins Exil gingen. Oft wurden sie aus der Sowjetunion ausgebürgert. Unter diesen waren Philosophen und Schriftsteller, Lew Kopelew, Alexander Sinowjew, Friedrich Gorenstein und Wladimir Woinowitsch. Diese Welle hatte ihren Höhepunkt in den 1970er und 1980er Jahren. Außerdem gelang es einigen Russen während des so genannten Kalten Krieges, sich in der Bundesrepublik Deutschland niederzulassen.

Die vierte Welle schließlich begann ebenfalls nach dem Zweiten Weltkrieg und nahm erst mit der Perestroika-Ära Ende der 1980er Jahre Massencharakter an. Die große Welle dauerte bis Mitte/Ende der 1990er Jahre an (seit 1995 von Jahr zu Jahr stark abnehmend). In dieser Zeit sind vergleichsweise mehr Menschen als bisher nach Deutschland gekommen. Im Gegensatz zu den bisherigen Einwanderungswellen haben die heutigen Einwanderer aus Russland keine so klare Charakterisierung, die Mischung ist viel bunter. Der größte Teil der nach Deutschland kommenden Russen besteht aus russischen Familienangehörigen von Juden oder Russlanddeutschen, welche selbst wiederum Wert auf ihre deutsche Nationalität legen, die sie von anderen Einwanderern (auch ihren mitreisenden russischen Verwandten) unterscheidet, obwohl auch Russlanddeutsche in der Regel schon 1990 bei ihrer Einreise nach Deutschland besser Russisch als Deutsch sprachen. Da die als solche anerkannten RusslanddeutschenDeutsche“ im Sinne von Art. 116 GG und „deutsche Volkszugehörige“ im Sinn von § 6 BVFG sind und bei der Einreise automatisch deutsche Staatsbürger werden, können auch die mitreisenden russischen Familienangehörigen als Ehepartner von Deutschen erleichtert eingebürgert werden. Dies gilt für andere nicht-deutsche Einwanderer aus Russland, etwa jüdische Kontingentflüchtlinge, nicht.

Rechtliche Grundlagen für die „vierte Welle“[Bearbeiten]

Seit dem Beginn der Perestroika 1986 zogen erste größere Gruppen von Bürgern der Sowjetunion nach Deutschland. Dabei wird zwischen deutschen Aussiedlern (seit dem 1. Januar 1993 Spätaussiedler) sowie ihren russischen Angehörigen auf der einen Seite und jüdischen Kontingentflüchtlingen auf der anderen Seite unterschieden. Die ausgesiedelten Russlanddeutschen und ihre nicht-deutschen Familienangehörigen werden als Deutsche im Sinne des Grundgesetzes behandelt. Sie haben daher unmittelbar nach der Einreise einen Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft.

Seit 1991 haben jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion die Möglichkeit, als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland einzureisen. Grundlage hierfür ist ein Beschluss der Innenministerkonferenz vom 9. Januar 1991, nach dem das HumHAG (Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge) auf diesen Personenkreis entsprechende Anwendung findet. Das HumHAG ist durch Artikel 15 Abs. 3 Nr. 3 des Zuwanderungsgesetzes außer Kraft getreten. Juden aus der ehemaligen UdSSR außer Estland, Lettland und Litauen werden nach §23 (2) AufenthG aufgenommen. Der Beschluss der Innenministerkonferenz wurde als eine Übereinkunft der Regierung Kohl und des Zentralrates der Juden in Deutschland getroffen.

Beendigung der „vierten Welle“ durch Reform des Vertriebenenrechts[Bearbeiten]

In einer 2003 veröffentlichten Befragung der Friedrich-Ebert-Stiftung gaben 64 Prozent der als Spätaussiedler Anerkannten zu, sie hätten in ihren Familien nicht Deutsch gesprochen[8].

Die Menschen, die jetzt noch nach Deutschland aussiedeln wollen, müssen die Behauptung, deutsche Volkszugehörige und nicht bloß russifizierte Deutschstämmige zu sein, dadurch glaubhaft machen, dass sie die ausreichende Beherrschung der deutschen Sprache nachweisen. Wenn ihre Sprachkompetenz unzureichend ist oder wenn ihnen nachgewiesen wird, dass sie ihre Sprachkenntnisse im Fremdsprachenunterricht einer Schule oder durch außerschulische Deutschkurse erworben haben, kann ihnen vorgehalten werden, dass ihre Eltern ihnen nicht hinreichend die deutsche Sprache vermittelt haben.

Die Konzentration auf die Deutschkenntnisse der Ausreisewilligen wurde 2001 bei den Beratungen zur Neufassung des § 6 BVFG im Deutschen Bundestag folgendermaßen begründet: „Spätaussiedler würden kaum noch als (ehemalige) Volksdeutsche wahrgenommen werden können, wenn sie ohne Deutschkenntnisse als solche anerkannt werden könnten; außerdem würde ihre Integration zusätzlich erschwert. Denn insbesondere fehlende Deutschkenntnisse stellen sich bei den russlanddeutschen Spätaussiedlerfamilien zunehmend als starkes Hindernis für deren Integration in Deutschland heraus. Dadurch entstehen Belastungen für die Sozialhaushalte, welche vor allem dann schwer zu erklären sein werden, wenn die Anerkennung als Spätaussiedler trotz fehlender Deutschkenntnisse möglich sein soll.“[9]

Um Deutschstämmige vor allem in Polen und in Russland zum Verbleib in ihren jetzigen Wohngebieten zu motivieren, hat die Bundesregierung auf der Grundlage des § 96 BVFG ein System von Bleibehilfen entwickelt.[10]

Die Einreise-Anträge sowohl von Deutschstämmigen als auch Kontingentflüchtlingen werden inzwischen in der deutschen Botschaft des Ausreiselandes gestellt. Die Bearbeitungszeit kann dabei bis zu einigen Jahren betragen. Angesichts der durchschnittlich schlechten und bei den meisten Antragstellern gar nicht vorhandenen Deutschkenntnisse[11] ist die Wahrscheinlichkeit, als Spätaussiedler anerkannt zu werden, sehr gering geworden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Russische Sprache in der Welt, Bericht des Russischen Außenministeriums, Moskau 2003 (russisch)
    „По оценочным данным, русским языком в той или иной степени владеют около 6 млн. человек, в т.ч. 3 млн. – выходцы из республик бывшего СССР“
  2. Wolf Oschlies: Lingua incognita?. In: Eurasisches Magazin. Ausgabe 3/2010
  3. Botschaft der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland: Über das Verhältnis von Russen und Deutschen. Der Botschafter Wladimir M. Grinin im Interview für ‚Russland HEUTE‘. April 2012
  4. Natalie Hübner: Bedeutung der russischen Sprache
  5. Michael Strauß (Hrsg.): Der Gewalt Paroli bieten. LIT-Verlag. 2003. S.35
  6. Renee Willenbring: Russen auf dem platten Land. Deutschlandradio Kultur. 12. Mai 2009
  7. Teilhabe am Leben in der Stadt. „Deutsche aus Russland“ – Ansprechpartner und Vermittler in Lohne. Nordwestzeitung, 12. Juni 2012
  8. Wolfgang Gärthe: Feststellung von Qualifikationen und Kenntnissen von Migrantinnen und Migranten: Assessmentverfahren als Grundlage von Integrationsplänen, S. 32 (PDF; 248 kB)
  9. Deutscher Bundestag: Bericht der Abgeordneten Günter Graf (Friesoythe), Hartmut Koschyk, Marieluise Beck (Bremen), Dr. Max Stadler und Ulla Jelpke. Drucksache 14/6573 (PDF; 84 kB)
  10. Bundeszentrale für politische Bildung: Deutsche „Bleibehilfen“ für die Minderheiten in den Herkunftsländern
  11. Gerd Stricker: Deutsche Geschichte im Osten Europas: Rußland. Berlin. Siedler-Verlag 1997