Ruttershausen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum österreichischen Landrat und Bücherzensor siehe Roger von Ruttershausen.

50.66164518.7106784169Koordinaten: 50° 39′ 42″ N, 8° 42′ 38″ O

Ruttershausen
Stadt Lollar
Höhe: 169 m
Fläche: 2,69 km²
Einwohner: 1300 (2006)
Eingemeindung: 31. Dezember 1971
Postleitzahl: 35457
Vorwahl: 06406

Ruttershausen ist ein Ortsteil der Stadt Lollar im Landkreis Gießen in Mittelhessen, bis Ende 1971 war es eine eigenständige Gemeinde. Ruttershausen hat etwa 1.300 Einwohner (Stand 2006) und liegt zwischen den Universitätsstädten Gießen und Marburg unmittelbar an der Lahn, 10 km nördlich von Gießen, 22 km südlich von Marburg. Der Ort wurde 1256 erstmals urkundlich erwähnt (als Ruthartishusen), ist aber wahrscheinlich schon in fränkischer Zeit gegründet worden. Der Ortskern und Siedlungsschwerpunkt liegt westlich der Lahn. Zur Gemarkung Ruttershausen gehört der Kirchberg östlich der Lahn mit einer kunsthistorisch bedeutsamen spätgotischen Hallenkirche, die die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes darstellt. Der Kirchberg war ein früher Gerichtsort und das Zentrum eines Kirchspiels, dem außer Ruttershausen etliche umliegende Dörfer und Gemeinden angehörten.

Geographische Lage[Bearbeiten]

Ruttershausen liegt in einer breiten Niederterrassen-Ackerebene des Lahntals, der sogenannten Talweitung von Ruttershausen. Der schon an seinem Bebauungstyp als Real-Erbteilungsdorf erkennbare Ort ist vorwiegend zu einem Wohnplatz für Arbeiter und Angestellte geworden, zunächst mit Arbeitsplätzen in Lollar (Buderus-Werke), dann aber auch in Gießen, Wetzlar und Marburg. Der moderne Siedlungsausbau erfolgte seit den 1970er Jahren hangauf gegen den Lützen- und Altenberg. In Ruttershausen gibt es nur noch einen hauptberuflichen Agrarbetrieb, einen Aussiedlerhof in Kirchberg. Der Ort dürfte schon in fränkischer Zeit als rechtslahnische Sicherung der hier den Fluss auf einer Furt querenden alten Höhenstraße Herborn – Amöneburg bestanden haben, die zwischen dem Altenberg und dem Lützenberg hindurch nach Ruttershausen – Kirchberg und weiter über Staufenberg – Mainzlar führte, wo sie Anschluss an die "Langen Hessen" fand.

Bis zum Bahnbau 1846/47 floss die Lahn in einem Bogen unmittelbar am Fuß des Kirchberger Kopfes vorbei, so dass zwischen diesem und Ruttershausen eine breite Aue lag, von der aus bei Hochwasser das auf der Nierderterrasse gelegene Dorf oft überschwemmt wurde. Mit dem Abschneiden der Flussschlinge durch die Bahntrasse wurde ein neuer, geradliniger Verlauf erzielt, der direkt am Dorf vorbei führt. Seitdem war Ruttershausen gegen Hochwasser weitgehend geschützt, da die Wassermassen schneller abfließen konnten.

Gegenüber Ruttershausen erhebt sich auf dem östlichen Lahnufer unmittelbar aus der Lahnaue die steile Felskuppe des Kirchbergs. Die naturräumliche wie kultur- und politisch-geographische Lage lässt die Lahntalenge von Ruttershausen-Kirchberg zur deutlichen Abgrenzung zwischen dem Marburger und Gießener Lahntal werden. Seine exponierte Lage – die wegen der Lahnbegradigung heute nicht mehr so deutlich erkennbar ist – prädestinierte den Kirchberg wohl schon in germanischer Zeit für die Anlage einer Gerichts- und Kultstätte.

Historischer Überblick[Bearbeiten]

Vor dem 12. Jahrhundert[Bearbeiten]

Das Gebiet um Lollar und Staufenberg war schon in der Altsteinzeit von Neandertalern besiedelt. Dafür gibt es mehrere archäologische Belege, insbesondere die Funde vom Totenberg beim nahe gelegenen Staufenberg-Treis (datiert 120.000–80.000 v. Chr.).

Für Ruttershausen selbst wird als frühester Fund eine Axt aus der Jungsteinzeit genannt, die auf die Zeit zwischen 4000 und 3000 v. Chr. datiert wurde. Allerdings ist weder der genaue Fundort, noch der Zeitpunkt des Fundes (vor 1938, da in diesem Jahr erstmals erwähnt), noch der Verbleib geklärt. Den ältesten gesicherten archäologische Beleg für Ruttershausen stellen zwei bronzezeitliche Hügelgräber aus der Zeit um 1500 v. Chr. im Ruttershäuser "Wehrholz" dar. Die keltische Besiedlung begann in diesem Gebiet um 800 v. Chr., bestes Beispiel ist die Keltenburg auf dem Dünsberg. Auf dem Altenberg bei Ruttershausen gab es wahrscheinlich auch eine keltische Siedlung, von ihr sind aber bisher keine Bodenfunde nachgewiesen.

Das Gebiet um Ruttershausen gehörte in der fränkischen Zeit (600–800 n. Chr.) zum Oberlahngau, der seinen Verwaltungssitz auf der Amöneburg hatte. Als untere Verwaltungseinheit bestand möglicherweise schon das später so genannte Centgericht Kirchberg. Der Kirchberger Felsen über der Lahn, auf dem heute die um 1500 erbaute spätgotische Hallenkirche steht (siehe Kirchberg), wurde wahrscheinlich bereits in vorchristlicher Zeit als germanische Kult- und Gerichtsstätte genutzt. Dort wurde später im Zuge der Christianisierung zwischen 700 und 800 eine erste Kirche errichtet (allerdings ist die vermutete Gründung durch iro-schottische Mönche des Bonifatius-Schülers Lullus um 780 ungesichert). Für eine fränkische oder sogar vorfränkisch-germanische Gründung spricht die frühe Bedeutung Kirchbergs als Mittelpunkt eines wahrscheinlich von Mainz aus eingerichteten Kirchspiels und als Gerichtsort (Centgericht). In seiner für die Siedlungs- und Territorialentwicklung wesentlichen Bedeutung als frühestes Kirchspielzentrum an der Nordbegrenzung des Gießener Beckens ist Kirchberg das Gegenstück zu Großen-Linden für das südliche Gießener Becken. Die territorialen Auseinandersetzungen um diese Schlüsselstelle zwischen Hessen und dem Erzbistum Mainz verlagerten sich im 14. Jahrhundert auf eine solche zwischen Hessen und Nassau.

12. bis 14. Jahrhundert[Bearbeiten]

  • 1227 Der Ruttershäuser Kirchberg wird erstmals in einer Urkunde vom 2. März 1227 erwähnt, in der ein Plebanus (Gemeindepfarrer) Reinherus de Kyrberg als Zeuge in einem Rechtsstreit unterschreibt.
  • 1256 Ruttershausen wird erstmals im Testament des Konrad von Merenberg erwähnt. Dieser war einer der Herren auf der Burg Gleiberg und vermachte darin seine Besitztümer in villa Ruthartishusen (also im Dorf Ruttershausen) an den Deutschen Orden in Marburg. Diese Urkunde ist vom 1. Oktober 1256 datiert und befindet sich heute im Hessischen Staatsarchiv in Marburg. Die Urkunde sagt lediglich aus, dass es zu diesem Zeitpunkt das Dorf Ruttershausen schon gab, aber nicht wann es gegründet wurde. Die historische Forschung geht davon aus, dass hessische Orte mit der Endung -hausen wahrscheinlich aus fränkisch-merowingischer Zeit (um 600–750 n. Chr.) stammen. Der Name erklärt sich daher, dass ein Mann namens Ruthard einen Hof gegründet hatte, um den herum sich später das Dorf entwickelte.
  • 1328 Die Merenberger Grafen sterben im Mannesstamm aus, das Gericht Kirchberg mit Ruttershausen fällt durch Heirat der Erbin an das Haus Nassau-Weilburg.
  • 1366 Johann von Nassau lässt eine Burg bei Kirchberg bauen, die bereits 1370 vom hessischen Landgrafen Heinrich II. wieder zerstört wird, der dabei "20 wehrhafte Männer zu Gefangenen machte".
  • 1396 Am 21. Juli 1396 tauscht Landgraf Hermann II. von Hessen mit seinem Schwager Philipp von Nassau-Weilburg die Hälfte von Großen-Linden gegen die Hälfte des Gerichts Kirchberg. Es entsteht das Gemeine Land an der Lahn (gemein bedeutet hier gemeinsamer Besitz).

15. bis 17. Jahrhundert[Bearbeiten]

  • 1495–1508 Die heutige spätgotische Hallenkirche in Kirchberg wird erbaut. Dabei werden Teile eines Vorgängerbaues, insbesondere des Turmes, verwendet, ebenso die Glocken, die aus den Jahren 1310, 1380 und 1432 stammen.
  • 1527 Im Kirchspiel Kirchberg – und damit in Ruttershausen – wird die Reformation eingeführt.
  • 1568 Nach dem Tod Landgraf Philipps des Großmütigen, der letztmals alle hessischen Lande unter seiner Regentschaft vereinigt hatte, wird die Landgrafschaft unter seinen vier Söhnen aufgeteilt. Das Gemeine Land an der Lahn kommt mit dem übrigen damaligen Oberhessen an Landgraf Ludwig IV. von Hessen-Marburg.
  • 1577 In Kirchberg wird erstmals eine Schule eingerichtet, die aber nur kurzzeitig bis 1582 besteht. 1586 erhalten die Kinder von Ruttershausen das Recht, in Staufenberg zur Schule zu gehen.
  • 1585 Das Gemeine Land an der Lahn wird zwischen Hessen-Marburg und Nassau-Weilburg aufgeteilt. Damit geht das Gericht Kirchberg in den alleinigen Besitz von Hessen-Marburg über.
  • 1591 Wilhelm Dilich veröffentlicht in diesem Jahr seine Synopsis descriptionis totius Hassiae mit 50 Federzeichnungen hessischer Städte. Darunter befindet sich auch eine Ansicht von Staufenberg mit dem Kirchberg, der Lahn und Ruttershausen im Vordergrund. Auf dieser Zeichnung, gleichzeitig die älteste Ansicht des Dorfes, sieht man bereits eine Brücke über die Lahn und in Ruttershausen den Turm des adeligen Gutshofes.
  • 1604 Nach dem Tod von Landgraf Ludwig IV. wird die Landgrafschaft Hessen-Marburg unter seinen beiden Neffen, den Landgrafen von Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, aufgeteilt. Ruttershausen gehört seitdem zu Hessen-Darmstadt. Um das oberhessische Erbe werden in der Folge langwierige kriegerische Auseinandersetzungen ("Hessenkrieg") zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt geführt.
  • 1618–1648 Der Dreißigjährige Krieg trifft auch Ruttershausen und Kirchberg mit verheerenden Folgen. Im Kirchspiel wütet die Pest, 1629 derart massiv, dass die Toten nicht mehr registriert werden, 1635 sterben mehr als 250 Personen daran. 1636 lagern schwedische Truppen im Kirchspiel, 1640 fügen bayrische Truppen Ruttershausen und den umliegenden Dörfern großen Schaden zu.
  • 1645–1648 Gegen Ende des 30-jährigen Krieges kulminiert die Auseinandersetzung um das oberhessische Erbe im regionalen Hessenkrieg. Dabei wird Ruttershausen bis auf wenige Gebäude eingeäschert und auf dem Kirchberg der Pfarrhof verwüstet. Im Laufe dieser kriegerischen Auseinandersetzung wird auch die Burg Gleiberg zerstört (1646) und am 27. Mai 1647 die Staufenberger Oberburg "sambt dem Thurm gantz übern Haufen geworfen und eingeäschert". 1620, zu Anfang des 30-jährigen Krieges, hatte Ruttershausen 125 Einwohner, 1640 noch 81 und 1660, zwölf Jahre nach Kriegsende, nur noch 72. Erst 1740 waren es wieder 140 Einwohner.

18. Jahrhundert[Bearbeiten]

  • 1748–1752 Ein fast 50-jähriger Streit zwischen Ruttershausen und Odenhausen um ein 20 Morgen großes Stück Wald oberhalb des Wehrholzes wurde 1748 beendet. Ruttershausen erhält zwölf Morgen, Odenhausen acht. Eine ähnliche Auseinandersetzung entstand um den Mausberg (Ruttershäuser Kopf), der zwar zu Ruttershausen gehörte, aber in der Odenhäuser Gemarkung und damit auf nassauischem Hoheitsgebiet lag. Die dort 1750 neu erlassene Forstordnung verbot den Ruttershäusern die Beweidung. Der Streit zog sich bis in das Jahr 1752 hin, danach wurden der Ruttershäuser Besitz am Mausberg und die damit verbundenen Weiderechte endgültig anerkannt.
  • 1756–1763 Der Siebenjährige Krieg trifft auch Oberhessen hart. Im August 1757 marschiert eine 15.000 Mann starke Armee durch das Kirchspiel Kirchberg. 1758 kommt es zu einem Scharmützel vor der Tiefenbach. 1759 liegen sich über vier Monate lang Franzosen auf der linken Lahnseite und Engländer und Braunschweiger auf dem rechten Lahnufer gegenüber. Obwohl es dabei zu keinen Kampfhandlungen kommt, ist der Schaden groß. Die Versorgung dieser Armeen fordert der Bevölkerung das letzte ab und zieht auch den Wald in starke Mitleidenschaft.
  • 1761–1780 Noch einmal kommt es zum Streit zwischen Ruttershausen auf der einen und dem nassauischen Odenhausen auf der anderen Seite um Weiderechte im Wald. Diesmal geht es um den "Hohenschied", wo Ruttershausen die Weiderechte innehat. 1761 wird die Beweidung des Hohenschieds durch die nassauische Regierung für fünf Jahre untersagt, damit sich der Wald von den Kriegsschäden des Jahres 1759 erholen kann. Aber auch nach Ablauf der Sperrfrist verbietet Nassau die Wiederaufnahme der Beweidung. Erst nach fast 20 Jahren langwierigen Streits erhält Ruttershausen 1780 wieder seine Rechte zurück.

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

  • 1794 – 1814 Im Verlauf der französischen Revolutionskriege, später der Napoleonischen Kriege, kommt es über Jahre hinweg immer wieder zu Truppendurchmärschen und Einquartierungen der verschiedenen Kriegsparteien. Teilweise steckt das Dorf das ganze Jahr über voller Truppen, die Verpflegung und Quartier für Mensch und Tier, Brennholz, Vorspanndienste, Rindvieh, Pferde und vor allem Geld fordern. Bereits 1806 hat die Gemeinde "keinen Pfennig mehr in der Kasse" und bis 1814 betragen die Schulden 6.800 Gulden. Selbst 25 Jahre später ist diese Summe noch nicht abgetragen, 1838 sind noch Schulden von 930 Gulden vorhanden. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig (Oktober 1813) übernachtet Napoleons Bruder Jerome ("König Lustig") auf der Flucht vor den Truppen der Verbündeten im damaligen Gasthaus "Zum Adler" in Kirchberg (Hausname "Wirtsbauer").
  • 1832 In Ruttershausen wird die erste Schule gebaut, die Bestand hat.
  • 1846 Der Bau der Main-Weser-Bahn beginnt. Für den Bahnbau wird die Lahn bei Ruttershausen begradigt und fließt seitdem direkt am Dorf vorbei. 1850 fährt der erste Zug in Lollar ein. Ab dem 15. Mai 1851 kann die Strecke Kassel – Frankfurt durchgehend befahren werden. Obwohl die Bahnstrecke durch die Ruttershäuser Gemarkung führt, erhielt Ruttershausen keinen Bahnhof oder Haltepunkt. Grund war wohl die Nähe des Lollarer Bahnhofs.
  • 1853 Bau einer neuen Holzbrücke über die Lahn. Es wird Brückengeld erhoben.
  • 1869 Bau der Talstraße nach Odenhausen.
  • 1887 Der Ruttershäuser Männergesangverein "Frohsinn" wird gegründet. Nach dem Ersten Weltkrieg schließen sich dieser Verein und ein weiterer, 1906 gegründeter Verein namens "Concordia", zum "Gesangverein Ruttershausen" zusammen, der damit der älteste Verein des Dorfes ist. 1907 werden zwei Turnvereine gegründet.

20. Jahrhundert[Bearbeiten]

  • 1901 Die 1853 erbaute Holzbrücke über die Lahn wird abgerissen und durch die heute noch bestehende Steinbrücke ersetzt. Im Dorf leben 387 Einwohner.
  • 1912/13 Ruttershausen erhält 1912 elektrisches Licht. 1913 wird die "neue" Schule errichtet, die bis 1970 genutzt wird.
  • 1914–1918 Im Ersten Weltkrieg fallen insgesamt 30 junge Männer aus Ruttershausen an den Fronten. Mit der Abschaffung der Monarchie und Abdankung des Großherzogs gehört Ruttershausen nun zu dem aus dem Großherzogtum hervorgegangenen Volksstaat Hessen.
  • 1933 Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 hat zunächst keine größeren Auswirkungen für Ruttershausen. Anders als in vielen Städten und Gemeinden bleibt der Bürgermeister im Amt.
  • 1942 Zwei Ruttershäuser jüdischen Glaubens fallen dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. Beide werden im Zuge der sogenannten "Endlösung" am 14. September 1942 von der Gestapo abgeholt und später ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie in den folgenden beiden Jahren umkommen.
  • 1939–1945 Im Zweiten Weltkrieg ist das Dorf – im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg – auch unmittelbar von den Kriegsgeschehnissen betroffen. Neben den ständigen Bombenalarmen kommt es zusätzlich gegen Ende des Krieges zu zahlreichen Tieffliegerangriffen. Mit 55 Gefallenen und Vermissten hat sich die Opferzahl des Ortes im Vergleich zum Ersten Weltkrieg nahezu verdoppelt. Am 11. April 1943 wird Ruttershausen von zahlreichen Brandbomben getroffen. Gegen Mittag des 17. Februars 1945 verfehlt ein Bombenteppich das Dorf nur knapp. Am Nachmittag des 28. März 1945 rücken amerikanische Panzertruppen in Ruttershausen ein und besetzen das Dorf. Dabei kommt es jedoch zu keinen Kampfhandlungen, der Krieg ist damit für Ruttershausen vorbei.
  • 1946 Die ersten Heimatvertriebenen und Flüchtlinge treffen ein. Sie werden zunächst im Dorf sowie in speziell dafür errichteten Behelfsheimen in Kirchberg einquartiert. Zahlreiche von ihnen bleiben in Ruttershausen und bauen sich in den folgenden Jahren eine neue Existenz auf. Ruttershausen gehört nun zum von der amerikanischen Militärregierung neu gebildeten Land Hessen.
  • 1953-1957 Bau von Wasserversorgung und Kanalisation.
  • 1970 Nach erfolglosem "Schulstreik" wird die Grundschule Ruttershausen geschlossen. Ab September 1970 gehen nun auch die Grundschüler nach Lollar, nachdem dies für die älteren Jahrgänge schon seit 1961 gilt.
  • 1971 Die Gemeinde Ruttershausen wurde am 31. Dezember im Zuge der Gebietsreform in Hessen auf freiwilliger Basis in die Gemeinde Lollar eingegliedert.[1]
  • 1974 Ein Gemeinschaftshaus wird errichtet.
  • 1976 Ab dem 31. August 1976 wird eine selbstständige Kirchengemeinde Kirchberg-Ruttershausen eingerichtet. Das Baugebiet Am Hellenberg wird ab 1977 erschlossen. Durch die Attraktivität des Neubaugebiets steigt die Bevölkerung Rutershausens bis 1982 auf 1100 Einwohner an.
  • 1991 Die "Querspange", eine neue Verbindung zwischen Ruttershausen und der Kernstadt Lollar, wird fertiggestellt. Sie überbrückt die Bahntrasse und die Lahn. Der alte Bahnübergang zwischen Ruttershausen und Kirchberg wird geschlossen. In der Leipziger Straße entstehr ein großer Kindergarten, in dem auch viele Migrantenkinder betreut werden.
  • 2006 Ruttershausen feiert seine erstmalige urkundliche Erwähnung vor 750 Jahren und wird in das Dorferneuerungsprogramm des Landes Hessen aufgenommen. Die Bevölkerung ist auf 1.300 angewachsen.

Bevölkerungsentwicklung[Bearbeiten]

Bis 1938 lag die Zahl der Einwohner von Ruttershausen nie über 500. Nach dem Kriegsende musste Ruttershausen in großer Zahl Vertriebene und Flüchtlinge aus dem Osten und Südosten aufnehmen. Bis 1980 wuchs die Einwohnerzahl auf 1.000 Personen. Die größte Erweiterung erfuhr Ruttershausen ab 1977 durch das großflächige Neubaugebiet „Am Hellenberg“. Am 31. Dezember 2005 hatte Ruttershausen 1.298 Einwohner, davon 144 ausländische Mitbürger. 707 Bürger sind evangelisch, 192 katholisch, von den restlichen 400 sind viele muslimischen Glaubens.

In Ruttershausen leben 302 Kinder und Jugendliche, dies sind 23 % aller Bürger. 178 Einwohner sind über 67 Jahre alt (14 %). Im Ortskern sind jedoch 93 Einwohner (21 %) über 67 Jahre alt, man kann somit von einer Überalterung des Ortskerns sprechen.

Der demografische Wandel wurde in Ruttershausen seit den 1960er Jahren durch die Arbeits-Migration ("Gastarbeiter") stark beeinflusst. Von insgesamt 134 Anwohnern im vorwiegend von Türken besiedelten Wohngebiet „An der Alten Lahn“ sind 81 (60 %) unter 26 Jahren alt. Im Ortskern sind dazu im Vergleich nur 27 % der Anwohner in dieser Altersklasse. Etwa die Hälfte der in den letzten Jahren in Ruttershausen geborenen Kinder sind muslimischen Glaubens.

Der Kirchberg[Bearbeiten]

Siehe den Hauptartikel   Kirchberg (Lahn)

Oberhalb von Ruttershausen erhebt sich östlich über der Lahn ein Felsvorsprung, der erstmals in einer Urkunde von 1227 als Kirchberg bezeichnet wird. Vermutlich befand sich dort in früherer Zeit ein heidnischer Kult- und Gerichtsplatz (Thingstätte), der dann während der Christianisierung Hessens im 8. Jh. in eine christliche Kultstätte umgewandelt wurde. Diese Kirche wurde zur Mutterkirche des Kirchspiels Kirchberg, zu dem außer Ruttershausen unter anderem auch die Orte Staufenberg, Lollar, Mainzlar, Daubringen, Heibertshausen, Einshausen, Deckenbach und Wißmar gehörten. 1237 war der Kirchberg Gerichtssitz in der Grafschaft Ruchesloh.

Die kunstgeschichtlich bedeutsame spätgotische Hallenkirche auf dem Kirchberg wurde 1495 bis 1508 erbaut. Dabei fanden Teile eines Vorgängerbaues, insbesondere der Turm, Verwendung. Die Glocken stammen aus den Jahren 1310, 1380 und 1432. Zu den wertvollen Ausstattungsstücken gehören das spätgotische große Kruzifix auf dem Altar, das Rokokogehäuse der Orgel und drei farbig gefasste Doppelgrabsteine aus der Zeit um 1600. Im Jahr 2008 wurde der 500. Jahrestag der Kirchweih gefeiert.

Brauchtum und Feste[Bearbeiten]

In Ruttershausen gibt es jährliche Feste, die z.T. eine jahrzehntelange Tradition haben. Im Mittelpunkt steht die Kirmes im Juli, die von den Burschen- und Mädchenschaften des Dorfes – Echte Käs (soll heißen Echte Kerle) und Ruttershäuser Amazonen – organisiert wird. Eine besondere Tradition ist die Versteigerung der unverheirateten, konfirmierten Mädchen und jungen Damen in der Nacht zum 1. Mai durch die Mitglieder der Burschenschaft (sog. Liehverstrich) unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wer den Zuschlag erhält, dekoriert in der Nacht den Eingangsbereich des Wohnhauses der Ersteigerten mit frisch geschlagenen Ästen. Anlässlich der Kirmes in Ruttershausen wird die Maikönigin der Dorfbevölkerung bekanntgegeben und gekrönt, also diejenige, die anlässlich der Versteigerung den höchsten Preis erzielt hat.

Eine weitere Besonderheit ist das sogenannte Steibern: In der Nacht vor der kirchlichen Hochzeit eines Paares werden bewegliche Güter ihrer Haushalte (z.B. Gartenmöbel, Blumenkästen etc.) an einer zentralen Stelle des Ortes – ursprünglich am öffentlichen Aufgebotskasten – zusammengetragen. Der Hintergrund war, dass Ehen mit schlechter Prognose für ihre Haltbarkeit besonders "gestützt" werden mussten, in dem man symbolisch den Aufgebotskasten mit allerlei Hausrat des Bräutigams und der Braut "abstützte".

Kindergarten und Schule[Bearbeiten]

In Ruttershausen gibt es einen Kindergarten, in dem nachmittags auch die Kinder aus den benachbarten Ortsteilen Odenhausen und Salzböden betreut werden. Der Ruttershäuser Kindergarten ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt für die ausländischen Kinder aus dem Wohngebiet „An der Alten Lahn". Sie bekommen im Kindergarten eine frühzeitige Sprachförderung, die dann in der Schule fortgesetzt wird.

Die ehemalige Dorfschule von Ruttershausen diente bis 1970 als Grundschule. Seitdem gehen die Kinder des Dorfes in Lollar zur Grundschule. Die Grundschule Lollar (ca. 330 Schüler) ist eine Ganztagsschule mit einem Betreuungsangebot, das auch die Hausaufgabenbetreuung für Migrantenkinder umfasst.

Die weiterführende Lollarer Clemens-Brentano-Europaschule bietet drei Schulzweige: Gymnasium, Realschule und Hauptschule. Sie ist für die Ruttershäuser Schüler zu Fuß erreichbar.

Verkehrsanbindung[Bearbeiten]

Ruttershausen ist äußerst verkehrsgünstig an das Autobahnnetz angebunden. Die Autobahn Frankfurt-Gießen-Kassel ist über die Autobahnauffahrt Staufenberg in wenigen Minuten erreichbar. Die Strecke Gießen-Marburg-Kassel wird in den nächsten Jahren weiter vierspurig ausgebaut werden. Gießen ist 10 km entfernt, Marburg 22 km, Frankfurt 85 km.

Lollar ist Haltepunkt der Bundesbahnlinie Frankfurt-Kassel, der sogenannten Main-Weser-Bahn. Von hier besteht die Möglichkeit der Verbindung zu den Universitätsstädten Gießen und Marburg. Ein weiterer Haltepunkt der Bahn ist das nahe gelegene Lollar-Friedelhausen. Mehrere Buslinien verbinden Lollar mit Gießen, Marburg und dem Lumdatal.

Tourismus[Bearbeiten]

Ruttershausen liegt direkt an der Lahn und am Lahntal-Radweg, der von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein auf insgesamt 235 km Länge ausgebaut ist. Direkt an Ruttershausen vorbei verlaufen auch der Lumdatal- und der Salzbödetalradweg. Im Sommer fahren täglich über 300 Radtouristen durch Ruttershausen.

Ruttershausen hat einen großen Campingplatz direkt an der Lahn. In Ruttershausen gibt es eine Pension, Lollar bietet ca. 100 Fremdenzimmer. Die Stadt Lollar ist dem Lahntal Tourismus Verband e.V. und dem Tourismusbund Lumdatal angeschlossen. Das Marketing für den Tourismus in der Region wird von Gießen aus organisiert. Ruttershausen ist Ziel- und Startpunkt von Boots- und Paddeltouren auf der Lahn, die von verschiedenen Anbietern organisiert werden.

Kirchbergforum[Bearbeiten]

Eine weitere Attraktion ist die von Heinz Bauer (ehem. Präsident der Universität Gießen) 2000 begründete Kammermusikreihe "Kirchbergforum". Sie bietet ein hohes Niveau durch die dort auftretenden jungen Musiker, die vom Veranstalter bei Musikhochschulen, Wettbewerben und Meisterkursen gezielt ausgesucht werden. Es finden pro Jahr etwa sechs Konzerte in der Kirche oder einer privaten "Kammer" des ehemaligen Pfarrhofes statt. Das "Kirchbergforum Jazz" wurde 2005 mit Unterstützung des "Mittelhessischen Kultursommers" begründet.

Bürgersolaranlage[Bearbeiten]

Im Mai 2007 wurde von der Stadt Lollar das Gebäude des Gemeinschaftshauses im Ortsteil Ruttershausen als geeignetes Objekt für eine Photovoltaikanlage vorgestellt. Dieses "Bürgersonnenkraftwerk" auf dem Gemeinschaftshaus besteht aus einzelnen Photovoltaikanlagen privater Bürger, die selbst nicht über ein passendes Dach verfügen. Die Anlage produziert insgesamt etwa 26.000 kWh pro Jahr.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gerstenmeier, K.-H. (1977): Hessen. Gemeinden und Landkreise nach der Gebietsreform. Eine Dokumentation. Melsungen. S. 305

Literatur[Bearbeiten]

Geschichte

  • Schneider, Ernst: Das Kirchspiel Kirchberg. Selbstverlag, Lollar 1964.
  • Huttarsch, Reinhold und Michael Müller: Lollar beiderseits der Lahn. Stadt Lollar, Lollar 1984.
  • Magistrat der Stadt Lollar: 750 Jahre Lollar. 1242 – 1992. Stadt Lollar, Lollar 1992.

Exkursions- und Reiseführer

  • Schulze, Willi und Harald Uhlig: Gießener Geographischer Exkursionsführer. Band II. Brühlscher Verlag, Gießen 1982.
  • Großmann, G. Ulrich: Dumont Kunstreiseführer Mittel- und Südhessen. Dumont Buchverlag, Köln 1995.

Weblinks[Bearbeiten]