Sándor Ferenczi

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Dieser Artikel beschreibt den Psychoanalytiker Sándor Ferenczi, für den Buchautor Sándor Ferenczy, siehe dort.
Sándor Ferenczi
Gruppenphoto 1909 vor der Clark University. Vorne: Sigmund Freud, Granville Stanley Hall, Carl Gustav Jung. Hinten: Abraham A. Brill, Ernest Jones, Sandor Ferenczi.

Sándor Ferenczi (* 7. Juli 1873 in Miskolc; † 22. Mai 1933 in Budapest) war ein ungarischer Nervenarzt und Psychoanalytiker.

Leben und Werk[Bearbeiten]

Sándor Ferenczi war der fünfte von sieben Söhnen des Baruch Fränkel und seiner Ehefrau Rosa (geb. Eibenschütz), und er hatte noch vier Schwestern. Sein Vater, der aus dem polnischen Galizien stammte, ließ seinen Namen 1879 zu Bernát Ferenczi magyarisieren. Ferenczi absolvierte die protestantische Schule in Budapest und studierte anschließend in Wien Medizin. Nach der Promotion 1894 war er am Budapester Hospital Szent Erzsébet als Neurologe tätig. Er hatte sich längere Zeit mit den psychoanalytischen Schriften Freuds auseinandergesetzt, bevor er Freud Anfang 1908 in Wien aufsuchte und dessen Schüler wurde.

Auf dem ersten Kongress, den die junge, sich gerade erst organisierende psychoanalytische Bewegung am 27. April 1908 in Salzburg veranstaltete, hielt Ferenczi einen Vortrag, Psychoanalyse und Pädagogik, in dem er eine revolutionäre Programmatik als Konsequenz der Freud’schen Psychoanalyse entwarf. Die durch Freuds Erkenntnisse ermöglichte „innere Revolution“, meinte er damals, könne „die erste Revolution [sein], die der Menschheit eine wirkliche Erleichterung schüfe“. Die gleiche Position vertrat auf diesem Kongress auch Otto Gross. Freud war allerdings strikt gegen eine solche Perspektive und wollte sich auf keine Diskussion darüber einlassen: „Wir sind Ärzte und wollen Ärzte bleiben.“ Gross insistierte und wurde verstoßen; Ferenczi konzentrierte sich fortan auf die klinische Arbeit und wurde zum engsten Mitarbeiter und persönlichen Freund Freuds.

Ferenczi entwickelte sich zu einem der produktivsten und kreativsten Psychoanalytiker. Er hat viele Ideen der erst Jahrzehnte später ausgearbeiteten Objektbeziehungstheorie und Psychotraumatologie in seinen Schriften vorweggenommen. Gemeinsam mit Otto Rank propagierte er in der Schrift Entwicklungsziele der Psychoanalyse (1924) eine aktivere Behandlungstechnik mit stärkerem Engagement des Psychoanalytikers (siehe auch: Reparenting).

Einen bedeutenden Stellenwert in seiner Theorie haben die Betonung der wichtigen Rolle realer Kindheitserfahrungen in der Ätiologie von psychischen Störungen sowie die Entstehung des archaischen Über-Ichs durch Introjektion des traumatisierenden Objekts („Super-Ego-Intropression“). So beschrieb Ferenczi 1932 den Abwehrmechanismus der Identifikation mit dem Aggressor als Effekt einer entgleisenden Erwachsenensexualität- und leidenschaftlichkeit auf die Kinderseele, und verrückte damit erheblich den theoretischen Fokus von den infantilen Sexualphantasien zur realen Schädigung durch exogene Faktoren.

In seinen letzten Lebensjahren kam er auch auf das einst aufgegebene Programm zurück, mittels der psychoanalytischen Erkenntnisse eine „innere Revolution“ als neue Etappe der Aufklärung zu konzipieren. Einst hatte er die dem Kinde erzieherisch introjizierten „inappellierbaren Prinzipien“ als Nährboden der Neurose und deshalb als untaugliche Instanz zur Verhaltenssteuerung des Erwachsenen angesehen. Gegen Ende seines Lebens wagte er nun, mit einem neuen Freud’schen Begriff gegen Freuds Intentionen den „Abbau des Über-Ichs“ als Ziel einer konsequenten Analyse zu postulieren. Den nächsten Schritt, die Forderung aufzustellen, dass der Aufbau dieses Über-Ichs von vornherein zu verhindern sei, tat er nicht mehr.

Ferenczis eigenständige Entwicklungen in der therapeutischen Technik führten in den 1920er Jahren zunehmend zur Trübung seines Verhältnisses zu Freud. In seinem Wiesbadener Vortrag von 1932 Sprachverwirrung zwischen dem Erwachsenen und dem Kind konfrontierte er schließlich Freud und seine Anhänger mit einer grundsätzlichen theoretischen Umbesinnung in Fragen der Ätiologie seelischer Störung. Das psychoanalytische Establishment, allen voran Freud selbst, sah in der Betonung exogener Traumatisierung eine theoretische Regression zu der in Freuds gedanklicher Entwicklung frühzeitig überwundenen, so genannten Verführungstheorie.[1] Ferenczis dissidente Ansichten wurden schließlich von Freud auf einen paranoiden Persönlichkeitsverfall zurückgeführt.[2]

Ferenczi starb einige Monate nach seiner letzten Begegnung mit Freud an perniziöser Anämie.

Zu Ferenczis einflussreichen Analysanden zählen Michael Balint, Melanie Klein und Clara Thompson. Befreundet war Sándor Ferenczi seit September 1921 mit Georg Groddeck.

1993 wurde zum Ferenczi-Jahr ausgerufen. [3]

Schriften[Bearbeiten]

  • Sándor Ferenczi, Sigmund Freud, Karl Abraham, Ernst Simmel: Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1919.
  • Populäre Vorträge über Psychoanalyse. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig/Wien/Zürich 1922. Neun Vorträge wurden wieder aufgenommen in: Zur Erkenntnis des Unbewussten: Schriften zur Psychoanalyse. Hrsg. von Helmut Dahmer. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-596-24621-0. Neuauflage: Psychosozial-Verlag, Gießen 2005, ISBN 3-89806-408-5 .
  • Sándor Ferenczi, Otto Rank: Entwicklungsziele der Psychoanalyse: zur Wechselbeziehung von Theorie und Praxis, Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1924. Neuauflage: Turia und Kant, Wien 1995, ISBN 3-85132-088-3. Nachdruck 2009, ISBN 978-3-85132-493-8.
  • Versuch einer Genitaltheorie. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1924.
  • Zur Psychoanalyse von Sexualgewohnheiten mit Beiträgen zur therapeutischen Technik. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Wien 1925.
  • Bausteine zur Psychoanalyse. 4 Bände. Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Leipzig/Wien/Zürich 1927–1939. 3., unveränderte Auflage: Huber, Bern/Stuttgart 1984.
  • Schriften zur Psychoanalyse. Auswahl in 2 Bänden. Herausgegeben und eingeleitet von Michael Balint. S. Fischer, Frankfurt am Main 1970–1972. Letzter Nachdruck: Psychosozial Verlag, Gießen 2004.
  • Infantil-Angriffe! - Über sexuelle Gewalt, Trauma und Dissoziation. (Berlin 2014) pdf ISBN 978-3-923211-36-4
Briefe
  • Sigmund Freud, Sándor Ferenczi: Briefwechsel. Herausgegeben von Ernst Falzeder und Eva Brabant. Böhlau, Wien.
    • Band I/1, 1908–1911 (1993)
    • Band I/2, 1912–1914 (1993)
    • Band II/1, 1914–1916 (1996)
    • Band II/2, 1917–1919 (1996)
    • Band III/1, 1920–1924 (2003)
    • Band III/2, 1925–1933 (2005)
  • Sandor Ferenczi, Georg Groddeck: Briefwechsel 1921–1933. Deutsche Erstausgabe: Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-26786-2. Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-87877-466-2.
Tagebuch
  • Ohne Sympathie keine Heilung: Das klinische Tagebuch von 1932. Deutsche Erstausgabe: S. Fischer, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-10-020502-2, Taschenbuchausgabe: Fischer-Taschenbuch-Verl, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-596-14269-5.
Vorträge
  • Psychoanalyse und Pädagogik. Gehalten auf dem I. Psychoanalytischen Kongress in Salzburg (1908).
  • Die Leidenschaften der Erwachsenen und deren Einfluss auf Character- und Sexualentwicklung der Kinder. Gehalten im September 1932 auf dem XII. Internationalen Psychoanalytischen Kongress, der vom 4. bis 7. September in Wiesbaden stattfand. Veröffentlicht in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse. 19 (1933), S. 5–15.[4].

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter L. Rudnytsky, Antal Bókay, Patrizia Giampieri-Deutsch (Hrsg.): Ferenczi’s Turn in Psychoanalysis. New York University Press, New York 1996, ISBN 0-8147-7475-X.
  • Michael Balint: Die technischen Experimente Sandor Ferenczis. In: Psyche. 20. Jahrgang, 1966, S. 904–925.
  • Paul Harmat: Freud, Ferenczi und die ungarische Psychoanalyse. Edition Diskord, Tübingen 1988, ISBN 3-89295-530-1. Übersetzung von: Harmat Pál: Freud, Ferenczi és a magyarországi pszichoanalísis. Európai Protestáns Magyar Szabadegyetem, Bern 1986, ISBN 3-85421-017-5.
  • André Haynal: Die Technik-Debatte in der Psychoanalyse. Freud, Ferenczi, Balint. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-596-42311-2. Letzte Neuauflage: Psychosozial-Verlag, Giessen 2000, ISBN 978-3-89806-725-6.
  • André Haynal: Disappearing and Reviving: Sandor Ferenczi in the History of Psychoanalysis. Karnac, London 2002, ISBN 978-1-85575-254-2.
  • Marina Leitner: Ein gut gehütetes Geheimnis: Die Geschichte der psychoanalytischen Behandlungs-Technik von den Anfängen in Wien bis zur Gründung der Berliner Poliklinik im Jahr 1920. Psychosozial-Verlag, Giessen 2001, ISBN 3-89806-046-2.
  • Arnold W. Rachman: Sándor Ferenczi: The Psychotherapist of Tenderness and Passion. Jason Aronson, Northvale 1995, ISBN 1-568-21100-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Schriften von Ferenczi
Schriften über Ferenczi

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Freuds Brief an seine Tochter Anna vom 3. September 1932 online
  2. Vgl. Peter Gay: Freud. Eine Biografie für unsere Zeit; Ffm.(Fischer) 2006, S. 658
  3. Bedeutsame Akzentverschiebungen (PDF-Datei; 571KB, auf www.archive.org)
  4. Fundstelle entnommen Jeffrey Moussaieff Masson: The assault on truth: Freud's suppression of the seduction theory. Faber and Faber, London/Boston 1984, ISBN 0-571-13240-5, Notes, S. 231 f.