Sándor Radó

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Dieser Artikel beschreibt den Kartografen. Für den gleichnamigen Psychoanalytiker (1890–1972), siehe Sándor Radó (Psychoanalytiker).
Portrait Radós

Sándor Radó, Alexander Radolfi, ursprünglich Sándor Kálmán Reich (* 5. November 1899 in Budapest ; † 20. August 1981 ebenda) war ein ungarischer Geograph und Kartograph, der während des Zweiten Weltkrieges unter dem Decknamen Dora Mitglied der europaweiten Widerstandsbewegung Rote Kapelle war.

Leben[Bearbeiten]

Sándor Radó kam früh zur kommunistischen Bewegung. 1918 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei Ungarns. Er wurde 1919 Politkommissar in der ungarischen Räterepublik. Nach deren Scheitern ging Radó nach Österreich und begann ein Studium der Geographie an der Universität Wien. 1921 nahm er als Delegierter am 3. Weltkongress der Komintern in Moskau teil. 1922 setzte er seine Studien in Jena und Leipzig fort. 1923 heiratete er Helene Jansen.

1924 veröffentlichte Radó im Westermann Verlag eine politische Karte der Sowjetunion und „erfand“ dabei die Abkürzung UdSSR. Er wurde auch in den folgenden Jahren von deutschen Verlagen als Experte für die Sowjetunion herangezogen und für deren Karten verantwortlich. 1925 erschien sein – nicht touristischer – „Führer durch die Sowjetunion“, der für die nächsten 20 Jahre das einzig zuverlässige Werk über die Sowjetunion darstellte. Radó war in den folgenden Jahren in unterschiedlichen Ländern tätig, veröffentlichte aber vor allem in Deutschland. 1929 erschien unter dem Namen Alex bzw. Alexander Radó der Atlas für Politik, Wirtschaft, Arbeiterbewegung. Teil 1: Der Imperialismus ein ebenfalls weit verbreitetes Werk, dessen Einband von John Heartfield gestaltet wurde. 1932 erschien der erste Flugreiseführer und Radó gründete die erste kartographische Presseagentur.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 floh Radó nach Paris und war dort Gründer der unabhängigen Presseagentur Inpress. Arthur Koestler war dort einer seiner Mitarbeiter. 1936 zog Radó in die Schweiz und gründete in Genf die kartographische Agentur Geopress, die Zeitungen mit aktuellem Kartenmaterial versorgte.

Er gehörte zu den Kontakten des sowjetischen Militärnachrichtendienstes GRU, die der Sowjetunion den Termin des geplanten deutschen Angriffs mitteilten. Als Teil der Widerstandszelle Rote Kapelle beschaffte er von der Schweiz aus Informationen über die deutschen Kriegsvorbereitungen. Ruth Werner war eine Zeit lang für ihn als Funkerin tätig. Als diese 1940 die Schweiz verließ, wurde Alexander Foote sein Funker. Rudolf Rößler war einer seiner wichtigsten Informanten.

Erst 1943 gelang es seinen Gegnern, den Standort seiner drei Funker aufzuspüren. Sein Schwager Hermann Scherchen versteckte ihn eine Zeitlang in Genf, bis er 1944 die Schweiz verlassen konnte. Über Paris und Kairo gelangte Radó in die Sowjetunion, wo er umgehend interniert wurde. Weil er in Paris und in Kairo Kontakt zu britischen Geheimdiensten aufgenommen hatte, verurteilte ihn ein Militärgericht in Moskau wegen Ungehorsam zum Tode – obwohl seine frühere Arbeit für die GRU mit dem Rotbannerorden gewürdigt worden war. Stalin begnadigte Radó jedoch zu zehn Jahren Arbeitslager. Nach der Verbüßung dieser Strafe wurde er 1955 freigelassen, kehrte zurück nach Budapest und wurde dort Angestellter im Landesamt für Vermessung und Geographie. Später wurde er zusätzlich Leiter des Instituts für Wirtschaftsgeographie der Budapester Karl-Marx-Universität.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Avio-Führer - Führer für Luftreisende. Berlin W 50, o.J.
  • Atlas für Politik, Wirtschaft, Arbeiterbewegung. Verlag für Literatur und Politik: Berlin o.j.
  • Politische und Verkehrskarte der Sowjetrepubliken; G. Westermann: Braunschweig 1924
  • Führer durch die Sowjetunion; Neuer Deutscher Verlag: Berlin 1928
  • Groß-Hamburg; Neuer Deutscher Verlag: Berlin 1929
  • Europäisches Russland und die Randstaaten: Westermann-Verlag: Berlin et al. 1933
  • Welthandbuch - Internationaler politischer und wirtschaftlicher Almanach; Corvina Verlag: Budapest 1962
  • Под псевдонимом Дора (Unter dem Pseudonym Dora), Wojenisdat Moskau 1973 (russisch)
    • deutsch: Dora meldet..., Militärverlag der DDR, Berlin 1974, 3. Auflage 1980
    • Dóra jelenti – újra, Riport Tromm Andrással, a könyv szerkesztőjével (Veröffentlichung des unzensierten Manuskripts zu Dora meldet...), Budapest 2006
  • Magyarország autóatlasza; Kartográfiai Vállalat: Budapest 1979
  • Reiseführer und Atlas Donauknie und Umgebung. Kartográfiai Vállalat, Budapest 1979.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernd-Rainer Barth: Egy térképész illegalitásban: tények és legendák nyugati és keleti titkosszolgálati archivumokból. [Sándor Radó – ein Kartograph im Untergrund: Fakten und Legenden im Spiegel westlicher und östlicher Geheimdienstarchive.] In: Hegedüs, Ábel / Suba, János (Hrsg.): Tanulmányok Radó Sándorról. A Budapesten 2009. nov. 4-5-én rendezet konferencia elöadásainak szerkesztett anyaga. [Studien zu Alexander Radó. Redigierte Fassungen der Vorträge auf der am 4. – 5. November 2009 in Budapest veranstalteten wissenschaftlichen Konferenz]. HM Hadtörténeti Intézet és Múzeum [Kriegsgeschichtliches Institut und Museum des ungarischen Verteidigungsministeriums]: Budapest 2010
  • Bernd Ruland: Die Augen Moskaus. Schweizer Verlangshaus: Zürich 1973
  • Arthur Koestler: Die Geheimschrift. Bericht eines Lebens 1932 bis 1940. Desch, München/Wien/Basel 1955: S. 318–326
  • Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. ISBN 3-596-16718-3, S. 229ff.
  • Ute Schneider: Kartographie als imperiale Raumgestaltung. Alexander (Sándor) Radós Karten und Atlanten. In: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 3. Jg. 2006, Heft 1 Volltext

Weblinks[Bearbeiten]