S-200

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Russische Boden-Luft-Rakete S-200 (NATO-Codename: SA-5 Gammon)

Die S-200 ist ein stationäres, allwetterfähiges Langstrecken-Luftabwehrsystem aus sowjetischer Produktion. Der NATO-Code des Systems lautet SA-5 Gammon.

Geschichte[Bearbeiten]

Mitte der 1950er-Jahre schritt die Entwicklung hochfliegender Überschallflugzeuge voran. Die damaligen Luftabwehrsysteme zeigten sich dieser Bedrohung kaum gewachsen. Hinzu kam die Entwicklung von thermonuklearen Waffen, die wesentlich zerstörerischer waren als Atombomben. Mit diesen Bedrohungen konfrontiert, gab die sowjetische Regierung bereits früh den Auftrag, mit der Entwicklung effizienter Luftabwehrraketen zu beginnen. Der 1954 in Dienst gestellte Dal-Raketenkomplex (NATO-Code: SA-5 Griffon, nicht zu verwechseln mit der hier beschriebenen SA-5 Gammon) erfüllte diese Erwartungen nicht, zumal er nicht nur für die Flugzeugabwehr, sondern auch für die Abwehr ballistischer Raketen ausgelegt war. Auch die 1957 in Dienst gestellte S-75 (NATO-Code: SA-2 Guideline) konnte dieses Problem nicht lösen, da die Raketen nur über eine effektive Reichweite von 30 km verfügten. 1956 und 1957 vergab die sowjetische Regierung abermals Aufträge zur Entwicklung effizienterer Luftabwehrsysteme, doch auch diese zeigten keine maßgeblichen Erfolge. 1958 gab die sowjetische Regierung erneut den Auftrag, ein solches Luftabwehrsystem zu entwerfen und legte dabei auch die Richtlinien fest.

Diese waren unter anderen:

  • Ziele mit einer Geschwindigkeit von 3500 km/h in 5 bis 35 km Höhe und einer Entfernung von 150 km abzufangen
  • Ziele mit einer Geschwindigkeit von 2000 km/h in 5 bis 35 km Höhe und einer Entfernung von 180 bis 200 km abzufangen
  • Eine Trefferwahrscheinlichkeit von 70 bis 80 %

Zudem sollte 1961 ein erster Prototyp für Testzwecke bereitstehen. Das System sollte die Bezeichnung S-200 erhalten.

Zahlreiche sowjetische Entwicklungsbüros wurden für die verschiedenen Komponenten des Systems herangezogen. Den Hauptauftrag erhielt das KB-1 (heute NPO Almas-Antei), den Entwurf der Rakete übernahm ein Entwicklungsbüro unter Pjotr Dmitrijewitsch Gruschin.

Entwicklung[Bearbeiten]

Die Entwicklung der S-200 begann 1958 unter der Leitung des KB-1. Beteiligt waren unter anderen auch die Konstruktionsbüros OKB-1, OKB-2 und das OKB-165 (Heute NPO Saturn). Nach der Überwindung einiger Probleme konnte die Entwicklung der S-200A Angara schließlich abgeschlossen werden. Die Rakete verfügte über eine effektive Reichweite von 160 km. Das System wurde 1967 offiziell in die Bestände der sowjetischen Truppen aufgenommen. Bereits bei der Einführung des Systems zeigten sich jedoch Mängel, die Störfestigkeit war beispielsweise äußerst gering. Dies führte schließlich dazu, dass das System laufend erneuert und verbessert wurde. Die letzte Version des Systems wurde 1976 eingeführt. Das Nachfolgesystem ist die S-400.

Versionen[Bearbeiten]

W-880E/5W28E-Lenkwaffe
  • S-200A Angara (SA-5A), mit den W-860/5W21- und W-860P/5W21A-Lenkwaffen, eingeführt 1967, Reichweite 160 km, Einsatzhöhe 20.100 m.
  • S-200W Wega (SA-5B), mit der W-860PW/5W21P-Lenkwaffe, eingeführt 1970, Reichweite 250 km, Einsatzhöhe 29.200 m.
  • S-200 Wega (SA-5B), mit der W-870-Lenkwaffe, Reichweite 280 km Einsatzhöhe 40.000 m.
  • S-200M Wega-M (SA-5B), mit den W-880/5W28 und W-880N/5W28N Lenkwaffen, Reichweite 280 km, Einsatzhöhe 29.200 m.
  • S-200WE Wega-E (SA-5B), mit der W-880E/5W28E-Lenkwaffe, Exportversion, Reichweite 240 km Einsatzhöhe 29.200 m.
  • S-200D Dubna (SA-5C), mit den 5W25W-, W-880M/5W28M- und W-880MN/5W28MN-Lenkwaffen, eingeführt 1976, Reichweite über 280 km, Einsatzhöhe 40.000 m.

Die Lenkwaffen mit dem Index „N“ sind mit einem Nuklearsprengkopf mit einer Sprengleistung von 5 kT bestückt.

Technische Daten[Bearbeiten]

Das System besteht aus den folgenden Hauptkomponenten:

  • TALL KING (P-14 „Lena“, später Oborona TALL KING C) – Suchradar mit einer Reichweite von über 400 km
  • BAR LOCK B, P-37 – Zielsuch- und Zielverfolgungsradargerät
  • SIDE NET (PRW-17) – Höhenmessradar mit einer Reichweite von bis zu 160 km
  • SQUARE PAIR (5N62/K1) – Feuerleitradar mit einer Reichweite von bis zu 300 km
  • 1L22 Parol' – Freund-Feind-Abfragesystem (IFF)
  • K-9 – Führungs- und Zielzuweisungskabine
  • 5P72' – Startrampen für die Lenkwaffen

Zum System gehörten häufig auch eine Lademaschine, der Sattelzug KrAZ-255V bzw. KrAZ-260V als Transport- und Ladefahrzeug.

Übersicht Lenkwaffen[Bearbeiten]

System S-200 Angara S-200W Wega S-200M Wega-M
Lenkwaffe W-860/5W21 W-860PW/5W21P W-880/5W28
Länge 10,50 m 10,80 m 10,76 m
Rumpfdurchmesser 752 mm 752 mm 752 mm
Flügelspannweite unbekannt 5100 mm 5100 mm
Gewicht 8000 kg 7018 kg 7018 kg
Antrieb 4 Booster plus Flüssigtreibstoff 4 Booster plus Flüssigtreibstoff 4 Booster plus Flüssigtreibstoff
Sprengkopf 217-kg-FRAG-HE 217-kg-FRAG-HE 217-kg-FRAG-HE
Zünder Funk-Näherungs- und Aufschlagzünder Radar-Näherungs- und Aufschlagzünder Radar-Näherungs- und Aufschlagzünder
Fluggeschwindigkeit 1400 m/s 1670 m/s 1670 m/s
Einsatzreichweite 17–150 km 6–280 km 3–280 km
Einsatzhöhe 1000–20.100 m 300–40.000 m 300–29.200 m
Lenksystem Trägheitsnavigation + Funkkommando Trägheitsnavigation + SARH Trägheitsnavigation + Aktives Radar

Unfälle[Bearbeiten]

  • Am 4. Oktober 2001 wurde ein Passagierflugzeug vom Typ Tupolew Tu-154, unterwegs von Tel Aviv nach Nowosibirsk, versehentlich von einer Rakete der ukrainischen Marine abgeschossen. An Bord der Maschine waren 65 Passagiere sowie zwölf Mann Besatzung. Anfangs vermuteten staatliche Stellen einen Terrorakt, später wurde der Fehlschuss einer SA-5 bei einem Militärmanöver bestätigt.

Einsatz und Status[Bearbeiten]

Das System SA-5 Gammon wird bzw. wurde von folgenden Staaten eingesetzt:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Land-Based Air Defence Edition 2003, 2004, 2005 Jane’s Verlag
  • RUSSIA’S ARMS AND TECHNOLOGIES. THE XXI CENTURY ENCYCLOPEDIA Volume 9 – Air and ballistic missile defense The Publishing House – Arms and Technologies

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: SA-5 Gammon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien