SG 38

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Schulgleiter SG 38
SG 38 bei der Airpower11
Schulgleiter SG 38 beim Windenstart am Spitzerberg

Der Schulgleiter SG 38 ist wahrscheinlich das am weitesten verbreitete Flugzeug der Alleinflugausbildung der 1940er-Jahre. Dieses Gleitflugzeug wurde ab 1936 entwickelt und ab 1938 in großer Stückzahl sowohl im Amateur- als auch im Industriebau hergestellt. Der SG 38 wurde hauptsächlich zur Anfängerschulung eingesetzt.

Entwicklung[Bearbeiten]

Als Erbauer des Schulgleiters SG 38 gelten der Flugzeugbauer und Konstrukteur Edmund Schneider (Grunau Baby), der Produktionsleiter und Erprobungspilot Ludwig Hofmann sowie der Prüfer Rehberg aus dem Flugzeugwerk Schneider in Grunau (heute Jeżów Sudecki in Polen). Diese hatten wahrscheinlich bereits 1936 einen Prototyp des Schulgleiters SG 38 auf Basis der Grunau 9 / ESG 29 (dem legendären „Schädelspalter“) sowie der Muster Zögling 31 und Zögling 35 entwickelt und damit begonnen, ihn in Grunau zu erproben.

Bereits nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass dieses Flugzeug für die damals übliche Einsitzer-Schulung besonders geeignet war, da es auch härtere Landungen leicht wegstecken konnte. Kaum ein Gleitflugzeug wurde häufiger gebaut und geflogen. Tausende von Piloten machten ihre ersten Sprünge auf einem SG 38.

Die Abkürzung SG bezieht sich ursächlich nicht auf die Bezeichnung Schulgleiter, sondern auf Schneider in Grunau.

15 Jahre Entwicklungsarbeit an einfachen Gleitflugzeugen brachten im Jahre 1938 den ausgereiftesten Schulgleiter für die Anfängerschulung auf den Markt. Eine Leistungssteigerung wurde durch die Verbesserung eines Zöglingprofiles erreicht; eine kräftige, in die Querruder integrierte Schränkung sorgte für ein extrem gutmütiges Überziehverhalten. Neben den industriell gefertigten etwa 8750 Exemplaren entstand auch in den folgenden Jahrzehnten in den Segelflugvereinen eine unbekannte Anzahl des Gleiters. Er wurde in vielen Ländern geflogen und war in der DDR bis etwa 1960 das Standard-Schulflugzeug. So wurden in den 1950er-Jahren im VEB Nagema Schmiedeberg sowie im VEB Waggonbau Gotha 68 beziehungsweise 329 Schulgleiter gebaut. Insgesamt entstanden in der DDR 420 SG 38. In Großbritannien produzierte die Firma Elliots of Newbury (EoN) nach dem Krieg den SG 38 nahezu baugleich als EoN Primary, während Slingsby einen ähnlichen Rumpf mit Flügeln und Leitwerk des Vorkriegs-Übungsseglers T 7 Cadet ausstattete. Unter der Bezeichnung T 38 Grasshopper fand diese Konstruktion weite Verbreitung im Rahmen der vormilitärischen Air-Cadets-Trainingsorganisation. Die letztgenannten Versionen aus der DDR und Großbritannien wurden neben Gummiseil- und Windenstart auch für den Flugzeugschlepp zugelassen. Kürzlich wurde diese Zulassung auch für einige (leicht modifizierte) „westdeutsche“ SG 38 möglich.

Konstruktion[Bearbeiten]

Durch den einfach gehaltenen Aufbau eignete sich der SG 38 zur serienmäßigen Herstellung in Flugzeugwerften, aber insbesondere auch zum Bau in Fliegergruppen.

Der Schulgleiter SG 38 ist ein stahlseilverspannter Hochdecker in Holzbauweise. Der Rumpf, Spannturm und Gitterschwanz sind als ebenes Holzfachwerk ausgebildet. Der zweiholmige Flügel ist zweigeteilt und hat eine geringe V-Form. Gespleißte Drahtseile zwischen dem Spannturm, Flügeln und Rumpf geben der Fläche den notwendigen Halt und dem Rumpfgerüst Torsions- und Biegesteifigkeit. Eine zentrale Spannvorrichtung oben am Spannturm ermöglicht die einfache und schnelle Montage: Ein aufwendiges Vermessen und Einstellen einzelner Spannseile bei jeder Montage, wie es bei den Vorgängertypen notwendig war, erübrigt sich dadurch. Der als Gitterschwanz ausgebildete Leitwerksträger wird mit Bolzen am Spannturm angesteckt. Die Anlenkung der Ruderflächen erfolgt über zahlreiche Drahtseile und Umlenkrollen, die am Rumpf, Gitterschwanz sowie in den Tragflächen angebracht sind. Die Verwindungen der Querruder am Ruderaußenende nach oben dienen als Flügelschränkung, erhöhen die Querstabilität und beugen Randbogenbeschädigungen am Boden vor. Zum Austrimmen werden je nach Gewicht des Piloten Stahlzylinder-Gewichte am Rumpf unter den Steuerpedalen beziehungsweise am hinteren Spannturm angebracht. Sie ermöglichen das korrekte Austrimmen für Pilotenmassen von etwa 40 bis 90 kg. Die gefederte Kufe ist aus Eschenholz gefertigt und über energieabsorbierende Dämpfer mit dem Rumpf verbunden. Optional kann der offene Sitz zur Leistungssteigerung mit einem einfach demontierbaren „Boot“ verkleidet werden.

Leistungsvermessung[Bearbeiten]

Im August 2009 wurde der SG 38 D-8985 von Mario Selss während des Idaflieg-Sommertreffens auf dem Flugplatz Aalen-Elchingen mit der Messanlage des IFF der TU Braunschweig im Höhenstufen-Verfahren leistungsvermessen. Heraus kamen eine beste Gleitzahl von 8,3 bei rund 58 km/h, ein geringstes Sinken von 1,85 m/s bei 53 km/h sowie eine Mindestgeschwindigkeit von 48 km/h bei einer auf 197,3 kg normierten Flugmasse. Sein DAeC-Index wurde danach zu 22 ermittelt. Die Zeitschrift Segelfliegen-Magazin (ISSN 1612-1740) berichtete darüber ausführlich in ihrer Ausgabe 3 (Mai–Juni) 2010.

Der Gummiseilstart[Bearbeiten]

Der Gummiseilstart war (nach dem Laufstart) das früheste Startverfahren für Segelflugzeuge. Er wurde auf dem ersten Rhön-Segelflugwettbewerb 1920 von Aachener Studenten der Flugwissenschaftlichen Vereinigung Aachen (FVA) mit der FVA-1 „Schwatze Düvel“ erstmals vorgeführt. Dazu wird ein etwa 2–3 cm starkes Gummiseil in der Mitte an einem Haken an der Nase des Flugzeugs eingehängt. An den Enden des V-förmig ausgelegten Gummiseils sind normale Seile befestigt, die von den beiden Startmannschaften aus jeweils vier bis sechs Personen – den sogenannten „Gummihunden“ – besetzt werden. Am Rumpf des Flugzeugs wird ein kurzes Seil befestigt, das von zwei bis vier Personen festgehalten wird (Haltemannschaft) oder aber in einer Startfalle befestigt wird.

Nach dem Herstellen der Startbereitschaft hält der Fluglehrer den Flügel waagerecht und gibt nun Startkommandos. Auf das Kommando „Ausziehen!“ beginnen die Startmannschaften ihr Seilende zu straffen und auszuziehen. Auf das Kommando „Laufen!“ laufen die Startmannschaften los und bringen das Seil auf die optimale Spannung. Sobald diese erreicht ist, gibt der Fluglehrer das Kommando „Los!“, worauf die Haltemannschaft ihr Seil loslässt oder die Startfalle durch den Fluglehrer entriegelt wird. Das Flugzeug wird vom Gummiseil beschleunigt und hebt ab. Beim Überfliegen der „Gummihunde“ fällt das Gummiseil aus dem Haken heraus.

Idealerweise startet man am Hang, da bei Ausklinkhöhen unter 10 Meter der Flug sehr schnell zu Ende wäre. Auf der Wasserkuppe kann heute bei Südwind (nur so kann der längste Hang genutzt werden) eine Flugdauer von über einer Minute erreicht werden, in den 1930er-Jahren wurden durch die Ausnutzung von Hangaufwinden Flugzeiten von mehreren Stunden erreicht.

Oldtimerflugzeug D-7738[Bearbeiten]

Gegenwärtig gibt es mehr als ein Dutzend flugfähige Gleiter in der BRD, davon drei Stück aus der DDR-Zeit. Der Schulgleiter SG 38 mit der heutigen Zulassung D-7738 wurde am 28. Oktober 1953 in Dienst gestellt und flog bis zum 19. Juli 1967 unter seiner Zulassungsnummer 269 am Flugplatz Bronkow. Aufgrund des eingesetzten Leimes war die Lebensdauer des Fluggerätes auf 15 Jahre begrenzt. Nach jahrzehntelanger Unterbringung an den Flugplätzen Bronkow und Nardt wurde er von den Fliegerkameraden des Aeroklub Hoyerswerda e. V. unter Leitung des Werkstattleiters Herbert Hansel zwischen 1992 und 1994 grundüberholt. Am 5. August 1994 wurde das Flugzeug durch den Fluglehrer Heinz Mehlhose erneut eingeflogen. Die Lackierung und die Kennzeichnung (außer dem jetzigen Kennzeichen) sind originalgetreu. Der Schulgleiter dient heute als Oldtimer und fliegender Zeitzeuge der Luftfahrtgeschichte.

Technische Daten SG 38 Nr. 269[Bearbeiten]

  • Hersteller: VEB Waggonbau Gotha
  • Herstellungsland: DDR
  • Baujahr: 1953
  • Erstzulassungsnummer: 269
  • Leergewicht: 125 kg
  • Höchstzulässige Zuladung: 90 kg
  • Höchstzulässige Fluggewicht: 210 kg
  • Flächenbelastung: 13,1 kg/m²
  • Spannweite: 10414 mm
  • Länge: 6283 mm
  • Höhe: 2430 mm
  • Flügelfläche: 16,00 m²
  • Flügeleinstellwinkel: +1,5°
  • Flügelschränkung: 0°
  • Flügelstreckung: 6,52
  • Profil: modifiziertes Zöglingprofil 35
  • Gleitzahl: 10 bei 52 km/h
  • geringstes Sinken: 1,3 m/s bei 48 km/h
  • Geschwindigkeitsbereich: 40–115 km/h
  • Windenschleppgeschwindigkeit: maximal 60 km/h
  • Flugzeug-Schleppgeschwindigkeit: maximal 90 km/h
  • Autoschleppgeschwindigkeit: maximal 60 km/h
  • zulässiges Lastvielfaches: +3g
  • Bruchlastvielfaches: +6g

Literatur[Bearbeiten]

  •  Peter F. Selinger: Segelflugzeug-Geschichten. Die Gleit- und Segelflugzeuge des Deutschen Segelflugmuseums mit Modellflug auf der Wasserkuppe. Stiftung Deutsches Segelflugmuseum Wasserkuppe mit Modellflug, Gersfeld/Rhön 2004, ISBN 3-00-011649-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: SG 38 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien