SSRI-Absetzsyndrom

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Klassifikation nach ICD-10
A00-R99 Unerwünschte Nebenwirkungen bei therapeutischer Anwendung von Arzneimitteln, Drogen oder biologisch aktiven Substanzen
Y49.2 Sonstige und nicht näher bezeichnete Antidepressiva
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

SSRI-Absetzsyndrom (SSRI Discontinuation Syndrome) kann beim Absetzen von Selektiven Serotonin- und/oder Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI, SNRI) auftreten.

Beschreibung[Bearbeiten]

Entwöhnungserscheinungen treten in der Regel in den ersten 24 Stunden bis eine Woche nach Absetzen ein. Der Zeitpunkt des Eintretens der Entwöhnungserscheinungen hängt unter anderem von der Dosis der Medikation und der Halbwertszeit der Wirksubstanz ab. Die bei SNRI vergleichsweise starken Absetzerscheinungen können durch die gleichzeitige Einnahme von Fluoxetin vermindert werden.

SSRI haben kein Abhängigkeitspotential. Versuche mit Tieren, die freien Zugang zu SSRI hatten, ergaben keine selbstständige Erhöhung der Dosis. Ein plötzliches Absetzen der Wirkstoffgruppe kann aber sowohl körperliche als auch psychische Entwöhnungserscheinungen hervorrufen.[1].

In den Packungsbeilagen wird explizit von selbstständigem Absetzen der Medikamente abgeraten. Studien mit Placebos ergaben, dass 35-78 % jener Patienten, die fünf oder mehr Wochen mit dem Medikament behandelt wurden und die Einnahme abrupt beendeten, eines oder mehrere der Symptome des SSRI Discontinuation Syndrome entwickelten.

Symptome[Bearbeiten]

Folgende Symptome können beim SSRI-Absetzsyndrom auftreten:

Die Anzeichen für ein SSRI Discontinuation Syndrome sind:

  • Unterbrechung, Beendigung oder Verringerung der Dosis einer mit SSRI oder SNRI über vier Wochen oder länger geführten Behandlung
  • Symptome, die sich im sozialen Umfeld bemerkbar machen
  • Symptome, die nicht von der Wirkung von anderen Medikationen, deren Absetzen oder Drogenkonsum verursacht werden können
  • Symptome, die nicht denen entsprechen, wogegen die Behandlung mit SSRI begonnen wurde

Diese Symptome verschwinden bei erneuter Erhöhung der Dosis auf die gewohnte Menge. Um eine klare Diagnose stellen und die korrekte Behandlung sicherstellen zu können, sollten Ärzte, die SSRI verschreiben, sich mit den Symptomen des SSRI Discontinuation Syndrom auseinandersetzen.

Mechanismus[Bearbeiten]

Entzugserscheinungen beim Absetzen von Antidepressiva indizieren nicht Sucht im allgemeinen Sinn, sie sind mehr das Ergebnis der Versuche des menschlichen Gehirns, erneut ein neurochemisches Gleichgewicht nach dem Absetzen des Medikaments zu erzeugen. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer erhöhen die Serotonin-Konzentration in der Gewebeflüssigkeit des Gehirns. Beim abrupten Absetzen kommt es daher zu einem Serotonin-Mangel, da der Körper sich durch eine Herabregulation an das Überangebot an Serotonin durch die SSRI-Medikation angepasst hat. Die Entzugserscheinungen können meist durch Ausschleichen (langsames Verringern der Dosis) über die Dauer von Wochen oder Monaten vermindert oder gänzlich verhindert werden. Auch diese Methode ist aber speziell bei Patienten mit Langzeitbehandlung nicht immer erfolgreich. Alternativ kann auch mit 5-Hydroxytryptophan abgesetzt werden, wobei eine Kombination beider Stoffe unterlassen werden sollte, da dies die Gefahr eines Serotonin-Syndroms mit sich bringt.

Prävention und Behandlung[Bearbeiten]

Die Patienten sollten über die kurze Halbwertszeit von SSRI informiert werden. Speziell bei einer Umstellung auf Medikamente mit kürzerer Halbwertszeit (beispielsweise Paroxetin), ist dieser Punkt wichtig.

Obwohl nicht sichergestellt werden kann, dass das SSRI Discontinuation Syndrome nicht auftritt, können das Wiedereinsetzen der Erhaltungsdosis sowie das langsame Ausschleichen die Symptome mildern oder ganz verschwinden lassen.

Die Behandlung der Symptome ist abhängig vom Schweregrad der Entzugserscheinungen und davon, ob nach Absetzen des SSRI weiterhin mit Antidepressiva behandelt wird. Während in jenen Fällen, in denen eine weitere Behandlung mit Antidepressiva indiziert ist, das einfache Wiedereinsetzen der Medikation meist zum Erfolg führt, ist die Behandlung von Patienten, die ganz auf Antidepressiva verzichten, abhängig von der Schwere der Symptome und führt bei leichten Fällen meist durch Beruhigung und Entspannung des Patienten zu Erfolg. Mittelschwere Entzugserscheinungen können mit Benzodiazepinen behandelt werden. In Fällen mit schweren Symptomen oder in Fällen, in denen der Patient nicht auf die Behandlung der Symptome anspricht, kann die Medikation wieder eingesetzt und zu einem späteren Zeitpunkt behutsamer, also in kleineren Schritten, wiederholt abgesetzt werden.[2]

Trizyklische Antidepressiva (bspw. Amitriptylin) können leichte bis mittelschwere Entzugserscheinungen, insbesondere Kreislaufbeschwerden, lindern.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tamam L, Ozpoyraz N: Selective serotonin reuptake inhibitor discontinuation syndrome: a review. In: Adv Ther. 19, Nr. 1, S. 17-26. PMID 12008858.
  2. Haddad P: Antidepressant discontinuation syndromes. In: Drug Saf. 24, Nr. 3, 2001, S. 183-97. PMID 11347722.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

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