Saatgutbibliothek

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Unter Saatgutbibliothek wird die Sammlung von Samen einschließlich deren Beschreibung hinsichtlich Fundort, Entstehungsjahr, Tausendkornmasse sowie der botanischen Einordnung, genetischen Abstammung, phänotypischen Ausprägung und Leistungsbeschreibung der entsprechenden Pflanzensorte verstanden.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Anfänge von Saatgutsammlungen gehen auf die Sesshaftwerdung der Menschheit zurück. Sie bezog sich zunächst darauf, das Erntegut der ertragreichsten Getreidepflanzen unterschiedlicher Standorte getrennt aufzubewahren, diese entsprechend zu kennzeichnen und standortgerecht zur Saat in der nächsten Aussaatsaison zu verwenden. Die erste wissenschaftlich dokumentierte öffentliche Saatgutbibliothek wurde im 16. Jahrhundert durch Leonhart Fuchs im Zusammenhang mit dem Botanischen Garten der Universität Tübingen eingerichtet.

Technische Voraussetzungen[Bearbeiten]

Trockenes Saatgut mit max. 14 % Feuchtigkeitsgehalt verliert im unkonditionierten Lagerraum jährlich 1-5 % Keimfähigkeit. In Kühlräumen und hermetischen Verschluss der Samenbehältnisse sinkt diese Verlustgefahr auf wenige Promille. Die gelegentlichen Keimfähigkeitstests sorgen dafür, dass die abnehmende Keimfähigkeit der eingelagerten Sorten rechtzeitig erkannt wird und die Saatgutmuster durch Aussaat und eine neue Ernte ersetzt werden.

Träger der Saatgutbibliotheken[Bearbeiten]

Heute bestehen Saatgutbibliotheken als:

  • Universitäts- und Lehrbibliotheken in vielen Ausbildungsstätten. Diese dienen überwiegend als Basis für Grundlagenforschung und dem Training von Botanikern, Landwirten und Gärtnern.
  • Staatliche Saatgutbibliotheken. Sie sichern die genetische Vielfalt der Kulturpflanzen eines Staates oder einer Region, wie zum Beispiel das deutsche Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben.
  • Züchtungsbibliotheken der Saatzuchtbetriebe. Sie sind im Zusammenhang mit den Züchtungsprogrammen und Leistungsprüfungsergebnissen das Vermögen dieser Betriebe und die Basis des weiteren Forschungs- und Unternehmenserfolges.
  • Sortenschutzbibliothek der Sortenämter. Diese bewahrt Saatgut als Referenzmuster der durch Sortenschutz geschützten Sorten auf. Anhand der jährlich in den Markt gebrachten Saatgutvermehrung wird deren Übereinstimmung mit dem hinterlegten Muster und die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften für den Saatgutvertrieb überwacht.
  • Genbibliotheken von Kulturpflanzen. Die größte Genbank ist das Svalbard Global Seed Vault in Longyearbyen auf der Insel Spitzbergen, eine transnationale Saatgutsammlung von Nutz- und Wildpflanzen. Diese Saatgutbibliothek ist der Versuch, in der Station bei minus 18 bis minus 20 Grad Celsius bis zu 4,5 Millionen Saatgutmuster als die pflanzlichen Genressourcen der Erde für kommende Generationen zu sichern.

Die Saatgutverteilstationen von Nichtregierungsorganisationen (NRO/NGO), die teilweise als Sortenbibliothek bezeichnet werden, wie zum Beispiel die Station Navdanya in Indien, sind keine Saatgutbibliotheken im klassischen Sinne. Diese Stationen sollen zur Erhaltung der regionalen Diversität von Nutzpflanzen beitragen und dienen der direkten Saatgutversorgung von Kleinbauern.[1]

Beschreibung des Saatguts[Bearbeiten]

Die Beschreibung der einzelnen Saatgutproben enthält in der Regel Angaben zu:

  • den Samen: Körnerzahl, Tausendkornmasse, Formenvarianz, Wassergehalt, Inhaltsstoffe, Ernte- bzw. Aufwuchsjahr, Keimfähigkeit und Triebkraft und Jahr deren Feststellung und angewandtes Verfahren.
  • der Pflanzenart: botanische Einordnung; nach Gattung, Art, Sorte sowie deren phänotypische und soweit möglich genetische Beschreibung.
  • der Genealogie der Nutzpflanzen: Ursprüngliche Herkünfte und Stammbaum, Lagerort von Vorfahrensorten.
  • dem Sortenschutz: Hinweise zu den Eigentums- und Schutzrechten von Vorstufensaatgut, Inzuchtlinien, Kreuzungseltern und registrierten Sorten und deren Schutzdauer.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Information zur Aktion von Navdanya zur Erhaltung der Biodiversität

Quellen[Bearbeiten]

  • Manfred G. Raupp: Überlegungen zur Lage der deutschen Landwirtschaft, ihrer Weiterentwicklung sowie Konsequenzen für die Tätigkeiten im Bereich Saatgut, Gentechnologie und Industrierohstoffe. Ciba-Geigy Frankfurt 1985
  •  Siegmund Seybold: Flora von Deutschland und angrenzender Länder. Ein Buch zum Bestimmen der wild wachsenden und häufig kultivierten Gefäßpflanzen. Begründet von Otto Schmeil, Jost Fitschen. 93. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2006, ISBN 3-494-01413-2.
  • Adolf M. Steiner und M.Stahl: Seed storage potential of population varieties and hybrid varieties and their breeding components in rye (Secale cereale L) Stuttgart-Hohenheim 1998