Saint-Pierre-de-Clages

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romanische Kirche in Saint-Pierre-de-Clages

Das Dorf Saint-Pierre-de-Clages ist ein Ortsteil der politischen Gemeinde Chamoson des Bezirks Conthey im französischsprachigen Teil des Kantons Wallis in der Schweiz. Es ist auch das einzige Schweizer Bücherdorf (Village Suisse du Livre).

Lage, Einwohner[Bearbeiten]

Innenraum der romanischen Kirche
Altes Bürgerhaus in Saint-Pierre-de-Clages
Antiquariat in Saint-Pierre-de-Clages

Saint-Pierre-de-Clages liegt auf einem natürlichen und in Richtung Süden geneigten gewaltigen Schuttkegel im Rhônetal. Diese Ablagerungen aus Kalk- und Mergelgesteinen entstanden durch Verwitterung und Weitertransport der La Losentse, die in ihrem Verlauf Gerölle aus der Morcles-Decke, konkret dem Südabhang des Grand Muveran und der Westflanke vom Haut-de-Cry hier ablagerte. Etwa ein Kilometer oberhalb befindet sich der Ort Chamoson. Beide Siedlungen bilden das größte zusammenhängende Weinanbaugebiet im Wallis. Im Ort leben etwa 630 Einwohner, deren Erwerbsgrundlage hauptsächlich Weinbau und Tourismuswirtschaft ist.

Geschichte[Bearbeiten]

Die erste urkundliche Erwähnung dieser Ansiedlung bezieht sich auf das Priorat und die mit ihm verbundene Kirche (ecclesias de Clagiis) und stammt aus dem Jahr 1153. Sie ist in einer Urkunde von Eugen III. niedergelegt, die Saint-Pierre-de-Clages als eine Priorstelle der Benediktinerabtei Saint-Martin d’Ainay von Lyon in der Parochie Sedunum (heute Sion) bezeichnet. Der Bau dieser romanischen Basilika ist bereits im 11. Jahrhundert begonnen worden.

Der Bischof von Sitten (heute Sion) übernimmt 1580 das Priorat in seinen Besitz. In der Wirkungszeit von Baron von Stockalper wurde das Prioratsgebäude zum Salzdepot umgenutzt. Gleichzeitig etabliert sich im Ort eine Pferdewechsel- und Raststation. Im 18. Jahrhundert war das Dorf zu einer wichtigen Raststation auf der Handels- und Reiseroute zwischen Mailand und Lyon aufgestiegen.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Kirchenbau[Bearbeiten]

Der romanische Kirchenbau besteht aus dem Hallenbau mit im Inneren zwei tragenden Säulenreihen und einem achteckigem Turmbau. Der Turm folgt durch seine oktogonale Form dem Typus von Cluny für kirchliche Bauten und ist dadurch auf Schweizer Gebiet einmalig. An der Ostseite schließt der Chor mit einer halbrunden Apsis ab, die von zwei kleineren Apsiden begleitet wird.

Der Turm besteht im unteren Teil aus Ziegeln und im weiteren Aufbau aus dem für die Region typischen beigefarbenen Tuffgestein. Das Kirchenschiff ist aus Bruchsteinen der geschichteten Kalksteine, Mergel und Kieselschiefer der Umgebung errichtet, wie sie am Nordhang des Tales entlang der Linie Saillon, Chamoson und Leytron charakteristisch auftreten. Besondere Architekturteile, wie das Portal und die Fenstergewände der Außenfassade sind wieder aus dem gelbbeigen Tuff aus der Region ausgeführt. Über dem Hauptportal befindet sich eine inzwischen kaum noch erkennbare Malerei im Tympanon. Weitere Freskomalereien sind als freigelegte Fragmente im Innenraum der Kirche sichtbar.

Bürgerhäuser[Bearbeiten]

In Saint-Pierre-de-Clages sind einige bemerkenswerte Bürgerhäuser erhalten geblieben, die ein Zeugnis vom ländlich-bürgerlichen Wohlstand aus vergangenen Jahrhunderten ablegen. Durch zahlreiche geschäftliche Nutzungen können architekturinteressierte Besucher deren alte Innenausstattung, gelegentlich auch einen der alten Walliser Specksteinöfen betrachten.

Bücherdorf[Bearbeiten]

Das Schweizer Bücherdorf existiert seit 1993. In meist sehr alten Bürgerhäusern von Saint-Pierre-de-Clages befinden sich zahlreiche Antiquariate, die zum Stöbern anregen. Saint-Pierre-de-Clages ist eines der bisher (2008) 22 europäischen Bücherdörfer. Diese Initiative, an der gegenwärtig 13 europäische Länder beteiligt sind, setzt für die umfassende kulturelle Bedeutung des Buches ein spezifisches Signal. Ende August jedes Jahres findet hier ein dreitägiges Bücherfest statt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Marcel Burri: Erkenne die Natur im Wallis. Die Gesteine. Édition Pillet, Martigny 1992.
  • Niklaus Flüeler, Lukas Gloor, Isabell Rucki: Guide culturel de la Suisse. Ex Libris Verlag, Zürich 1982.
  • F. de Quervain: Die nutzbaren Gesteine der Schweiz. Kümmerly & Frey, Bern 1969.

Weblinks[Bearbeiten]

46.1921127.237043Koordinaten: 46° 12′ N, 7° 14′ O; CH1903: 584436 / 115648