Salman Rushdie

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Salman Rushdie (2012)

Sir Ahmed Salman Rushdie (Urdu ‏سلمان رشدی‎; * 19. Juni 1947 in Bombay, Indien) ist ein indisch-britischer Schriftsteller. Er gehört zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen Literatur. Seine Erzählungen reichert er mit Elementen aus der Märchenwelt an. Dieses Vermischen von Mythos und Fantasie mit dem realen Leben wird als magischer Realismus bezeichnet. Rushdie schreibt in englischer Sprache.

Leben[Bearbeiten]

Salman Rushdie wuchs in Bombay (heute Mumbai) in einer muslimischen Familie auf. Sein Vater, ein Anwalt und Geschäftsmann aus ehemals wohlhabender Familie mit dem Namen Khwaja Muhammad Din Khaliqi Dehlavi, gab sich den Namen Anis Rushdie aus Bewunderung für Ibn Ruschd, den spanisch-arabischen Philosophen aus dem zwölften Jahrhundert, der in Europa unter dem Namen Averroës bekannt wurde. Anis schickte seinen Sohn im Alter von 14 Jahren auf die Rugby School in England. Am King’s College der Universität Cambridge studierte er danach Geschichte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem er seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller verdienen konnte, arbeitete er am Theater, als freier Journalist und überwiegend als Texter in der Werbung.

Mit Grimus veröffentlichte Salman Rushdie 1975 sein erstes Werk, das ihm aber nicht den erhofften Erfolg einbrachte. Sein internationaler Durchbruch gelang ihm 1981 mit dem Buch Mitternachtskinder, für das er mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde. Sein drittes Buch Scham und Schande erschien 1983.

Einen weiteren Erfolg verzeichnete er 1988 mit seinem Werk Die satanischen Verse. Die in den Albträumen eines Protagonisten widergespiegelte Lebensdarstellung des Propheten Mohammed war der Anlass für den iranischen Staatschef Khomeini, Rushdie mittels einer Fatwa am 14. Februar 1989 zum Tode zu verurteilen. Begründet wurde diese Fatwa damit, das Buch sei „gegen den Islam, den Propheten und den Koran“. Khomeini rief die Muslime in aller Welt zur Vollstreckung auf. Die iranische „halbstaatliche”[1] Stiftung 15. Chordat setzte ein Kopfgeld von zunächst einer Million US-Dollar aus.[2] Rushdie erfuhr von seinem Todesurteil durch eine Reporterin der BBC am Tag der Beisetzung seines langjährigen Freundes und Reisegefährten Bruce Chatwin.[3]

Religiöse Autoritäten in Saudi-Arabien und die Scheiche der berühmten ägyptischen al-Azhar-Moschee verurteilten die Fatwa als illegal und dem Islam widersprechend.[4][5] Dies begründeten sie anhand der Tatsache, dass die Scharia es nicht gestatte, einen Menschen ohne ein Gerichtsverfahren zum Tode zu verurteilen und es außerdem außerhalb der islamischen Welt (bzw. Staaten, in denen die Scharia angewandt wird) sowieso keine Rechtskraft habe. Auf der Islamischen Konferenz im März 1989 haben alle Mitgliedsstaaten der Organisation der Islamischen Konferenz (Iran ausgeschlossen) der Fatwa widersprochen.[4][5]

Salman Rushdie erklärte gegenüber der islamischen Glaubensgemeinschaft sein Bedauern über „die Besorgnis, die die Veröffentlichung aufrichtigen Anhängern des Islam bereitet hat“. Aber auch nach dem Tode Khomeinis am 3. Juni 1989 wurde das Todesurteil aufrechterhalten. 1991 wurde das Kopfgeld der Chordat-Stiftung verdoppelt. Der Dichter lebte wegen der erhaltenen Morddrohungen in erzwungener Isolation an ständig wechselnden Wohnorten und unter Polizeischutz. Die zahlreichen Drohungen und Anschläge gegen die Verlage und die Ermordung eines Übersetzers verhinderten den Erfolg des Buches nicht. Es errang eine weite Verbreitung. Die Drohungen werden bis heute vom geistlichen Führer des Irans und Nachfolger Khomeinis, Chamenei, ebenso wie von der Iranischen Revolutionsgarde vertreten.[6][7][8] Der Iran erklärte, die Fatwa könne nicht zurückgenommen werden, dies könne nur der Aussteller, der gestorben sei.[7] Im September 2012 wurde das Kopfgeld noch einmal erhöht und beträgt nunmehr 3,3 Millionen Dollar.[9] Trotzdem kommt Rushdie seit einigen Jahren wieder ohne Leibwächter aus, und wird auch nicht mehr rund um die Uhr bewacht.[10]

Auf seiner Flucht verfasste Rushdie für seinen Sohn das Märchen Harun und das Meer der Geschichten, in dem ein Märchenerzähler die Fähigkeit verliert, Geschichten zu erzählen, weil ihm der „Geschichtenhahn“ abgedreht wird und er keinen Zugang mehr zum „Erzählwasser“ hat. Sein Sohn macht sich auf den Weg, seinen Vater zu retten. Diese Geschichte diente als Parabel auf Rushdies eigene Situation, im Untergrund und getrennt von der Familie. Rushdie erhielt viele renommierte Preise, der herausragendste ist der Aristeion-Literaturpreis der EU für sein Gesamtwerk.

Das nächste Werk, Des Mauren letzter Seufzer, erregte bei seinem Erscheinen 1995 besonders in Indien großes Aufsehen. Sehr deutliche Anspielungen auf die Führer der Hindu-nationalistischen Bewegung von Mumbai bewirkten, dass das Buch in dieser Stadt auf den Zensur-Index gesetzt wurde.

1999 entstand das Werk Der Boden unter ihren Füßen und 2001 der Roman Fury. Eine Sammlung skurriler Erzählungen heißt East, West. 2005 veröffentlichte Rushdie den Roman Shalimar the Clown, 2006 unter dem Titel Shalimar der Narr auf Deutsch erschienen. Für sein Lebenswerk wurde Salman Rushdie 1999 von der Freien Universität Berlin sowie der Universität Lüttich[11] mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

2004 heiratete Rushdie in vierter Ehe das in Indien geborene Model Padma Lakshmi. Nach drei Jahren zerbrach die Ehe.[12]

Salman Rushdie in Warschau (3. Oktober 2006)

Rushdie gehört zu den Unterzeichnern des Manifestes der 12 gegen den Islamismus als neue totalitäre Bedrohung.

Am 16. Juni 2007 wurde vom Buckingham Palace mitgeteilt, dass Königin Elisabeth II. beabsichtige, Rushdie zusammen mit 945 Sportlern, Kulturgrößen und Repräsentanten der Wirtschaft als Knight Bachelor in den Ritterstand zu erheben.[13] Die Bekanntgabe hat offizielle diplomatische Proteste im Iran und in Pakistan ausgelöst; in beiden Ländern wurden die britischen Botschafter einbestellt. Das iranische Außenministerium nannte die Entscheidung, den „verhassten Apostaten“ zu ehren, einen eindeutigen Beweis für Islamophobie unter hochrangigen britischen Beamten.[14] In Iran, Pakistan und Malaysia kam es anschließend zu teilweise gewalttätigen Straßenprotesten.[15] In Kaschmir kam die Wirtschaft einen Tag lang zum Erliegen.[16] Der Ritterschlag fand im Juni 2007 statt.

Nach zahlreichen Drohungen mit Gewaltausschreitungen und Mordaufruf von Islamisten hat Rushdie die Teilnahme am größten Literaturfestival Indiens in Jaipur im Januar 2012 abgesagt. Der gebürtige Inder hatte die Eröffnungsrede halten sollen.[17][18] Rushdie selbst bekräftigte kurze Zeit später, er glaube, dass die gegen ihn erhobenen Drohungen in Wahrheit von der Polizei aus taktischen Gründen erfunden wurden, um ihn zum Rückzug zu motivieren und keine Unruhen auszulösen[19].

Seit dem Jahr 2000 lebt Rushdie die meiste Zeit in der Nähe des Union Square in New York.[20] Im Frühjahr 2007 trat er eine fünfjährige Gastprofessur als Distinguished Writer in Residence an der Emory University in Atlanta an.[21]

2012 veröffentlichte er unter dem Titel Joseph Anton seine Autobiografie. „Joseph Anton“ war der Deckname, den er sich nach Aufforderung der Polizei für sein Leben in der Anonymität zugelegt hatte. Es ist eine Kombination der Vornamen seiner beiden Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad und Anton Tschechow. Das schonungslose Buch wird immer wieder als Rushdies bestes Werk angesehen.[22][23]

Die satanischen Verse[Bearbeiten]

Hauptartikel: Die satanischen Verse

„Satanische Verse“ ist die Bezeichnung für eine Überlieferungsvariante im Koran. In der 53. Sure „Der Stern“ (an-Nadschm) geht es um drei bei der Kaaba in Mekka verehrte, vorislamische, weibliche Gottheiten: al-Lat, al-'Uzza und al-Manat. In der überlieferten Fassung des islamischen Gelehrten und Historikers Tabari[24] erlaubt Mohammed ihre Verehrung[25], während er sie in der kanonischen Fassung ablehnt. Der Ausdruck „Satanische Verse“ wurde von William Muir gebildet. Die gereinigte oder berichtigte Fassung verdrängte diese Göttinnen, da sie auch als (untergeordnet) verehrungswürdige Wesen nicht mit dem Monotheismusgebot in Einklang zu bringen waren.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Werke (auf Deutsch)[Bearbeiten]

Romane[Bearbeiten]

Autobiographie[Bearbeiten]

Sonstige Schriften[Bearbeiten]

  • Das Lächeln des Jaguars. Eine Reise durch Nicaragua (The Jaguar Smile). Piper, München 1987; Rowohlt, Reinbek 2009, ISBN 978-3-499-24871-9
  • Osten, Westen (East, West). Kurzgeschichten. Kindler, München 1995; Rowohlt, Reinbek 2010, ISBN 978-3-499-24960-0
  • Der Zauberer von Oz (The Wizard of Oz). Edition Phantasia, Bellheim 1999, ISBN 3-924959-53-6
  • Heimatländer der Phantasie. Essays und Kritiken 1981–1991 (Imaginary Homelands). Kindler, München 1992, ISBN 3-463-40155-X
  • Überschreiten Sie diese Grenze! Schriften 1992–2002 (Step Across This Line). Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-498-05773-1

Sonstiges[Bearbeiten]

  • Salman Rushdie stellte sich selbst in einer Gastrolle in dem Spielfilm Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück (2001) dar.
  • Im Film Then She Found Me (USA 2007) stellt er in einer Nebenrolle den Arzt „Dr. Masani“ dar.
  • Dietmar Luz veröffentlichte 1994 den Roman Fatwa – das Urteil zum Leben Rushdies „im Untergrund“.[28]
  • In dem Roman Gottes kleiner Krieger von Kiran Nagarkar wird die Reaktion eines radikalen Islamisten auf Die satanischen Verse thematisiert, die bis zu einem versuchten Anschlag auf Rushdie führt.
  • Für die gleichnamige Verfilmung des Romans Mitternachtskinder durch Deepa Mehta schrieb Salman Rushdie das Drehbuch.
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Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Salman Rushdie – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. parastatal enterprise  Farhad Nomani, Sohrab Behdad: Class And Labor in Iran. Syracuse University Press, Syracuse 2006, ISBN 9780815630944, S. 37 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2.  Brian McHale, Randall Stevenson: The Edinburgh Companion to Twentieth-century Literatures in English. Edinburgh University Press, Edinburgh 2006, ISBN 9780748620111, S. 234 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Nicholas Shakespeare, Bruce Chatwin. Eine Biographie. S. 801.
  4. a b Karen Armstrong, Muhammad. Religionsstifter und Staatsmann, S. 11f.
  5. a b Karen Armstrong, Kleine Geschichte des Islam, S. 219
  6. Can Iran Be Trusted?, Michael Rubin, AEI Middle Eastern Outlook, 1. September, 2006 (englisch)
  7. a b Ayatollah revives the death fatwa on Salman Rushdie by Philip Webster, Ben Hoyle and Ramita Navai, The Times, 20. Januar, 2005 (englisch)
  8. Iran adamant over Rushdie fatwa, BBC NEWS, 12. Januar, 2005 (englisch)
  9. Todesdrohung besteht seit 1989 – Stiftung erhöht Kopfgeld für Salman Rushdie, Artikel auf RP Online (Online-Ausgabe der Rheinischen Post) vom 16. September 2012
  10. Hans-Hermann Klare: "Ich halte Gott für eine lächerliche Idee" auf stern.de
  11. [1] Remise des insignes de Docteur Honoris Causa à M. Salman RUSHDIE
  12. 20 Minuten: Salman und Padma - Scheidung, 3. Juli 2007
  13. Die Zeit: Ein Himmel ohne Jungfrauen 19. Juni 2007
  14. IRNA: „British knighthood for Rushdie, clear sign of Islamophobia“, 17. Juni 2007 (engl.)
  15. Der Spiegel: Islamisten wütend über Ritterschlag für Rushdie 20. Juni 2007
  16. Rushdie - Opfer des Zorns, der Tagesspiegel, 23. Juni 2007, S. 1
  17. Stern vom 20. Januar 2012: Indisches Literaturfestival ohne Salman Rushdie eröffnet
  18. The New Yorker vom January 20, 2012: A Writer Under Threat, Again, abgerufen am 21. Januar 2012
  19. "Rushdie said that he now believed the supposed plot -- apparently undertaken by Mumbai criminal gangs -- had been invented to keep him away from the festival and to avoid controversy", in: "Rushdie says Indian police invented death threat", AFP (france24.com), 22. Januar 2012
  20. Laura M. Holson: From Exile to Everywhere. In: The New York Times, 23 März 2012. Abgerufen am 10. August 2012.
  21. Salman Rushdie to Teach and Place His Archive at Emory University. Emory University Media Release, 6. Oktober 2006. Abgerufen am 10 August 2012.
  22. Nils Minkmar: Im Zeichen der Krähen auf faz.net. Abgerufen am 29. Juli 2013.
  23. Thomas Steinfeld: Im Lichte der Drohung auf sueddeutsche.de. Abgerufen am 29. Juli 2013.
  24. Tabari Annalen I, S. 1192–1196, u. a., vgl. Rudi Parets Koranausgabe, Kommentarband, S. 461
  25. Annemarie Schimmel kommentiert in der deutschen Koranübersetzung von Max Henning (Reclam Stuttgart 1961, S. 510 f.): „Dies sind drei Göttinnen der heidnischen Araber. Bei der ersten Verlesung der Sure soll Mohammed fortgefahren sein:
    «Dies sind die zwei hochfliegenden Schwäne,
    Und ihre Fürsprache werde erhofft.»
    Er tat dies, da ihm die Quraišiten unter diesem Kompromiss die Prophetenwürde zuerkennen wollten. Am nächsten Tag jedoch schon erklärte er die beiden Verse als Eingebung des Satans, an ihre Stelle traten V. 21–23.“
  26. John Mullan: Lives & letters, Where are they now?. In: The Guardian, Guardian Media Group, 12. Juli 2008. Abgerufen am 29. November 2012. 
  27. Rushdie wins Best of Booker prize, BBC News. 10. Juli 2008. Abgerufen am 29. November 2012. }
  28. Im Frieling Verlag, Berlin 1994, ISBN 3-89009-743-X.