Samir Kuntar

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Samir Kuntar 2009 in Schiraz

Samir Kuntar (arabisch ‏سمير القنطار‎, DMG Samīr al-Qunṭār, auch Sameer Quntar, Al-Qantar oder El Kantar; * 20. Juli 1962 in Aabey, Libanon) ist ein libanesischer Druse[1] und war Mitglied der Terrororganisation Palästinensische Befreiungsfront (PLF). Er war Anführer eines vierköpfigen, offenbar von Abu Abbas entsandten PLF-Kommandotrupps bei einem Überfall am 22. April 1979 auf die israelische Küstenstadt Naharija, bei dem drei Zivilisten, darunter zwei Mädchen im Alter von zwei und vier Jahren, und zwei Polizisten getötet wurden. Gemäß Anhängern Kuntars seien bei der Aktion, die militärischen Zielen gegolten haben soll, fünf Israelis getötet und zwölf weitere verletzt worden.[2] Er wurde von einem Zivilgericht in Tel Aviv[3] wegen Mordes und Terrorismus zu einer vierfach lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. In Vorbereitung eines Gefangenenaustausches wurde Kuntar von Israels Staatspräsident Schimon Peres zunächst begnadigt. Am 16. Juli 2008 erfolgte dann der Austausch gegen die sterblichen Überreste von Ehud Goldwasser und Eldad Regev, die von der Hisbollah zu Beginn des Zweiten Libanonkrieges gefangen genommen wurden. [4]

Leben vor dem Anschlag[Bearbeiten]

Kuntar wurde am 20. Juli als Sohn eines drusischen Paares geboren. Seine Eltern ließen sich kurz nach seiner Geburt scheiden, und seine Mutter starb, als er noch ein Kind war. Sein Vater ging zum Arbeiten nach Saudi-Arabien und ließ ihn in Abey, 30 Kilometer südöstlich von Beirut zurück, wo er bei seiner Stiefmutter Siham aufwuchs. Nachbarn beschrieben ihn als stilles Kind, das schwer zu erziehen war. Mit 14 verließ er die Schule. Der libanesische Bürgerkrieg gewann an Intensität, wobei zunehmend Problemkinder darin involviert wurden. 2006 sagte seine Stiefmutter in einem Interview, dass Kuntar manchmal für Tage verschwunden sei. Bald entdeckte sie, dass er in Lagern militärische Ausbildung erhielt. Ihre Versuche, ihn davon abzuhalten, schlugen fehl. Er wollte an Guerillaaktionen gegen Israel teilnehmen. Dieser Wunsch wurde durch Israels Eindringen in den Libanon 1978 noch verstärkt. 1978 versuchte er über die jordanische Grenze in Israel einzudringen, wurde jedoch festgenommen und verbrachte den Rest des Jahres in jordanischer Haft. Am 22. April führte er eine Gruppe anderer Teenager an, deren Ziel es war, Israelische Geiseln zu nehmen, um diese gegen palästinensische Gefangene auszutauschen. Sie erreichten Nahariya mit einem Schlauchboot[5].

Anschlag auf Naharija 1979[Bearbeiten]

Smadar Haran-Kaiser, die bei dem Überfall ihren Ehemann Danny und ihre beiden kleinen Töchter Einat und Yael verlor, schildert im Interview mit der Washington Post vom 18. Mai 2003[6] den Ablauf der Ereignisse: In der Nacht vom Samstag auf Sonntag den 22. April 1979 seien sie um Mitternacht in ihrem Apartment von Schüssen und explodierenden Handgranaten aufgewacht, als vier Terroristen, die von Abu Abbas aus dem Libanon entsandt worden wären, mit einem Schlauchboot zwei Apartmentblocks entfernt an Land gegangen seien. Diese hätten bereits einen Polizisten getötet und seien dann, nachdem sie zunächst in das darübergelegene Stockwerk gestürmt wären und beim Umdrehen Smadar Haran-Kaiser gesehen hätten, gewaltsam in die Wohnung der Familie Haran eingedrungen. Dabei hätten sie um sich geschossen und Handgranaten geworfen. Bei Ankunft der Polizei habe die Gruppe daraufhin den 28-jährigen Danny Haran und seine vierjährige Tochter Einat als Geiseln genommen und aus der Wohnung an den Strand verschleppt. Samir Kuntar habe dort, nachdem er Danny und Einat als menschliche Schutzschilde gegen die israelischen Sicherheitskräfte missbraucht habe[7] nach Augenzeugenberichten den Vater vor den Augen seiner Tochter erschossen und dann eigenhändig das kleine Mädchen getötet, indem er dessen Schädel mit dem Kolben seines Gewehres gegen einen Fels geschmettert habe.[6] Samir Kuntar bestreitet, Einat getötet zu haben.[7] Der Polizist Eliyahu Shahar[8][9] und zwei Männer aus Samir Kuntars Gruppe seien ebenfalls getötet worden. Während des Schusswechsels habe sich Smadar Haran-Kaiser mit ihrer jüngeren Tochter Jael und einer Nachbarin aus dem Stockwerk über ihnen, die Zuflucht bei den Haran-Kaisers gesucht hätte, in einem Kriechgang über dem Schlafzimmer verborgen. Dabei habe sie das zweijährige Mädchen unbeabsichtigt erstickt, als sie verzweifelt versucht hätte, es stillzuhalten. Ihr sei klar gewesen, dass die Angreifer eine Handgranate in ihr Versteck geworfen hätten und sie alle gestorben wären, falls Jael geweint hätte. Am nächsten Tag habe Abu Abbas von Beirut aus erklärt, der Überfall in Naharija sei ausgeführt worden, um gegen die Unterzeichnung des ägyptisch-israelischen Friedensvertrages zu protestieren, der nach dem von US-Präsident Jimmy Carter vermittelten Gipfeltreffen zwischen Anwar as-Sadat und Menachem Begin in Camp David im März 1979 zustande gekommen war.[6]

Gefangenschaft[Bearbeiten]

Im israelischen Gefängnis hat Kuntar Englisch und Hebräisch gelernt und an der Open University of Israel in Tel Aviv einen Abschluss in Soziologie erworben. Der englische Titel seiner auf hebräisch geschriebenen Abschlussarbeit lautet: The Contradiction of Democracy and Security in Israel.[1] Haran-Kaiser zufolge hat Kuntar eine israelisch-arabische Aktivistin geheiratet, die sich für Gefangene einsetzt und als Gefangenenehefrau eine Pension vom israelischen Staat erhält.[6]

Nach Aussage der Anwältin Buthaina Duqmaq – sie ist Gründerin des Mandela Institute for Human Rights in Ramallah –, die Kuntar regelmäßig im Gefängnis besuchte, hat Kuntar seine Taten nie bereut oder bedauert. Seiner Auffassung nach ist er Mitglied einer „Befreiungsbewegung“ und „stolz darauf“.[3]

Al-Abrass wurde von Israel 1986 im Zuge des Ahmed-Jibril-Gefangenenaustauschs gegen drei israelische Soldaten ausgetauscht.

Achille-Lauro-Entführung 1985[Bearbeiten]

Am 7. Oktober 1985, auf der Fahrt von Alexandria nach Port Said im Nordosten Ägyptens, wurde das Kreuzfahrtschiff Achille Lauro von vier palästinensischen Kämpfer entführt. Sie waren Angehörige der "Palästinensischen Befreiungsfront" (Palestine Liberation Front = PLF), als deren Anführer Abu Abbas galt, und drohten damit, die Passagiere zu töten bzw. das Schiff zu sprengen, falls nicht 50 Palästinenser freigelassen würden, die in israelischen Gefängnissen einsaßen. Von diesen freizulassenden Gefangenen wurde Samir Kuntar als einziger namentlich benannt.[10] Im Verlaufe der Geiselnahme wurde ein im Rollstuhl sitzender US-amerikanischer Tourist jüdischer Herkunft, Leon Klinghoffer, ermordet.

Vorgeschlagener Austausch für Ron Arad 2003[Bearbeiten]

Nach jahrelangen Vorbereitungen und monatelangen Geheimverhandlungen stimmte Israel im Jahr 2003 zu, rund 400 palästinensische und 36 weitere arabische Häftlinge sowie den seit 1997 in Israel wegen eines angeblich von ihm geplanten Selbstmordattentates inhaftierten Deutschen Steven Smyrek im Austausch gegen den seit dem Jahr 2000 von der Hisbollah-Miliz festgehaltenen Geschäftsmann und pensionierten Oberst[11] Elhanan Tanenboym (andere Schreibweise: Elchanan Tennenbaum) sowie die sterblichen Überreste dreier israelischer Soldaten freizulassen. Außerdem sollten die Leichen von 59 gefallenen Libanesen in ihre Heimat überführt, das Schicksal von 24 im Libanon Vermissten aufgeklärt und Karten über Landminen im Südlibanon ausgetauscht werden.[12]

Hassan Nasrallah, der Anführer der Hisbollah, weigerte sich zunächst, diese Abmachung zu akzeptieren, solange sie nicht Samir Kuntar einschloss. Er erklärte: „Hisbollahs Bedingungen sind klar und definiert und wir halten an ihnen fest, unter allen Umständen“.[13][14]

Israel war einverstanden, auch Samir Kuntar freizugeben, aber nur, wenn die Hisbollah im Gegenzug „harte Beweise“ über das Schicksal von Ron Arad, einem Luftwaffennavigator, der seit 1986 im Libanon vermisst war, vorlegte.[15][16]

Der deutsche Gesandte Ernst Uhrlau, damals Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt[12], erklärte anlässlich des am 29. Januar 2004 ohne Samir Kuntar erfolgten Gefangenenaustausches zu dessen Schicksal, dass er "im Anschluß an die laufenden Verhandlungen über seinen Fall verzugslos in sein Heimatland überstellt" werde. "Alle beteiligten Parteien hofften" dabei, dass sich dies "innerhalb von drei oder vier Monaten abspielen werde".[11]

Es gab aber auch Widerstand gegen diese Pläne. So versuchten die Familien von zwölf verschollenen iranischen Juden mit einer Klage vor dem obersten Gericht Israels den Austausch von Kuntar zu verhindern, um eine Trumpfkarte gegenüber Iran zu behalten.[17] Auch Smadar Haran-Kaiser war entsetzt über den geplanten Austausch, zumal die israelische Regierung versprochen hatte, keine „Terroristen mit Blut an den Händen“ freizulassen.[8]

Kurz nach dem Gefangenenaustausch vom 29. Januar 2004 verkündete die Hamas, dass auch sie israelische Soldaten verschleppen würde, um die Freilassung palästinensischer Geiseln zu erreichen. Gleichzeitig stellte Hassan Nasrallah klar, dass die Hisbollah fortfahren werde, Israelis zu entführen, solange sich „auch noch ein einziger Häftling“ in Israels Gefängnissen befinde.[18]

Da die Hisbollah keine näheren Informationen über Arad offenbarte, kam kein Gefangenenaustausch mit Kuntar zustande.

Libanon-Plan 2006[Bearbeiten]

Im Jahre 2006 wurde Samir Kuntar Teil eines weiter gefassten Friedensplanes, der vom libanesischen Premierminister Fuad Siniora und vom UN-Gesandten Terje Rød-Larsen vorgeschlagen wurde.[19] Der Plan umfasste sechs Punkte:

  1. Die Vereinten Nationen markieren die Grenze zwischen Libanon und Syrien.
  2. Syrien erklärt öffentlich, dass die Shebaa-Farmen libanesisches Territorium sind.
  3. Die libanesische Armee errichtet Stellungen an Libanons Südgrenze mit Israel.
  4. Israel zieht sich von den Shebaa-Farmen zurück und übergibt sie an Libanon. Die israelische Luftwaffe beendet ihre Verletzung libanesischen Luftraums.
  5. Der libanesische Premierminister Siniora erklärt formell das Ende der israelischen Besatzung und alle Milizen, einschließlich der Hisbollah, werden entwaffnet.
  6. Alles Mögliche, um das Schicksal Ron Arads aufzuklären, wird getan. Israel lässt Samir Kuntar und alle anderen libanesischen Gefangenen frei. Die Hisbollah verlässt das Grenzgebiet.

Es wurde berichtet, dass der Plan die volle Unterstützung der israelischen Sicherheitskreise erhielt.[19]

Libanonkrieg 2006[Bearbeiten]

In verschiedenen Interviews für die libanesische Fernsehstation Al-Manar gratulierte Mohamad Jawad Khalifeh, der libanesische Gesundheitsminister, der Hisbollah für „ihre großartigen Aktionen“ und sagte, dass „Libanon das Recht hat, seine Häftling zurückzuholen und sie zu befreien“.(Quelle?) Ali Ammar, ein Mitglied des libanesischen Parlaments für die Hisbollah, äußerte die Meinung, dass „speziell an diesem wesentlichen Punkt in der Geschichte des Heimatlandes und der Nation, die Regierung die Solidarität mit ihren Menschen ausdrücken und Samir Kuntar fühlen lassen sollte, dass er ein Libanese par excellence ist“.[20]

Am 12. Juli 2006 griff die Hisbollah eine israelische Grenzstreife an, tötete drei Soldaten und nahm zwei weitere gefangen. Sie sollen, so die Erklärungen von Vertretern der Hisbollah, gegen Samir Kuntar und zwei andere Häftlinge ausgetauscht werden. Dieser Zwischenfall löste – zusammen mit Raketen-Angriffen der Hisbollah auf Israel – eine massive militärische Offensive Israels im Libanon aus, die in den Libanonkrieg 2006 mündete.

Drei Wochen nach Beginn des Waffenstillstands empfahl ein Haaretz-Leitartikler, das „Monster Samir Kuntar“ freizulassen, damit die drei derzeit noch entführten israelischen Soldaten Shalit, Goldwasser und Regev endlich zu ihren Familien zurückkommen.[21]

Im Oktober 2007 äußerte Smadar Haran-Kaiser in einem Telefongespräch mit Premier Olmert, dass sie sich der Auslieferung des Mörders ihrer Familie nicht widersetzen werde.[22]

Am 16. Juli 2008 wurde Samir Kuntar im Rahmen des Austausch von Gefangenen und getöteten israelischen Soldaten und Hisbollah-Kämpfern zwischen Israel und der Hisbollah freigelassen.

Samir Kuntar wurde bereits am Flughafen von Präsident Michel Sulaiman begrüßt. "Eure Rückkehr ist ein neuer Sieg", sagte Suleiman. An der Zeremonie nahmen auch Regierungschef Fuad Siniora und weitere ranghohe libanesische Politiker teil.[23]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Samir Kuntar – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Los Angeles Times: Hezbollah Puts Convicted Killer Atop Wish List, Rone Tempest, 2. August 2006, S. 8, engl. (nur Zusammenfassung des Artikels noch kostenlos zugänglich)
  2. Free Samir Kuntar the Longest-Held Lebanese Detainee in the Israeli Prisons (Webseite von Kuntar-Anhängern, engl.)
  3. a b Carolynne Wheeler: A heartless killer as political pawn, The Globe and Mail, S. A1, 28. Juli 2006, engl.
  4. IDF receives bodies presumed to be of Goldwasser, Regev (englisch) Jerusalem Post. 16. Juli 2008. Abgerufen am 16. Juli 2008.
  5. http://www.nytimes.com/2008/07/15/world/africa/15iht-profile.4.14519524.html
  6. a b c d Smadar Haran Kaiser: The World Should Know What He Did to My Family (Englisch), The Washington Post. 18. Mai 2003, S. Seite B02. 
  7. a b Orly Halpern: "The man Hezbollah wants", US News, 6. August 2006, engl.
  8. a b Goel Beno: He Must Not Go Free, Jedi’ot Acharonot, 3. Juli 2003, engl.
  9. Israel National News: Who is Samir Kuntar?, 9. November 2003, engl.
  10. "Achille Lauro Hijacking", www.specialoperations.com, (engl.)
  11. a b Assafir: "Samir El Kantar entame sa 28ème année d'emprisonnement par Israël" (Foto von Samir Kuntar heute und der Gruppe
    vom 22. April 1979), Institut Tunisien des Relations Internationales (ITRI), 22. April 2006, franz.
  12. a b "Gefangenenaustausch zwischen Israel und Hisbollah", Die Welt, 24. Januar 2004
  13. Canadian Jewish News: Nasrallah: no prisoner swap without Samir Kuntar, 13. November 2003, engl. (Artikel nicht online verfügbar)
  14. Chris McGreal: Israel backs deal with Hizbullah to swap prisoners, The Guardian, 10. November 2003, engl.
  15. The Irish Times: Israel agrees to free prisoners in secret deal with Hizbullah, 26. Januar 2004, engl. (Artikel nicht kostenlos zugänglich[1])
  16. Arieh O'Sullivan: Arad could alter release criteria, The Jerusalem Post, 27. Januar 2004, engl.
  17. Dan Izenberg: Families: Don't release Kuntar, The Jerusalem Post, 14. Mai 2004, engl.
  18. Deutsche Presse-Agentur: Hamas, Hezbollah vow to abduct more Israeli soldiers, 30. Januar 2004, engl. (Artikel nicht online verfügbar)
  19. a b Mideast Mirror: Diplomatic maneuvers, 1. Juni 2006, engl. (Artikel nicht online verfügbar)
  20. BBC Worldwide: Lebanese Hezbollah TV talk show discusses implications of operation, 13. Januar 2006, engl. (Artikel nicht online verfügbar)
  21. Bradley Burston: Free the monster Samir Kuntar, Haaretz, 4. September 2006
  22. Christoph Schult und Holger Stark: Drei Leichen und ein Brief, Spiegel online, 23. Oktober 2007
  23. Spiegel Online Feiern für Freigelassene