Samuel Thomas von Soemmerring

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Sömmering ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum Mondkrater siehe Sömmering (Mondkrater).
Samuel Thomas Soemmerring, Porträt von Wendelin Moosbrugger (1813)
Soemmerings Telegraf, 1809.

Samuel Thomas Soemmerring, seit 1808 Ritter von Soemmerring, auch Sömmerring (* 28. Januar 1755 in Thorn; † 2. März 1830 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Anatom, Anthropologe, Paläontologe und Erfinder. Soemmerring entdeckte den „gelben Fleck“ in der Netzhaut des menschlichen Auges. Seine Untersuchungen über das Gehirn und das Nervensystem, über die Sinnesorgane, über den Embryo und dessen Fehlbildungen, über den Bau der Lungen, über die Brüche etc. machten ihn zu einem der bedeutendsten deutschen Anatomen. In späteren Jahren verlagerte er seine Arbeitsgebiete auf die Physik, Chemie und Paläontologie. 1809 entwickelte er einen elektrochemischen Telegraphen.

Leben[Bearbeiten]

Samuel Thomas Soemmerring war das neunte Kind des Arztes Johann Thomas Soemmerring und der Pfarrerstochter Regine Geret. Der Vater stammte aus Marburg an der Lahn und hatte sich in Thorn als Arzt niedergelassen. 1774 beendete Soemmerring die Schulbildung in Thorn und begann als 19-Jähriger Medizin an der Universität Göttingen zu studieren. 1778 wurde er Doktor der Medizin. In seiner Dissertation mit dem Titel De basi encephali et originibus nervorum cranio egredientium beschrieb er die Einteilung der zwölf Hirnnerven. Seine Studie hat bis heute Gültigkeit. Er wurde 1779 Professor der Anatomie am Kasseler Collegium Carolinum, wo er unter anderem einen Elefanten präparierte, dessen Schädel sich Goethe im Jahr 1784 auslieh, um daran seine Studien zum Zwischenkieferknochen voranzutreiben.[1] Soemmering[2] war Mitglied der königlich britischen Gesellschaft der Wissenschaften in Kassel und Mitarbeiter der Göttingischen gelehrten Anzeigen. 1779 wurde er Mitglied der Loge Zum gekrönten Löwen in Kassel und 1780 mit dem Namen „Marmessos” Direktor des Kasseler Rosenkreuzerzirkels. Hier war er ein Freund von Georg Forster.

Ab Oktober 1784 lehrte er an der Universität Mainz Anatomie und Physiologie. In seiner im November 1784 erschienenen Schrift Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer beschrieb Soemmerring seine Beobachtungen beim Sezieren der Leichen von Europäern und Afrikanern und verglich sie mit der Anatomie verschiedener Affenarten wie Orang-Utan und Mandrill. Bei den sezierten Afrikanern handelte es sich um nach Europa gebrachte ehemalige Sklaven, die an klimatisch bedingten Krankheiten gestorben waren oder Selbstmord begangen hatten. Dennoch schien ihm „der Schluß nicht unbillig noch ungegründet, daß im allgemeinen, im Durchschnitt, die afrikanischen Mohren doch in etwas näher ans Affengeschlecht, als die Europäer gränzen.[3] Eine allgemeine Unterlegenheit schwarzer Menschen gegenüber Europäern leitete er daraus nicht ab: Sie bleiben aber drum dennoch Menschen, und über jene Klasse wahrer vierfüßiger Thiere gar sehr erhaben, gar sehr auffallend von ihnen unterschieden und abgesondert. Auch unter den Schwarzen gibts einige, die ihren weißen Brüdern näher treten, und manche aus ihnen sogar an Verstande übertreffen. [3] Der Göttinger Rassentheoretiker Johann Friedrich Blumenbach lehnte die Unterscheidung unterlegener und überlegener Rassen grundsätzlich ab und kritisierte Soemmerring dafür scharf.

1787 ernannte Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal ihn zum Hofrat und Leibarzt. Im selben Jahr wurde er in London Freimaurer. 1789 bis 1792 wirkte er als Dekan der medizinischen Fakultät. Sein Hauptwerk Vom Baue des menschlichen Körpers verfasste er während dieser Zeit. Am 6. März 1792 heiratete er in Mainz die aus Frankfurt stammende Malerin und Kupferstecherin Margarethe Elisabeth Grunelius (1768–1802). Aus der Ehe gingen ein Sohn (Dietmar Wilhelm, 1793–1871) und eine Tochter (Susanne Katharina, 1796–1867) hervor.

Mit der Besetzung von Mainz durch die französische Revolutionsarmee im Oktober 1792, der Gründung der kurzlebigen Mainzer Republik 1793, der Belagerung von Mainz und Rückeroberung durch die Preußen kam es zu einem allmählichen Erliegen des Lehrbetriebs an der Mainzer Universität. Soemmering siedelte deshalb 1795 nach Frankfurt am Main über und praktizierte als Arzt im Haus seiner Schwiegereltern in der Saalgasse 122. 1797 nahm Sömmerring seinen endgültigen Abschied von der Mainzer Universität. 1796 bis 1802 bewohnte er ein Haus im Kleinen Hirschgraben, später erwarb er ein Haus am Roßmarkt. Zu seinen Patienten gehörten angesehene Frankfurter Familien wie Bansa, Bethmann, Brentano und Gontard. Mit dem Hauslehrer der Gontards, Friedrich Hölderlin, schloß er Freundschaft. Als eine seiner vielen wichtigen Unternehmungen führte Soemmerring zusammen mit Georg Philipp Lehr gegen den Widerstand einflussreicher Gegner, darunter Johann Christian Ehrmann, die Pockenschutzimpfung ein. 1796 erschien seine Schrift Über das Organ der Seele, die mit einer Bemerkung Immanuel Kants publiziert wurde.[4].

Er erhielt Angebote der Universitäten Jena und St. Petersburg, nahm aber 1805 einen Ruf an die Bayerische Akademie der Wissenschaften in München an. König Maximilian I. Joseph von Bayern verlieh ihm am 11. Mai 1808 in München den Verdienstorden der Bayerischen Krone – als Samuel Thomas Ritter von Soemmerring wurde er damit in den persönlichen Ritterstand erhoben. Im gleichen Jahr wurde er kurfürstlich pfalzbayrischer Hofrat und 1808 in den Adelsstand erhoben. Im Jahre 1810 wurde er Geheimrat.

In München widmete Soemmerring sich verstärkt der Paläontologie, Astronomie, Physik, Chemie und Philosophie. Unter anderem schrieb er über Urzeitkrokodile und Flugsaurier, darunter einen 1812 in Solnhofen gefundenen Pterodactylus antiquus.

Soemmerring entwickelte ferner ein Teleskop zur Himmelsbeobachtung und stellte 1809 vor den Mitgliedern der Königlichen Akademie der Wissenschaften einen elektrischen Telegraphen vor, bei dem Einzelbuchstaben und Ziffern über 35 Leitungen durch galvanische Zersetzung von Wasser übermittelt werden sollten. Die Konstruktion wurde allerdings niemals praktisch eingesetzt. Das Original brachte er später mit nach Frankfurt, wo es sich bis 1905 im Besitz des Physikalischen Vereins befand. Heute ist es im Deutschen Museum in München ausgestellt, ein Modell befindet sich im Museum für Kommunikation Frankfurt. Soemmering arbeitete zudem über die Veredelung des Weins, über Zeichnungen, die sich beim Ätzen des Meteoreisens auf demselben bilden, über die Sonnenflecken und vieles andere. Viele Abbildungen in seinen Werken zeichnete er selbst.

Auf Grund des Wetters und seiner angegriffenen Gesundheit verließ Soemmerring 1820 München und zog zurück nach Frankfurt am Main. 1817 wurde er Gründungsmitglied der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, 1824 des Physikalischen Vereins. Im Jahre 1830 verstarb er dort und wurde auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt.

Ehrungen[Bearbeiten]

Soemmerring war ein Träger des Guelphen-Ordens und zahlreicher anderer Orden und Auszeichnungen. 1820 wurde er in Frankfurt in den von Ehrmann und Friedrich Christian Matthiä gegründeten Orden der verrückten Hofräthe aufgenommen. Zu seinem goldenen Doktorjubiläum 1828 wurde eine goldene Gedenkmünze geprägt. 1829 entstand die Soemmerring-Stiftung der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft.

Nach Soemmerring sind der Mondkrater Sömmering, eine Pflanze (Soemmerringia semper florens), die Sömmerringgazelle (Nanger soemmerringii) und ein ausgestorbenes Meereskrokodil (Geosaurus Soemmerringii) benannt. Seinen Namen tragen eine Straße im Frankfurter Nordend, eine Straße und ein Platz in der Mainzer Neustadt sowie der Samuel Thomas von Soemmerring-Preis des Physikalischen Vereins für astronomische Arbeiten. Eduard Schmidt von der Launitz und Christoph Albrecht Lenz schufen ein bronzenes Soemmerring-Denkmal, das von 1897 bis 1941/42 vor dem Frankfurter Zoo stand und dann eingeschmolzen wurde.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Samuel Thomas von Sömmerring, Porträt von Carl Wilhelm Bender
  • Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer, Mainz 1784 (Digitalisat) (Neu herausgegeben und kommentiert von Sigrid Oehler-Klein, Fischer-Verlag Stuttgart, 1998)
  • Vom Hirn- und Rückenmark, Mainz 1788 (2. Aufl. 1792)
  • Über die Schädlichkeit der Schnürbrüste, Mainz 1788
  • Vom Bau des menschlichen Körpers, 6 Bde., Frankfurt am Main 1791−1796 (2. Aufl. 1800; weitere Aufl. in 8 Bänden von Bischoff, Henle u. a., Leipzig 1839–1845; Neu herausgegeben und kommentiert von Reinhard Hildebrand, bis 2012)
  • De corporis humani fabrica, 6 Bde., Frankfurt am Main 1794–1801
  • De morbis vasorum absorbentium corporis humani, Frankfurt am Main 1795
  • Abbildungen und Beschreibungen einiger Misgeburten [!] die sich ehemals auf dem Anatomischen Theater zu Cassel befanden, Mainz 1795 (Neu herausgegeben und kommentiert von Ulrike Enke, Schwabe-Verlag Basel, 2000.)
  • Über das Organ der Seele, Königsberg 1796 (mit einem Beitrag von Immanuel Kant). (Neu herausgegeben und kommentiert von Manfred Wenzel, Schwabe-Verlag Basel, 2000.)
  • Tabula sceleti feminini, Frankfurt am Main 1798
  • Icones embryonum humanorum, Frankfurt am Main 1799 (Neu herausgegeben und kommentiert von Ulrike Enke, Schwabe-Verlag Basel, 2000.)
  • Abbildungen des menschlichen Auges, Frankfurt am Main 1801 (Neu herausgegeben und kommentiert von Jost Benedum)
  • Abbildungen des menschlichen Hörorgans, Frankfurt am Main 1806
  • Abbildungen des menschlichen Organs des Geschmacks und der Stimme, Frankfurt am Main 1806
  • Abbildungen der menschlichen Organe des Geruchs, 1809
  • Über einen elektrischen Telegraphen. In: Denkschriften der Königlichen Akademie der Wissenschaften. Classe der Mathematik und Physik. 1809/1810 (1811), S. 401-414. (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)

Soemmerrings Briefwechsel mit Georg Forster wurde von Hettner herausgegeben (Braunschweig 1878). Soemmerrings Briefwechsel mit Johann Wolfgang von Goethe wurde von Manfred Wenzel herausgegeben (Stuttgart 1988).

Literatur[Bearbeiten]

  • Immanuel Kant. In: S. Th. Sömmerring über das Organ der Seele. Mit Kupfern. Königsberg, 1796. bey Friedrich Nicolovius, S. 81-86.
  • Friedrich Jännicke: Sömmerring, Samuel Thomas von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 34, Duncker & Humblot, Leipzig 1892, S. 610–615.
  • Franz Dumont: Soemmerring, Samuel Thomas von. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 532 f. (Digitalisat).
  •  Wolfgang Klötzer (Hrsg.): Frankfurter Biographie. Personengeschichtliches Lexikon. Zweiter Band. M–Z (= Veröffentlichungen der Frankfurter Historischen Kommission. XIX, Nr. 2). Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-7829-0459-1., S. 393–395
  • Samuel Thomas Soemmerring: Werke. Begründet von Gunter Mann, hg. von Jost Benedum und Werner Friedrich Kümmel. [Werkausgabe der Werke Samuel Thomas Soemmerrings in 20 Bänden]. Hg. von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Stuttgart, Jena et al.: Fischer (bis 1999); Basel: Schwabe (ab 2000 bis 2012).
  • Soemmerring-Forschungen: Beiträge zur Naturwissenschaften und Medizin der Neuzeit. Hg. von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Stuttgart: Fischer, Bd 1. 1985 bis Bd. 9. 1994 (danach Erscheinen eingestellt).
  • Manfred Wenzel: Die Soemmerring-Edition der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. In: Acta historica Leopoldina Nr. 20, 1992, S. 105-120.
  • Peter McLaughlin, Soemmerring und Kant. Über das Organ der Seele und den Streit der Fakultäten. In: Soemmerring-Forschungen, Band 1, 1985, S. 191-201 (auch als PDF-Datei)
  • Friedrich Tiedemann: Zu Samuel Thomas von Sömmerring's Jubelfeier. Groos, Heidelberg 1828 (Digitalisat)
  • Ulrike Enke: Zum 250. Geburtstag des Anatomen Samuel Thomas Soemmerring (1755–1830). In: Hessisches Ärzteblatt. 1/ 2005, S. 21–24, Volltext (PDF; 194 kB)
  • Rolf Siemon: 250. Geburtstag von Samuel Thomas Soemmerring (PDF-Datei; 95 kB), Akademie Aktuell Nr. 01/2005, S.26 ff.
  • Rolf Siemon: Samuel Thomas Soemmerring (1755−1830). Schriften des Westpreußischen Landesmuseum (71). Westpreußisches Landesmuseum 2004. ISBN 3-927111-48-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe Goethes Briefe im Juni 1784 an Soemmering und Frau von Stein. In: Goethes Briefe. Band I. 1764–1786. Verlag C. H. Beck: München 4. Aufl. 1988, S. 438–443
  2. "Soemmering" ist eine mögliche Variante des Namens, wie sie auch Goethe verwendete.
  3. a b Über die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer, Mainz 1784, S. 32
  4. Zur Publikation und zu Soemmerrings Kontakt mit Immanuel Kant, nebenbei auch über die negative Rezeption der Schrift, mit Reaktionen u.a. von Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin (der zwei Kurzgedichte schickte) und Johann Wolfgang von Goethe der Aufsatz von Peter McLaughlin: Sömmerring und Kant. Über das Organ der Seele und den Streit der Fakultäten. Die Schrift wurde 1999 in der Reihe Samuel Thomas Soemmerring, Werke (Basel: Schwabe) als Band 9 neu herausgegeben und mit einem umfangreichen Vorwort sowie Stellenkommentar versehen von Manfred Wenzel