Sanfter Tourismus

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Fahrradtransport im ÖPNV
Barfußpfade werden von Gemeinden angelegt und gepflegt
Swingolfanlage
Schneeschuhtouren durch winterliche Berglandschaft
Auch das Inlineskaten gehört, wie das Radfahren, zu den Formen des Sanften Tourismus und der Sanften Mobilität
Einrichtung zum Wassertreten in einem natürlichen Bachlauf als Form von sanftem Gesundheitstourismus
Hofladen

Sanfter Tourismus (auch: "Nachhaltiger" Tourismus[1][2]) ist eine Form des Reisens, die drei wesentliche Anliegen verfolgt:

  1. so wenig wie möglich auf die bereiste Natur einzuwirken bzw. ihr zu schaden,
  2. die Natur möglichst nah, intensiv und ursprünglich zu erleben,
  3. sich der Kultur des bereisten Landes möglichst anzupassen.

Der Sanfte Tourismus gehört zum Konzept einer starken Nachhaltigkeit, verbunden mit der Forderung, die verbleibenden Bestände an Naturkapital zu erhalten und darüber hinaus in diese zu investieren.

Sanfter Tourismus als Gegenentwurf zum Massentourismus[Bearbeiten]

Durch den sanften Tourismus wird versucht, die negativen Auswirkungen des Massentourismus in den Urlaubsgebieten zu verringern. Z. B. vermeidet der nachhaltige Tourismus, die natürlichen Gegebenheiten am Urlaubsort zu verändern. Die Anreise soll mit öffentlichen Verkehrsmitteln (ÖPNV) möglich sein. Im Urlaubsgebiet reduziert man die verkehrsmäßige Erschließung auf ein Minimum, die Gäste sollen sich stattdessen auf die ursprüngliche Weise fortbewegen, das heißt überwiegend zu Fuß, ggf. mit Booten oder Reittieren. Neben Erholungsangeboten gibt es häufig auch Angebote zur Umweltbildung. Bei einer zu großen Anzahl an Touristen werden durch Besucherlenkung die schützenswerten Kernzonen der Natur mit der Einrichtung von Totalreservaten respektiert, was etwa bei der Erschließung von Schauhöhlen oder bei Rote-Liste-Arten und Naturdenkmälern im Urlaubsgebiet von Bedeutung ist. Schutzgebietsbetreuung, Naturerfahrungs- und Naturerlebnisangebote wie etwa Baumwipfelpfade können die Besucherlenkung ergänzen.[3]

Auch in dem Hotelwesen gibt es Bestrebungen zu mehr Nachhaltigkeit und Unterstützung des sanften Tourismus. Immer öfter werden regenerative Energien genutzt, das Abfallaufkommen wird reduziert und auch Trinkwasser wird sparsamer verwendet. Bei der Wahl der Einrichtung wird auf umweltschonendes Material geachtet und regionales Handwerk bevorzugt. Nachhaltige Hotellerien werden mit entsprechenden Zertifikaten ausgezeichnet.

Der sanfte Tourismus macht es sich zum Ziel, die Eigenart des bereisten Gebiets unverfälscht und „mit allen Sinnen“ erlebbar zu machen. Mit dieser Eigenart sind sowohl natürliche als auch kulturelle Charakteristika gemeint (Stadtführungen). Dabei soll das Leben der ansässigen Bevölkerung möglichst wenig beeinträchtigt werden, wodurch auch der Besucher einen möglichst unverfälschten Eindruck von der bereisten Kulturzone erhält.

Praktische Beispiele für den sanften Tourismus[Bearbeiten]

Beispielhafte Angebote des sanften Tourismus sind:

  • Themenwanderwege, die durch geschickte Besucherlenkung geschützte Bereiche mit versteckten Beobachtungsstationen erlebbar machen.
  • Barfußpfade, die einen ursprünglichen Naturkontakt und auch gesundheitlichen Nutzen vermitteln.
  • Swingolfanlagen, die eine vereinfachte Golfspielvariante darstellen und durch örtliche Initiativen aus eigener Kraft entwickelt werden
  • Geführte Schneeschuhtouren, die eine ökologisch verträglichere Variante des Wintersports in sensiblen Bergregionen darstellt als die aufwändige Bereitstellung von technischem Wintersport mit Skiliften, Pistenraupen und energetisch problematischen Schneekanonen.
  • Hofläden, die mit lokal erzeugten Lebensmitteln handeln.

Begriffsgeschichte und Entwicklung der Idee[Bearbeiten]

Den Begriff des sanften Tourismus prägte und umschrieb erstmals der Berner Architekt und Raumplaner Fred Baumgartner 1977 in seinem Beitrag „Tourismus in der Dritten Welt – Beitrag zur Entwicklung?“ (Neue Zürcher Zeitung NZZ vom 16. September 1977). Robert Jungk vertiefte den Begriff 1980 in einem Artikel in der Zeitschrift GEO. Als Erweiterung des sanften Tourismus kann der Begriff integrativer Tourismus verstanden werden, der 1995 von den Naturfreunden und dem Institut für Integrativen Tourismus und Freizeitforschung geprägt wurde. Integrativer Tourismus fördert diesen Vereinigungen zufolge die Vernetzung des Tourismus mit allen anderen Wirtschafts- und Lebensbereichen im Rahmen einer eigenständigen Regionalentwicklung und fordert die Mitverantwortlichkeit der Reisenden für die Tourismusregionen. Die deutsche Bundesregierung hat 2006 eine Beratungsstelle für Nachhaltige Tourismusentwicklung gegründet.

Zahlreiche Zertifizierungsprogramme versuchen, den Nachhaltigkeitsgedanken in verschiedenen Segmenten des Tourismus zu präzisieren, Standards zu definieren, unabhängige Prüfungen durchzuführen und bei Einhaltung der Standards Umweltgütesiegel zu vergeben. Touristen sollen so die Nachhaltigkeit von Angeboten richtig einschätzen können und den Anbietern Anreize und Hilfestellung bei der Verbesserung ihrer Angebote gegeben werden. Seit Ende der 1980er Jahre entstanden mehr und mehr Zertifizierungsprogramme. Insgesamt gab es im Jahr 2001 über 100 solcher Umweltzeichen weltweit. Nur wenige dieser Programme sind sektorübergreifend und global aktiv. Zu den wichtigsten gehört Green Globe.[4] Beispiele für sektorspezifische, nationale bzw. regionale Programme und Umweltzeichen sind im Strandmanagement und für Marinas die Blaue Flagge, für Hotels der Grüne Schlüssel oder das Umweltgütesiegel für Alpenvereinshütten, für Reiseveranstalter TourCert. Für das Europäische Umweltzeichen wurden Standards für Beherbergungsbetriebe (2009/578/EG) und Campingdienste (2009/564/EG) entwickelt, allerdings wurde es in diesen Kategorien bis 2013 kaum vergeben.[5]

Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat im März 2008 das Sonderprogramm Sanfter Tourismus gestartet. Im Rahmen dieses Sonderprogramms können im Land Baden-Württemberg investive Vorhaben zur Verbesserung der Tourismusinfrastruktur in den Bereichen des Sanften Tourismus gefördert werden. Dazu zählen insbesondere

Mit diesem Sonderprogramm soll die Tourismuswirtschaft des Landes Baden-Württemberg vor dem Hintergrund struktureller Herausforderungen wie dem Klimawandel und der demografischen Entwicklung gestärkt werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Torsten Kirstges: Sanfter Tourismus. Chancen und Probleme der Realisierung eines ökologieorientierten und sozialverträglichen Tourismus durch deutsche Reiseveranstalter. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Oldenbourg, München und Wien 2003, ISBN 978-3-486-25756-4

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Martin Schmied: Traumziel Nachhaltigkeit. Innovative Vermarktungskonzepte nachhaltiger Tourismusangebote für den Massenmarkt. Springer, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-7908-2095-9.
  2. Helmut Schneider (Hrsg.): Nachhaltigkeit als regulative Idee in der geographischen Stadt- und Tourismusforschung. LIT, Hamburg 2006, ISBN 978-3-8258-7814-6.
  3. Informationsblatt Naturpark Sirnitz Hochrindl(PDF), mit Österreichischem Leitbild für Naturparke, abgerufen am 21. Januar 2014.
  4.  Xavier Font: Environmental certification in tourism and hospitality: progress, process and prospects. In: Tourism Management. Nr. 23, 2002, S. 197–205, doi:10.1016/S0261-5177(01)00084-X.
  5. EU-Ecolabel - Übersicht aller Produktgruppen und Kriterien. RAL gemeinnützige GmbH, 13. April 2012, abgerufen am 21. Juni 2013.

Weblinks[Bearbeiten]