Sanhedrin

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Dieser Artikel behandelt den jüdischen Hohen Rat. Sanhedrin ist außerdem der Name eines Mischnatraktates, siehe dazu Liste der Mischnatraktate.

Der Sanhedrin oder Hohe Rat war lange Zeit die oberste jüdische religiöse und politische Instanz und gleichzeitig das oberste Gericht. Der hebräische Name ist vom griechischen Synhedrion (Versammlung, Rat) abgeleitet.

Der Sanhedrin zur Zeit des Jerusalemer Tempels[Bearbeiten]

Die erste historische Erwähnung des Sanhedrin findet sich bei Flavius Josephus. Er berichtet, wie im Jahr 57 v. Chr. Aulus Gabinius das Land in fünf synedria oder synodoi einteilte. Im Traktat Sanhedrin im Talmud ist die Rede von einem großen Sanhedrin mit 71 Mitgliedern und von einem kleineren mit 23 Mitgliedern. Laut Tradition seien sie von Moses einberufen und eine Fortsetzung der Großen Versammlung (Knesset Gedola), die 200 v. Chr. erwähnt wird. Die 71 Mitglieder des Hohen Rates waren Priester, jüdische „Älteste“ und Schriftgelehrte. Abgesehen von einigen pharisäischen[1] Schriftgelehrten waren die Mitglieder wohl hauptsächlich Sadduzäer, die überwiegend den adligen Volksgruppen angehörten. Den Vorsitz hatte der Hohepriester, nach 191 v. Chr. der Nasi.

Seinen Sitz hatte der Sanhedrin zunächst in Jerusalem. Noch während der römischen Herrschaft über Judäa verfügte die Versammlung über einen erheblichen Einfluss und eine gewisse Autonomie, hatte allerdings vermutlich nicht mehr das Recht, über Tod und Leben zu entscheiden.

Im Neuen Testament kommt die Bezeichnung Synhedrion in den Evangelien und der Apostelgeschichte 22 Mal vor. Nach neutestamentlicher Überlieferung hatte der Hohe Rat einen wichtigen Anteil am Tod Jesu. Er konnte zwar das Todesurteil nicht selbst vollstrecken, hat Jesus jedoch mit der Anklage eines Messiasanspruchs an den römischen Statthalter Pontius Pilatus überstellt.[2]

Der Sanhedrin nach der Tempelzerstörung[Bearbeiten]

Nachdem im Jahr 70 der Jerusalemer Tempel und Jerusalem von den Römern nach einem jüdischen Aufstand zerstört worden waren, erhielt Rabbi Jochanan ben Sakkai von den römischen Herren die Erlaubnis, den Sitz des Hohen Rats nach Jawne zu verlegen; gleichzeitig wurde dort eine jüdische Schule errichtet. Da der Tempel zerstört war, wurde der Hohe Rat nicht mehr vom Hohenpriester, sondern von einem Patriarchen geleitet; gleichzeitig übernahm die frühere Opposition, die Gruppe der Pharisäer, die Führung der Versammlung.

Die Wiedererrichtung des Sanhedrin[Bearbeiten]

Die vorherrschende Meinung im Judentum ist, dass erst nach Errichtung des Dritten Tempels ein neuer Sanhedrin gebildet werden wird. Jedoch gab es bereits in den Arbeiten einiger der größten halachischen Autoritäten zumindest Überlegungen, welche Anforderungen für eine Wiedererrichtung gegeben sein müssten. Insbesondere Maimonides erörtert diese Fragestellung in seinem magnum opus zur Halacha, der Mischne Torah, und vertritt die Position, dass ein neuer Sanhedrin durch den Konsens der „Weisen Israels“ zu Stande kommen kann.

„Es scheint mir, dass wenn alle Weisen des Landes Israel (Eretz Israel) darin übereinkommen, Richter (dayanim) zu ernennen und diesen die Smicha zu erteilen, jene Richter mit Smicha (musmachim) in Strafsachen Urteile fällen und selbst Smichot erteilen können.“[3]
(Rambam, Mishne Torah, Hilchot Sanhedrin 4:11)

Ebenso geht der Autor des bis heute als allgemein verbindlich geltenden Halachakompendiums Schulchan Aruch, Rabbi Joseph Karo davon aus, dass ein Konsens aller halachischen Autoritäten prinzipiell die Wiedererrichtung des Sanhedrins ermöglichen würde.[4] Mit Bezug auf die Arbeiten dieser beiden Gelehrten[5], hat eine Gruppe Rabbiner seit 2003 Vorbereitungen zur Wiedereinsetzung des Sanhedrin in Israel unternommen. Dieses sehr umstrittene Vorgehen erhielt mehr Beachtung, als nach einem geheim gehaltenen ersten Nasi im Juni 2005 der angesehene Gelehrte und Rabbiner Adin Steinsaltz den Vorsitz übernahm. Im Juni 2008 erklärte er indes seinen Austritt aus dem Sanhedrin und begründete dies mit Bedenken über die Entwicklung des Rates und seine Sorge über den möglichen Verstoß gegen Halacha.[6]

Der Sanhedrin im napoleonischen Frankreich[Bearbeiten]

Am 23. August 1806 wurde unter Napoléon I. eine „Großer Sanhedrin“ genannte Versammlung von 71 jüdischen Notabeln, darunter Rabbiner unter Vorsitz von David Sinzheim und Laien unter dem Sprecher Abraham Furtado einberufen.[7] Sie sollten auf Basis von Halacha und Tanach Antworten auf Fragen zum Verhältnis von jüdischem und staatlichem Recht finden. Aus ihr ging das heutige Consistoire central israélite hervor.

Literatur[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Jens Schröter: Jesus von Nazaret. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2006, S. 113 (ISBN 3-374-02409-2)
  2. PDF bei www.fba.uni-wuppertal.de
  3. Rambam/Maimonides, Mishne Torah, Hilchot Sanhedrin 4:11
  4. Rabbi Joseph Karo, Ma'aseh Beit Din / ähnlich auch in Beit Josef, Choschen Mischpat 295
  5. [1]
  6. http://www.jta.org/news/article/2010/10/31/2741473/worldwide-day-of-learning-marks-completion-of-steinsaltz-talmud
  7. John F. Oppenheimer (Red.): Lexikon des Judentums. Bertelsmann, Gütersloh 1971, ISBN 3-570-05964-2, Sp.694

Weblinks[Bearbeiten]