Santa Maria della Pieve

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Lage der Kirche mit der Apsis zur Piazza Grande (links)

Die Kirche Santa Maria della Pieve (offiziell: Pieve di Santa Maria Assunta) ist die älteste und nach San Francesco die zweitbedeutendste Kirche der Stadt Arezzo. Sie befindet sich im Stadtzentrum an der Piazza Grande.

Baugeschichte und Funktion[Bearbeiten]

Ecke der Fassade und Turm

Ein Vorgängerbau, von dem noch Spuren am Südportal zur Via Seteria nachvollziehbar sind, ist bereits für das Jahr 1008 belegt. Der heutige romanische Bau aus Sandstein wurde vermutlich um die Mitte des 12. Jahrhunderts begonnen, und seine Bauzeit zog sich bis ins 14. Jahrhundert hin.

Im 13. Jahrhundert entstand die Fassade, und 1330 wurde der Campanile vollendet, der im Volksmund „Turm der 100 Löcher“ genannt wird; gemeint sind seine 40 Biforen (d.h. in Wirklichkeit nur 80 „Löcher“), die sich in 5 Geschossen auf allen 4 Seiten des 59 m hohen quadratischen Turms anordnen.

Restaurierungen haben im 16. und 19. Jahrhundert stattgefunden.

Die Entstehung der Pieve war an den Aufstieg Arezzos als freie Kommune gebunden. Die autarken Bürger bauten sie im Zentrum der Stadt in Konkurrenz zum Dom, wo der Bischof als Feudalherr auf dem Hügel von Pionta außerhalb der Stadtmauern residierte. Die Errichtung einer Pieve in einem Stadtstaat ist in Nord- und Mittelitalien sehr selten.

Unter einer Pieve (wörtl. „Pfarrei/Pfarrhaus“) - der Begriff hat sich in zahlreichen italienischen Ortsnamen erhalten – war eine Kirche mit besonderen Rechten zu verstehen, wie beispielsweise dem Recht zur Taufe und Bestattung. Nur eine Pieve besaß ein Taufbecken und einen Friedhof. Die Bezeichnung pieve ist abgeleitet von den vulgärlateinischen plebes, d.h. den christlichen Gemeinden auf dem Lande, über die die Pfarrei auch die Rechtsprechung besaß und von denen sie den Zehnten einnahm.

Lage[Bearbeiten]

Santa Maria della Pieve geht – ungewöhnlich für eine italienische Platzgestaltung – nicht mit der Fassade, sondern mit der Apsis auf die abschüssige Piazza Grande, auf der an jedem ersten Sonntag im Monat ein regional bekannter Antiquitätenmarkt stattfindet. Die Kirche ist das älteste Gebäude an dem stilistisch heterogenen, trapezförmigen Platz, den der Palazzo del Tribunale (17. Jh.), der Palazzo della Fraternità dei Laici aus verschiedenen Bauperioden und Giorgio Vasaris Palazzo delle Logge abschließen.

Außenbau[Bearbeiten]

Fassade

Die Gestaltung der Apsis mit einer Blendarkaden- Reihe im Sockelgeschoss und zwei offenen Galeriengängen im Mittel- und Obergeschoss greift architektonische Ideen aus Lucca und Pisa auf. Die Fassade wiederholt und erweitert dieses Prinzip pisanischer und lucchesischer Romanik: Unten Blendarkaden, darüber drei Reihen offene Arkaden.

Die Fassade weist reichen Skulpturenschmuck an den drei Portalen auf. In der Lünette über dem Mittelportal ist Mariä Himmelfahrt dargestellt (1216), und die Archivolte schmücken Basreliefs der 12 allegorischen Monatsfiguren. Das Relief in der Lünette über dem rechten Seitenportal stellt die Taufe Christi dar (datiert 1221 oder 1227); das linke Portal hat im Tympanon nur Weinranken. Der unbekannte Künstler des Portalschmucks steht in der stilistischen Tradition Benedetto Antelamis und kannte mutmaßlich französische Kathedralplastik.

Es gibt keine Giebelkonstruktion; vielmehr gestaltet sich die Schaufront fast in reiner Rechteckform.

Innenraum[Bearbeiten]

Die Kirche steht auf nach Süden leicht verzogenem Grundriss, was auf die Schwierigkeiten mit dem unebenen Gelände zurückzuführen ist.

Die 3-schiffige Basilika mit zweizonigem Innenwand-Aufriss (spitzbogige Arkaden und Biforen als Obergaden) wirkt auf Grund der ungewöhnlich hohen Bogenöffnungen zu den Seitenschiffen, die als solche kaum wahrgenommen werden, eher wie eine Hallenkirche als wie eine Basilika. Wegen der wenigen und kleinen Obergadenfenster wirkt der Raum dunkel und kühl, - eine Stimmung, die man in heißen Ländern häufig bewusst herbeigeführt hat.

Querhaus und Vierung sind von außen nicht zu sehen.

Der Innenraum der Chorapsis sowie die Krypta unter dem Presbyterium wurden im 19. Jahrhundert umgestaltet und erneuert.

Die phantasiereich gestalteten Säulenkapitelle gehören unterschiedlichen stilistischen Traditionen an; einerseits kommen antike Formen vor, andererseits romanisch-gotische Masken- und Tierplastiken.

Polyptychon von Pietro Lorenzetti[Bearbeiten]

Das bedeutendste Kunstwerk im Innenraum der Kirche ist ein Polyptychon von Pietro Lorenzetti von 1320. Auftraggeber war der aretinische Bischof Guido Tarlati.

Dargestellt sind Maria mit Kind zwischen den Heiligen Johannes dem Evangelisten, Donatus, Johannes dem Täufer und Matthäus. In der Reihe über dem Hauptfeld erscheinen unter Blendbögen die 12 Apostel um eine Verkündigungs-Szene. Das Polyptychon wird gekrönt durch Mariä Himmelfahrt.

Es handelt sich um ein Frühwerk des sienesischen Künstlers, der ikonografisch und stilistisch in der Tradition Duccio di Buoninsegnas steht und somit noch sehr traditionell dem Mittelalter zuzurechnen ist; anders als in Florenz, wo zeitgleich Giotto wirkte, ist hier von den Vorboten der Renaissance noch nichts zu erkennen. Dennoch ist die Bewegung der Figuren lebendiger als bei Duccio; Parallelen zu den Skulpturen von Giovanni Pisano sind beschrieben worden.

Sonstige Ausstattung[Bearbeiten]

  • Ein von Giorgio Vasari für sich und seine Familie in der Grabkapelle gedachter Hochaltar wurde 1864 in die Kirche Badia delle Sante Flora e Lucilla verbracht.
  • Zwei Flachreliefs an der Innenfassade rechts vom Mittelportal („Geburt Christi“ und „Anbetung der Könige“) stammen von einem unbekannten Bildhauer (mutmaßlich 13. Jahrhundert oder später).
  • Von Giovanni d’Agostino, einem sienesischen Bildhauer des 14. Jahrhunderts, stammt das Taufbecken mit drei Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers.
  • Ein seltenes ikonografisches Motiv befindet sich auf einem Fresko an der linken Säule des Presbyteriums: Dominikus und Franziskus von Assisi Seite an Seite (Nachfolge Giottos, 14. Jahrhundert.)
  • Eine edelsteinbesetzte Reliquienbüste des Hl. Donatus (Schutzpatron der Stadt Arezzo) von 1346 ist in der Krypta aufgestellt.

Die Orgel wurde in den 1960er Jahren von der Orgelbaufirma Tamburini erbaut. Das Instrument hat 64 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Trakturen sind elektrisch. Eine Besonderheit ist die vom 1. Manual aus anspielbare "Organo antico", ein mitteltöniges Werk.[1]

I Positivo aperto C-c4
Principale 8'
Flauto 8'
Ottava 4'
Flauto 4'
Flauto in XII 22/3'
XV 2'
Cornetto II
Ripieno V
Cromorno 8'
Violoncello 8'
Tremolo
I Organo antico C-c4
Principale 8'
Ottava 4'
XV 2'
Flauto in XV 2'
XIX 11/3'
XXII 1'
XXVI 2/3'
Voce angelica 8'
II Grand'Organo C-c4
Principale 16'
Principale 8'
Flauto 8'
Dulciana 8'
Ottava 4'
Flauto 4'
XII 22/3'
XV 2'
XIX 11/3'
Ripieno VII
Tromba 8'
Tromboncini 8'
Tromba squillo 16'
Tromba squillo 8'
Voce umana 8'
Campane
III Espressivo C-c4
Bordone 16'
Principale 8'
Bordone 8'
Viola 8'
Principalino 4'
Flauto 4'
Nazardo 22/3'
Flautino 2'
Terza 13/5'
Ripieno V
Tromba 8'
Oboe 8'
Voce celeste 8'
Campane
Tremolo
Pedale C-g1
Acustico 32'
Contrabbasso 16'
Principale 16'
Subbasso 16'
Basso 8'
Bordone 8'
Ottava 4'
Flauto 4'
Ripieno IV
Bombarda 16'
Trombone 8'
Claroncino 4'
Tromba squillo 16'
Tromba squillo 8'
Tromba squillo 4'
Campane

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Zimmermanns: Toscana. Das Hügelland und die historischen Stadtzentren. DuMont Kunstreiseführer, 5. Aufl. 2004

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Informationen zur Orgel

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Santa Maria della Pieve (Arezzo) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

43.46488111.883366Koordinaten: 43° 27′ 54″ N, 11° 53′ 0″ O