Schütteltrauma

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der rechtsmedizinische Fachbegriff Schütteltrauma bezeichnet eine Form der Kindesmisshandlung, zumeist begangen von den Aufsichtspersonen wie z. B. den eigenen Eltern, Großeltern oder Babysittern am Schreibaby oder Kleinkind.

Der Begriff kann in anderem Zusammenhang auch für das Ergebnis einer speziellen Form der weißen Folter stehen.

Entwicklung des medizinischen Fachbegriffs[Bearbeiten]

CT-Bild einer durch Schütteln verursachten Hirnblutung (Pfeil) zwischen Hirnhaut und Gehirn.

Der Neurochirurg Norman Guthkelch wies 1971 erstmals darauf hin, dass das heftige Schütteln von Säuglingen zu subduralen Blutungen und somit zu schweren (Hirn-)Schädigungen führen kann. Guthkelch nahm an, dass das Schütteln von Säuglingen in der Gesellschaft als eine mildere und sozial eher akzeptierte Form der Strafe als das Schlagen angesehen wird.[1] Erst 1974 wurde das Krankheitsbild in rechtsmedizinischer Hinsicht wissenschaftlich vollständig beschrieben. Zuvor wurden die gestorbenen kindlichen Opfer diagnostisch und statistisch meist unter der unzutreffenden Rubrik Plötzlicher Kindstod eingeordnet und nicht weiter untersucht, die Verursacher somit nicht zur Rechenschaft gezogen. Da die inneren Blutungen, Gewebs- und Knochen-Verletzungen zumeist nicht äußerlich sichtbar sind, besteht noch heute ein großes Dunkelfeld. Bleibende Verdienste erwarb sich auf diesem Gebiet die Düsseldorfer Rechtsmedizinerin und Professorin Elisabeth Trube-Becker, die mit ihren Forschungen und Aufklärungskampagnen bei Kinderärzten, Klinik-Medizinern und Medien-Öffentlichkeit Sensibilisierung für dieses Thema voranbrachte. Der Name beruht auf den vorzufindenden inneren Verletzungen, welche meist vom Versuch überforderter, schlafloser Eltern oder anderer Aufsichtspersonen des Babys stammen, dieses zum Schweigen zu bringen, indem sie es heftig und unkontrolliert durchschütteln. Für berufstätige Elternteile fehlt es beispielsweise seitens der Arbeitgeber an Verständnis, wenn sie wegen schreiendem Nachwuchs um ihren Nachtschlaf kommen. Die dadurch entstehende Angst, deswegen den Job zu verlieren, kann Verzweiflung auslösen und zu aggressivem Verhalten gegen das vermeintlich ungezogene Kind führen. Symptome, die bei einem Kleinkind auf ein Schütteltrauma hinweisen können, sind beispielsweise Schlappheit, Schläfrigkeit, Erbrechen, Krampfanfälle oder Atemaussetzer.

Prävention[Bearbeiten]

Ansätze einer umfassenden Prävention ergeben sich nach Ansicht von Ärzten des Klinikums Kassel „beispielsweise in Form von Etablierung von häuslichen Besuchs- und Beratungsprogrammen für Risikofamilien, der pädiatrischen Identifizierung von Schreikindern und ihrer Behandlung in so genannten Schreiambulanzen, als auch der Integration von aufklärenden Inhalten und Broschüren in das bestehende Vorsorgekonzept als auch öffentliche Kampagnen, wie sie vor allem in den USA verbreitet sind“.[2] Auch die Erkennung und rasche Behandlung geschüttelter Kinder ist wichtig, um die betroffenen Kinder vor erneuter Misshandlung zu schützen und um gegebenenfalls bei Geschwisterkindern vorbeugend einzugreifen.[2] Hierbei kann auch das Jugendamt hilfreich tätig werden. Betroffene Eltern sollen sich nicht scheuen, ihre Überforderung zuzugeben und Hilfe in Anspruch zu nehmen, um eine Kindeswohlgefährdung zu vermeiden, bevor sie die Kontrolle über sich und ihr Handeln verlieren.

Eine 2011 veröffentlichte Studie zeigte für die USA, verglichen mit unmittelbar vorangehenden Jahren, für die Zeit des wirtschaftlichen Abschwungs im Zeitraum von Dezember 2007 bis Juni 2009 einen deutlichen Anstieg der Zahl der mit Schütteltrauma in eine Klinik eingelieferten Kinder auf. Die Autoren der Studie zogen daraus den Schluss, dass Präventionsbemühungen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu verstärken seien.[3]

Sozialmedizinische Auswirkungen[Bearbeiten]

In den USA, als Shaken baby syndrome (SBS) benannt, gilt das Schütteltrauma als die häufigste Todesursache bei körperlicher Kindesmisshandlung und als Grund für die meisten bleibenden Behinderungen bei (Klein-)Kindern.

Eine kanadische Studie ergab, dass zwei Drittel der überlebenden Kinder schwere Langzeitschäden zeigen. Die Wissenschaftler prüften die Daten von 364 Kleinkindern, die mit Schütteltrauma in elf kanadische Kliniken eingeliefert wurden. 19 Prozent der Kinder starben an den Verletzungen, von den Überlebenden trugen 65 Prozent Sehprobleme davon, 55 Prozent behielten bleibende neurologische Schäden zurück.[4]

In Deutschland sterben nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie jährlich etwa zwischen 100 und 200 Säuglinge an diesem Trauma.[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andreas Warkenthin: Die Datenanlage zum kindlichen „Schütteltrauma“ – eine zusammenfassende Literaturbetrachtung. Berlin, Charité, Univ.-Med., Dissertation 2006. Mikrofiche-Ausgabe 2006. 4 Mikrofiches : 24x 342 Blatt : graph. Darstellungen
  • Monika Schneiders und Detlef Schröder: Das Schütteltrauma : eine häufig unbekannte Form der Kindesmisshandlung. In: Kriminalistik. Band 59 (2005), 12, S. 734–737 Kriminalistik-Verl. Hüthig, Heidelberg
  •  Matschke, Jakob et al.: Das Schütteltrauma-Syndrom: Eine häufige Form des nicht akzidentellen Schädel-Hirn-Traumas im Säuglings- und Kleinkindesalter. In: Dtsch Arztebl Int. Nr. 106(13), 2009, S. 211-217 (Artikel).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Guthkelch A.N., Infantile subdural haematoma and its relationship to whiplash injuries. Br Med, 1971, S. 430–431
  2. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatDas Shaken Baby Syndrom – Konzepte und forensische Kontroversen. Abgerufen am 22. Dezember 2008 (PDF; 487 kB). Auch veröffentlicht in: Zeitschrift der DGgKV Deutsche Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, Jahrgang 8, 2005, S. 4–17
  3. Rachel P. Berger u. a.: Abusive Head Trauma During a Time of Increased Unemployment: A Multicenter Analysis, Pediatrics, American Academy of Pediatrics, 19. Sept. 2011
  4. Canadian Paediatric Surveillance Program: Recognizing and Preventing Head Injury Secondary to Suspected Child Maltreatment. Veröffentlicht 2005. Autor: Michelle G. K. Ward, MD
  5. Pressemitteilung der DGKCH vom Juni 2013, abgerufen am 24. Oktober 2014

Weblinks[Bearbeiten]

Projekt „Schütteln ist lebensgefährlich“ der Medizinischen Hochschule Hannover