Schah-Besuch 1967

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Bundespräsident Heinrich Lübke, Schah Mohammad Reza Pahlavi, Farah Pahlavi und Wilhelmine Lübke (v.l.n.r.) beim Empfang auf Schloss Augustusburg in Brühl, 27. Mai 1967

Vom 27. Mai bis 4. Juni 1967 besuchte Schah Mohammad Reza Pahlavi zusammen mit seiner Frau, Schahbanu Farah Pahlavi, auf Einladung von Bundespräsident Heinrich Lübke die Bundesrepublik und West-Berlin. Die Einladung an den Schah war nach dem Staatsbesuch von Bundespräsident Lübke im Iran im Oktober 1963 ergangen. Der Staatsbesuch in Deutschland war Teil einer Europareise, die den Schah zunächst in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik (ČSSR) führte, um mit dem kommunistischen Parteichef Antonín Novotný und Staatspräsident Antonín Zápotocký den Ausbau der Beziehungen zwischen dem Iran und der ČSSR zu besprechen. Nach dem Besuch in Deutschland reisten der Schah und seine Ehefrau weiter nach Frankreich. Dort traf das Paar mit Präsident Charles de Gaulle zusammen. Die Rückreise führte über Ankara. In der Türkei besuchte der Schah den türkischen Staatspräsidenten Cevdet Sunay.

Die Reise verlief bis auf den Besuch in Deutschland weitgehend störungsfrei. Angesichts der intensiven politischen Agitation der Konföderation Iranischer Studenten in der Bundesrepublik und von Briefbombenanschlägen im Vorfeld der Reise fand der Besuch in einer aufgeheizten Atmosphäre und unter ungewöhnlich scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt[1]. Der Besuch war begleitet von Demonstrationen, die sich in West-Berlin zu einer Schlacht zwischen Polizei und Demonstranten ausweiteten, in deren Verlauf der Student Benno Ohnesorg vom Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras erschossen wurde. Diese Ereignisse gelten als Mitauslöser für die folgende Radikalisierung der Studentenbewegung und die spätere Gründung der Rote Armee Fraktion (RAF). Das historische Datum findet sich auch in der späteren Bewegung 2. Juni wieder.

Zuspitzung im Vorfeld des Besuchs[Bearbeiten]

Die Konfrontation zwischen Schah-Gegnern, die sich in der international agierenden Konföderation Iranischer Studenten organisiert hatten, und dem deutschen Staat nahmen in den Wochen zuvor zu. Mitglieder der Kommune 1 planten im April 1967, den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey mit Rauchbomben zu attackieren, wurden jedoch vorher festgenommen. Am 24. Mai 1967 verteilten sie Flugblätter mit der Ankündigung: „Wenn es irgendwo brennt in der nächsten Zeit, wenn irgendwo eine Kaserne in die Luft geht, wenn irgendwo in einem Stadion die Tribüne einstürzt, seid bitte nicht überrascht!“ Wenige Tage später verteilten Unbekannte ‚Steckbriefe‘ wegen Mordes, Folterungen und Ausbeutung mit dem Konterfei des Schahs. Darin hieß es: „Wir bitten die Bevölkerung, alle Aktionen, die zur Unschädlichmachung des Täters führen, tatkräftig zu unterstützen.“

Nach Parviz Nikkhah, einem der Anführer der Konföderation Iranischer Studenten, war der Iran der 60er Jahre „reif für eine Revolution“. Wenn es möglich wäre, eine Allianz zwischen Arbeitern und Bauern zu schmieden, die von einer revolutionären Partei angeführt würde, könnte es gelingen, den Schah zu stürzen und eine maoistische „Volksrepublik Iran“ zu gründen, so die Überlegungen der Jungrevolutionäre. Am 10. April 1965 kam es zu einem für Parviz Nikkhah folgenschweren Attentat auf Schah Mohammad Reza Pahlavi. Nikkhah wurde zusammen mit einigen anderen Mitgliedern seiner „Revolutionären Organisation“ verhaftet und vor Gericht gestellt.

Schah Mohammad Reza Pahlavi soll vor seinem Besuch in Deutschland Berichte erhalten haben, dass der ehemalige Chef des iranischen Geheimdienstes SAVAK, Teymur Bachtiar, einen Anschlag auf ihn plante.[2] Aufgrund der aufgeheizten Stimmung unter den Schah-Gegnern rechnete die Berliner Polizei damit, am 2. Juni aufgewiegelten Demonstranten gegenüberzustehen.[3]

Verlauf[Bearbeiten]

Politische Gespräche[Bearbeiten]

Am 28. Mai führte der Schah in Bonn Gespräche mit mehreren hochrangigen bundesdeutschen Politikern, darunter auch Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Dabei wurden vor allem Themen aus den bilateralen wirtschaftlichen Beziehungen sowie die geopolitische Lage, hier vor allem die Ausweitung des sowjetischen Einflusses im Nahen Osten, besprochen[4].

Vor dem Schöneberger Rathaus[Bearbeiten]

Während des Besuches in West-Berlin am 2. Juni kam es bei Demonstrationen gegen Schah Mohammad Reza Pahlavi zunächst am Rathaus Schöneberg (damals Sitz des Berliner Senats und des Berliner Abgeordnetenhauses) zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Anhängern Pahlavis. Etwa 400 Demonstranten hatten sich dort versammelt. Schah-Anhänger prügelten mit den Latten ihrer Transparente und Totschlägern auf die Demonstranten ein, ohne von den anwesenden Polizeikräften daran gehindert zu werden. Vielmehr ging die Polizei mit Wasserwerfern und berittenen Kräften gegen die Demonstranten vor. Es wurden Dutzende von ihnen verletzt. Unter den sogenannten Gegendemonstranten (als „Jubelperser“ bzw. „Prügel-Perser“ sprichwörtlich geworden) wurden später teilweise Mitarbeiter des persischen Geheimdienstes SAVAK vermutet.

Vor der Deutschen Oper[Bearbeiten]

Am Abend gab es eine weitere Demonstration, als der Schah und seine Gattin zusammen mit Bundespräsident Heinrich Lübke und dem Regierenden Bürgermeister Heinrich Albertz in der Deutschen Oper eine Aufführung der „Zauberflöte“ besuchten. Einige Demonstranten warfen Farbeier, faule Tomaten und Steine in Richtung Oper. Die Entfernung war jedoch zu groß, als dass die Wurfgeschosse die Gäste hätten erreichen können. Dennoch drängte der Regierende Bürgermeister die Staatsgäste, möglichst schnell das Foyer der Oper zu erreichen. Anschließend ließ er die Tür verriegeln. Zwei Polizeibeamte wurden in dieser Situation vor der Räumung verletzt. Einer von ihnen trug eine heftig blutende, von einem Steinwurf verursachte Kopfverletzung davon. Auf Geheiß des Berliner Polizeipräsidenten Erich Duensing wurde anschließend die sogenannte „Leberwursttaktik“ gegen die Demonstranten angewandt, die letztlich darauf abzielt, in einer Menschenmenge Panik zu erzeugen. Im Verlauf dieser Demonstration wurde unter nie ganz geklärten Umständen der Student Benno Ohnesorg von einem in Zivil agierenden Polizisten erschossen. Dieser Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras war, wie 2009 bekannt wurde, Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik.

Nachwirkung[Bearbeiten]

Der Tod Benno Ohnesorgs verursachte eine tiefe Erschütterung des öffentlichen Lebens innerhalb der Bundesrepublik Deutschland, aber auch eine Polarisierung. Später verknüpfte man die Anfänge der RAF ursächlich mit dem Besuch des Schahs und den folgenden Ereignissen. Die Bedeutung dieses Staatsbesuches und seiner unmittelbaren Folgen ist insofern für die neueste deutsche Geschichte erheblich: er markiert die Spaltung der APO in einen Teil, der sich auf den Terrorismus der RAF zubewegte, und einen anderen Teil, der sich auf den „langen Marsch durch die Institutionen“ machte. Einige Mitglieder der Konföderation iranischer Studenten hielt weiter Kontakt zu der im Entstehen begriffenen RAF und lieferte mit der Übersetzung der Schrift von Amir Parviz Puyan: Die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes und Widerlegung der Theorie des Überlebens eine Legitimation für die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung der revolutionären Ziele.

Zwei Tage nach der Rückkehr des Schahs in den Iran wurde General Alavi Kia, Leiter des Europabüros des SAVAK, entlassen. Der Schah war zu diesem Zeitpunkt davon überzeugt, dass Kia mit Bachtiar in Verbindung stand. An den SAVAK erging die Anweisung, Bachtiar "zu jagen und zu töten".[5] Im Iran streuten Oppositionelle das Gerücht, Benno Ohnesorg sei vom SAVAK erschossen worden. Bachtiar wurde angeklagt, an der versuchten Ermordung des Schahs als Anstifter beteiligt gewesen zu sein. Am 23. September 1967 wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt.

Im September 1967 reiste Bundesinnenminister Paul Lücke nach Teheran, unter anderem, um sich dort beim Schah im Namen der Bundesregierung für die Proteste während seines Besuchs in der Bundesrepublik zu entschuldigen. Der Schah teilte ihm mit, dass er sich durch die Demonstrationen gegen ihn persönlich verletzt fühle. Lücke konnte ihn nur mit einiger Mühe davon abbringen, gegen die Demonstranten vor bundesdeutschen Gerichten zu klagen. Ein Gegenbesuch von Bundeskanzler Kiesinger im September 1968 im Iran verlief jedoch harmonisch.[6]

Der Terrorismus der RAF fand in den zunehmend radikaler agierenden oppositionellen Bewegungen im Iran eine Entsprechung. Linke Guerillabewegungen im Iran wie die Volksmodschahedin, die Organisation der Volksfedajin-Guerilla Iran, die Volksfedajin-Guerilla Iran (Ashraf Dehghani), die Organisation der Fedajin (Minderheit) oder die Union Volksfedajin Iran verübten mit Beginn der 70er Jahre eine Serie von Attentaten mit weitreichenden Folgen. Als Beginn des Guerillakrieges im Iran gilt der am 8. Februar 1971 erfolgte Angriff auf ein Polizeirevier in Siahkal am Kaspischen Meer. Guerilleros ermordeten drei Polizisten, um zwei zuvor verhaftete Mitglieder der Bewegung zu befreien.[7] Bei der folgenden Schießerei kamen neun Mitglieder der Guerillabwegung ums Leben und zwölf wurden verwundet. Zwischen 1973 und 1975 wurden drei US Colonels, ein iranischer General, ein iranischer Sergeant und ein iranischer Übersetzer, der für die Botschaft der Vereinigten Staaten arbeitete von Guerillagruppen ermordet. Im Januar 1976 wurden 11 Mitglieder der Guerillabwegung, denen die Beteiligung an diesen Morden zur Last gelegt worden war, zum Tode verurteilt und hingerichtet.[8] Mit der Zunahme der Aktivitäten islamistischer Gruppierungen im Jahr 1978 wuchs auch wieder die Mitgliederzahl der Guerillabwegung. Für Dezember 1978 werden ein halbes dutzend terroristische Anschläge gezählt, im Januar 1979 sind es dann bereits ein dutzend Anschläge. [9] Die von den linken Guerillabewegungen im Iran begonnene Iranische Revolution mündete in die “Islamische Revolution.”

Verfilmungen[Bearbeiten]

Die Ereignisse wurden in zahlreichen Filmen aufgearbeitet, teils als Haupthandlung, teils im Rahmen der Geschichte der RAF.

Literatur[Bearbeiten]

  • Der 2. Juni 1967. Studenten zwischen Notstand und Demokratie. Dokumente zu den Ereignissen anlässlich des Schah-Besuchs. Einführung von Knut Nevermann. Hrsgg. vom Verband Deutscher Studentenschaften (vds). Pahl-Rugenstein, Köln 1967
  • Die Studentendemonstrationen beim Schah-Besuch in Berlin in der deutschen Tagespresse. Institut für Demoskopie, Allensbach 1967
  • Winfried Schulz: Die Stellungnahme der Tageszeitungen in der Bundesrepublik Deutschland zum Polizeieinsatz beim Schah-Besuch. Institut für Publizistik, Johannes Gutenberg-Universität, Mainz 1967

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Philipp Rock: Macht, Märkte und Moral - Zur Rolle der Menschenrechte in der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren. Frankfurt a. M. (Peter Lang) 2010, ISBN 978-3-631-59705-7, S. 192 f.
  2. Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2008, S. 435 f.
  3. Berliner Morgenpost, Artikel Berlin, 2. Juni 1967: Um 20.30 Uhr fällt der Schuss, der Deutschland verändert vom 10. Juni 2008
  4. Philipp Rock: Macht, Märkte und Moral - Zur Rolle der Menschenrechte in der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren. Frankfurt a. M. (Peter Lang) 2010, ISBN 978-3-631-59705-7, S. 195
  5. Abbas Milani: Eminent Persians. Syracuse University Press, 2008, S. 435f.
  6. Philipp Rock: Macht, Märkte und Moral - Zur Rolle der Menschenrechte in der Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland in den sechziger und siebziger Jahren. Frankfurt a. M. (Peter Lang) 2010, ISBN 978-3-631-59705-7, S. 195-198
  7. Roy Mottahedeh: The Mantle of the Prophet : Religion and Politics in Iran. One World, Oxford, 1985, 2000, S. 329.
  8. Michael J. Fischer: Iran, From Religious Dispute to Revolution. Harvard University Press, 1980 p.128
  9. Kurzman: The Unthinkable Revolution in Iran, 2004, S.145f.