Scham- und Schuldkultur

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Gegenüberstellung der Begriffe Schamkultur, die vornehmlich dem Nahen und Fernen Osten zugeschrieben wird, und Schuldkultur, die Teilen der westlichen Welt zugeschrieben wird, wurde von Ruth Benedict etabliert und gilt als umstritten.

Kulturelle Schuld- und Schamzuschreibungen[Bearbeiten]

Benedict, eine US-amerikanische Ethnologin und Vertreterin des Kulturrelativismus, ordnete in ihrer 1946 nach dem Pazifikkrieg erschienenen Studie über die Kultur Japans The Chrysanthemum and the Sword diese den Schamkulturen zu. Ihr zufolge beruhen „Schamkulturen“ auf einer äußeren Instanz, welche Fehlverhalten sanktioniere. Schamgefühle entstünden als Reaktion auf Kritik oder Bloßstellung von außen. In einer „Schuldkultur“ sei dagegen diese Autorität verinnerlicht. Schuldgefühle entstehen im Selbst, welches sich in eine schuldige und eine beschuldigende Instanz aufspalte.[1]

Auch neuere Studien teilen Gegenwartskulturen in Scham- und Schuldkulturen ein. So gelten heutige Kulturen der östlichen Mittelmeerländer sowie Japan und China häufig als Schamkulturen, während die Vereinigten Staaten, Großbritannien und andere vom Protestantismus beeinflusste Länder zu den Schuldkulturen gezählt werden. Seit Benedicts Werk Chrysantheme und Schwert wurde häufig die These vertreten, dass das „östliche“ Denken, insbesondere die ostasiatische Kultur, aber auch die nicht-westliche Kultur insgesamt, im Unterschied zur westlichen „Schuld-Kultur“ wesentlich durch eine „Scham-Kultur“ geprägt sei. Dem westlichen „Pattern“ (Muster) des Schuldbewusstseins stehe das östliche „Schamgefühl“ als kulturkonstitutives „Pattern“ der Konfliktverarbeitung gegenüber.

Im „westlichen“ Denken schließe im Falle des Verstoßes gegen ein gültiges moralisches Gebot ein Schuld-Diskurs an. Im Falle des Verstoßes gegen ein gültiges moralisches Gebot oder gegen geltendes Recht werde eine Schuld der handelnden Person konstatiert, wenn sie das Gebot oder Gesetz kannte oder hätte kennen müssen und wenn es in ihrer Macht lag, das Gebot oder Gesetz zu befolgen. Der Schuldvorwurf gelte in moralischen und rechtlichen Kontexten als eine wesentliche Voraussetzung für die Zuschreibung von Verantwortung sowie für eine Bewertung des Handelns zum Beispiel durch Lob, Tadel oder Strafe.[2]

Nach der Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Claudia Benthien besteht die Unterscheidung zwischen Schuld- und Schamkulturen in der Frage, ob der Affekt durch Konfession, Buße oder auferlegte Sanktionen verarbeitet werden kann. Dies sei in Schuldkulturen möglich, in Schamkulturen jedoch nicht. Ein Gesichtsverlust sei daher im alten Japan irreversibel gewesen. Auch die archaische Zeit Homers war eine Schamkultur, „die sich bis zum Jahrhundert der antiken Tragiker in eine Schuldkultur wandelt.“

Nach dem Altphilologen Eric R. Dodds lebten die Figuren in den Epen Homers in konstanter Furcht vor öffentlicher Missbilligung. Gefürchtet wurde weniger die Bestrafung durch die Götter als durch die soziale Umgebung. Das gesellschaftliche Ansehen stelle – so Benthien – „den größten Wert und die üble Nachrede eine existenzielle, oft irreversible Schädigung dar“. Das Christentum lasse sich nicht eindeutig zuordnen: „Während das Alte Testament grundsätzlich schamkulturell ist, beruhen das Neue Testament und die neuzeitliche, insbesondere lutherische Theologie eher auf einem schuldkulturellen Denken.“[1]

Dass auch Elemente der Schamkultur ein hohe Bedeutung in westlichen Gesellschaften hatten, zeigen die zahlreichen Duelle, die z.B. aufgrund von vermeintlichen Verletzungen der Offiziersehre ausgetragen wurden. Die verletzte Ehre ist typischerweise ein Element der Scham.[3]

Evangelikale Missionsforschung

Der evangelikale Theologe Thomas Schirrmacher vertritt die These, dass die „westliche Welt derzeit das Ende der bisher umfassendsten Schuldkultur der Geschichte und einen Rückfall in eine auf reine Außenwahrnehmung des Menschen orientierte Schamkultur“ erlebe. In der Schuldkultur sei „das Gewissen und ein vorgegebener Maßstab entscheidend, in der Schamkultur ist der Maßstab die Gesellschaft“. Jede Schuldkultur enthalte jedoch Elemente der Schamkultur und umgekehrt; eine „strikte Trennung der beiden“ sei unmöglich.

Nach Schirrmacher gelten folgende Grundprinzipien:[4]

  • In der Schamkultur gilt die öffentliche Wertschätzung als höchstes Gut
  • In der Schuldkultur gilt die Sorge des Menschen der Sühnung seiner Schuld

Nach dem evangelikalen Missionsforscher und Theologen Klaus W. Müller liegt folgende Schuld- und Schamorientierung vor:[5]

schuldorientiert schamorientiert
Ausgangspunkt der Prägung
Kleine Zahl von prägenden Personen, genau definiert: Eltern (Basisfamilie) Große Zahl von prägenden Personen (Großfamilie), ungenau definiert: Eltern, Verwandte, Fremde; Geistwesen
Strukturbildung der Verhaltensmaßstäbe
Verhaltensmaßstäbe werden von den prägenden Personen übernommen, das Gewissen bildet sich heraus Verhaltensmaßstäbe werden von den prägenden Personen übernommen, das Gewissen bildet sich heraus
Manifestierung der Normenvorstellungen
In sich selbst, das eigene Gewissen ist (intrinsische) Normüberwachung Andere Personen oder Geister/Götter sind Autoritäten zur (Fremd-) Überwachung der Normen (extrinsisch)
Reaktion bei geplanter Normverletzung
Signal des Gewissens, dass die geplante Tat eine Normverletzung darstellen wird, worauf ein Abwehrmechanismus aktiviert wird Signal des Gewissens, dass die geplante Tat eine Normverletzung darstellen wird, worauf ein Abwehrmechanismus aktiviert wird
Reaktion bei tatsächlicher Normverletzung
Störung des inneren Gleichgewichtes von innen heraus; es wird sofort ein Schuldgefühl erlebt, das zugleich als Bestrafung empfunden wird. Im Bewusstsein dessen wird ein Entlastungsmechanismus in Gang gesetzt. Störung des inneren Gleichgewichtes von außen im Falle, dass die Tat anderen normverletzend erscheint. Es wird sofort nach Bewusstwerden dieses externen Bewusstwerdens der Normverletzung ein Schamgefühl erlebt, das als Bestrafung empfunden wird. Das wiederum aktiviert einen Abwehrmechanismus, der sich hauptsächlich gegen die externe Wertung richtet, worauf ein Entlastungsmechanismus folgt.
Ergebnis der Schuld- und Schamerlebnisse
Ein funktionsfähiges Gewissen (Superego) führt zum inneren Gleichgewicht zurück. Ein funktionsfähiges Gewissen (Superego) führt zum inneren Gleichgewicht zurück.

Rezeption[Bearbeiten]

Die Unterteilung in Scham- und Schuldkulturen ist in der Forschung umstritten, unter anderem aufgrund der unterschwelligen Wertungen.[1]

Der Jurist und Philosoph Paul Tiedemann bezeichnete die Unterscheidung in Scham- und Schuldkulturen als „hochgradig projektiv“. Sie beruhe auf der „irrigen“ Annahme, asiatische und afrikanische Kulturen seien allein außerindividuell geleitet und würden keine Verinnerlichung von Werten oder Gewissen kennen. Schon Benedict habe eine strikte Trennung von Scham- und Schuldkulturen als „Übertreibung“ klassifiziert. Richtig sei zwar, dass Werte wie individuelle Selbstbestimmheit in der westlichen Kultur eine große Bedeutung haben und in den östlichen Kulturen „der Wert der Anpassung und Harmonie mit den Zielen und Werten der Gemeinschaft betont wird“. Beide Wertesysteme werden jedoch gleichermaßen internalisiert.[6]

Siehe auch: Nihonjinron

Literatur[Bearbeiten]

  •  Ruth Benedict: Chrysantheme und Schwert. Formen der japanischen Kultur. Suhrkamp, Frankfurt am Main, ISBN 978-3518120149.
  • T. P. Schirrmacher, Kolumne: Scham- und Schuldkultur, Professorenforum – Journal 2002, Vol. 3, No. 3
  • Stephan Marks (2006). Zur Funktion von Scham und Schamabwehr im Nationalsozialismus. In: Georg Schönbächler (Hg.): Die Scham in Philosophie, Kulturanthropologie und Psychoanalyse. Zürich: Collegium Helveticum Heft 2, S. 51-56.
  • Stephan Marks (2007). Warum folgten sie Hitler? Die Psychologie des Nationalsozialismus. Patmos Verlag, Düsseldorf.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Die Macht archaischer Gefühle Claudia Benthien in Wiener Zeitung vom 15. April 2006
  2. vgl. Georg Mohr: Schuld und Scham aus interkultureller Perspektive, Universität Bremen 2007
  3. T. Takeda, Die Ehre als Kultur der Scham und deren Kritik in 'Leutnant Gustl' , Paper, Hiroshima University, http://ir.lib.hiroshima-u.ac.jp/metadb/up/AN10092261/HiroshimaDoitsuBungaku_24_1.pdf
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatThomas Schirrmacher: Kolumne: Scham- und Schuldkultur, Professorenforum – Journal 2002, Vol. 3, No. 3. 2002, abgerufen am 22. Januar 2011 (PDF; 95 kB, deutsch).
  5. „Elenktik: Die Lehre vom scham- und schuldorientierten Gewissen“, evangelikale missiologie 12 (1996), S. 98-110
  6. Paul Tiedemann: Menschenwürde als Rechtsbegriff, Berliner Wissenschafts-Verlag, 2007 S.309 hier online