Scharlachroter Plattkäfer

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Scharlachroter Plattkäfer
Scharlachkäfer auf einer Pappel

Scharlachkäfer auf einer Pappel

Systematik
Klasse: Insekten (Insecta)
Ordnung: Käfer (Coleoptera)
Unterordnung: Polyphaga
Familie: Plattkäfer (Cucujidae)
Gattung: Cucujus
Art: Scharlachroter Plattkäfer
Wissenschaftlicher Name
Cucujus cinnaberinus
(Scopoli, 1763)

Der Scharlachrote Plattkäfer oder kurz Scharlachkäfer (Cucujus cinnaberinus) ist ein Käfer aus der Familie der Plattkäfer.[1] Die Gattung Cucujus ist in Mitteleuropa nur mit zwei Arten[2] vertreten, die einander stark ähneln.

Die Gattung Cucujus ist nach dem brasilianischen Cúcujo benannt, was „leuchtender Käfer“ bedeutet. Der Artname cinnaberīnus ist eine falsche Schreibweise für cinnabarīnus, a, um (lat.) und bedeutet „zinnoberrot“.[3] Der Name bezieht sich auf die intensive rote Farbe des Käfers.

Der verborgen lebende Käfer ist recht selten und wird in den Anhängen II[4] und IV[5] zu Natura 2000 aufgeführt.

Merkmale des Käfers[Bearbeiten]

Wegen der auffallenden Farbe kann die Art bei oberflächlicher Betrachtung mit dem Scharlachroten Feuerkäfer verwechselt werden, sie ist mit einer Länge von elf bis fünfzehn Millimeter jedoch kleiner als der Scharlachrote Feuerkäfer und viel stärker abgeplattet.

Kopf und Halsschild sind rot gefärbt und leicht glänzend, die Flügeldecken sind ebenfalls rot, aber matt. Bei Totmaterial verliert sich die rote Farbe schnell (Abb. 2 bis 4). Die Tarsen sind braun, der Rest der Beine, die Fühler und die Unterseite schwarz.

Der abgeplattete, dreieckige Kopf zeigt nach vorn. Er ist kräftig punktiert (Abb. 6). Die Oberkiefer sind von oben gut sichtbar. Sie sind schwarz und enden in drei asymmetrischen Zähnen, die beim Schließen der Oberkiefer ineinandergreifen (Abb. 4). Beim sehr ähnlichen Cucujus haematodes sind die Oberkiefer rot. Die viergliedrigen Kiefertaster und die dreigliedrigen Lippentaster haben ein abgestutztes Endglied (Abb. 8). Die Augen sitzen seitlich und sind leicht nach vorn orientiert. Hinter den Augen sind die Schläfen stark backenartig verbreitert (Abb. 4 und 6). Die elfgliedrigen Fühler sind fadenförmig und vor den Augen eingelenkt. Sie sind etwa halb so lang wie der Körper. Das erste Glied ist stärker, aber nicht ausgesprochen schaftförmig.

Der Halsschild ist schmaler als die Schläfen und die Flügeldecken. Er ist wie der Kopf punktiert. Seine Hinter- und Vorderecken sind deutlich ausgebildet, von den Vorder- zu den Hinterecken verengt er sich fast gleichförmig. Sein Seitenrand ist unregelmäßig fein gezähnt und im Unterschied zu Cucujus haematodes geschwärzt.

Die Flügeldecken sind stark abgeflacht und matt. Sie haben nur neben der erhöhten Naht eine feine Punktreihe, sonst sind sie ohne Punktreihen. Die Schultern sind gut ausgebildet. Die Seitenränder der Flügeldecken sind rechtwinklig zur Scheibe nach unten abgeknickt und verlaufen parallel zueinander. Die Scheibe ist zur Naht hin leicht niedergedrückt. Die Flügeldecken sind apikal halbkreisförmig gerundet. Um die Schultern herum und auf der Seite der Flügeldecken verläuft ein deutlicher Kiel (Abb. 2, in der unteren Kopie grün). Das dreieckige Schildchen ist gut sichtbar, glänzend und gepunktet.

Die Vorder- und Hinterhüften sind klein, kugelig und deutlich voneinander getrennt (Abb. 3). Auch die Hinterhüften sind voneinander entfernt. Das erste Tarsenglied ist ziemlich klein und im Ende der Schiene versteckt, bei oberflächlicher Betrachtung zählt man deswegen ein Tarsenglied weniger (Abb. 5). Beim Weibchen sind alle Tarsen fünfgliedrig, beim Männchen bestehen nur die Vorder- und Mitteltarsen aus fünf Gliedern, die Hintertarsen sind viergliedrig (Abb. 7). Die Beine werden gewöhnlich zur Seite hin ausgerichtet.

Merkmale der Larve[Bearbeiten]

Die bernsteinfarbene Larve ähnelt der des im gleichen Biotop häufigen Feuerkäfers. Sie ist flach, das Außenskelett gut chitinisiert und gehärtet. Das letzte Körpersegment trägt zwei Paar gerade Anhänge (Bild[6]). Die Segmente sind aber alle breiter als lang, im Unterschied zur Larve des Feuerkäfers. Im letzten Larvenstadium erreichen die Larven eine Länge bis 26 Millimeter.

Cucujus cinnaberinus couple.JPG
Cucujus cinnaberinus detail.jpg
Kiel in Kopie grün
Cucujus cinnaberinus under.jpg
Abb.1: Paarung Abb.2: Schulter, Flügeldecke Abb.3: Unterseite
Cucujus cinnaberinus front.jpg Cucujus cinnaberinus tarsus.jpg
Abb.5: Fünf Tarsenglieder
Kopie unten gefärbt
Abb.4: Frontalansicht
Cucujus cinnaberinus Reitter1.png
A: Oberlippe B: Oberkiefer
C: Unterkiefer mit Kiefertaster
D: Unterlippe mit Lippentastern
Cucujus cinnaberinus part.jpg
Cucujus cinnaberinus Reitter2.png
A: weiblich B: männlich
Abb.6: Vorderteil Abb.7: Hintertarsus (Reitter) Abb.8: Mundwerkzeuge (Reitter)

Biologie[Bearbeiten]

Man findet den Käfer unter der Rinde von absterbenden oder toten Laubbäumen, nur ausnahmsweise unter Nadelholzrinde (Faulholzbewohner). Auch die Larven entwickeln sich dort. Sie brauchen zur Entwicklung zwei Jahre oder mehr. Die Larven verpuppen sich im Sommer. Die Puppenwiege ähnelt der des Schrotbocks und ist mit Nagespänen umgeben.[7] Die Imagines schlüpfen etwa zehn Tage nach der Verpuppung am Ende des Sommers oder im Frühherbst, verbleiben aber noch einige Tage in der Puppenkammer. Sie überwintern unter der Rinde und pflanzen sich im Frühjahr fort.

Imagines findet man im frühen Frühjahr am häufigsten. Ein zweites Maximum des Auftretens liegt im Herbst. Nur durch Risse in der Rinde gelangen sie ins Freie oder von Neuem unter die Rinde, sie können sich nicht wie die meisten holzbewohnenden Käfer ein Loch nagen. Im April und Mai schwärmen die Käfer gegen Abend. Die Kopulation erfolgt unter der Rinde zu Beginn der Vegetationsperiode. Bei der Kopulation kann man beobachten, wie die Männchen die Fühler der Weibchen beknabbern (Abb. 1).[8]

Die Weibchen legen ihre Eier unter die Rinde geeigneter Bäume, wobei der Zersetzungsgrad der Bastschicht wichtig ist. Wirtspflanzen sind hauptsächlich Pappeln (Populus), Ahorn (Acer), Buche (Fagus), Rosskastanie (Aesculus hippocastanum) und Eichen (Quercus). Man findet die Larven in feuchtem, durch Zersetzung braunem Bast. Im Laborversuch wurden im Jahr der Verpuppung sechs Larvenstadien gezählt, die gesamte Anzahl der Häutungen ist nicht bekannt. Die Larven fraßen reichlich bereits stark zersetzten Bast und die daran haftenden Kleinlebewesen, die Entwicklung ist aber ohne zusätzliche Tiernahrung deutlich behindert.

Die adulten Tiere ernährten sich im Versuch räuberisch. Dabei wurden die Beutetiere mit den Mandibeln festgehalten, gequetscht und austretende Weichteile gefressen.[8]

Zumindest in Gefangenschaft gehaltene Käfer sind nachtaktiv[8] und tagsüber sehr scheu. Nach dem Aufdecken erstarren sie häufig in einer Haltung mit gebeugtem Kopf und angezogenen Beinen, danach verkriechen sie sich schnell in Ritzen (Abb. 6).[7] Die Larven leben gesellig und reagieren auf Berührung durch heftiges Krümmen in schnellem Wechsel nach links und rechts.[7]

Verbreitung[Bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Frankreich über die Schweiz und Österreich nach Osteuropa (Polen, Ukraine, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Serbien mit Montenegro).[1] In Deutschland ist der Käfer nur aus Südostbayern und neuerdings auch aus Baden-Württemberg und Hessen bekannt.[9][10] Aus Norwegen, Schweden und Finnland wird die Art ebenfalls gemeldet.

Die Meldungen sind jedoch in den Randgebieten des Verbreitungsareals rückläufig. Aus Spanien gibt es nur historische Meldungen und auch in Italien galt die Art lange Zeit als ausgestorben.[11] Andererseits scheint sich der Käfer auch gebietsweise neu zu etablieren, etwa in neu angelegten Pappelalleen.[12][13][14]

Die Fundorte liegen hauptsächlich entlang den Überflutungsgebieten größerer Flüsse. Auch in Bergregionen in der Nähe naturnah bewirtschafteter Wälder wird der Käfer häufiger gefunden. Es wird diskutiert, ob dabei zwei ökologische Rassen vorliegen oder ob es sich um die Fragmentierung eines ehemals zusammenhängenden Verbreitungsareals handelt.[15]

Gefährdung und Schutz[Bearbeiten]

Der Scharlachkäfer wird in den Anhängen II und IV der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Richtlinie 92/43/EWG) aufgeführt. Er genießt damit internationalen Schutz. In der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN wird er als „gefährdet“ eingestuft und in den Roten Listen vieler Länder aufgeführt. In der Roten Liste gefährdeter Arten Deutschlands wird die Art unter der Kategorie 1 (vom Aussterben bedroht).[16]

Die Art bevorzugt Standorte mit relativ hoher Luftfeuchtigkeit. Die Fundmeldungen sind bezüglich der Verbreitung rückläufig. Dies liegt einerseits am rückläufigen Angebot geeigneter Brutbäume, eventuell auch an der Beschattung des Totholzes im Nutzwald.[7] Auwaldstandorte und laubholzreiche Bergmischwälder sollten erhalten und entwickelt werden und bei Durchforstungen sollten Alt- und Totholzstrukturen nicht zerstört werden. Der Austausch isolierter Populationen sollte ermöglicht werden.[17]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Heinz Freude, Karl Wilhelm Harde (Hrsg.), Gustav Adolf Lohse (Hrsg.): Die Käfer Mitteleuropas. Band 7. Clavicornia, Spektrum Akademischer Verlag, München 1967, ISBN 3-8274-0681-1.
  • Svatopluk Bily: Coléoptères, Adaption française. Verlag Gründ, 1990, ISBN 2-7000-1824-9. (franz.)
  • Edm. Reitter: Fauna Germanica, die Käfer des Deutschen Reiches. Band III. K. G. Lutz' Verlag, Stuttgart 1911.
  • Ulrich Straka: Zur Biologie des Scharlachkäfers Cucujus cinnaberinus (SCOPOLI, 1763). In: Beiträge zur Entomofaunistik. 8 (2007), S. 11–26. (als PDF; 419 kB)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Cucujus cinnaberinus bei Fauna Europaea. Abgerufen am 5. Dezember 2011
  2. Cucujus bei Fauna Europaea. Abgerufen am 5. Dezember 2011
  3. Sigmund Schenkling: Erklärung der wissenschaftlichen Käfernamen.
  4. Anhang II von Natura 2000
  5. Anhang IV von Natura 2000
  6. Bild Larve
  7. a b c d J. Horak, K. Chobot: Phenology and notes on the behaviour of Cucujus cinnaberinus: points for understanding the conservation of the saproxylic beetle. In: North-Western Journal of Zoology. 7 (2) 2011, S. 352–355. Article No.: 111215 als PDF
  8. a b c Ulrich Straka: Zur Biologie des Scharlachkäfers Cucujus cinnaberinus (SCOPOLI, 1763). In: Beiträge zur Entomofaunistik. 8 (2007), S. 11–26 (als PDF; 419 kB)
  9. ARGE SWD Koleopterologen
  10. Scharlachkäfervorkommen bei Ginsheim-Gustavsburg gefunden. Abgerufen am 1. September 2014.
  11. Verteilungskarten mit historischen und neuen Funden
  12. J. Horak, E. Vavrova, K. Chobot: Habitat preferences influencing populations, distribution and conservation of the endangered saproxylic beetle Cucujus cinnaberinus (Coleoptera: Cucujidae) at the landscape level. In: Eur. J. Entomol. 107(1) 2010, ISSN 1210-5759, S. 81–88. (als PDF)
  13. Jiří Schlaghamerský, V. Manak, P. Cechovsky: On the mass occurrence of two rare saproxylic beetles, Cucujus cinnaberinus (Cucujidae) and Dircea australis (Melandryidae), in South Moravian floodplain forests. In: Revue d'Écologie (La Terre et la Vie). Société nat. de protection de la nature, Paris 10/2008, ISSN 0249-7395, S. 115–121.
  14. A. Mazzeia, T. Bonaccia, E. Contarinib, T. Zettoa, P. Brandmayra: Rediscovering the ‘umbrella species’ candidate Cucujus cinnaberinus (Scopoli, 1763) in Southern Italy (Coleoptera Cucujidae), and notes on bionomy. In: Italian Journal of Zoology. Volume 78, Issue 2 (2011), S. 264–270, doi:10.1080/11250003.2010.485210
  15. Jakub Horak, Karel Chobot, Alexander Kohutka, Roman Gebauer: Possible factors influencing the distribution of a threatened saproxylic beetle Cucujus cinnaberinus. In: The Coleopterists Bulletin. 62(3) 2008, S. 437–440. (online)
  16. Rote Listen bei BioNetworkX
  17. Bundesamt für Naturschutz

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Scharlachkäfer – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien