Schattenbank

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Eine Schattenbank ist ein Finanzhaus, das bankähnliche Geschäfte betreibt, ohne eine Banklizenz zu haben. Insbesondere haben Schattenbanken Einlagen keinen Zugang zur Zentralbank und unterliegen weder staatliche Garantien wie es beispielsweise ein Einlagenschutz sein kann noch den staatlichen Regulierungen wie Banken.

Zum Schattenbanksystem können verschieden Sachverhalte gehören[1]:

  • Unternehmen wie Hedgefonds oder Private-Equity-Fonds, die innerhalb des gesetzlichen Rahmens Finanzgeschäfte betreiben, aber keine Kreditinstitute sind[2].
  • Tochtergesellschaften von Banken, die außerhalb der Bankbilanzen tätig werden. Darunter fallen Conduits, Structured Investment Vehicles und einige Formen von Zweckgesellschaften.
  • Unternehmen, die ohne entsprechende Genehmigung, also unerlaubt, Geld- und Bankgeschäfte betreiben. Dies geht häufig mit betrügerischen Machenschaften und Geldwäsche einher.

Im Zusammenhang mit der Finanzkrise ab 2007 wird Schattenbank in den ersten beiden Bedeutungen als Schlagwort verwendet,[3] dabei wird normalerweise auf eine zu geringe Regulierung der Finanzmärkte abgestellt. Inwieweit Schattenbanken in dieser Finanzkrise eine wichtige Rolle gespielt haben, wird kontrovers diskutiert.

Bedeutung[Bearbeiten]

In den Vereinigten Staaten hatten sich seit Beginn der 1990er Jahre die Schattenbanken stark vermehrt. Seit Mitte der 1990er Jahre übertraf ihre Bilanzsumme die der amerikanischen Geschäftsbanken. Im Jahr 1998 geriet der amerikanische Hedgefond Long-Term Capital Management (LTCM) als Folge von Verlusten in Milliardenhöhe in eine bedrohliche Krise. Weil LTCM sich bei Banken hohe Summen geliehen hatte, deren Rückzahlung fraglich wurde, organisierte die New Yorker National Federal Reserve Bank eine Rettungsaktion.[4]

Das Financial Stability Board erarbeitete in diesem Zusammenhang 2011 im Auftrag der G 20 eine umfassende Untersuchung.[5][6] Unter Schattenbanksystem wird darin im Wesentlichen ein neben dem traditionellen Bankensystem bestehendes System verstanden, das Intermediation von Krediten betreibt. Die Untersuchung kommt zum Ergebnis, dass das Schattenbanksystem in den untersuchten Jahren 2002 bis 2007 seinen Umsatz von rund 27 Billionen Dollar auf 60 Billionen Dollar mehr als verdoppelt hatte. Es stellte systemische Risiken und eine Neigung zur Verschiebung von Risiken in Volkswirtschaften mit geringeren Auflagen (Regulierungsarbitrage) fest. Daraus leitete es Empfehlungen zur Regulierung des Systems ab und wird ab 2012 jährlich über die Entwicklung berichten.[6] Bis 2011 wurde ein weiterer Anstieg auf 67 Billionen registriert, was einem Viertel der Gesamtumsätze auf dem globalen Kapitalmarkt entspricht.[7]

Eine Analyse des Office of Financial Research im US-Finanzministerium kam 2014 zu dem Schluss,[8] dass in der durch Liquidität getriebenen Finanzsituation sehr wenige, sehr große institutionelle Marktteilnehmer mit hervorragenden Informationsstrukturen gezwungen sind, große Mengen an sehr liquiden Mitteln risikolos anzulegen. Zum Jahresende 2013 hielten sie zusammen rund 6 Billionen USD. Aus strukturellen Gründen haben diese Akteure keinen Zugriff auf Zentralbankgeld der Typen M0, M1, M2, sondern sind gezwungen, die Mittel in Form von Repos im Schattenbanksektor anzulegen. Sie begeben sich also in einen Markt, auf dem ihnen immer ein risikogetriebener Anlege gegenüber steht. Das wird von den Autoren als wesentlicher Grund der Finanzmarktinstabilitäten angesehen:

„This is the fundamental reason behind the fickle and finicky nature of the wholesale funding market today, which is not as much an interbank but rather an institutional cash pools to wholesale banks and dealers market. […] This makes the rise of institutional cash pools a most fundamental, yet underappreciated source of systemic risk today. (Das ist der wesentliche Grund für die unstete und zimperliche Natur des aktuellen Wholesale-Funding-Markts, der nicht so sehr ein Interbankenhandel ist, sondern ein institutioneller Cashpool für Großbanken und Händler. [...] Das macht den Aufstieg von institutionellen Cash-Pools heute zu einer sehr grundlegenden, aber zu wenig begriffenen Quelle für systemische Risiken.)“ (Zoltan Poznar: Shadow Banking: The Money View, OFR Working Paper, 2. Juli 2014, S. 30)

Entwicklung[Bearbeiten]

Auf europäischer Ebene versucht das Financial Stability Board (engl., dt. Finanzstabilitätsaufsicht, FSB), den genannten Empfehlungen mit direkten und indirekten Maßnahmen nachzukommen. Die Europäische Kommission als Mitglied des FSB prüft dazu Optionen und Schritte zur Regulierung von Schattenbanken. Im März 2012 veröffentlichte sie ein vorlegislatives Grünbuch,[9] das durch eine breite Konsultation von Interessengruppen Erwartungen und Standpunkte abfragen soll.[10] Im November 2012 folgte das Europäische Parlament mit einer Resolution, welche die Kommission zum Handeln aufforderte.[11]

Im August 2013 legte das FSB im Vorfeld des G20-Gipfels in Moskau einen Entwurf vor, der bis 2015 das Schattenbank-System in allen großen Wirtschaftsregionen regulieren soll.[12] Der Europaparlamentarier Sven Giegold (Bündnis 90/Die Grünen) kritisierte, dass die Europäische Union die Vorschläge nicht schon vorher aufgegriffen hätte. Insbesondere sollen Geldmarktfonds auch weiterhin feste Rückkaufwerte vereinbaren dürfen, was sie zu Finanzierungsinstrumenten macht und Risiken bündelt.[13]

Ende Januar 2014 legte die EU-Kommission in Zusammenhang mit der Regulierung von Finanzrisiken auch einen Vorschlag bezüglich der Schattenbanken vor.[14] Darin schlägt sie eine Registrierungspflicht für Wertpapierleih-Geschäfte vor, um Transparenz an dieser Schnittstelle zwischen dem „normalen“ Bankensystem und Schattenbanken zu schaffen. Dies würde die Risikobewertung der Papiere erleichtern und den Kunden Zugang zu wesentlichen Informationen über die Geschäfte der involvierten Investmentfonds ermöglichen.

Im Juni 2014 stellte die Präsidentin der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) Elke König fest, dass in der jüngeren Zeit Banken große Bestände an Risikopapieren an Schattenbanken verkauft oder ausgelagert hätten. Das würde eine stärkere Regulierung der Schattenbanken erfordern, „weil das Risiko ja nicht einfach verschwindet, sondern nur woanders ist, und zwar dort, wo wir als Aufsicht nichts ausrichten können.“[15]

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Christine Lagarde warnte zu einem Bericht des IWF im Herbst 2014 vor der Gefahr, die von dem immer weiter wachsenden, weitgehend unregulierten Schattenbanksektor auf die Weltwirtschaft ausgehe. Vermutlich würden dort mittlerweile Anlagen und Verbindlichkeiten im Wert von über 70 amerikanischen Billionen US-Dollar (über 55 Milliarden Euro) verwaltet; in den USA sei der Bereich mittlerweile doppelt so groß wie der ganze Rest des Bankenbereichs, in Europa mache er gut die Hälfte aus, und in China entspreche die Bilanzsumme der Schattenbanken vermutlich mehr als einem Drittel der chinesischen Wirtschaftsleistung. Damit stellten Schattenbanken eine undurchsichtige Blackbox von riesigem Ausmaß dar:

„The problem about it is that we don't know about it. It's quite opaque.“ („Das Problem daran ist, dass wir nichts darüber wissen. Es ist ziemlich unklar.“)[16]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Merk, Gerhard: Finanzlexikon. Universität Siegen (10 MB; PDF)
  2. Internationaler Währungsfonds, Laura E. Kodres: What Is Shadow Banking? Many financial institutions that act like banks are not supervised like banks, Hauspostille, Ausgabe Juni 2013
  3. so in: Die Finanzkrise meistern – Wachstumskräfte stärken. Jahresgutachten 2008/2009 des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Ziffer 174.
  4. Bankregulierung lässt Schattenbanken im Dunkeln, FAZ vom 13. Dezember 2013, S. 23
  5. FSB: Shadow Banking: Scoping the Issues (PDF-Datei; 186 kB)
  6. a b BaFin: G20: Bessere Überwachung von Schattenbanken, In: BaFin-Journal, Ausgabe 11/12 2011, Seiten 16–20
  7. Spiegel Online: Schattenbanken breiten sich im Finanzsystem aus, 19. November 2012
  8. Zoltan Poznar: Shadow Banking: The Money View, OFR Working Paper, 2. Juli 2014
  9. Grünbuch Schattenbankwesen
  10. europaeische-bewegung.de: EU-Analyse zum Grünbuch Schattenbankwesen. Netzwerk Europäische Bewegung, 23. April 2012
  11. europarl.europa.eu: Entschließung des Europäischen Parlaments zu Schattenbanken, 20. November 2012
  12. financialstabilityboard.org: FSB Publishes Policy Recommendations to Strengthen Oversight and Regulation of Shadow Banking (PDF; 51 kB), 29. August 2013 – Pressemitteilung mit Links zu den einzelnen Dokumenten
  13. dradio.de: Steueroasen sind in den letzten Monaten unter mehr Druck gekommen. Deutschlandfunk, 7. September 2013
  14. European Commission: europa.eu: Reporting and transparency of securities financing transactions – frequently asked questions - MEMO/14/64 29/01/2014
  15. spiegel.de: Milliarden-Risiken: BaFin-Chefin fordert mehr Kontrolle der Schattenbanken. 2. Juni 2014
  16. Jule Reimer: deutschlandfunk.de: Risiko Schattenbanken. Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 8. Oktober 2014