Schauspiel Frankfurt

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Seit 1902: Das Schauspiel Frankfurt am Willy-Brandt-Platz

Das Schauspiel Frankfurt ist eine der beiden Sparten der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main. Seit 1902 befindet sich das Sprechtheater in der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz.

Das Comoedienhaus war von 1782 bis 1902 das Stadttheater in Frankfurt

Schauspiel Frankfurt[Bearbeiten]

Das Schauspiel Frankfurt ist das größte Sprechtheater in der Rhein-Main Region und findet auch als überregional profilierte Bühne deutschlandweit Beachtung. Seit der Spielzeit 2009/10 wird das Schauspiel Frankfurt von Intendant Oliver Reese geleitet, der vom Deutschen Theater Berlin nach Frankfurt kam. 30 Schauspielerinnen und Schauspieler gehören zum festen Ensemble. Profilierte Regisseure wie Michael Thalheimer, Stephan Kimmig, Andreas Kriegenburg, Karin Henkel, Günter Krämer oder René Pollesch inszenieren regelmäßig am Haus. Die Auseinandersetzung mit klassischen Stoffen der Literatur sowie Uraufführungen und neue Dramatik bilden dabei zentrale Linien im Spielplan.

In der Saison 2010/11 initiierte Oliver Reese das Schauspiel STUDIO, das als Stipendienprogramm fünf jungen Schauspielstudenten die Möglichkeit gibt, Erfahrungen an einem großen Stadttheater zu sammeln. Seit Beginn der Spielzeit 2013/14 fördert das Schauspiel Frankfurt mit dem REGIEstudio den Nachwuchs im Bereich Regie und seit 2014/15 mit dem AUTORENstudio junge Theaterautoren. Außerdem eröffnete Reese die vierte und kleinste Spielstätte des Schauspiel Frankfurt: Die Box im unteren Foyer des Schauspielhauses ist ein Ort für experimentelle Formen und spontane Projekte.

Für insgesamt vier Spielstätten – Schauspielhaus, Kammerspiele, Box und Bockenheimer Depot – werden pro Saison etwa 30 Neuinszenierungen erarbeitet. Als Repertoiretheater verfügt das Schauspiel Frankfurt über ein täglich wechselndes Angebot an Stücken, das momentan etwa 30 Produktionen umfasst. Neben Klassikerinszenierungen von Goethe, Kleist, Brecht, Grass, Dostojewski oder Tschechow stehen auch zahlreiche Ur- und Erstaufführungen auf dem Programm. Zudem bietet das Junge Schauspiel Programme speziell für Kinder- und Jugendliche. Unter Intendant Oliver Reese werden so pro Spielzeit etwa 700 Vorstellungen auf die Bühne gebracht und circa 170.000 Zuschauer pro Jahr erreicht – das sind zugleich die höchsten Besucherzahlen seit 30 Jahren. Die derzeitige Auslastung des Schauspiel Frankfurt liegt bei 85 Prozent (Stand: 2012/13).

Geschichte[Bearbeiten]

Im alten Schauspielhaus wurde von 1902 bis 1944 Theater gespielt. Dieser Bau im Stil des Historismus befindet sich teilweise noch immer unter der heutigen modernistischen Fassade von 1963.
Zur "Panorama Bar" ausgebauter Teil des Foyers mit der "Goldwolken"-Plastik an der Decke

1592 bis 1902:

1592 wird zum ersten Mal der Besuch einer englischen Komödiantentruppe zur Herbstmesse in Frankfurt bezeugt. In den folgenden Jahrhunderten spielten immer wieder fahrende Schauspielergruppen, meistens zu den Messen oder den Kaiserkrönungen. 1736 gastierte die berühmte Truppe der Caroline Neuber in Frankfurt. Eine feste Spielstätte gab es nicht, sondern die fahrenden Schauspielergruppen errichteten für ihre Gastspiele Bühnenzelte oder spielten in Wirtshäusern. Lange Zeit wurden überwiegend Possen und Stegreifkomödien aufgeführt.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden in der Sturm und Drang-Zeit die ersten idealistischen Dramen. Auch in der Frankfurter Bürgerschaft kam der Wunsch nach einem festen Theaterbau auf. Gegen den Widerstand der lutherischen Geistlichkeit, welche die Komödie für sündhaft und dem Worte Gottes und dem Heiligen Taufbunde zuwider hielt, setzte der Rat den Bau durch.

Am 3. September 1782 hob sich erstmals der Vorhang des neuerrichteten Comoedienhauses an der Nordseite des damaligen Theaterplatzes (heute Rathenauplatz) in der Neustadt. Der klassizistische Bau von Stadtbaumeister Johann Andreas Liebhardt erregte bei seiner Eröffnung große Bewunderung. Erster Theaterdirektor wurde Friedrich Wilhelm Großmann. 1784 wurde in dem Neubau das Schauspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller uraufgeführt. Der bekannteste Frankfurter Schauspieler des 19. Jahrhunderts war Samuel Friedrich Hassel, bedeutende Frankfurter Theaterautoren waren Carl Malß und Adolf Stoltze.

Das alte Stadttheater wurde allmählich zu klein für die im 19. Jahrhundert zur Großstadt herangewachsene Stadt Frankfurt. 1902 wurde es geschlossen, 1911 niedergelegt und durch ein prunkvolles Geschäftshaus ersetzt.

Seit 1092 bis heute: Das Schauspiel Frankfurt am Willy-Brandt-Platz

Am 1. November 1902 eröffnete das Schauspielhaus, ein monumentaler Jugendstilbau am Gallustor (früher Theaterplatz, heute Willy-Brandt-Platz), das sich unter dem langjährigen Leiter Emil Claar (Intendant von 1879 - 1912) zu einem der bedeutendsten Theater des Landes entwickelte. Sein Nachfolger wurde Max Behrend (1912 - 1916).

Unter dem Intendanten Karl Zeiss (1916 - 1920) wurden Oper und Schauspiel für kurze Zeit wieder gemeinsam geführt. 1920 bis 1929 leitete Richard Weichert, ein Schüler von Max Reinhardt, das Schauspiel. Während dieser Zeit erarbeitete das Frankfurter Theater überregional bedeutende expressionistische Inszenierungen. Ein bedeutender Bühnenbildner dieser Zeit des „Frankfurter Expressionismus“ war Ludwig Sievert. Der Nachfolger Weicherts war Alwin Kronbacher (1929–1933).

1933 sorgte die Gleichschaltung des Theaters nach der nationalsozialistischen Machtergreifung für eine Zäsur. Neuer Generalintendant der städtischen Bühnen wurde Hans Meissner (1933–1944). Zahlreiche Autoren wurden verboten, jüdische Schauspieler entlassen oder vertrieben. Einzig die Römerberg-Festspiele, sommerliche Freilichtinszenierungen vor der Kulisse des Römers, sorgten bis 1939 noch für internationalen Glanz.

1945 lagen alle Frankfurter Theater in Trümmern. Schon kurz nach Kriegsende begannen die städtischen Bühnen in den wenigen unzerstörten Sälen Frankfurts, in der Frankfurter Börse und dem ehemaligen Reichssender Frankfurt an der Eschersheimer Landstraße, wieder mit ihrem Spielbetrieb. Erster Nachkriegsintendant wurde Toni Impekoven (1945–1947). Zu den beliebtesten Schauspielern dieser Zeit gehörten Carl Luley und seine Partnerinnen Anny Hannewald und Else Knott. Nachfolger des im Mai 1947 verstorbenen Impekoven wurde erneut Richard Weichert als Generalintendant. Für kurze Zeit wirkte auch Heinz Hilpert als „Chefintendant“ des Schauspiels.

1949 bis 1951 wurde das im Krieg beschädigte Schauspielhaus wiederhergestellt und danach zunächst für die Oper genutzt. Es erwies sich jedoch bald als zu klein, sodass es von 1959 bis 1963 erweitert wurde. Für das Schauspiel entstand ein Neubau, während der Saal des früheren Schauspielhauses künftig als Großes Haus von der Oper Frankfurt genutzt wurde. Die alte Jugendstilfassade wurde abgerissen und durch eine 120 Meter lange Glasfassade ersetzt.

Es folgte die kurze Direktionszeit unter Wilfried Minks und Johannes Schaaf, in der nach einer Theaterbesetzung durch RAF-Sympathisanten und der polizeilichen Räumung des Hauses das Mitbestimmungsmodell aufgelöst wurde. Die Saison begann mit Georg BüchnersDantons Tod“ in der Inszenierung von Johannes Schaaf, Kleists Penthesilea (Regie: Wilfried Minks) und „Tartuffe“ von Moliere mit Bierbichler und Schediwy in der Inszenierung von B. K. Tragelehn, die einen der wenigen künstlerischen Höhepunkte dieser Zeit markierte.

Innerbetriebliche Auseinandersetzungen überschatteten bald die künstlerische Arbeit, zwischen Ensemble und Leitung kam es zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen. Am 21. März 1981 demonstrierten Sympathisanten der RAF während einer Vorstellung gegen die Haftbedingungen von RAF-Häftlingen und hielten anschließend das Theater besetzt. Nachdem der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann das Hausrecht an sich gezogen hatte, wurde das Haus polizeilich geräumt. Das Ensemble protestierte am nächsten Tag gegen die „unverhältnismäßige Gewaltanwendung“ der Polizei und ließ vor den Vorstellungen eine Erklärung verlesen, in der sie sich mit den Forderungen der Besetzer solidarisierten. Die Erklärung des Frankfurter Schauspielensembles lautete:

„Am 21.3.'81 hat eine Gruppe junger Leute die Gelegenheit einer Aufführung des Schauspiels Frankfurt benutzt, um eine Menschenrechtsforderung zu stellen, mit der wir uns solidarisieren möchten: Erleichterung der Haftbedingungen für die politischen Gefangenen, die seit sechs Wochen im Hungerstreik stehen. Einige von ihnen sind jetzt in Lebensgefahr. Die Gruppe von zwanzig bis dreißig jungen Leuten hat sich ruhig und diszipliniert verhalten. Sie wollten über Nacht im Haus ausharren, um am nächsten Tag die Öffentlichkeit über ihr Anliegen weiter zu informieren und danach das Haus verlassen. In den frühen Morgenstunden des 22. März 1981 ist mit unverhältnismäßiger Gewaltanwendung das Theater polizeilich geräumt worden. Das Hausrecht wurde der Theaterleitung durch die städtischen Behörden weggenommen. Das Ensemble des Schauspiels Frankfurt protestiert gegen die gewaltsame Räumung des Theaters.“ – Frankfurter Rundschau, 26. März 1981

Der Kulturdezernent Hilmar Hoffmann untersagte dem Direktorium, die Protesterklärung des Ensembles weiter vor den Vorstellungen verlesen zu lassen und der Co-Direktorin Eos Schopohl, dem Leiter des künstlerischen Betriebsbüros, Hanspeter Egel und dem Regisseur B. K. Tragelehn wurde fristlos gekündigt. Johannes Schaaf ließ er sich von seiner Funktion im Direktorium suspendieren. Das Frankfurter Mitbestimmungsmodell wurde zehn Jahre nach seiner Gründung 1981 vom Frankfurter Stadtsenat unter Oberbürgermeister Walter Wallmann aufgelöst.

In den 50er- und 60er-Jahren knüpfte das Schauspiel Frankfurt unter dem Intendanten Harry Buckwitz (1951–1968) an frühere Erfolge an. Letzter Generalintendant der Städtischen Bühnen war 1968 bis 1972 Ulrich Erfurth. Mit dem Auslaufen seines Vertrages wurden die beiden bis dahin gemeinsam geführten Sparten getrennt. Peter Palitzsch, Schauspielintendant von 1972 bis 1980, führte das Mitbestimmungsmodell am Theater ein. Verschiedene Inszenierungen sorgten in dieser Zeit für politische Skandale, Wie etwa die „Medea“ von Euripides (1975 von Hans Neuenfels inszeniert) und „Tage der Commune“ von Bertolt Brecht (1977 im Deutschen Herbst von Palitzsch inszeniert). 1981 übernahm Adolf Dresen (1981–1985) das Haus, nach ihm hatten Günther Rühle (1985–1990), Hans Peter Doll (1990/91), Peter Eschberg (1991–2001) und Elisabeth Schweeger (2001–2009) die Leitung des Hauses inne. Seit der Spielzeit 2009/10 wird das Schauspiel Frankfurt von Intendant Oliver Reese geleitet. Seither verbuchte das Schauspiel einen Besucheranstieg um 45 Prozent auf jährlich über 170.000 Theaterbesucher.

Spielstätten[Bearbeiten]

  • Schauspielhaus (680 Plätze), Willy-Brandt-Platz
  • Kammerspiele (185 Plätze), Neue Mainzer Straße
  • Bockenheimer Depot (400 Plätze), Carlo-Schmid-Platz
  • Box (70 Plätze), Willy-Brandt-Platz

Übersicht der Intendanten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Neues Schauspielhaus von 1963 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Altes Schauspielhaus von 1902 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

50.1080555555568.6741666666667Koordinaten: 50° 6′ 29″ N, 8° 40′ 27″ O