Schauspiel Frankfurt

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Seit 1963: Das Schauspiel Frankfurt am Willy-Brandt-Platz

Das Schauspiel Frankfurt ist eine der beiden Sparten der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main. Das Sprechtheater teilt sich mit der Oper Frankfurt den Jugendstilbau am Willy-Brandt-Platz.

Das Comoedienhaus war von 1782 bis 1902 das Stadttheater in Frankfurt

Geschichte[Bearbeiten]

Im alten Schauspielhaus wurde von 1902 bis 1944 Theater gespielt. Dieser Bau im Stil des Historismus befindet sich teilweise noch immer unter der heutigen modernistischen Fassade von 1963.
Zur "Panorama Bar" ausgebauter Teil des Foyers mit der "Goldwolken"-Plastik an der Decke

1592 wird zum ersten Mal der Besuch einer englischen Komödiantentruppe zur Herbstmesse in Frankfurt bezeugt. In den folgenden Jahrhunderten spielten immer wieder fahrende Schauspielergruppen, meistens zu den Messen oder den Kaiserkrönungen. 1736 gastierte die berühmte Truppe der Caroline Neuber in Frankfurt. Eine feste Spielstätte gab es nicht, sondern die fahrenden Schauspielergruppen errichteten für ihre Gastspiele Bühnenzelte oder spielten in Wirtshäusern. Lange Zeit wurden überwiegend Possen und Stegreifkomödien aufgeführt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden in der Sturm und Drang-Zeit die ersten idealistischen Dramen. Auch in der Frankfurter Bürgerschaft kam der Wunsch nach einem festen Theaterbau auf. Gegen den Widerstand der lutherischen Geistlichkeit, welche die Komödie für sündhaft und dem Worte Gottes und dem Heiligen Taufbunde zuwider hielt, setzte der Rat den Bau durch.

Am 3. September 1782 hob sich erstmals der Vorhang des neuerrichteten Comoedienhauses an der Nordseite des damaligen Theaterplatzes (heute Rathenauplatz) in der Neustadt. Der klassizistische Bau von Stadtbaumeister Johann Andreas Liebhardt erregte bei seiner Eröffnung große Bewunderung. Erster Theaterdirektor wurde Friedrich Wilhelm Großmann. 1784 wurde in dem Neubau das Schauspiel Kabale und Liebe von Friedrich Schiller uraufgeführt. Der bekannteste Frankfurter Schauspieler des 19. Jahrhunderts war Samuel Friedrich Hassel, bedeutende Frankfurter Theaterautoren waren Carl Malß und Adolf Stoltze.

Das alte Stadttheater wurde allmählich zu klein für die im 19. Jahrhundert zur Großstadt herangewachsene Stadt Frankfurt. 1902 wurde es geschlossen, 1911 niedergelegt und durch ein prunkvolles Geschäftshaus ersetzt. Am 1. November 1902 eröffnete das neue Schauspielhaus, ein monumentaler Jugendstilbau am Gallustor (seitdem Theaterplatz, heute Willy-Brandt-Platz), das sich unter dem langjährigen Leiter Emil Claar (Intendant von 1879 bis 1912) zu einem der bedeutendsten Theater des Landes entwickelte. Sein Nachfolger wurde Max Behrend (1912–1916).

Unter dem Intendanten Karl Zeiss (1916–1920) wurden Oper und Schauspiel für kurze Zeit wieder gemeinsam geführt. 1920 bis 1929 leitete Richard Weichert, ein Schüler von Max Reinhardt, das Schauspiel. Während dieser Zeit erarbeitete das Frankfurter Theater überregional bedeutende expressionistische Inszenierungen. Ein bedeutender Bühnenbildner dieser Zeit des „Frankfurter Expressionismus“ war Ludwig Sievert. Der Nachfolger Weicherts war Alwin Kronbacher (1929–1933).

1933 sorgte die Gleichschaltung des Theaters nach der nationalsozialistischen Machtergreifung für eine Zäsur. Neuer Generalintendant der städtischen Bühnen wurde Hans Meissner (1933–1944). Zahlreiche Autoren wurden verboten, jüdische Schauspieler entlassen oder vertrieben. Einzig die Römerberg-Festspiele, sommerliche Freilichtinszenierungen vor der Kulisse des Römers, sorgten bis 1939 noch für internationalen Glanz.

1945 lagen alle Frankfurter Theater in Trümmern. Schon kurz nach Kriegsende begannen die städtischen Bühnen in den wenigen unzerstörten Sälen Frankfurts, in der Frankfurter Börse und dem ehemaligen Reichssender Frankfurt an der Eschersheimer Landstraße, wieder mit ihrem Spielbetrieb. Erster Nachkriegsintendant wurde Toni Impekoven (1945–1947). Zu den beliebtesten Schauspielern dieser Zeit gehörten Carl Luley und seine Partnerinnen Anny Hannewald und Else Knott. Nachfolger des im Mai 1947 verstorbenen Impekoven wurde erneut Richard Weichert als Generalintendant. Für kurze Zeit wirkte auch Heinz Hilpert als „Chefintendant“ des Schauspiels.

1949 bis 1951 wurde das im Krieg beschädigte Schauspielhaus wiederhergestellt und danach zunächst für die Oper genutzt. Es erwies sich jedoch bald als zu klein, sodass es 1959 bis 1963 erneut umgebaut wurde. Für das Schauspiel entstand ein Neubau, während der Saal des früheren Schauspielhauses künftig als Großes Haus von der Oper Frankfurt genutzt wurde. Die alte Jugendstilfassade wurde abgerissen und durch eine 120 Meter lange Glasfassade ersetzt.

Harry Buckwitz (1951 bis 1968)[Bearbeiten]

In den Fünfziger- und Sechzigerjahren knüpfte das Schauspiel Frankfurt unter dem Intendanten Harry Buckwitz (1951–1968) an frühere Erfolge an.

Ulrich Erfurth (1968 bis 1972)[Bearbeiten]

Letzter Generalintendant der Städtischen Bühnen war 1968 bis 1972 Ulrich Erfurth. Mit dem Auslaufen seines Vertrages wurden die beiden bis dahin gemeinsam geführten Sparten getrennt.

Peter Palitzsch (1972 bis 1980)[Bearbeiten]

Peter Palitzsch, Schauspielintendant von 1972 bis 1980, führte das Mitbestimmungsmodell am Theater ein. Verschiedene Inszenierungen sorgten in dieser Zeit für politische Skandale, Wie etwa die Medea von Euripides (1975 durch Hans Neuenfels inszeniert) und Tage der Commune von Bertolt Brecht (1977 im Deutschen Herbst durch Palitzsch). Klaus Michael Grüber erregte mit Brechts Im Dickicht der Städte großes Aufsehen und Hans Neuenfels bot zuletzt noch eine spektakuläre Aufführung von Goethes Iphigenie auf Tauris im Bühnenbild von Anna Viebrock. Bekannte Schauspieler während dieser Zeit waren etwa Peter Roggisch und Elisabeth Schwarz.

Johannes Schaaf und Wilfried Minks (1980 bis 1981)[Bearbeiten]

Es folgte die kurze Direktionszeit unter Wilfried Minks und Johannes Schaaf, in der nach einer Theaterbesetzung durch RAF-Sympathisanten und der polizeilichen Räumung des Hauses das Mitbestimmungsmodell aufgelöst wurde und in der Regisseure wie Horst Zankl und B. K. Tragelehn und Schauspieler wie Sepp Bierbichler, Rosemarie Fendel, Fritz Schediwy, Heinrich Giskes, Susanne von Borsody, Paulus Manker, Peter Kremer und Siggi Schwientek am Haus engagiert waren. Die Saison begann mit Georg Büchners Dantons Tod in der Inszenierung von Johannes Schaaf, Kleists Penthesilea (Regie: Wilfried Minks) und Tartuffe von Moliere mit Bierbichler und Schediwy in der Inszenierung von B. K. Tragelehn, die einen der wenigen künstlerischen Höhepunkte dieser Zeit markierte. Innerbetriebliche Auseinandersetzungen überschatteten bald die künstlerische Arbeit, zwischen Ensemble und Leitung kam es zu tiefgreifenden Auseinandersetzungen. Am 21. März 1981 demonstrierten Sympathisanten der RAF während einer Vorstellung gegen die Haftbedingungen von RAF-Häftlingen und hielten anschließend das Theater besetzt. Nachdem der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann das Hausrecht an sich gezogen hatte, wurde das Haus polizeilich geräumt. Das Ensemble protestierte am nächsten Tag gegen die „unverhältnismäßige Gewaltanwendung“ der Polizei und ließ vor den Vorstellungen eine Erklärung verlesen, in der sie sich mit den Forderungen der Besetzer solidarisierten. Die Erklärung des Frankfurter Schauspielensembles lautete:

„Am 21. 3. 81 hat eine Gruppe junger Leute die Gelegenheit einer Aufführung des Schauspiels Frankfurt benutzt, um eine Menschenrechtsforderung zu stellen, mit der wir uns solidarisieren möchten: Erleichterung der Haftbedingungen für die politischen Gefangenen, die seit sechs Wochen im Hungerstreik stehen. Einige von ihnen sind jetzt in Lebensgefahr. Die Gruppe von zwanzig bis dreißig jungen Leuten hat sich ruhig und diszipliniert verhalten. Sie wollten über Nacht im Haus ausharren, um am nächsten Tag die Öffentlichkeit über ihr Anliegen weiter zu informieren und danach das Haus verlassen. In den frühen Morgenstunden des 22. März 1981 ist mit unverhältnismäßiger Gewaltanwendung das Theater polizeilich geräumt worden. Das Hausrecht wurde der Theaterleitung durch die städtischen Behörden weggenommen. Das Ensemble des Schauspiels Frankfurt protestiert gegen die gewaltsame Räumung des Theaters.“

Frankfurter Rundschau vom 26. März 1981 [1]

Der Kulturdezernent Hilmar Hoffmann untersagte dem Direktorium, die Protesterklärung des Ensembles weiter vor den Vorstellungen verlesen zu lassen und der Co-Direktorin Eos Schopohl, dem Leiter des künstlerischen Betriebsbüros, Hanspeter Egel und dem Regisseur B. K. Tragelehn wurde fristlos gekündigt. Johannes Schaaf ließ er sich von seiner Funktion im Direktorium suspendieren. Das Frankfurter Mitbestimmungsmodell wurde zehn Jahre nach seiner Gründung 1981 vom Frankfurter Stadtsenat unter Oberbürgermeister Walter Wallmann aufgelöst.

Dresen, Rühle, Doll, Eschberg, Schweeger[Bearbeiten]

1981 übernahm Adolf Dresen (1981–1985) das Haus, nach ihm hatten Günther Rühle (1985–1990), Hans Peter Doll (1990/91), Peter Eschberg (1991–2001) und Elisabeth Schweeger (2001–2009) die Leitung des Hauses inne.

Oliver Reese[Bearbeiten]

Mit der Saison 2009/2010 wurde Schweeger von Oliver Reese abgelöst, der vom Deutschen Theater Berlin nach Frankfurt kam. Oliver Reese vergrößerte das feste Ensemble auf 32 Schauspielerinnen und Schauspieler und initiierte das Schauspiel STUDIO Frankfurt, das als Stipendienprogramm fünf jungen Schauspielstudenten die Möglichkeit gibt, Erfahrungen an einem großen Stadttheater zu sammeln. Außerdem eröffnete Reese die vierte und kleinste Spielstätte des Schauspiel Frankfurt: Die Box im unteren Foyer des Schauspielhauses ist ein Ort für experimentelle Formen und spontane Projekte. Oliver Reese setzt neben einer intensiven Ensemblearbeit vor allem auf profilierte Regisseure wie Michael Thalheimer, Andreas Kriegenburg, Stephan Kimmig, Karin Henkel oder René Pollesch. Die Auseinandersetzung mit klassischen Stoffen der Literatur sowie Uraufführungen und neue Dramatik bilden zentrale Linien im Spielplan. Ein reiches Angebot für Kinder und Jugendliche ergänzt das Programm. Pro Saison werden etwa 30 Neuinszenierungen für insgesamt vier Spielstätten erarbeitet: Schauspielhaus, Kammerspiele, Box und Bockenheimer Depot. Unter Intendant Oliver Reese werden pro Spielzeit etwa 700 Vorstellungen auf die Bühne gebracht und etwa 165.000 Zuschauer pro Jahr erreicht – das sind zugleich die höchsten Besucherzahlen seit 30 Jahren (Stand: 2011/12). Die derzeitige Auslastung des Schauspiel Frankfurt liegt bei 84 Prozent (Spielzeit 2011/12).

Spielstätten[Bearbeiten]

  • Schauspielhaus (680 Plätze), Willy-Brandt-Platz
  • Kammerspiele (185 Plätze), Neue Mainzer Straße
  • Bockenheimer Depot, Carlo-Schmid-Platz
  • Box (70 Plätze), Willy-Brandt-Platz

Übersicht der Intendanten[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gert Loschütz u. a. (Hrsg.): War da was? Theaterarbeit und Mitbestimmung am Schauspiel Frankfurt 1972–1980. Syndikat Autoren & Verlags-Gesellschaft, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-8108-0155-0.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Neues Schauspielhaus von 1963 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Altes Schauspielhaus von 1902 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Krisenregie, Frankfurter Rundschau vom 26. März 1981

50.1080555555568.6741666666667Koordinaten: 50° 6′ 29″ N, 8° 40′ 27″ O