Schauspielhaus Bochum

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Schauspielhaus Bochum
Das Stadttheater Bochum (ca. 1920) vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg

Das Schauspielhaus Bochum an der Königsallee in Bochum, Ortsteil Ehrenfeld, ist eines der größten und renommiertesten Theater in Deutschland.

Geschichte[Bearbeiten]

1907–1945[Bearbeiten]

Das von Clemens Erlemann, dem Erbauer des Bochumer Stadtviertels Ehrenfeld, nach den Plänen des Architekten Paul Engler 1907–1908 erbaute Varietétheater wurde zunächst als „Orpheum“ eröffnet und war die damals größte Bühne des Ruhrgebiets. Es erhielt schon bald den neuen Namen „Apollo-Theater“, litt aber wegen mangelnder Auslastung anhaltend unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Das Theater wurde schließlich 1914/1915 durch den als Theater-Spezialisten geltenden Kölner Architekten Carl Moritz vollständig umgebaut und 1915 als Stadttheater wiedereröffnet. Durch den Umbau wurden die Fassaden mit ihren Jugendstilelementen verändert und im Stil des Klassizismus umgestaltet.[1]

Während des Ersten Weltkrieges gastierte die städtische Bühne aus Düsseldorf.

Ein eigenes Schauspielensemble unter Intendant Saladin Schmitt bekam Bochum im Jahr 1919, in dem gleichzeitig die Bochumer Symphoniker gegründet wurden. Ferner war der Intendant auch der Leiter der Bochumer Schauspielschule.

Nach Gründung der Duisburger Oper am 25. September 1921 schloss die Stadt Bochum mit der Stadt Duisburg einen Vertrag, wonach die Schauspielaufführungen vom Schauspielhaus Bochum nach Duisburg und gleichzeitig musikalische Aufführungen der Duisburger Oper nach Bochum übernommen wurden. Der gemeinsame Generalintendant beider Häuser war Saladin Schmitt.

Unter ihm machte sich das Theater schon bald als Shakespeare-Bühne einen Namen, die sich auch konsequent mit den deutschen Klassikern auseinandersetzte. Schmitt prägte mit der weitgehend werkgetreuen Inszenierung deutscher Klassiker den „Bochumer Stil“. Zu den Stars des Bochumer Ensembles dieser Zeit gehörten Gisela Uhlen und Horst Caspar. Zum Ende der Spielzeit 1934/1935 wurde die Theatergemeinschaft mit Duisburg beendet.

Das Gebäude wurde bei einem Luftangriff der Royal Air Force auf Bochum am 4. November 1944 bis auf die Grundmauern zerstört.

1945–heute[Bearbeiten]

In den acht Jahren von 1945 bis zum Wiederaufbau wurde im Stadtpark-Restaurant, dem so genannten „Parkhaus“, im Stadtpark Bochum gespielt.

Zwischen Sommer 1951 und Herbst 1953 entstand auf den alten Fundamenten das heutige Bochumer Schauspielhaus nach den Entwürfen des Architekten Gerhard Graubner.[2] Das unter Denkmalschutz stehende heutige Theatergebäude erhielt die Plakette „Als vorbildliches Bauwerk seiner Zeit ausgezeichnet. (1945–1957)“, die an der Fassade zur Königsallee hängt.

Den Zuschauerraum des Schauspielhauses konzipierte Graubner nach dem Vorbild der antiken Amphitheater mit stark ansteigenden halbrunden Zuschauerreihen, einem ebenfalls halbrunden Rang und einigen wenigen Logen. Ferner rückte das Spiel näher an den Zuschauer heran, da der Eiserne Vorhang erstmals in einem deutschen Theater halbrund und vor der Vorderbühne angelegt wurde. Bühnenbilder können so bis zur Bühnenrampe gestaltet werden.

Nierenförmig angelegte Rauchersalons, Bar- und Garderobenbereiche, aber auch Balkone, sind ebenso stilprägend wie die berühmten Bochumer „Tulpenlampen“ (Wand- und Deckenleuchten in „floraler Form“), Kronleuchter Nierentische und geschwungene Sofas als typisches Interieur der 1950er Jahre.

Kammerspiele Bochum

Nach Graubners Plänen entstanden rund ein Jahrzehnt später in direkter Nachbarschaft des Schauspielhauses auf dem Gelände des im Krieg zerstörten Adelssitzes Haus Rechen aus dem 15. Jahrhundert auch die Kammerspiele Bochum, die im Oktober 1966 eröffnet wurden, mit einer Zuschauerkapazität von 410 Plätzen gebaut und 1966 eingeweiht.

Intendant Hans Schalla etablierte in den 1950er und 1960er Jahren Stücke moderner Autoren wie Jean-Paul Sartre, Samuel Beckett oder Georges Schehadé am Haus. Ihm folgte Peter Zadek, der seine erste Spielzeit mit der großen Revue Kleiner Mann – was nun? von Hans Fallada eröffnete. Bei Zadek inszenierte Rainer Werner Fassbinder Liliom von Ferenc Molnár, Rosa von Praunheim Menschen im Hotel von Vicki Baum, und Werner Schroeter brachte eine Salomé von Oscar Wilde fast opernartig auf die Theaterbühne. Schauspieler waren u.a. Hannelore Hoger, Rosel Zech, Ulrich Wildgruber, Hermann Lause, Fritz Schediwy, Herbert Grönemeyer

1972 eröffnete der Intendant Peter Zadek direkt unter dem Zuschauerraum des großen Hauses, eine dritte, kleinere Spielstätte für Studioproduktionen, das „Theater Unten“. Eine weitere Blütezeit erreichte das Schauspielhaus unter der Intendanz von Claus Peymann Anfang der 1980er Jahre. Sein Bochumer Ensemble mit Stars wie Gert Voss, Kirsten Dene oder Traugott Buhre galt als innovativstes Theater der Bundesrepublik. Auch Peymann setzte einen Schwerpunkt auf Uraufführung zeitgenössischer Autoren wie Thomas Bernhard, Heiner Müller oder Peter Turrini.

Nach Peymanns Abschied zum Burgtheater Wien übernahm Frank-Patrick Steckel die Intendanz an der Königsallee. Er brachte nicht nur Regisseure wie Andrea Breth und Jürgen Gosch zum ersten Mal nach Bochum, er holte auch Reinhild Hoffmann in das Direktorium des Hauses und ihr Tanztheater nach Bochum – ein Novum auf der Bühne des Schauspielhauses.

Im Jahr 1995 kam Leander Haußmann als damals jüngster Intendant Deutschlands an die Bühne. Er strebte zusammen mit seinen Regiekollegen Jürgen Kruse und Dimiter Gotscheff, in bewusstem Kontrast zu seinem Vorgänger, ein lautes, „spaßiges“ Theater an – und machte sich damit in Bochum nicht nur Freunde, schaffte es aber, ein jüngeres Publikum als sein Vorgänger zu begeistern. Das „strahlende Herz“, Logo der Intendanz Haußmann, wurde bundesweit bekannt.

Ihm folgte mit dem damals 37-jährigen Matthias Hartmann ein weiterer „Jungintendant“, der ebenfalls in Bochum seine erste Intendanz übernahm. Hartmann gelangen in seiner Amtszeit ebenso öffentlichkeitswirksame Coups wie die Verpflichtung von Harald Schmidt als auch weithin gefeierte Inszenierungen. Von Fachzeitschriften wurde das Schauspielhaus Bochum deshalb mehrfach als eine der besten deutschsprachigen Bühnen seiner Zeit ausgezeichnet. Wie sein Vorgänger verließ Hartmann nach nur einer Vertragszeit 2005 das Haus.

Mit Beginn der Spielzeit 2005/2006 übernahm der ehemalige Oberspielleiter des Münchner Residenztheaters, Elmar Goerden, die Bochumer Intendanz, der das Haus bis in das Kulturhauptstadt-Jahr 2010 führte. Neuer Intendant mit Beginn der Spielzeit 2010/2011 ist Anselm Weber, ehemaliger Intendant des Schauspiels Essen.

Ausgebranntes Requisitenlager, nur eine Außenmauer steht noch

Am 12. September 2006 brannte das 2500 m² große Außenlager des Schauspielhauses in Bochum-Weitmar bis auf die Grundmauern ab.[3] Historische und aktuelle Bühnenbilder, Kostüme und Requisiten sowie wertvolle Technik fielen den Flammen zum Opfer und gingen unrettbar verloren. Der Verlust erzeugte einen immensen finanziellen und ideellen Schaden. Durch eine Welle der Solidarität, in der das Land Nordrhein-Westfalen, bundesweit zahlreiche Theater, Zuschauer und sonstige dem Haus verbundene Menschen durch Kulissen-, Kleider-, Möbel- und Geldspenden halfen, konnte der gefährdete Spielbetrieb eingeschränkt aufrechterhalten bleiben.

Im April 2007 eröffnete ein neuer, an das Schauspielhaus und die Kammerspiele angegliederter Gebäudetrakt mit Malersaal, Kulissenlager und Werkstätten.[4]

Im Jahr 2000 wurde die Obermaschinerie überholt und eine neue Ton- und Inspizientenanlage installiert, ebenso wurde das Haus, vor allem der Foyer- und Zuschauerbereich denkmalgerecht generalsaniert und Zuschauerpatenschaften für die renovierte Bestuhlung vergeben.

Seit März 2014 wird das Schauspielhaus in der Route der Industriekultur, Themenroute Bochum aufgelistet.

Theater Unten[Bearbeiten]

Das „Theater Unten" entstand 1972 unter dem Intendanten Peter Zadek. Unter dem Intendanten Leander Haußmann in Anlehnung an den ehemaligen Intendanten umbenannt in „ZadEck“, erhielt es zu Beginn der Spielzeit 2000/2001 den Namen „Theater Unter Tage“ und wurde mit Beginn der Weber-Intendanz zur Spielzeit 2010/2011 wieder in „Theater Unten" zurück benannt.[5]

Intendanten[Bearbeiten]

  1. Saladin Schmitt (1919–1949)
  2. Hans Schalla (1949–1972)
  3. Peter Zadek (1972–1979)
  4. Claus Peymann (1979–1986)
  5. Frank-Patrick Steckel (1986–1995)
  6. Leander Haußmann (1995–2000)
  7. Matthias Hartmann (2000–2005)
  8. Elmar Goerden (2005–2010)
  9. Anselm Weber (seit 2010)

Ensemble[Bearbeiten]

Am Schauspielhaus Bochum traten oder treten unter anderem folgende Schauspieler und Gastschauspieler auf:

A

B

C

D

E

F

G

H

I–J

K

L

M

N

O

P

R

S

T

U

V

W

Z

Deutsche Shakespeare-Gesellschaft[Bearbeiten]

Bochum war in den Jahren 1963 bis 1993 Sitz der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Beeinflusst durch den „Kalten Krieg“, kam es 1963 zur Teilung der seit 1864 existierenden Gesellschaft. Für rund 30 Jahre – nebeneinander und eingebunden in ihr jeweiliges politisches System – existierten die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft West mit Sitz in Bochum und die Deutsche Shakespeare-Gesellschaft in Weimar, die voneinander unabhängig ihre Jahrestagungen durchführten und ihr jeweiliges Shakespeare-Jahrbuch herausgaben. 1993 kam es zur Wiedervereinigung.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Zs. Der Pelikan. Mitteilungen der Pelikan-Werke Günther Wagner Hannover. Heft 57 / März 1956. Darin: G. F. Schorer: Festliche Farbe. S. 4–5
  • Abisag Tüllmann: Unsere Welt. Bilder aus dem Schauspielhaus Bochum. Spielzeit 1981/82. Bochum 1982
  • Hermann Beil, Uwe Jens Jensen, Claus Peymann, Vera Sturm ( Hrsg.): Das Bochumer Ensemble. Ein deutsches Stadttheater 1979-1986. Königstein 1986
  • Hans H. Hanke: Architektur und Stadtplanung im Wiederaufbau. Bochum 1944–1960. DFW 22, Bonn 1992
  • Neun Jahre Schauspielhaus Bochum 1986 - 1995. Band 1: Schauspiel. Band 2: Tanztheater. Herausgeber: Schauspielhaus Bochum (Intendant: Frank-Patrick Steckel). Bochum 1995
  • Uwe-K. Ketelsen: „Ein Theater und seine Stadt. Die Geschichte des Bochumer Schauspielhauses“. Köln 1999, ISBN 3-89498-061-3
  • Leander Haußmann: Schauspielhaus Bochum 1995–2000, Wie es wirklich wa(h)r. 2000,ISBN 3-926337-05-2
  • Peter Zadek: Die heißen Jahre, 1970 - 1980. Köln 2006, ISBN 978-3-462-03694-7
  • Zadek und Bochum: Zwischen Abenteuer und Provokation. Herausgeberin : Ingrid Wölk. Mit Beiträgen von Andreas Rossmann und Uwe-K. Ketelsen und anderen. Klartext, Essen 2014. ISBN 978-3837511895

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Uwe-K. Ketelsen: Ein Theater und seine Stadt. Die Geschichte des Bochumer Schauspielhauses. Köln 1999, S. 57ff.
  2. http://www.historisches-ehrenfeld.de/geschichte-stadttheater.htm
  3. welt.de, 12. September 2006: Fundus geht in Flammen auf
  4. Stadtspiegel Bochum vom 4. April 2007
  5. SchauspielhausBochum.de – Das Haus

51.47257.2166666666667Koordinaten: 51° 28′ 21″ N, 7° 13′ 0″ O