Scherenkrise

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Die Scherenkrise (russ.: Ножницы цен, Nozhnitsy tsen) war ein wirtschaftliches Problem in der frühen Geschichte der Sowjetunion, bei dem es einen eklatanten Preisunterschied zwischen landwirtschaftlichen und Industriegütern gab.

Begriff[Bearbeiten]

Benannt nach dem Auseinderklaffen von Klingen einer Schere (Erklärung von Trotzki), stiegen die Preise für Industrieprodukte immer weiter, während die der landwirtschaftlichen Güter zunehmend fielen. Seinen Höhepunkt hatte diese Entwicklung im Oktober 1923 als die Preise für Industrieprodukte um 176 % im Vergleich zum Jahr 1913 gestiegen waren, während die landwirtschaftlichen Produkte um 11 % gesunken waren.

Ursache und Bekämpfung[Bearbeiten]

Gründe für diese Entwicklung war die rasche Erholung der Agrarproduktion nach der Hungersnot 1921-1922 und dem Bürgerkrieg, während die Industriegüterproduktion nur langsam wieder in Gang kam, da zuerst die zerstörte Infrastruktur wieder aufgebaut werden musste. Die Ereignisse seit 1914 (Weltkrieg, Bürgerkrieg, Okkupation, Terror, Seuchen, Hüngersnöte ...) hatte die Industrieproduktion bis 1920 auf ein Achtel gesenkt. Weiterhin musste die kriegsbedingte Zentralisierung, Militarisierung und Monopolisierung der Wirtschaft gelockert bzw. entgegengewirkt werden, da nun mehr der gesamtgesellschaftliche Bedarf anstatt des rein militärischen in den Fokus rückte. Das Problem wurde durch die Politik der sowjetischen Regierung weiter verschärft, da sie die Brotpreise auf einem künstlichen Tiefpunkt hielt um einer zukünftigen Hungersnot vorzubeugen.

Auch Lenins neue Wirtschaftspolitik (NEP) konnte anfangs die Krise nicht bewältigen, da aufgrund der langsamen Industrialisierung die Bauern ihre Ernteerträge nicht auf dem Markt verkauften, sondern selbst konsumierten, da sie mit den Verkaufserlösen ohnehin keine Industrieprodukte hätten kaufen können. Viele Bauern zögerten, bevor sie ihr Getreide in die Städte brachten. Dies bedrohte nicht nur die Lebensmittelversorgung der Städte, sondern auch die strategische Allianz im Herzen des politischen Systems – das Arbeiter-und-Bauern-Bündnis (Smytschka).

Ende 1923 wurden drastische Maßnahmen unternommen, um das Steigen der Industriepreise umzukehren. Preiskontrollen wurden eingeführt und Arbeiter entlassen, um Produktionskosten zu senken. Kredite zu erhalten, wurde erschwert, um die Unternehmen zu zwingen, ihre Lagervorräte zu verkaufen. Gleichzeitig wurde eine staatliche Handelsorganisation gegründet, die der Industrie erstmals erlaubte, ihre Produkte direkt an die Dörfer zu verkaufen. Durch diese und weitere Maßnahmen der Regierung, wie konsequente Rationalisierung und Zurückdrängen des Einflusses von Händlern durch Errichtung von Verbrauchergenossenschaften konnte das Problem in den Griff bekommen werden.

Im April 1924 erreichte der landwirtschaftliche Preisindex den Wert von 92 und jener der Industrie 131 (Basisjahr jeweils 1913).

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Helmut Altrichter: Staat und Revolution in Sowjetrußland. 1917-1922/23.Reihe Erträge der Forschung, Bd. 148, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1981.
  • Michail Heller, Alexander Nekrich: Geschichte der Sowjetunion. 2 Bände. Athenäum, Königstein 1981/82. (Darstellung der Geschichte der Sowjetunion aus der Sicht zweier aus der UdSSR emigrierter Historiker, reichlich Quellenmaterial darin vorhanden)
  • Edgar Hösch, Hans-Jürgen Grabmüller: Daten der sowjetischen Geschichte. Von 1917 bis zur Gegenwart. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1981. (ausführliche chronologische Datensammlung mit Erläuterungen)
  • L. N. Jurowskij: Deneschnaja politika sowjetskoj wlasti (1917-1927). (Die Geldpolitik der. Sowjetmacht - 1917 bis 1927), Moskau 1928.
  • Leo Kritsman: Die heroische Periode und der Großen Russischen Revolution: Versuch einer Analyse des sogenannten Kriegskommunismus, Wien 1971. (Nachdruck von 1929)
  • Richard Lorenz: Sozialgeschichte der Sowjetunion I. 1917-1945. Edition suhrkamp 654, Frankfurt am Main 1976.
  • Günther Stökl: Russische Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. 5. Aufl., Kröner Verlag, Stuttgart 1990. (chronologische Darstellung der Geschichte Rußlands und der Sowjetunion; das Standardwerk in deutscher Sprache mit umfangreichem Verzeichnis wissenschaftlicher Literatur)
  •  Isaac Deutscher: Die unvollendete Revolution. Frankfurt/M. 1970.
  •  Orlando Figes: Die Tragödie eines Volkes. Berlin Verlag, Berlin 1998.
  •  Leo Trotzki: Geschichte der russischen Revolution. 1930 (Marxists’ Internet Archive, abgerufen am 3. Dezember 2008).
  • Alan M. Ball: Russia's Last Capitalists: The Nepmen, 1921-1929. University of California Press, Berkeley 1990.
  • Merle Fainsod, Georg Brunner (Bearbeiter der deutschen Ausgabe): Wie Russland regiert wird (Originaltitel: How Russia is ruled, übersetzt von Karl Römer), Kiepenheuer & Witsch, Köln / Berlin 1965 (Ohne ISBN).
  • Nikolay Nenovsky, "Lenin and the currency competition. Reflections on the NEP experience (1922—1924)" (2006; PDF-Datei; 238 kB), International Center of Economic Research Working Paper, Turin, No 22/2006