Schiebermotor

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Aufgeschnittener Schiebermotor Bristol Perseus

Der Schiebermotor ist eine besondere Bauart eines Zwei- und Viertaktmotors. Im Gegensatz zum ventilgesteuerten Motor, der linear und möglichst ruckarm beschleunigte Ein- und Auslassventile hat, wird der Schiebermotor über hin- und hergehende, kreisende oder sich drehende Bauteile gesteuert.

Überblick[Bearbeiten]

Von den Anfängen des Motorenbaus bis weit in die 1940er Jahre gab es unterschiedliche Versuche, den Gaswechsel (Ansaugen, Ausstoßen) bei Verbrennungsmotoren zu steuern. Als Vorbilder der Motorenbauer dienten die Steuerungen von Dampfmaschinen und die Armaturen als Bedienelemente von Maschinen und Apparaten. Die heute in Verbrennungsmotoren eingebauten Ventile waren in der Frühzeit des Motorenbaus häufig Ursache von Motorschäden. Sie brachen oft am Übergang von Ventilschaft zum Ventilteller, und der abgerissene Ventilteller zerstörte Kolben und Zylinderkopf. Auch andere Nachteile der Ventile waren schon erkennbar. Beispielsweise begrenzen sie durch ihre hin- und hergehende Bewegung die Maximaldrehzahl. Wegen der Nachteile von Ventilsteuerungen ersannen viele Motorenbauer Schieber-Konstruktionen, die die teils erheblichen Nachteile der Ventilsteuerung beseitigen sollten. Alle Schieberkonstruktionen haben gemeinsam das Problem der Dichtheit bei hohen Verbrennungsdrücken und hohen Temperaturen. Mehrere unterschiedliche Konzepte wurden bis zur Serienreife entwickelt. Der amerikanische Journalist Charles Yale Knight erfand 1903 eine Steuerung mit zwei hin- und herbewegten konzentrischen Schieberhülsen, die bis Ende der 1930er Jahre in Sport- und Luxuswagen verwendet wurde. 1912 führte der schottische Automobilhersteller Argyll Motors Schiebermotoren ein, die mit einer kreisenden Schieberhülse auskamen und von den Ingenieuren Burt und McCollum konstruiert worden waren. Der britische Hersteller Bristol produzierte in der Zeit des Zweiten Weltkrieges einige Typen von Flugmotoren wie etwa den Bristol Hercules mit Schiebersteuerung nach Burt-McCollum in Serie. Von BMW, Daimler-Benz und Junkers wurden gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Flugmotoren (von Junkers ein Torpedomotor [1]) mit DVL-WVW-Flachschiebersteuerung zur Serienreife entwickelt. Sie gelangten jedoch nicht mehr in die Serienfertigung, da zu dieser Zeit ebenfalls die ersten Strahltriebwerke entwickelt wurden und diese eine deutlich höhere Leistung erbrachten.

Historisches[Bearbeiten]

Der erste Schiebermotor wurde in Chicago von Charles Yale Knight (1868–1940) ab 1903 entwickelt, 1907 serienreif fertiggestellt und 1908 patentiert. Knight ließ sich dabei vom Prinzip der Schiebersteuerung von Dampfmaschinen führen. Bei diesem Motor wird der Gaswechsel über zwei konzentrisch zur Zylinderachse liegende Schieberbuchsen von 3 mm Dicke gesteuert, die sich während des Motorbetriebes mit einem Hub von etwa 25 mm auf und ab bewegen. Der Kolben läuft in der inneren Schieberbuchse. Angetrieben werden die Buchsen von einer im Kurbelwellengehäuse liegenden, mit halber Drehzahl laufenden Exzenterwelle über kurze Pleuelstangen. Bei der Bewegung der Schieberbuchsen werden abwechselnd die Ein- und Auslassöffnungen freigegeben. Solche Schiebermotoren waren seinerzeit robuster und weniger störungsanfällig als ventilgesteuerte Motoren und wurden für ihre außergewöhnliche Laufruhe sowie ihre gute Leistungsentfaltung im unteren Drehzahlbereich geschätzt. Darin waren sie gleich großen, ventilgesteuerten Motoren überlegen.

Mit steigenden Motorleistungen und Drehzahlen kam jedoch der Knight-Schieber an seine Grenzen. Die relativ großen und schweren Schieber begrenzten die möglichen Motordrehzahlen und durch die zwei Schieberhülsen zwischen Kolben und eigentlichem Zylinder wurde die Wärmeabfuhr des Kolbens erheblich behindert. Hinzu kamen Schmierungsprobleme der Schieber.

Stammbaum der Schiebersteuerungen[Bearbeiten]

Schnittbild eines Knight-Motors
Bezeichnungen von oben nach unten: Einlass, Auslass, Öffnungen, Kolben, äußere Hülse, innere Hülse, Hülsenantriebskurbeln
Prinzipbild einer Burt-McCollum-Steuerung mit einfachem, kreisendem Hülsenschieber

In den Anfängen der Entwicklung von Verbrennungsmotoren wurden unzählige Varianten von Schiebersteuerungen entworfen und gebaut. Viele von ihnen waren schon (nach heutigem Kenntnisstand) von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Einige bekannte Bauformen sind:

  • mit drehenden Schiebern
    • Zylinder: Itala (nach 1904)
    • Kegel: Aspin 1937
    • Kugel Sklenar 1938
    • Scheibe (Flachschieber): Flugmotor von BMW 1943
  • mit schwingenden (oszillierenden) Schiebern, nur als Hülsenschieber
    • zweifach: Knight 1908
    • einfach: Burt-McCollum 1911.

Erfolgreiche Schiebersteuerungen waren ausschließlich mit oszillierenden Hülsenschiebern ausgestattet, weshalb sich die folgende Beschreibung im Wesentlichen auf diese Bauart beschränkt.

Felix Wankel hat sich sehr intensiv mit Drehschiebersteuerungen beschäftigt. Dies gipfelte in der Entwicklung der WVW-DVL-Drehschiebersteuerung für große Flugmotoren (WVW = Wankel Versuchswerkstätten, DVL = Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt).

Aufbau und Fertigung[Bearbeiten]

Die Motoren waren nur mit einem hohen konstruktiven und technischen Aufwand zu fertigen und ihr Betrieb stellte hohe Ansprüche an die regelmäßige Wartung. Sie verbrauchten viel Öl; Ölmangel führte zu irreparablen Schäden am Motor. Schiebermotoren waren vor allem für Hersteller von Wagen der oberen Preisklasse interessant. Für die Knight-Schiebersteuerung wurden mehr als 30 Fertigungslizenzen erteilt, darunter an Daimler (Mercedes), Panhard & Levassor, Minerva, Hotchkiss, Laurin & Klement und andere. Bei Mercedes wurden ab 1910 drei Motoren entwickelt, von denen der erfolgreichste bis 1924 produziert wurde.

Technische Daten des Mercedes-Knight 16/45 PS:

4 Zylinder
Bohrung: 100 mm, Hub: 130 mm
Hubraum: 4084 cm³
Leistung: 33 kW (45 PS) bei einer Drehzahl von 1300 min-1
Höchstgeschwindigkeit: 85 km/h

Im letzten Produktionsjahr wurde die Leistung auf 50 PS erhöht. Insgesamt wurden bei Mercedes 5500 Fahrzeuge mit Knight-Motoren gebaut. Im Jahre 1927 stellte ein Spezialwagen von Voisin, der mit einem 12-Zylinder-Knight-Motor mit 8 Litern Hubraum ausgerüstet war, den 24-Stunden-Weltrekord auf. Er fuhr eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 182,5 km/h. Im Jahre 2004 gewann ein Mercedes-Knight von 1912 das vom AvD betreute Gordon-Bennett-Rennen in Bad Homburg vor der Höhe in der Klasse der Oldtimer bis 13,5 Liter Hubraum.

Aufbau des Rohr-/Hülsenschiebers[Bearbeiten]

Teilschitt durch einen Knight-Motor, Schieber an den mittleren Zylindern sichtbar

Ein Hülsenschieber ist ein Rohr, das zwischen Kolben und Laufbuchse eine hin- und hergehende (Knight, dann stecken zwei Schieber ineinander) oder kreisende (Burt-McCollum) Bewegung ausführt. Die oder der Schieber haben Öffnungen, die sich in einer bestimmten Position mit passenden Öffnungen in der Laufbuchse decken und so die als Durchlass für die Ansaug- und Auspuffgase dienen. Die Schieber bewegen sich synchron mit den Verbrennungstakten. Bei der Knight-Steuerung sind die Steueröffnungen gegenüberliegende Schlitze, der Auslass liegt dem Einlass gegenüber. Bei der Burt-McCollum-Steuerung sind die Aus- und Einlassöffnungen unregelmäßig geformt und über den Zylinderumfang verteilt.

Flugmotoren[Bearbeiten]

Motoren mit Schiebersteuerung haben in der Regel ein geringeres Gewicht und eine höhere Leistung als vergleichbare Motoren mit Ventilsteuerung. Die britischen Hersteller Napier & Son und Bristol Aircraft Company baute ab Mitte der 1930er-Jahre erfolgreich Motoren mit Schiebersteuerung für Flugzeuge in Serie. Bristol baute Sternmotoren, Napier H-Motoren. Der Bristol Hercules wurde in der Nord Noratlas bis Anfang der 1970er-Jahre verwendet. Sie hatten einen Schieber in der Bauart nach Burt-McCollum pro Zylinder, der auf einer annähernd kreisförmigen Bahn bewegt wurde und abwechselnd die Auspuff- und Ansaugöffnung freigab oder sie während des Verdichtungs- und des Arbeitstaktes geschlossen hielt.

Schiebersteuerung bei Zweitaktmotoren[Bearbeiten]

Flachdrehschieber (erkennbar an der runden Abdeckplatte unter den Vergasern) bei einem Außenbord-Rennmotor

Bei Schieber-Zweitaktmotoren, wie sie in Motorrädern verwendet werden, wird der Gemischeinlass in das Kurbelwellengehäuse durch einen direkt von der Kurbelwelle angetriebenen scheibenförmigen Drehschieber gesteuert. Da hier der Schieber nicht mit hohen Drücken, Temperaturen und auch nicht mit den abrasiven Verbrennungsgasen in Berührung kommt, unterliegt er im Vergleich mit Schiebern bei Viertakt-Motoren praktisch keinem Verschleiß.

Mit einem solchen Motor wurde 1938 Ewald Kluge auf einer DKW-Rennmaschine Deutscher und auch Europameister sowie TT-Sieger in der Klasse bis 250 cm³. Kawasaki baute kleinere Drehschieber-Zweitakter bis in die 1980er-Jahre. Auch beim Motor des PKW Trabant wirkte eine Aussparung in der Kurbelwange als Einlassdrehschieber. Die von der Kolbenstellung unabhängige Einlasssteuerung war immer wieder ein beliebter Angriffspunkt für Tuner. Es gab auch Zweitaktmotoren mit Auslassdrehschiebern (zum Beispiel Yamaha), die für den Gaswechsel Vorteile haben (unsymmetrisches Steuerdiagramm), aber wegen der hohen Abgastemperaturen teuer und anfällig sind.

Unter Verwendung des Einlassdrehschiebers baute der Berliner Dieter König sehr leistungsstarke Außenbord-Rennmotoren, mit denen ab 1960 bis Ende der 1980er-Jahre alle Welt- und Europameisterschaften in den Klassen 250 cm³, 350 cm³, 500 cm³ und 700 cm³ gewonnen wurden. Bei diesen Zwei- und Vierzylinder-Boxermotoren saß der Drehschieber seitlich am Kurbelgehäuse und wurde über einen Zahnriemen betätigt.

Ein auf Basis dieser Motoren gebautes Motorrad, die König 500 GP, sorgte Anfang der 70er Jahre für Aufsehen in der GP-Szene. Das Motorrad wurde von dem Neuseeländer Kim Newcombe konstruiert und pilotiert. Er kannte die Motoren als Außenborder-Bootsantriebe und heuerte bei KÖNIG an. Kim Newcombe gelang es, mit diesem Motorrad die Dominanz der MV Agusta zu brechen. Im August '73 verunglückte er tödlich, wurde aber posthum zum Vizeweltmeister gekürt. Heute baut der ehemalige König-Werksfahrer Norbert Schüller in Langenfeld dieses Motorrad als Kauf-Kit. Im Jahr 2011 stellte er bei der VFV-Meisterschaft auf dem Nürburgring das Motorrad vor und wurde in seinem Lauf dritter.

Vorteile und Nachteile[Bearbeiten]

Der Vorteil gegenüber der konventionellen (oszillierenden) Ventilsteuerung beim Verbrennungsmotor ist die Rotationsbewegung des Drehschiebers. Durch diese entstehen keine hin- und hergehenden Massen, die die Höchstdrehzahl begrenzen. Weiterhin werden die zu steuernden Gase nicht durch das strömungsungünstige Ventil abgebremst und mehrmals umgelenkt. Durch die geradlinige Gasführung und die kurzen Strömungswege entstehen nur geringe Turbulenzen sowie nur eine geringe Erwärmung. Das kommt einer deutlich besseren Füllung und damit einer höheren Motorleistung zugute. Je nach Ausführung entstehen weitere Vorteile.

Nachteilig wirkt sich der höhere Aufwand für die Abdichtung der rotierenden Teile auf die Kosten und die Haltbarkeit des Systems aus. Es besteht die Gefahr der Leckage (hoher Ölverbrauch) und dadurch besonders unter hohen Betriebstemperaturen die Gefahr des Fressens oder Klemmens der Schieberteile. Weil diese Schwierigkeiten nicht überwunden werden konnten, erreichten Drehschieber außer bei der Voreinlasssteuerung von Zweitaktmotoren nie Serienreife.

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Gerigk, Detlev Bruhn, Dietmar Danner: Kraftfahrzeugtechnik. 3. Auflage, Westermann Schulbuchverlag GmbH, Braunschweig 2000, ISBN 3-14-221500-X.
  • Max Bohner, Richard Fischer, Rolf Gscheidle: Fachkunde Kraftfahrzeugtechnik. 27. Auflage. Verlag Europa-Lehrmittel, Haan-Gruiten 2001, ISBN 3-8085-2067-1.
  • Peter A. Wellers, Hermann Strobel, Erich Auch-Schwelk: Fachkunde Fahrzeugtechnik. 5. Auflage. Holland+Josenhans Verlag, Stuttgart 1997, ISBN 3-7782-3520-6.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Torpedomotor