Schienensuizid
Schienensuizid (auch Eisenbahnsuizid oder Bahnsuizid) ist die Selbsttötung durch ein fahrendes Schienenfahrzeug. Die Möglichkeit des Triebfahrzeugführers, den Schienensuizid zu verhindern, ist wegen des langen Bremsweges gering, selbst bei frühzeitigem Erkennen des Suizidenten. Es ist für Triebfahrzeugführer eine starke psychische Belastung, die bis zu jahrelanger Beeinträchtigung führen kann. Der Schienensuizid zählt nach der deutschen Definition des Bahnbetriebs zu den „gefährlichen Ereignissen“.
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Statistische Häufigkeit [Bearbeiten]
Zwischen 1976 und 1984 wurden in der Bundesrepublik Deutschland (ohne Westberlin) 6090 Schienensuizide sowie 391 Schienensuizidversuche gezählt. Männer begingen 2,5-mal häufiger Schienensuizid als Frauen, jüngere Menschen wesentlich häufiger als ältere. [1]
Schienensuizide machten im Zeitraum von 1991 bis 2000 etwa 7 % aller Suizide in Deutschland aus.[2] In Österreich betrug diese Zahl im Zeitraum von 1990 bis 1994 5,7 %.[3]
| Schienensuizide bei Vollbahnen in Deutschland | ||
|---|---|---|
| Jahr | absolute Häufigkeit (Fälle) |
relative Häufigkeit (Suizide je Million Zugkilometer) |
| 2007[4] | 720 | 0,686 |
| 2008[5] | 714 | 0,684 |
| 2009[6] | 875 | 0,872 |
| 2010[7] | 899 | 0,871 |
| 2011[8] | 853 | 0,802 |
Eine Untersuchung der Betriebsunfallstatistik der Deutschen Bahn in den Jahren 1997 bis 2002 mit insgesamt 5731 Suizidversuchen ergab ein Süd-Nord-Gefälle mit den höchsten Raten in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. Von diesen Suizidversuchen traten zwei Drittel auf offener Strecke und ein Drittel im Bahnhofsbereich auf. Es wurden 16 Orte hoher Suiziddichte mit 6–29 Ereignissen innerhalb eines Streckenkilometers identifiziert, drei Viertel in unmittelbarer Nähe psychiatrischer Kliniken. 5191 Fälle (90,6 %) endeten tödlich.[9] Eine genauere Untersuchung von 4003 (tödlichen und nicht tödlichen) Selbstmordversuchen aus derselben Zeit zeigte, dass 2,7-mal mehr Männer als Frauen einen Schienensuizid versuchten. Betroffene Frauen waren darüber hinaus deutlich älter als betroffene Männer. Besondere Häufungen wurden an den Wochentagen Montag und Dienstag sowie im Jahresverlauf zwischen April und September festgestellt.[10]
Bei Vollbahnen in Deutschland wurden in den Jahren 2007 bis 2011 zwischen 714 und 899 Fälle jährlich gezählt. Je Million Zugkilometer ereigneten sich zwischen 0,68 und 0,87 Schienensuizide. Nicht enthalten sind darin Schienensuizide bei anderen Schienenbahnen wie Straßenbahnen, Stadtbahnen oder U-Bahnen.
In den USA sterben jährlich zwischen 300 und 500 Personen durch Schienensuizid,[11] in Schweden etwa 60 Personen. Zwischen 2000 und 2002 erhöhte sich die Anzahl der Todesfälle im schwedischen Schienenverkehr auf 192, wovon 145 eindeutig als Suizid aufgeklärt werden konnten.[12]
Folgen [Bearbeiten]
Betroffene Lokführer sind beim Schienensuizid als unmittelbare Augenzeugen einer erheblichen psychischen Belastung ausgesetzt.[13] Meist erkennen sie die Suizidabsicht bereits aus größerer Entfernung, sind jedoch aufgrund des langen Bremswegs von Schienenfahrzeugen in der Regel nicht in der Lage, den Zug rechtzeitig anzuhalten. Sie erleben so unmittelbar den Tod des Suizidenten. Viele erleiden dabei eine akute Belastungsreaktion. Verschiedene Eisenbahnunternehmen stellen betroffene Lokführer für den jeweiligen Arbeitstag vom Rest des Einsatzes frei und stufen sie für eine Reihe von Tagen als arbeits- bzw. dienstunfähig ein. Eine psychotherapeutische oder seelsorgerische Betreuung ist notwendig, um das erlebte Trauma zu verarbeiten. Die akute Reaktion kann in eine monate- und jahrelange Beeinträchtigung übergehen. Auch bei Ausbleiben einer akuten Belastungsreaktion kann sich später, auch nach Monaten, eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, die mit dauerhafter Arbeits-/Dienstunfähigkeit einhergeht. In vielen Rettungsdienst-Bereichen wird der Lokführer standardmäßig von der Krisenintervention im Rettungsdienst zur Vermeidung einer posttraumatischen Belastungsstörung erstbetreut. Auch für Fahrgäste, Passanten, Rettungs- und Bestattungskräfte sowie das Wartungs- und Instandsetzungspersonal kann ein Schienensuizid eine besondere Belastung darstellen.
Nach einem Schienensuizid wird die betroffene Bahnstrecke in der Regel für polizeiliche Ermittlungen zeitweise gesperrt. Das wirkt sich oft erheblich auf den Schienenverkehr aus; das Umleiten von Zügen bewirkt Verspätungen und Ausfall von Halten. Nach Abschluss der Ermittlungen und der Bergung des Suizidenten (tot oder verletzt) wird sie wieder freigegeben.
Für Schäden, die der Bahn und dem Lokführer durch einen Schienensuizid oder seinen Versuch entstehen, haften der Suizident und seine Erben, sofern diese die Erbschaft nicht ausschlagen.[14]
Prävention [Bearbeiten]
Unter Journalisten hat sich in Deutschland ein Pressekodex etabliert, zurückhaltend über Schienensuizide und Suizide im Allgemeinen zu berichten. In der Vergangenheit war eine Häufung dieser Suizidform nach erfolgter Berichterstattung über einen Schienensuizid aufgetreten. In diesem Zusammenhang wird vom Werther-Effekt gesprochen.[15][16] So hat sich nach Bahnangaben die Zahl der täglichen Schienensuizide in Deutschland nach dem Suizid von Robert Enke im November 2009 über mehrere Wochen um den Faktor fünf bis sechs erhöht.[17]
Gegenüber Reisenden werden suizidbedingte Verspätungen unter anderem mit Formulierungen wie einem „Personenunfall“, „Person im Gleis“, „Unfall mit Personenschaden“, „Polizeieinsatz“ oder einem „Notarzteinsatz am Gleis“ begründet – der Schienensuizid wird bahnintern in der Regel als Personenunfall (PU) geführt. Dieser Begriff umfasst aber auch alle anderen Unfälle mit Personenschaden, auch soweit sie unabsichtlich durch Betreten von Gleisen oder auch vorsätzlich von Dritten herbeigeführt wurden.
In Hongkong konnte durch Bahnsteigtüren in der U-Bahn ("shielding doors") die Zahl der Schienensuizide deutlich reduziert werden.[18] Solche Vorrichtungen gibt es auch in einigen U-Bahnhöfen in London, Peking, Seoul und Singapur.
Geschichte [Bearbeiten]
Einer der Ersten, die das Thema Schienensuizid untersuchten, war 1854 der sächsische Eisenbahningenieur und -direktor Max Maria von Weber.
Schienensuizid spielt eine entscheidende Rolle in dem Roman Anna Karenina (1875) von Leo Tolstoi.
Literatur [Bearbeiten]
- Natalia Erazo: Zur Epidemiologie des Bahnsuizids unter besonderer Berücksichtigung des Geschlechtseffekts auf Zeit, Ort und Ausgang des Geschehens. Dissertation, LMU München, 2006 (PDF; 1,1 MB).
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ A. Schmidtke: Suicidal behaviour on railways in the FRG. In: Social Science & Medicine, Heft 3, Februar 1994, S. 419–426. doi:10.1016/0277-9536(94)90441-3
- ↑ J. Baumert, N. Erazo, K. H. Ladwig: Ten-year incidence and time trends of railway suicides in Germany from 1991 to 2000. In: European journal of public health. Band 16, Nummer 2, April 2006, S. 173–178, ISSN 1101-1262. doi:10.1093/eurpub/cki060. PMID 16093307.
- ↑ E. A. Deisenhammer, G. Kemmler, C. De Col, W. W. Fleischhacker, H. Hinterhuber: Eisenbahnsuizide und –suizidversuche in Österreich von 1990–1994. In: Der Nervenarzt. Band 68, Nummer 1, Januar 1997, S. 67–73, ISSN 0028-2804. PMID 9132623.
- ↑ Eisenbahn-Bundesamt: Bericht des Eisenbahn-Bundesamts gemäß Artikel 18 der Richtlinie über Eisenbahnsicherheit in der Gemeinschaft (Richtlinie 2004/49/EG, „Sicherheitsrichtlinie“) über die Tätigkeiten als Sicherheitsbehörde: Berichtsjahr 2007 (PDF; 2,3 MB) S. 44.
- ↑ Eisenbahn-Bundesamt: Bericht des Eisenbahn-Bundesamts gemäß Artikel 18 der Richtlinie über Eisenbahnsicherheit in der Gemeinschaft (Richtlinie 2004/49/EG, „Sicherheitsrichtlinie“) über die Tätigkeiten als Sicherheitsbehörde: Berichtsjahr 2008 (PDF; 2,5 MB) S. 42.
- ↑ Eisenbahn-Bundesamt (Hrsg.): Bericht des Eisenbahn-Bundesamts gemäß Artikel 18 der Richtlinie über Eisenbahnsicherheit in der Gemeinschaft (Richtlinie 2004/49/EG, „Sicherheitsrichtlinie“) über die Tätigkeiten als Sicherheitsbehörde: Berichtsjahr 2009. S. 36 (PDF-Datei, 1,16 MB).
- ↑ Eisenbahn-Bundesamt (Hrsg.): Bericht des Eisenbahn-Bundesamts gemäß Artikel 18 der Richtlinie über Eisenbahnsicherheit in der Gemeinschaft (Richtlinie 2004/49/EG, „Sicherheitsrichtlinie“) über die Tätigkeiten als Sicherheitsbehörde: Berichtsjahr 2010 (PDF-Datei, 1,5 MB), S. 37.
- ↑ Eisenbahn-Bundesamt (Hrsg.): Bericht des Eisenbahn-Bundesamts gemäß Artikel 18 der Richtlinie über Eisenbahnsicherheit in der Gemeinschaft (Richtlinie 2004/49/EG, „Sicherheitsrichtlinie“) über die Tätigkeiten als Sicherheitsbehörde (PDF-Datei, 1,0 MB), S. 37.
- ↑ N. Erazo, J. Baumert, K. H. Ladwig: Regionale und örtliche Verteilungsmuster von Bahnsuiziden. In: Der Nervenarzt. Band 75, Nummer 11, November 2004, S. 1099–1106, ISSN 0028-2804. doi:10.1007/s00115-004-1703-x. PMID 15549217.
- ↑ N. Erazo, J. Baumert, K. H. Ladwig: Sex-specific time patterns of suicidal acts on the German railway system. An analysis of 4003 cases. In: Journal of affective disorders. Band 83, Nummer 1, November 2004, S. 1–9, ISSN 0165-0327. doi:10.1016/j.jad.2004.04.012. PMID 15546640.
- ↑ boston.com, Shining a spotlight on suicide by train
- ↑ Självmord problem för Banverket auf svd.se (schwedisch)
- ↑ Frank Junghänel: Der letzte Augenblick. In: Mitteldeutsche Zeitung. 29. November 2009.
- ↑ Trauma nach Schienensuizid. Das Recht des Lokführers auf Schadensersatz von den Erben . Abgerufen am 12. November 2012.
- ↑ Stadtwerke München (PDF; 115 kB)
zum Thema „Selbstmord“ (PDF; 40 kB) Universität Hamburg - ↑ Christoph Cadenbach: Der Enke-Effekt. In: Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 07/2010
- ↑ Wir müssen noch offener werden. In: Der Spiegel. Nr. 21, 2010, S. 63–65 (online).
- ↑ C. K. Law, P. S. Yip, W. S. Chan, K. W. Fu, P. W. Wong, Y. W. Law: Evaluating the effectiveness of barrier installation for preventing railway suicides in Hong Kong. In: Journal of affective disorders. Band 114, Nummer 1–3, April 2009, S. 254–262, ISSN 1573-2517. doi:10.1016/j.jad.2008.07.021. PMID 18789825.