Schienenverkehr in Afghanistan

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Schienenverkehr in Afghanistan besteht derzeit aus zwei Eisenbahnstrecken für den Güterverkehr.

Historische Ansätze[Bearbeiten]

19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Abdur Rahman Khan (1844–1901), der seit 1880 Emir von Afghanistan war, lehnte Eisenbahnen für sein Land strikt ab. Umzingelt von Russland im Norden und von Großbritannien im Südosten hielt er Eisenbahnen für Einfallsschneisen des Kolonialismus.

Bahnstrecke Kabul–Darul-Aman[Bearbeiten]

So erhielt Afghanistan erst in den 1920er-Jahren eine erste, acht Kilometer lange Schmalspurstrecke mit einer Spurweite von 762 mm. Sie wurde im Zuge der Reformen des Königs Amanullah Khan erbaut und führte von der Hauptstadt Kabul zum Darul-Aman-Palast, der als Sitz des Parlamentes vorgesehen war. Nach dem Sturz von König Amanullah Khan 1929 verfiel die Bahnanlage. In der Folgezeit gab es nur einige wenige Feldbahnen für große Bauprojekte in Afghanistan.

Heutige Situation[Bearbeiten]

Erste Vollbahnanschlüsse[Bearbeiten]

Freundschaftsbrücke an der usbekisch-afghanischen Grenze

Im Zuge des Sowjetisch-Afghanischen Krieges stellte das Fehlen einer Eisenbahnanbindung für die Streitkräfte der Sowjetunion ein erhebliches logistisches Problem dar und bestätigte so die nahezu hundert Jahre zuvor geäußerten Bedenken von Emir Abdur Rahman Khan.

Um dem logistischen Defizit abzuhelfen, wurden seitens der Sowjetunion zwei Strecken von Turkmenistan und Usbekistan in der dort üblichen Breitspur von 1520 mm ein Stück über die die afghanische Grenze hinweg geführt. Damit erhielt das Land erste internationale Bahnanschlüsse, die bisher ausschließlich dem Güterverkehr dienen.

Bahnstrecke von Turkmenistan nach Towraghondi[Bearbeiten]

Eine zehn Kilometer lange Strecke – davon etwa zwei Kilometer auf afghanischen Gebiet – wurde von Serhetabat in Turkmenistan nach Towraghondi in Afghanistan Anfang der 1980er-Jahre errichtet. Nach Abzug der Sowjetunion verfiel diese Anlage und wurde erst 2007 wieder betriebsfähig gemacht.[1] Zwischen Afghanistan und Turkmenistan wurde ein Staatsvertrag abgeschlossen, die Strecke nach Herat weiter zu bauen. Sie soll über Mazar-i-Sharif-Kabul-Kandahar-Herat verlaufen.[2]

Bahnstrecke von Usbekistan nach Mazar-i-Sharif[Bearbeiten]

Neubaustrecke zwischen Hairatan und Mazar-i-Sharif

Eine zweite, etwa fünfzehn Kilometer lange Strecke – davon etwa zehn Kilometer auf afghanischem Gebiet – wurde aus gleichem Anlass zu Anfang der 1980er-Jahre von Termez in Usbekistan nach Hairatan in Afghanistan errichtet. Den Grenzfluss Amudarja quert sie auf der Brücke der Freundschaft, einer kombinierten Straßen- und Eisenbahnbrücke[3], die am 12. Mai 1982 eröffnet wurde.[4] Die Strecke wurde seitens Usbekistan aufgrund der politischen Situation 1996 geschlossen. 2001 wurde der Verkehr – zunächst für Züge mit Hilfsgütern – wieder aufgenommen.[5]

Die Verlängerung der Strecke um 75 Kilometer bis zum Flughafen von Mazar-i-Sharif beruht auf einem Abkommen zwischen der Usbekischen Eisenbahn (UTY), Afghanistan und der Asian Developement Bank (ADB).[6] Die Strecke wurde von der der Usbekischen Eisenbahn vom bisherigen Streckenende Hairatan in 1520 mm Breitspur eingleisig in 10 Monaten errichtet und Ende 2010 eröffnet.[7][8] Das Projekt kostete 170 Millionen US-Dollar und wurde von der Asian Development Bank 165 Millionen US-Dollar finanziert, 5 Millionen US-Dollar stammen vom afghanischen Staat.[9][10]

Die Strecke führt durch wüstenhaftes Gebiet zunächst bis Naiababad in Richtung Süden entlang einer Hauptstraße und biegt dort nach Westen ab, wo der Endpunkt Gur-e-Mar, 18 Kilometer östlich von Mazar-i-Sharif erreicht wird. Sie ist für eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h ausgelegt und hat alle 20 Kilometer einen Bahnhof mit einem 1,7 Kilometer langen Ausweichgleis für Güterzüge.[11][12] Die Strecke wird in den ersten drei Jahren von einer Tochtergesellschaft der Usbekischen Eisenbahn betrieben. In dieser Zeit soll hinreichend afghanisches Personal ausgebildet werden, um den Betrieb zu übernehmen.[13]

Hinter diesem Projekt steht in erster Linie der militärische Transportbedarf durch den Afghanistankrieg. Der Bahnanschluss Afghanistans soll die Transportkosten für militärische Güter gegenüber der Luftfracht von circa 14.000 US$ auf 300–500 US$ je Tonne senken. Dazu wurde mit Russland und anderen Transitländern vereinbart, dass die Durchfahrt entsprechender Züge aus Westeuropa ermöglicht wird.[14] Ende August 2011 erhielt die Usbekische Eisenbahn seitens der afghanischen Regierung eine zunächst auf drei Jahre befristete Betriebskonzession für die Strecke[15] und nahm damit formal den Verkehr auf.[16] Der erste Test-Güterzug fuhr aber erst im Dezember 2011.[15] Offiziell eingeweiht wurde die Strecke am 3. Februar 2012.[15] An diesem Tag erreichte auch der erste kommerzielle Güterzug Mazar-i-Sharif.[17] Über den militärischen Transportbedarf hinaus versprechen sich die Beteiligten durch die Bahnstrecke eine intensivere Verknüpfung zwischen den Wirtschaften der mittelasiatischen Republiken und der Afghanistans.[18]

Die Asian Development Bank hat Ende 2011 300 Millionen US-Dollar für die Verlängerung der Strecke in das 225 Kilometer westlich gelegene Andkhoy bereitgestellt. Von dort besteht die Möglichkeit einer weiteren Verlängerung nach Herat und in das benachbarte Turkmenistan. Der Bau soll 2013 beginnen.[19]

Bahnstrecke von Iran nach Herat[Bearbeiten]

Im Westen Afghanistans befindet sich eine 124 Kilometer lange, normalspurige Strecke von der iranischen Grenze nach Herat im Bau, die den Anschluss an das iranische Eisenbahnnetz in Maschhad herstellt. Die Kosten betragen 230 Millionen US$, wobei der Hauptteil durch Iran und 62 Millionen US$ durch Afghanistan selbst finanziert werden soll. Nachdem bereits Dämme und Brücken im iranischen Bauabschnitt erstellt wurden, stockten die Arbeiten im afghanischen Abschnitt aus finanziellen Gründen,[20] werden aber inzwischen mit hohem Nachdruck fortgesetzt. In Herat wird voraussichtlich der Spurwechselbahnhof für den Übergang zwischen der 1435 mm-Spur und der 1520 mm-Spur entstehen.[21]

Zukunftsplanungen[Bearbeiten]

Innerhalb der nächsten 25 Jahre plant die afghanische Regierung eine Eisenbahn-Ringstrecke von Herat über Mazar-i-Sharif, Kabul und Kandahar durch das Land mit Anschlüssen an die Bahnen der Nachbarländer Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Pakistan.[22] Das gesamte Streckennetz soll eine Länge von 2.800 Kilometern aufweisen und mehrere Milliarden US$ kosten.[20]

Ein technisches Problem ergibt sich für Afghanistan dadurch, dass es die Schnittstelle für drei unterschiedliche Spurweiten bilden wird. Die im Norden angrenzenden Staaten verwenden die „russische“ Breitspur von 1520 mm, Pakistan verwendet eine Breitspur von 1676 mm und die Eisenbahn des Iran baut ihre Strecken in der Normalspur von 1435 mm. Voraussichtlich wird die letztgenannte Spurweite genutzt werden. Sie soll jedenfalls einem Projekt zugrunde gelegt werden, das eine Ost-West-Schienenverbindung (mit Normalspur) zwischen China und dem Iran im Norden Afghanistans[23] und die mehrere Nord-Süd-Schienenverbindung (mit 1676mm-Spur) zwischen Russland und Pakistan vorsieht. Konkrete Planungen bestehen hierbei für eine 100 Kilometer lange Strecke vom pakistanischen Grenzort Chaman nach Kandahar[24] und für eine Verbindung von Pakistan über Kabul nach Usbekistan. Durch diese Verbindung wird der Export von Kupfererz aus der Mine Aynak der China Metallurgical Group gefördert, die die Strecke auch baut.[25]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Afghan rebuild underway. In: Railway Gazette International, 12. Juli 2007. 
  2. Walter Rothschild: Other Middle East Railways – G. Afghanistan, who is building quicker?. In: HaRakevet 95 = Jg. 25/4 (Dezember 2011), S. 19.
  3. Aid train reaches Afghanistan. In: Railway Gazette International, 1. Januar 2002. 
  4. Paul Waters: Afghanistan. In: HaRakevet 94 (September 2011), S. 10.
  5. Paul Waters: Afghanistan. In: HaRakevet 94 (September 2011), S. 10.
  6. HaRakevet 96 (März 2012) – Meldung 96:09 H, S. 14f.
  7. Bundeswehr in Afghanistan erhält Eisenbahnanschluss. Russland-Aktuell, 17. November 2010, abgerufen am 2. Januar 2011.
  8. Afghanistan’s First Railroad Aims to Undermine Taliban Funding Bloomberg, 28. Oktober 2009
  9. ADB-Funded Railway to Help Afghanistan Improve Regional Links, Boost Growth, Asian Development Bank. 30. September 2009. Abgerufen am 2. Januar 2011. 
  10. HaRakevet 96 (März 2012) – Meldung 96:09 H, S. 14.
  11. AFG: Hairatan to Mazar-e-Sharif Railway Development Project. Asian Development Bank, 2009, abgerufen am 2. Januar 2011 (PDF; 534 kB, englisch).
  12. Zabi Rashidi: Images of the Afghanistan railway at Mazar-i-Sharif, Afghanistan. 2. Dezember 2010, abgerufen am 2. Januar 2011 (englisch).
  13. HaRakevet 96 (März 2012) – Meldung 96:09 H, S. 14f.
  14. NATO: Making Progress on Afghanistan Rail Route
  15. a b c IBSE-Telegramm 256 (März 2012), S. 7.
  16. First major Afghan railway opens. Railway Gazette International, 25. August 2011, abgerufen am 26. August 2011 (englisch).
  17. Afghan railway starts commercial traffic. Railway Gazette International, 3. Februar 2012, abgerufen am 7. Februar 2012 (englisch).
  18. HaRakevet 96 (März 2012) – Meldung 96:09 H, S. 14f.
  19. Afghan railway ambitions. 4. November 2011, abgerufen am 13. November 2011 (englisch).
  20. a b  Christian Neef: Der Schöne Traum. In: Der Spiegel. Nr. 19, 2010 (online).
  21. Walter Rothschild: Other Middle East Railways - G. Afghanistan, who is building quicker?. In: HaRakevet 95 = Jg. 25/4 (Dezember 2011), S. 19.
  22. Ivan Watson: "After nearly a century, a modern Afghan railroad is under construction" (vgl. Eisenbahnkarte). CNN, 27. September 2010, abgerufen am 2. Januar 2011 (englisch).
  23. HaRakhevet 90 (September 2010), S. 21.
  24. Vgl. Construction of Afghan railway launched. In: railwaygazette.com. 27. Januar 2010, abgerufen am 6. Dezember 2010 (englisch).
  25. Vgl. Agreement signed for north-south corridor. In: railwaygazette.com. 23. September 2010, abgerufen am 6. Dezember 2010 (englisch).