Schildkröt

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Schildkröt-Puppe „Inge", 1950
Der Bebi-Bub war eine der ersten männlichen Puppen
Die Firma Schildkröt markierte unter ihrem Firmenlogo das Herstellungsjahr der Puppen. Dieses Modell, ein Bebi-Bub, stammt aus dem Jahre 1925

Die Schildkröt-Puppen und Spielwaren GmbH mit dem heutigen Sitz in Rauenstein/Thüringen ist der älteste Puppenhersteller, der von 1896 bis heute durchgehend Puppen produziert.

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Firmengeschichte[Bearbeiten]

1873 gründeten Viktor Lenel und sein Bruder Alfred mit dem Kaufmann Friedrich Julius Bensinger (1841–91) und dem Bankhaus Hohenemser & Söhne in Mannheim die "Rheinische Hartgummi-Waaren-Fabrik“, in der seit 1884 Weichgummi und seit 1886 Celluloid hergestellt wurde.

Am 27. März 1885 wurde die Fabrik in Neckarau durch einen Brand zerstört. Nach dem Wiederaufbau, der vom 1. April bis 31. Dezember 1885 erfolgte, firmierte sie unter der Bezeichnung „Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik".

Bereits 1888 trat Adolf Bensinger, der älteste Sohn des Firmengründers, in den Vorstand der Gesellschaft ein. Friedrich Julius Bensinger starb im Sommer 1891. Dessen zweiter Sohn, Carl Bensinger, trat im April 1893 ebenfalls als Vorstandsmitglied in die Firma ein.

Im Jahr 1898 hatte das Betriebsgelände bereits eine Ausdehnung von 80.000 Quadratmetern. Als soziale Einrichtungen standen den Mitarbeitern neben zwei Kantinen auch eine Betriebskrankenkasse und auch eine Kohlenkasse zur Verfügung. 1908-09 wurden durch den Architekten Leopold Stober achtundvierzig Werkswohnungen, verteilt auf 12 zweigeschossige Wohnbauten, erstellt. Im Jahr 1900 arbeiteten 6000 Beschäftigte in rund 150 Gebäuden, in denen 65 Walzwerke und Kalander, 105 Pressen, sowie 170 Kammschneidemaschinen betrieben werden. Die jährliche Rohcelluloidproduktion von rund 4.500 Tonnen entsprach einem Drittel der damaligen Weltproduktion. 1910 wird die Produktion von Spielzeugpuppen im Schwetzinger Werk eingestellt. Kurz nach Ausbruch des 1. Weltkriegs bis zu dessen Ende, vom 1. Januar 1915 bis 11. November 1918, wurde die Produktion zwangsweise stillgelegt.

Das Unternehmen wurde nach 1933 enteignet/arisiert, ging aber bereits 1929 in den Einflussbereich der I.G. Farben über. Das Jahr 1929 bildete den Höhepunkt der Celluloidproduktion mit einer Jahresmenge von 40.000 Tonnen. Trotzdem bleibt das Werk in den Folgejahren, insbesondere 1931/32 nicht von Massenentlassungen verschont. 1939 wird die Spielwarenproduktion zum Verlustgeschäft. Nach der Beseitigung von Kriegsschäden erfolgt der Wiederaufbau. Bereits 1951 wird ein Produktionsvolumen, das an die Vorkriegszeit heranreicht, erzielt.

Durch die Zusammenarbeit mit Käthe Kruse wird 1954 eine erschwingliche Puppe aus Tortulon, der in Gegensatz zu Celluloid nicht brennbar ist, entwickelt. 1965 erfolgt die Umwandlung des Firmennamens in "Schildkröt AG, vormals Rheinische Gummi- und Celloloid-Fabrik", zehn Jahre später, 1975, erfolgt die Einstellung der Puppenproduktion in Mannheim.

Zum 1. Januar 1993 wird der Sitz nach Rauenstein in der Nähe des traditionsreichen Spielzeugstandortes Sonneberg verlegt. Seit März 2014 gehört es zu Stadlbauer GmbH Puch in der Nähe von Salzburg[1]

Produkte[Bearbeiten]

Anfangs wurden hauptsächlich Schirm- und Stockgriffe, aber auch Presskämme und andere Toilettenartikel produziert.

1896 wurde die erste Puppe, eine wasserfeste "Badepuppe", aus Zelluloid hergestellt. Das gesetzliche Warenzeichen, die „Schildkröte“, wurde im Kaiserlichen Patentamt in Berlin 1899 eingetragen und rückwirkend seit 9. Oktober 1889 geschützt. Die "Schildkröte" als Firmenlogo sollte mit ihrem harten Panzer der Schildkröte das neuartige, robuste Material für Spielzeugpuppen symbolisieren. Zelluloid als Material war eine Revolution in der Puppenherstellung, da es bruchfest, abwaschbar, farbecht und hygienisch ist. Revolutionär war die Herstellung mit dem von Robert Zeller entwickelten Blas-Press-Methode. So konnten kostengünstig Puppenköpfe und -körper, aber auch Tischtennisbälle aus Celluloid produziert werden.

Auf Anregung von französischen Handelspartnern entwickelte sich Schildkröt ab 1887 auch zu einem führenden Hersteller von Tischtennisbällen in Europa. Dieses Produkt wird heute beinahe ausschließlich in China und Japan hergestellt. Außerdem stellte Schildkröt Zinngießformen aus Hartgummi her, mit denen vollplastische 40-mm-Figuren (hauptsächlich deutsche Truppen um 1900, aber auch französische, preußische und britische Soldaten der Napoleonischen Kriege) gegossen werden können. Dazu kamen Gießzubehör und passende Fahrzeugbausätze. Diese Produktion bestand bis 1984.

Darüber hinaus wurde ab 1939 die Verarbeitung von Igelit, ab 1955 die Herstellung von Hart-PVC-Platten "Rhenadur" für technische Gebrauchsartikel und ab 1956 die Produktion von Weich-PVC-Folien betrieben.

Aktuelle Situation[Bearbeiten]

Schildkröt produziert heute in der Klassik Kollektion Replika in begrenzter Auflage. Diese Puppen sind Zweitauflagen von alten Modellen. Das Material der Zweitauflage ist heute Tortulon, ein hochwertiger Kunststoff, der sich wie Zelluloid verarbeiten lässt, aber im Gegensatz dazu nicht brennbar ist. Die bekanntesten Modelle sind Bebi Bub, Hans, Bärbel, Inge, Erika und Christel.

Literatur[Bearbeiten]

  • Das große Schildkröt-Buch von Jürgen und Marianne Cieslik, ISBN 3-87463-378-0
  • Roland Eisenlohr: Das Arbeiter-Siedelungswesen der Stadt Mannheim, Karlsruhe 1921
  • Monika Ryll: Das Arbeitersiedlungswesen in Mannheim, in: Mannheim und seine Bauten, Bd. 5, 2005, S. 106-115
  • Christiane Fritsche, Ausgeplündert, zurückerstattet und entschädigt, Arisierung und Wiedergutmachung in Mannheim, Ubstadt-Weiher, ISBN 978-3-89735-772-3

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rheinische Gummi- und Celluloidfabrik – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stadlbauer News