Schismogenese

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Schismogenese ist ein Konzept, um problematische soziale Verhaltensmuster zwischen Kleingruppen oder Teilen der Gesellschaft zu erklären. Es wurde in den 1930er-Jahren vom Anthropologen und Psychologen Gregory Bateson entwickelt und in Deutschland von W. E. Mühlmann aufgenommen.

Sein Konzept kann auch als Ergänzung oder Entgegensetzung zu den Postulaten des soziologischen Funktionalismus verstanden werden, der in Gesellschaften Erzeugungsprozesse organischer oder mechanischer Solidarität ausmachte. Batesons Konzept der Schismogenese betont dagegen Prozesse der Auseinanderentwicklung (s. Schisma), der Konfrontation, des Konflikts.

Arten[Bearbeiten]

Symmetrisch[Bearbeiten]

Bateson kennzeichnete eine wettbewerbsartige Beziehung zwischen gleichrangigen Partnern als symmetrische Schismogenese. Der Psychologe Paul Watzlawick nennt hier das Prahlen als ein spiegelbildliches, sich aufschaukelndes antagonistisches Verhalten (positive Rückkopplung). Gemeint ist damit, dass sich gleichrangige Partner ständig zu übertreffen versuchen. Als Beispiel dafür wären z. B. zwei Freunde zu nennen, die sich gegenseitig Witze erzählen und denen jeweils immer lustigere Witze einfallen.

Komplementär[Bearbeiten]

Eine eskalierende Beziehung zwischen ungleichen Partnern wird dagegen komplementäre Schismogenese genannt: Dominanzstreben einerseits, Unterwerfung andererseits; dabei handelt es sich weniger um eine einseitige Machtausübung als um eine Dynamik des Missverstehen zwischen den Beteiligten – sie „interpunktieren“ (Watzlawick) die Bedeutung der Situation jeweils unterschiedlich. Freundlich gemeinte Zurückhaltung des einen Partners wird vom anderen z. B. als Schüchternheit oder mangelnde Willensstärke interpretiert, die es anzuleiten gilt; das Gegenüber fügt sich dann in diese Rolle, bestärkt so den dominanten Partner noch (positive Rückkopplung).

Watzlawick postuliert als "metakommunikatives Axiom": "Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Personen auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht."[1]

Geschlechtliche Unterschiede[Bearbeiten]

Die Soziolinguistin Deborah Tannen nahm 1990 das Konzept der Schismogenese für Konversations- oder Gesprächsanalysen wieder auf. Wie entstehen Missverständnisse, wie kommt es zum Zusammenbruch von Kommunikation, zu misslungener Verständigung, die in Abneigung und gegenseitigem Misstrauen endet? Tannen schilderte vor allem direkte, aufgabenbezogene sowie indirekte, harmoniebezogene Kommunikationsstrategien. Erstere werden überwiegend von Männern verwendet, letztere meist von Frauen. Mit dem eher „männlichen“ Gesprächsstil sollen Probleme direkt angegangen werden, Wünsche werden nicht verhüllt, eventuell als Befehle oder Kommandos sofort verbalisiert. Status und demonstrierte Souveränität (Entscheidungsfreude usw.) sind hier wichtige Faktoren. Im indirekten, eher auf Konsens und Rückversicherung bedachten Kommunikationsstil wird hingegen nicht unvermittelt gefragt: „Könntest Du mal einkaufen gehen?“, sondern eher: „Ach, ich bräuchte jetzt noch dringend ein Paar Sachen aus dem Laden, wenn ich nicht so müde wäre…“

Viele Männer empfinden diese indirekte Form der Botschaftsübermittlung als „manipulativ“. Und tatsächlich soll ja mit der indirekten Botschaft letztlich Ähnliches erreicht werden, wie mit einer umschweiflosen Auftragserteilung. Die verschiedenen Konversationsstile führen jedoch zur Irritation, zur komplementären Schismogenese – stillschweigend oder offen wird in die Metakommunikation über den Beziehungsaspekt der Kommunikationssituation gewechselt: „Warum sagt sie nie, was sie denkt, redet nicht konkret von dem, was sie will?“ – „Weshalb versteht er nicht, was ich von ihm möchte?“

Kulturelle Unterschiede[Bearbeiten]

Solche Situationen können sich außerdem nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern ebenfalls zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen ergeben. So sind japanische Geschäftsleute darauf bedacht, mit Geschäftspartnern zunächst eine einvernehmliche Atmosphäre herzustellen. „Smalltalk“ über nicht-geschäftliche Dinge leitet die Verhandlungen ein. Amerikanische Geschäftsleute hingegen möchten möglichst schnell „zur Sache kommen“, langwierigen Austausch von „blumigen Freundlichkeitsfloskeln“ empfinden sie dabei als störend und überflüssig. Bereits im Vorfeld von wichtigen Verhandlungen können sich so folgenschwere Missverständnisse ergeben, komplementäre Schismogenese erzeugt dann Antipathie in interkulturellen Gesprächssituationen.

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Paul Watzlawick; Janet H. Beavin; Don D. Jackson: Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. - 12., unveränd. Aufl. - Huber, Bern [u.a.], 2011, S. 78