Schizoanalyse

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Schizoanalyse ist ein Begriff des gemeinsamen gesellschaftskritischen Werkes Kapitalismus und Schizophrenie des Philosophen Gilles Deleuze und des Psychiaters Félix Guattari.

Antiautoritäre Philosophie[Bearbeiten]

Deleuze und Guattari entwickeln eine pantheistische und vitalistische Philosophie, in der Personen, Psychen und Substanzen nur prekäre Bedeutung erlangen, weil sie letztlich mehr oder weniger zufällige Versammlungen (assemblages) mikroskopischer Kräfte darstellen. Alle hierarchischen Synthesen aus diesen "molekularen" psychophysischen Elementen werden "molar" genannt: Es handelt sich dann um vergängliche makroskopische Gebilde, wie Personen,Gesellschaften Staaten usw. Diese antisubstanzialistische Haltung geht auf Deleuze's Aneignung von Spinoza, die molekular-molare Dynamik auf die von Leibniz und nicht zuletzt dessen Differential-Integralrechnung zurück.[1]

Ein Haupteffekt dieser Deutung ist die pantheistische Auflösung des Cartesianischen Subjektes sowie des bewußten und unbewußten Subjektes von Sigmund Freud und Jacques Lacan. Letzteren wird ödipale Verengung auf das molare Dreieck Papa-Mama-Kind vorgeworfen. Die postulierte Schizoanalyse soll die kreative Befreiung bringen, indem sie sich gegen autoritäre molare Strukturen wie Rasse, Gattung, Art, Geschlecht, den auf Kastrationsängsten basierten "Urstaat" und dessen kapitalistische Nachfolger wendet.

Die antiautoritären Achtundsechziger an der Reformuniversität Vincennes erhoben einen molekular gesteuerten, jedoch nicht klinischen "Schizo" zum kreativen pluralistischen Leitbild. Der Neurotiker hingegen geriet ihnen zum Kontrollfreak und "Autoritären Scheißer". Seltsam, eine schillernde Gestalt kommt zur Hilfe: der schicke Schizo. Er wächst in die Rolle des guten Wilden, der lange dazu diente, der Zivilisation ihr verlorenes Gesicht zu zeigen. Unabhängig von Deleuze/Guattari gibt es westweltweite Bestrebungen, die Schizophrenie von einer Geisteskrankheit umzudefinieren zur kulturellen Erscheinung... [Die Schizoanalyse soll] Ödipus zerstören, die Illusion des Ich, den Hampelmann Überich, das Schuldgefühl, das Gesetz, die Kastration..[2] Leibnizianischer Terminologie ist auch die Forderung nach einer "nomadisierenden" Lebensweise des Schizo, in Abgrenzung zu "monadischen" des Neurotiker entlehnt.

Dekonstruiert wurde das klassische sexuelle Mann-Frau-Schema: Für Deleuze agieren mehrere Geschlechter, beispielsweise männliche und weibliche Lesben: Butch und Femme. Dasselbe gilt für Schwule. So ergeben sich mindestens sechs Geschlechter, theoretisch aber unendlich viele.

Inzwischen sind die starren Fronten zwischen den Anhängern Freuds und denen von Deleuze&Guattari aufgeweicht, manche Psychoanalytiker sehen im Anti-Ödipus eine Vertiefung der pantheistischen Analysen des Kollektiven Unbewußten von Carl Gustav Jung.[3]

Psychologie[Bearbeiten]

Deleuze und Guattari plädieren mit ihrem Ansatz der Schizo-Analyse für eine Alternative zur Psychoanalyse von Sigmund Freud: Die Alternative setzt den Schizophrenen an die Stelle des Neurotikers als Grundtyp.

Die Behandlung des Schizophrenen als Idealtypus des Unbewussten führt zu einer von Freud abweichenden Analyse des Unbewussten als in sich widersprüchlich. Der Begriff der Schizophrenie wird dabei in Richtung einer allgemeinen Erzeugung von Spaltungen gesehen – welche die Schizoanalyse analysiert.

Das Konzept der Schizoanalyse soll die bei Freud zu findende Vorherrschaft des Ödipusthemas überwinden. Die ödipale Phase sei nicht nur eine Phase familiärer Sozialisierung, sondern auch der Vergesellschaftung durch Erzeugung materialistischer Wünsche, die von der Gesellschaft produziert werden. Dies laufe auf eine kapitalistische Repression des Individuums hinaus.

Die Praxis der Schizoanalyse oblag weniger dem Universitätslehrer Deleuze als dem Psychiater Guattari. Gemeinsam mit Jean Oury[4] machte sich dieser daran, "die herkömmliche Psychiatrie zu revolutionieren. Im Geist der 68er entstanden die ersten Modelle von Patientenkollektiven: Patienten erhielten die Möglichkeit zur Mitsprache, beziehungsstiftende Orte wie die Küche wurden geschaffen, wo beim gemeinsamen Zubereiten von Mahlzeiten zwischen Patienten, Ärzten und Anstaltspersonal neue Rollen ausprobiert und Perspektiven gewechselt wurden."[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Janine Chasseguet-Smirgel (Hrsg.): Wege des Anti-Ödipus. Syndikat Verlag, Frankfurt am Main 1986.
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Frankfurt am Main 1974 (orig. 1972).
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom. Merve Verlag, Berlin 1977. (Vorwort zu Tausend Plateaus)
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin 1992 (orig. 1980).
  • Félix Guattari: Cartographies schizoanalytiques. 1989.
  • Rudolf Heinz: Taumel und Totenstarre. Münster 1981.
  • Rudolf Heinz: Schizo-Schleichwege. Bremen 1985.
  • Eugene Holland: Deleuze and Guattari's Anti Oedipus: Introduction to Schizoanalysis. Oxford 1999.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. deleuzelectures.blogspot.de
  2. Ariane Barth: Luftwurzeln und Wildwuchs verlieben sich. In: Der Spiegel. 53/1980.
  3. Leen de Bolle (Hrsg.): Deleuze and Psychoanalysis. Philosophical essays on Deleuze's Debate with Psychoanalysis. Leuven, 2010, ISBN 978-90-5867-796-9.
  4. Jean Oury: Création et schizophrénie. 1989, ISBN 2-7186-0354-2.
  5. science.orf.at