Schizoanalyse

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Schizoanalyse ist ein von Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem gemeinsam verfassten Werk Anti Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie (1972/1980) geprägter Begriff, der sich als Gegenentwurf zur klassischen Psychoanalyse versteht.

Allgemeines[Bearbeiten]

Das Konzept der Schizoanalyse soll die bei Freud zu findende Vorherrschaft des Ödipusthemas überwinden. Die ödipale Phase sei nicht nur eine Phase familiärer Sozialisierung, sondern auch der Vergesellschaftung durch Erzeugung materialistischer Wünsche, die von der Gesellschaft produziert werden. Dies laufe auf eine kapitalistische Repression des Individuums hinaus.

Deleuze und Guattari plädieren mit ihrem Ansatz der Schizo-Analyse für eine Alternative zur Psychoanalyse von Sigmund Freud. Diese setzt den Schizophrenen an die Stelle des Neurotikers als Idealtypus des Unbewussten. Der Begriff der Schizophrenie wird dabei über die klinische Bedeutung hinaus in Richtung einer allgemeinen Erzeugung von Spaltungen erweitert – welche die Schizoanalyse analysiert. Dies führt zu einer von Freud abweichenden Analyse des Unbewussten als in sich widersprüchlich.

Die Praxis der Schizoanalyse oblag weniger dem Philosophen Deleuze als dem Psychiater Guattari. Gemeinsam mit Jean Oury[1] machte sich dieser daran, die herkömmliche Psychiatrie zu revolutionieren: „Im Geist der 68er entstanden die ersten Modelle von Patientenkollektiven: Patienten erhielten die Möglichkeit zur Mitsprache, beziehungsstiftende Orte wie die Küche wurden geschaffen, wo beim gemeinsamen Zubereiten von Mahlzeiten zwischen Patienten, Ärzten und Anstaltspersonal neue Rollen ausprobiert und Perspektiven gewechselt wurden.“[2]

Philosophie[Bearbeiten]

Deleuze und Guattari entwickeln eine pantheistische und vitalistische Philosophie, in der Personen, Psychen und Substanzen nur prekäre Bedeutung erlangen, weil sie letztlich mehr oder weniger zufällige Versammlungen (assemblages) mikroskopischer Kräfte darstellen. Alle hierarchischen Synthesen aus diesen molekularen psychophysischen Elementen werden molar genannt: Es handelt sich um vergängliche makroskopische Gebilde wie   Personen,Gesellschaften und Staaten.

Diese antisubstanzialistische Haltung geht auf Deleuze' Aneignung von Spinoza zurück. Die molekular-molare Dynamik dagegen auf Leibniz und nicht zuletzt seine Differential-Integralrechnung, die in die Nähe zu schizophrenen Spaltungen einerseits und paranoischem Delirieren andererseits gerückt wird. Deleuze spricht von einem psychomathematischen Infinitesimalkalkül des Leibniz:

„Einigen von uns erscheint es, daß es eine Spaltung zwischen Mensch und Tier gibt, einen Bruch. Das ist nötig, weil Gott, sehr maliziös, die Welt als in der Form maximaler Kontinuität ausgewählt, verfaßt hat, so gibt es alle Arten von Übergangsgraden zwischen Mensch und Tier, aber Gott verzichtete darauf, sie uns sichtbar zu machen... Warum? Weil es letztlich gut war. ... Wenn wir alle die Übergänge zwischen dem schlechtesten Tier und uns gesehen hätten, wären wir weniger eitel, darum ist diese Eitelkeit ganz gut, weil sie dem Menschen seine Macht über die Natur zu errichten erlaubt. Letztlich bedeutet es keine Perversität Gottes, sondern daß Gott nicht aufhörte, Kontinuitäten zu unterbrechen, die er errichtet hatte, um Vielfalt in die ausgewählte Welt einzuführen, um das ganze System kleiner Differenzen, verschwindender Differenzen zu verstecken.“

Gilles Deleuze: On Leibniz[3]

Leibnizianischer Terminologie entspricht auch die in Abgrenzung zur monadischen Lebensform des Neurotikers erstellte Forderung nach einer nomadisierenden Lebensweise des Schizo.

Ein Haupteffekt dieser Deutung ist die pantheistische Auflösung des Cartesianischen Subjektes sowie des bewussten und unbewussten Subjektes von Sigmund Freud und Jacques Lacan. Letzteren wird ödipale Verengung auf das molare Dreieck Papa-Mama-Kind vorgeworfen. Die postulierte Schizoanalyse soll die kreative Befreiung bringen, indem sie sich gegen autoritäre molare Strukturen wie Rasse, Gattung, Art, Geschlecht, den auf Kastrationsängsten basierten Urstaat und dessen kapitalistische Nachfolger wendet.

Dekonstruiert wurde das klassische sexuelle Mann-Frau-Schema: Für Deleuze agieren mehrere Geschlechter, beispielsweise männliche und weibliche Lesben: Butch und Femme. Dasselbe gilt für Schwule. So ergeben sich mindestens sechs Geschlechter, theoretisch aber unendlich viele. „…überall eine mikroskopische Transsexualität, die bewirkt, daß die Frau ebensoviele Männer umfaßt wie ein Mann, und der Mann ebensoviele Frauen, die alle in der Lage sind, miteinander in die Verhältnisse der Wunschproduktion einzutreten, die die statistische Ordnung der Geschlechter umstürzt. Sich zu lieben heißt nicht, es nur einmal, oder selbst zweimal, sondern es hunderttausend Mal zu treiben. So sind die Wunschmaschinen, ist das unmenschliche Geschlecht also nicht ein, nicht zwei, sondern n… Geschlechter.“[4].

Die Sprache spiele eine entscheidende Rolle beim Festklopfen molarer Strukturen. Wie für Marshall McLuhan das Medium selbst die Botschaft ist, besteht für Deleuze und Guattari ihre primäre Wirkung nicht darin, Informationen auszutauschen, sondern ordnende Parolen oder Losungen, "mots d'ordre" hervorzubringen, die die Gesellschaft autoritär präformieren: "Die Maschine der Schulpflicht übermittelt keine Informationen, sondern drängt dem Kind semiotische Koordinaten auf, mit all den dualen Grundlagen der Grammatik (männlich-weiblich,Sustantiv-Verb, Singular-Plural, Subjekt der Aussage-Subjekt der Äußerung etc....Die Grundeinheit der Sprache - die Aussage - ist der Befehl oder das Kennwort, die Parole."[5] Deleuze u. Guattari ordnen also die Linguistik der Pragmatik unter, indem sie die Sprache als Teil eines "Zeichenregimes", darstellen.

Die Art einer Aussage entspringe demnach aus ihrem Platz in einem Zeichenregime, einem Gefüge impliziter Voraussetzungen (Befehle, Kennworte, Parolen), immanenter Handlungen und körperloser Transformationen. Es handele sich dabei nicht um linguistische Konstanten und Universalien sondern ausschließlich um Variable von Äußerungsgefügen. Ein solches kollektives Äußerungsgefüge bediene sich der Stimme, sei jedoch niemals primär von einer Stimme durchdrungen, sondern es sei „immer eine Art von Stimmengewirr... Glossolalie"... Es vereine „viele heterogene Zeichenregime“ Aus diesen könne ein Ich „extrahiert“ werden. In diesem Sinne gelte: „ICH ist ein Befehl oder ein Kennwort, eine Losung." Ein Schizophrener erkläre, "Ich habe Stimmen sagen hören: Er ist sich seines Lebens bewußt. In diesem Sinne gibt es schon ein schizophrenes Cogito ...[6]." Unter den etablierten Linguisten findet allein Louis Hjelmslev Gnade, weil er als ein "spinozistischer Geologe" wirke, was nicht nur metaphorisch zu nehmen sei. Spinozistisch meint, er dringe mit dem Begriff der "substance extra-linguistique", engl. des "purport", in eine Schicht jenseits der Signifikation vor, aus der sowohl die Zeichen wie die Dinge selbst (geologische Formationen) ihre Geltung beziehen.

Die antiautoritären Achtundsechziger an der Reformuniversität Vincennes erhoben einen molekular gesteuerten, jedoch nicht klinischen Schizo zum kreativen pluralistischen Leitbild. Der Neurotiker hingegen geriet ihnen zum Kontrollfreak und autoritären Scheißer. 1980 kommentierte Ariane Barth diese Zeiterscheinung: „Seltsam, eine schillernde Gestalt kommt zur Hilfe: der schicke Schizo. Er wächst in die Rolle des guten Wilden, der lange dazu diente, der Zivilisation ihr verlorenes Gesicht zu zeigen. Unabhängig von Deleuze/Guattari gibt es westweltweite Bestrebungen, die Schizophrenie von einer Geisteskrankheit umzudefinieren zur kulturellen Erscheinung... [Die Schizoanalyse soll] Ödipus zerstören, die Illusion des Ich, den Hampelmann Überich, das Schuldgefühl, das Gesetz, die Kastration.“[7]

Inzwischen sind die starren Fronten zwischen den Anhängern Freuds und denen Deleuze&Guattaris aufgeweicht. Manche Psychoanalytiker sehen im Anti-Ödipus eine Vertiefung der pantheistischen Analysen des Kollektiven Unbewussten von Carl Gustav Jung.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Janine Chasseguet-Smirgel (Hrsg.): Wege des Anti-Ödipus. Syndikat Verlag, Frankfurt am Main 1986.
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Frankfurt am Main 1974 (orig. 1972).
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom. Merve Verlag, Berlin 1977. (Vorwort zu Tausend Plateaus)
  • Gilles Deleuze, Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin 1992 (orig. 1980).
  • Félix Guattari: Cartographies schizoanalytiques. 1989.
  • Rudolf Heinz: Taumel und Totenstarre. Münster 1981.
  • Rudolf Heinz: Schizo-Schleichwege. Bremen 1985.
  • Eugene Holland: Deleuze and Guattari's Anti Oedipus: Introduction to Schizoanalysis. Oxford 1999.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jean Oury: Création et schizophrénie. 1989, ISBN 2-7186-0354-2.
  2. science.orf.at
  3. Lectures by Gilles Deleuze. On Leibniz. deleuzelectures.blogspot.de
  4. Antiödipus. ISBN 351827824-X. S. 381
  5. Tausend Plateaus:Kapitalismus u. Schizophrenie. Berlin 1997.ISBN 3 88396-094-2. S. 106
  6. Tausend Plateaus:Kapitalismus u. Schizophrenie. Berlin 1997.ISBN 3 88396-094-2. S. 118
  7. Ariane Barth: Luftwurzeln und Wildwuchs verlieben sich. In: Der Spiegel, 53/1980 (abgerufen am 21. April 2014).
  8. Leen de Bolle (Hrsg.): Deleuze and Psychoanalysis. Philosophical essays on Deleuze's Debate with Psychoanalysis. Leuven, 2010, ISBN 978-90-5867-796-9.