Schlacht von Điện Biên Phủ

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Schlacht von Điện Biên Phủ
Teil von: Indochinakrieg
Französische Fallschirmjäger springen über Điện Biên Phủ ab
Französische Fallschirmjäger springen über Điện Biên Phủ ab
Datum 13. März bis 7. Mai 1954
Ort Điện Biên Phủ, Vietnam
Ausgang Sieg der Viet Minh
Folgen Die Genfer Indochina-Konferenz
Konfliktparteien
Frankreich 1946Vierte Französische Republik Frankreich

Unterstützt von:
Vereinigte Staaten 48Vereinigte Staaten Vereinigte Staaten
Vietnam Nord 1945Nordvietnam Demokratische Republik Vietnam
Befehlshaber
Henri Navarre
Christian Marie de Castries
Marcel Bigeard
Võ Nguyên Giáp
Truppenstärke
16.000 Soldaten,
1 Pionierbataillon,
1 Panzerkompanie,
3 Artillerieabteilungen,
14 Flugzeuge

37 US-Piloten[1]
65.000 Soldaten,
2 Infanteriedivisionen,
3 Infanterieregimenter,
1 Pionierbataillon,
4 Artillerieabteilungen,
1 Flak-Regiment
Verluste
2.293 Gefallene
5.193 Verwundete
11.800 Gefangene
7.900 Gefallene
15.000 Verwundete und Vermisste

Die Schlacht von Điện Biên Phủ gilt als die entscheidende Schlacht während des ersten Indochinakrieges zwischen der französischen Armee und den Truppen der vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung Việt Minh. Der Kampf um die französische Festung im Kreis Điện Biện nahe der damaligen Kreisstadt Điện Biên Phủ zwischen Him Lam im Norden und Mường Thanh im Süden begann am 13. März 1954 und endete am 7. Mai mit einer vernichtenden Niederlage der Franzosen. Dieser Erfolg beendete die französische Kolonialherrschaft in Südostasien.

Eine Reihe von Fehlentscheidungen der französischen Generalität, vor allem aber die Unterschätzung des Gegners trugen zur Niederlage bei. Die Entscheidung, die Festung in einem Tal anzusiedeln, stellte sich als besonders schwerwiegend heraus. Sie fiel in der leichtfertigen Annahme, dass es den Việt Minh nicht möglich sei, Artillerie und andere schwere Waffen in den umliegenden Bergen in Stellung zu bringen sowie mit Nachschub zu versorgen. Der vietnamesische General Võ Nguyên Giáp nutzte die taktischen Vorteile, die das hügelige Gelände rings um die Festung bot, geschickt aus und führte die Truppen der Việt Minh zum Sieg. Vor allem gelang es den Việt Minh, die Besatzung der Festung vom Nachschub abzuschneiden.

Nach der Niederlage Frankreichs wurde das Genfer Indochinaabkommen geschlossen, welches einen Waffenstillstand und die Trennung der Konfliktparteien durch Umgruppierung (die Việt Minh nördlich, die Franzosen südlich des 17. Breitengrads) sowie freie Wahlen bis Ende 1956 vorsah. Die USA unterschrieben dieses Abkommen nicht. Durch die Installierung einer US-freundlichen Regierung unter Ngô Đình Diệm nach den Scheinwahlen vom 23. Oktober 1955 wurde das Land am 17. Breitengrad in die Staaten Demokratische Republik Vietnam („Nordvietnam“) und Republik Vietnam („Südvietnam“) geteilt. Die fortgesetzten Bestrebungen Nordvietnams, den südlichen Landesteil für sich zu gewinnen, sowie die fortgesetzten Verfolgungen von echten und vermeintlichen Regimegegnern durch das Regime Ngô Đình Diệm in Südvietnam führten zu bewaffnetem Widerstand über die vom Norden unterstützte Gründung der FNL und dem militärischen Eingreifen der USA ab 1961 zum zweiten Indochinakrieg, der als „eigentlicher“ Vietnamkrieg bekannt wurde.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Die Ausgangssituation[Bearbeiten]

Indochina war bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges eine französische Kolonie. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg von Japan erobert. Gab es vorher bereits einzelne Befreiungsanstrengungen durch vietnamesische Widerstandskämpfer, nahm diese unter der japanischen Besatzung gewaltige Ausmaße an und drängten sie zum Kriegsende hin zurück. Aus den ab 1942 sich formierenden bewaffneten Widerstandskämpfern entstanden im Winter 1944 die ersten festen Einheiten. Mit der Kapitulation Japans erfolgte die Übernahme der Regierungsgewalt durch die zumeist links orientierten Rebellen. Am 2. September 1945 proklamierten sie die Unabhängigkeit Vietnams.

Frankreich wollte jedoch auf seine Kolonien nicht so einfach verzichten. Noch im September 1945 landeten französische und britische „Ordnungstruppen“ in Saigon. Ein französisches Expeditionskorps unter General Leclerc folgte, jedoch trafen die Truppen auf unerwartet hohen Widerstand und auch in Frankreich und dem Rest der Welt stieß dieses Vorgehen auf Unverständnis. 1946 musste sich die französische Regierung eingestehen, dass die Wiederinbesitznahme der ehemaligen Kolonie im Handstreich gescheitert war. Ho Chi Minh reiste nach Paris und unterzeichnete einen Vertrag mit Frankreich, der die Anerkennung der Demokratischen Republik Vietnam durch Frankreich für den Norden und die Mitte Vietnams besiegelte. Nur der Süden wurde ausgenommen. Hier sollte ein späterer Volksentscheid über eine Zugehörigkeit zur DRV entscheiden. Grundsätzlich wurde Vietnam als „freier Staat mit eigener Regierung, eigenem Parlament, eigenen Streitkräften und Finanzen“ anerkannt.

Kurz danach provozierte die französische Flotte im Hafen von Haiphong den Hai-Phong-Zwischenfall mit einigen tausend vietnamesischen Opfern. Frankreichs Truppen erhielten den Befehl zum Angriff und an die vietnamesischen Streitkräfte erging die Aufforderung sich zu ergeben. Es gelang Frankreich mit Hilfe der USA ganz Vietnam zu besetzen, jedoch erstarkten die vietnamesischen Streitkräfte zusehends und kontrollierten bald große Teile des ganzen Landes. Frankreichs Macht reduzierte sich zunehmend nur noch auf die Städte. Im Gebiet des Deltas des Roten Flusses verloren die Franzosen als erstes völlig die Kontrolle, aber auch im Mekong-Delta und anderen ländlichen Gebieten konnten sie sich kaum mehr aus ihren Befestigungen heraus wagen.[2]

Frankreich lag wirtschaftlich nach dem II. Weltkrieg am Boden und konnte, genau wie Großbritannien, nicht wieder zu seiner alten Größe zurückfinden. Die Kriege in zahlreichen Kolonien, in denen es überall erstarkte Unabhängigkeitsbewegungen gab, überforderten die finanziellen und militärischen Möglichkeiten Frankreichs. In zunehmendem Maße war man auf die Hilfe durch die USA angewiesen, welche nicht selbstlos war. Die Waffen wurden mit Zugeständnissen erkauft und Frankreich war sich zunehmend bewusst, dass die USA auf diese Weise schleichend die Dekolonisation vorantreiben würden.

Operation Castor[Bearbeiten]

Lage der Festung Dien Bien Phu in Vietnam
Karte der Festungsanlage

Die Situation, wie sie sich General Henri Navarre in Indochina darstellte, war denkbar ungünstig. Der Konflikt währte schon sieben Jahre und die Việt Minh setzten das französische Expeditionskorps mit ihrer Guerillataktik massiv unter Druck. Die Vietnamesen stützten sich auf die Landbevölkerung und drängten ihre Gegner durch zahlreiche Feuerüberfälle in die Defensive, um dann in der anonymen Masse der Einheimischen unterzutauchen. Die Generalität Frankreichs wollte nach Jahren des Guerillakampfes die Truppen der Việt Minh in eine offene Feldschlacht zwingen und so dem Gegner ihre Art der Kriegsführung aufzwingen. In dieser Entscheidungsschlacht sollte die französische Überlegenheit an Ausrüstung und Technik den angestrebten Sieg bringen und den Krieg beenden. Ein weiterer Punkt in Navarres Plan sah einen Sperrriegel entlang der laotischen Grenze vor, um so die Zusammenarbeit der beiden Befreiungsbewegungen Pathet Lao und Việt Minh zu unterbinden. Ein verlassener französischer Außenposten im Kreis Điên Biên, umgeben von hohen Bergen in einer 16 Kilometer langen und acht Kilometer breiten Talmulde, wurde als Ort für die Entscheidungsschlacht ausgewählt. An dieser Position errichteten die Franzosen eine Festung mit zahlreichen Außenposten. Die Festung erhielt den Namen der nahen, damaligen Kreisstadt Điện Biên Phủ. Dieser Stützpunkt war von einer Hügelkette umgeben und sollte hauptsächlich aus der Luft versorgt werden, da die Position über den Landweg nur schwer erreichbar war. Mit Điện Biên Phủ als Zentrum sollte der Sperrriegel von den Stützpunkten Na San im Osten bis nach Lai Chau im Norden reichen. Zwischen diesen Stützpunkten sollten schwer bewaffnete Einheiten patrouillieren und diese Region somit wieder unter französische Kontrolle bringen. Jedoch scheiterte dieser Plan schon vor Beginn der Operation. Na San wurde im Frühjahr 1953 völlig isoliert, und die Truppen mit ständigen kleineren Angriffen demoralisiert. Aktive Operationen wurden unmöglich, und der Stützpunkt wurde bis zum 11. August 1953 evakuiert.

Auch Lai Chau wurde noch vor Fertigstellung von Điện Biên Phủ schwer angeschlagen und musste aufgegeben werden. Am 10. Dezember begann die vietnamesische Volksarmee mit der Beschießung des Stützpunktes. Dabei kamen für die Franzosen völlig überraschend erstmals nicht nur Handfeuerwaffen sondern Granatwerfer und, völlig unerwartet, 7,5-cm-Kanonen zum Einsatz. Die Volksarmee setzte zudem auch rückstoßfreie Geschütze ein, welche vom verbündeten China aus Beutebeständen des Koreakrieges geliefert wurden. Lai Chau fiel schon zwei Tage später am 12. Dezember, und die Reste der französischen Truppen versuchten sich über die Pavie-Piste nach Điện Biên Phủ zu retten, liefen hier aber in vorbereitete Fallen und wurden im Dorf Muong Pon fast vollständig aufgerieben. Dass sie der völligen Vernichtung entgingen, war ein Schachzug der Vietnamesen. Sie wollten, dass diese völlig demoralisierten Überlebenden des ca. 100 km von Điện Biên Phủ entfernten Stützpunktes es nach Điện Biên Phủ schafften, um dort von den Schrecken ihres Leidensweges und von der unerwartet gut ausgerüsteten, hoch motivierten und sehr diszipliniert und vor allem gekonnt kämpfenden vietnamesischen Volksarmee zu berichten.

Die Festung Điện Biên Phủ hatte somit aber schon vor ihrer Fertigstellung jeden Sinn verloren. Es war nun nicht mehr zu erwarten, dass von dort aus Patrouillen eine ernste Gefahr für die Verbindung der Befreiungstruppen in Vietnam und Laos würden darstellen können. Điện Biên Phủ war nun nicht mehr das Zentrum einer Kette von Befestigungen, nicht die Mitte eines Sperrriegels, sondern nur noch ein isolierter Punkt im Hinterland der Việt Minh. Die wenigen Straßen waren unter Kontrolle der Việt Minh und für französische Truppen unpassierbar.

Errichtung der Festung bei Điện Biên Phủ

Der Ausbau Dien Bien Phus zu einer großen Festung mit den einzelnen Außenposten begann Ende November 1953. Die Errichtung der Festung und die Aufstockung der Truppen lief unter dem Operationsnamen Castor. Am 29. November setzten die Franzosen die ersten 9.000 Fallschirmjäger über der Talmulde ab. Der Hauptstützpunkt Điện Biên Phủs lag nahe der laotischen Grenze, aber ca. 200 km Luftlinie entfernt von der Nachschubbasis Hanoi. Das Hauptquartier wurde im Komplex Claudine errichtet. Die eigentliche Festung und die Verteidigungsanlagen umfassten die Stützpunkte Eliane, Dominique, Francoise und Huguette mit einer Landebahn. Im nahen Umfeld der Festung wurden mehrere Außenposten auf kleinen Anhöhen errichtet. Gabrielle wurde als vorgeschobener Posten im Norden auf der Anhöhe Doc Lap eingerichtet. Der Stützpunkt Beatrice auf der östlichen Anhöhe Him Lam sollte die Straße nach Osten absichern. Wegen dieses speziellen Auftrags stationierten die Franzosen ein Bataillon der Fremdenlegion in diesem Außenposten. Im Westen befand sich der Außenposten Anne Marie, der mit einem Regiment T'ai-Soldaten besetzt war. Der vierte Außenposten Isabelle lag ca. 3 km von den anderen Verteidigungsanlagen entfernt. Er wurde auf der Anhöhe Ham Cum errichtet und hatte eine eigene Start- und Landebahn. Das Expeditionskorps verfügte über rund 17.000 bereits kriegserfahrene Soldaten. Im Mittelfeld der Festung, gedeckt von den Widerstandszentren auf den östlichen Hügeln, waren die beweglichen Verbände, die Artilleriebatterien und die Panzereinheiten postiert. Auch der Kommandostab war hier untergebracht. In Reichweite lag das Hauptflugfeld. Dieses riesige Verteidigungssystem war auf Wällen und unterirdischen Gängen aufgebaut. Oberbefehl und Planung über die gesamte Verteidigungsanlage übertrug die französische Führung dem Oberst Christian Marie de Castries.

Angriffsvorbereitungen der Việt Minh[Bearbeiten]

Die Verbände des Việt Minh störten den Festungsaufbau nur geringfügig, hin und wieder kam es zu kleinen Scharmützeln. Am 6. Dezember erhielt General Võ Nguyên Giáp den Befehl, die französische Armee bei Điện Biên Phủ anzugreifen. Er begann daraufhin mit den Vorbereitungen. In monatelanger Arbeit und mit Hilfe der ansässigen Zivilbevölkerung gelang es ihm, Artillerie- und Flakgeschütze auf den Bergen rings um das Tal zu positionieren. Insbesondere die Artilleriegeschütze wurden in in die Berge gehauenen Stollen versteckt. Die in diese Stollen nach jedem Einsatz zurückgezogenen Geschütze konnten leicht getarnt und die Stellungen mit Sandsäcken schnell geschützt werden. Dies machte es für die französischen Streitkräfte fast unmöglich, diesen Gegner zu bekämpfen, da in den Stollen die Geschütze und ihre Besatzungen selbst vor Napalm sicher waren. Zudem wurden Scheinstellungen angelegt, in denen mittels Pyrotechnik Abschüsse simuliert wurden. Tatsächlich gelang die Täuschung des Gegners fast perfekt. Waffen, Munition und die zerlegten Geschützteile wurden mit LKW, Büffel-Karren, Fahrrädern oder per Hand an die Front gebracht. Für diese große logistische Leistung legte der Việt Minh Dschungelpfade an. Giáp schaffte es, von den Franzosen unbemerkt Gräben und Angriffsstellungen im gesamten Tal anzulegen. Die Gräben wurden während der Schlacht weiter ausgebaut. Die Front konnte durch die Gräben sicher erreicht werden, was einen gewissen Schutz vor französischer Artillerie und Luftangriffen bot. Die Vietnamesen zogen ein Heer von rund 33.000 Soldaten zusammen, das im Laufe der Schlacht auf über 50.000 vergrößert wurde. Folgende Verbände wurden für die erste Angriffswelle nach Điện Biên Phủ beordert:

  • die 308. Infanteriedivision
  • die 312. Infanteriedivision
  • zwei Regimenter der 316. Infanteriedivision
  • ein Regiment der 304. Infanteriedivision
  • zwei Abteilungen 105-Millimeter-Haubitzen der „schweren“ 351. Division
  • zwei Abteilungen 75-Millimeter-Haubitzen
  • ein Flak-Regiment
  • ein Pionierregiment

Anfang März 1954 waren die Vorbereitungen abgeschlossen und General Giáp erhielt den Einsatzbefehl. Die folgenden Worte sprach General Võ Nguyên Giáp zu seinen Soldaten:

„Für unsere regulären Streitkräfte hat die Stunde der Offensive gegen Điện Biên Phủ geschlagen. Unser Sieg bei Dien Bien Phu wird bedeuten, die Masse der feindlichen Truppen zu vernichten, den ganzen Nordwesten zu befreien, das Hinterland für den Widerstandskrieg auszudehnen und zu festigen sowie zum Erfolg der Bodenreform beizutragen… Unser Sieg bei Dien Bien Phu wird den Zusammenbruch des Navarre-Plans bedeuten, der schon schwere Rückschläge erlitten hat.“

Verlauf der Schlacht[Bearbeiten]

Beginn der Schlacht im März[Bearbeiten]

Zur Überraschung der Franzosen eröffnete die vietnamesische Artillerie am 3. Februar 1954, dem Tet-Fest, völlig unerwartet um 12.00 Uhr mittags das Feuer. Dabei feuerten die vietnamesischen 10,5- und 15,5-cm-Kanonen nur wenige Schüsse ab. Es ging den Vietnamesen an diesem Tag gar nicht darum, die Franzosen entscheidend zu treffen. Die Geschützmannschaften sollten sich nur einschießen, da sie zumeist aus ungewohnt überhöhten Positionen auf ihre Gegner schossen, welche wie auf dem Präsentierteller vor ihnen lagen. Nach nur 100 Schüssen wurden die Kanonen wieder in die Kasematten zurückgezogen und diese verschlossen und getarnt. Die Tarnung gelang vollständig, denn sie wurde erstmals durch die Zündung von Pyro-Ladungen in Scheinstellungen unterstützt. Die vietnamesische Artillerie schoss zeitlich versetzt, damit jeder Einschlag exakt dem richtigen Geschütz zugeordnet werden konnte, welches so nun genau wusste, mit welchen Einstellungen und Vorhaltewinkeln man perfekt würde treffen können. Nach einer halben Stunde schossen nur noch die Franzosen, allerdings nur auf die Scheinstellungen. Diese Scheinstellungen wurden von der französischen Artillerie jedoch unter schweren Beschuss genommen und mit über 1500 Granaten belegt. Die französischen Streitkräfte wähnten sich als Sieger und glaubten, die wenigen Geschütze der Việt Minh, welche sie überhaupt hatten heranschaffen können, schon im ersten Feuergefecht vernichtet zu haben. Ein gewaltiger Irrtum, denn tatsächlich gab es überhaupt keine Verluste auf vietnamesischer Seite, aber die Vietnamesen hatten Maß genommen, sich nun eingeschossen und würden von nun an sicherer das treffen, worauf sie zielten.[3]

Am Morgen des 13. März 1954 sollten dies die Franzosen schmerzhaft erkennen, denn die Việt Minh begannen ihren Angriff durch massives Artilleriefeuer von den umliegenden Berghängen. War de Castries bisher überzeugt gewesen, dass es für die Vietnamesen unmöglich wäre, schwere Artillerie durch das außerordentlich unwegsame Gelände auf den Bergen rings um das Tal in Stellung zu bringen - diese Annahme hatte maßgeblich zur Auswahl Điện Biên Phủs als Festung beigetragen - und glaubte er bisher fest daran, die wenigen gegnerischen Geschütze am 3. Februar vernichtet zu haben, so musste er nun erkennen, dass dies nur eine weitere Unterschätzung seines Gegners war. Die Franzosen erwiderten den Beschuss ihrerseits mit Artilleriefeuer auf die vermeintlichen Positionen der vietnamesischen Artilleriestellungen, trafen aber wiederum nur die Scheinstellungen mit ihren dort ferngezündeten Pyro-Körpern.

Durch den Beschuss aus den Bergen konnten die Vietnamesen bereits am ersten Tag die wichtigste Landebahn schwer beschädigen und große Teile der Vorräte an Waffen und Munition der Franzosen vernichten. Auch gingen mehrere Transportflugzeuge am Boden in Flammen auf. Es rächte sich nun auch, dass man gar nicht daran gedacht hatte, selber das Ziel schwerer Artillerieangriffe werden zu können. Es gab keine Feuerlöschgeräte und auch das Lazarett war viel zu klein, um die zahlreichen Opfer der Granateinschläge mit ihren Splitterwirkungen zu behandeln. Zudem fehlte es schon bald an Blutkonserven und Antibiotika. Auch fehlte es an Trinkwasser und man war gezwungen die Schlammbrühe des Nam-Youm-Flusses zu verwenden, der im Frühjahr viel schmutziges Wasser aus den Bergen herab führte. Recht schnell breiteten sich Magen- und Darmerkrankungen aus.

Die vietnamesischen Geschütze befanden sich rings um das Tal in in die Felsen gehauenen Stollen. In diese wurden sie nach zumeist nur wenigen Schüssen wieder zurückgezogen, um sich nicht durch Mündungsfeuer zu verraten und um für eventuell herbeigerufene Jagdbomber nicht mehr auffindbar zu sein. Die Eingänge dieser Kasematten wurden mit Sandsäcken verschlossen und getarnt. Zugleich wurden immer wieder Pyrokörper an anderen Orten als Scheinziele zur Explosion gebracht.

Auch die französische Artillerie wurde recht schnell ein Ziel der Vietnamesen. Sie war nur von niedrigen Sandsack-Barrieren geschützt, da man nicht mit derart schweren Geschützen des Gegners gerechnet hatte und größeren Wert auf freies Schussfeld legte. Jedoch waren auch die anderen Befestigungen der Franzosen nicht für derart schweren Beschuss ausgelegt.

Jetzt rächte sich auch die Überheblichkeit der Franzosen. In völliger Unterschätzung der Möglichkeiten der Vietnamesischen Volksarmee hatte man nur zwei Dutzend 10,5-cm-Haubitzen und eine 15,5-cm-Batterie in der Festung stationiert. Eine Aufstockung der Geschütze lehnte der Artilleriekommandeur der Franzosen, Oberst Piroth, selbst nach dem ersten Feuerüberfall vom 3. Februar ab.[4] Die vietnamesische Artillerie war den Franzosen haushoch überlegen. In den Spitzenzeiten der Angriffe gingen auf einzelne Befestigungsanlagen der Franzosen im Durchschnitt alle 4 Sekunden eine 10,5-cm-Granate nieder.[5]

Am 13. März griffen Verbände der 312. Infanteriedivision der vietnamesischen Armee den nördlichen Verteidigungsstützpunkt Gabrielle auf der Anhöhe Độc Lập an. Die verbleibenden Truppenteile schlossen den Kessel, sodass die gesamte Befestigungsanlage eingekreist war. Der Kommando-Bunker erhielt einen Volltreffer. Am selben Tag erfolgte der Angriff auf den nordöstlichen Verteidigungsraum Béatrice auf der Anhöhe Him Lam. Dieser Außenposten, den hauptsächlich Fremdenlegionäre verteidigten, fiel bereits in der Nacht zum 14. März. Der Kommandant Major Pégaux fiel zusammen mit seinem Stabschef, als ihr viel zu schwach geschützter Kommandobunker ebenfalls einen Volltreffer einer 10,5-cm-Granate erhielt.[6] Im Kampf um diesen Außenposten verloren die Franzosen rund 500 Soldaten.

Drei französische M24 Panzer unterstützen Infanterie beim Gegenangriff

Ein mit den sechs Panzern gestarteter Gegenangriff auf Độc Lập endete im Fiasko. Die Infanterie konnte das Tempo der Panzer nicht mitgehen und kam recht schnell im starken Abwehrfeuer der Artillerie nur noch kriechend voran. Andererseits hatten die Franzosen nicht bedacht, dass sie ihre Rohre gar nicht hoch genug kurbeln konnten, um die Ziele auf den Hügeln und Bergen überhaupt zu erreichen. Der Angriff brach verlustreich zusammen und die Panzer zogen sich wieder zurück, ohne tatsächlich etwas erreicht zu haben.

Die Kämpfe um den nördlichsten Posten Gabrielle dauerten noch bis zum 15. März, dann jedoch fiel auch dieser Verteidigungsposten in die Hände der Việt Minh. Nach diesem Anfangserfolg fokussierte General Võ Nguyên Giáp die Angriffsbemühungen auf den Außenposten auf der Anhöhe Bản Kéo. Diese Verteidigungsstellung mit dem Namen Anne Marie wurde hauptsächlich von rekrutierten T'ais verteidigt. Am 17. März verloren die Franzosen auch diesen Posten, da die meisten T'ais in der Nacht zum 16. März nach vorhergegangenen massiven Artillerieangriffen sich der Vietnamesischen Volksarmee kampflos ergeben und die Stellung verlassen hatten.[7] Die Vietnamesen hatten vorher in Flugblättern und mit Lautsprecherdurchsagen die T'ais dazu aufgefordert, sich nicht für Frankreich zu opfern. Ihnen wurde freies Geleit in ihre Heimat versprochen und dieses Versprechen auch gehalten. Mit dem Verlust dieser Stellung war das Gebiet nördlich der Festung komplett unter Kontrolle der Việt Minh.

Durch die Lage in der Talsohle waren die französischen Truppen dem vietnamesischen Artilleriefeuer ausgeliefert. Die Geschütze der Vietnamesen wurden durch das Gegenfeuer der Franzosen in ihren getarnten Bergstellungen kaum geschwächt. Der Kommandeur der französischen Artillerie, Oberst Piroth, empfand die Situation als ausweglos und beging Selbstmord. Durch den Beschuss der Landebahnen wurde auch der Nachschub der Kolonialstreitkräfte unterbunden, die keine Landverbindung zu ihrer Festung besaßen. Der Festungskommandant Oberst Christian Marie de Castries forderte massive Luftunterstützung an, und diese wurde auch umgehend gewährt. In den folgenden Tagen der Schlacht wurden die Hügelkette und die vermeintlichen Positionen der Việt Minh mit Bomben und Napalm unter Beschuss genommen. Die französische Luftwaffe sah sich bei diesem Unterfangen dem Flugabwehrfeuer der Việt Minh ausgeliefert und verlor im Kampf um Điện Biên Phủ bereits in den ersten Tagen zahlreiche Transport- und Kampfflugzeuge. Die USA lieferte bereitwillig Ersatz, jedoch musste Frankreich erkennen, dass es so in immer größere Abhängigkeit zur USA geriet. Zudem lieferte die USA keineswegs moderne Düsenjets, sondern nur veraltete Kolbenmotorflugzeuge, welche sich zwar im II. Weltkrieg bewährten, aber schon im Koreakrieg veraltet waren und schon damals von den US-Streitkräften ausgemustert wurden. Diese alten Flugzeuge ließen sich die USA von Frankreich teuer bezahlen, jedoch hatte Frankreich keine Alternative.

Französische Soldaten versuchen unter dem vietnamesischen Dauerbeschuss in ihren Gräben zu überleben.

Das Artilleriefeuer auf die Flugplätze ließ ab dem 28. März keine Landung eines französischen Flugzeugs mehr zu. Daraufhin konnten die Versorgungsgüter nur noch mit Fallschirmen abgeworfen werden. Insbesondere, aber nicht nur, in den Anflugwegen, von denen die Transportflugzeuge auf Grund der Lage der Festung in einem langgestreckten Tal nicht abweichen konnten, konzentrierte die Vietnamesische Volksarmee deshalb eine sehr starke Luftabwehr in dem Tal. Dies zwang die Transportflugzeuge dazu in größere Höhen ausweichen, was die Zielgenauigkeit erheblich verschlechterte. Ein großer Teil der Versorgungsgüter landete deshalb in den Händen der Vietnamesen oder im Niemandsland zwischen den Fronten, wo sie nicht von den Franzosen geborgen werden konnten.

Trotz der ersten Erfolge der Verbände der Việt Minh verfügten die französischen Truppen in Điện Biên Phủ noch über den größten Teil ihrer Einsatzkräfte in der stark ausgebauten Befestigungsanlage. Jedoch war die Moral denkbar schlecht. Gewohnt, es als Kolonialarmee immer nur mit schlecht ausgestatteten Kämpfern zu tun zu haben, welche über kaum mehr als leichte Infanteriewaffen verfügten, war das Entsetzen über die massive Feuerkraft der Vietnamesen groß. Schon in den ersten Tagen des Gefechts verschossen die Franzosen recht wirkungslos einen Großteil ihrer Artilleriemunition, wurden jedoch ungleich häufiger von Geschützen der Vietnamesen empfindlich getroffen.

Einsetzender kalter Regen verwandelte das Schlachtfeld zunehmend in ein Schlammfeld, und die Gräben der Franzosen liefen voll Wasser. Am 14. März und 16. März setzte das französische Oberkommando zwei zusätzliche Fallschirmjägerbataillone ab, um die Garnison zu verstärken. Die französische Luftwaffe versuchte pausenlos, die Nachschubwege der Việt Minh anzugreifen, konnte allerdings die Versorgung des Gegners nicht entscheidend stören, da die gut getarnten Wege aus der Luft nicht erkennbar waren.

Nachdem es nicht mehr möglich war, Tote und Verwundete auszufliegen, wurden die Toten in Ermangelung von Holz für die Särge in Planen gewickelt und vergraben. Die Versorgung der Verwundeten brach schon in den ersten Tagen der Schlacht auf französischer Seite faktisch zusammen, und beschränkte sich nur noch auf das Nötigste. Die Verwundeten lagen im Freien, und Morphium war nicht selten das Einzige, womit man ihre Leiden lindern konnte. Bei hoffnungslosen Fällen wurde es auch zur Sterbehilfe eingesetzt.[8] Die völlige Verkennung der Gefahr, einmal so viele Verwundete versorgen zu müssen, führte nun in dem viel zu kleinen Lazarett zu katastrophalen Zuständen. Es fehlte selbst an den nötigsten Verbandsmaterialien, an Ärzten, Medikamenten, und nicht mal sauberes Wasser war noch zu bekommen. Viele Verwundete starben auf Grund der Unterversorgung und an Folgeerkrankungen auf Grund der unhygienischen Zustände.

Operation Vulture (Aasgeier)[Bearbeiten]

Die Lage in Điện Biên Phủ spitzte sich nach dem De-facto-Ausfall der Flugplätze im März dramatisch zu, und die französische Regierung musste einsehen, dass der Plan von General Navarre gescheitert war. Frankreich erkannte, dass der Krieg in Indochina alleine nicht mehr zu gewinnen war. Aus diesem Grund wurden Regierungsvertreter in die USA entsandt, um Hilfe zu erbitten. Bei Gesprächen mit dem US-Außenminister Dulles und Präsident Eisenhower gewährte man den Franzosen die gewünschte Unterstützung. Die US-Militärführung bot der französischen Regierung sogar den Einsatz von Atomwaffen in der Schlacht um Điện Biên Phủ an. Dieses Angebot erhielt die Bezeichnung Operation Vulture. Andere Quellen berichten, dass die Anfrage von den Franzosen ausging, die Amerikaner diesen Wunsch jedoch ausschlugen, da sie befürchteten, dass ein direkter Einsatz von US-Streitkräften genau wie in Korea zum Kriegseintritt Chinas führen würde.

Mit dem Einsatz von Atombomben sollten Việt-Minh-Truppen hinter der Front bombardiert werden und so auch gleichzeitig die Unterstützung der Landbevölkerung verringert oder ganz verhindert werden. Jedoch wollte die US-Regierung den Abwurf von Atombomben nur befehlen, wenn andere Länder, wie zum Beispiel Großbritannien, dies akzeptieren und unterstützen würden. Großbritannien lehnte den Einsatz von Atomwaffen aber ab. Die Operation Vulture verschwand in einer Schublade des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten.

Im Vietnamkrieg der Amerikaner kam der Einsatz von Atomwaffen gegen Nordvietnam noch einmal zur Sprache, wurde jedoch erneut verworfen.

Zweite Angriffswelle auf die Festung[Bearbeiten]

Indochina im Jahr 1954

Nach der ersten Angriffswelle setzte eine zweiwöchige Kampfpause ein. Diese Zeit nutzten die vietnamesischen Streitkräfte, um frische Truppen und neues Material ins Kampfgebiet zu schicken. General Võ Nguyên Giáp verstärkte seine Truppen in der Gefechtspause um vier weitere Infanteriedivisionen, ein Flakregiment und fünf weitere Artillerieabteilungen. Zum Start der zweiten Angriffsphase standen General Võ ca. 50.000 Mann zur Verfügung.

Die Franzosen nutzten die Pause ebenfalls, um neues Material und weitere Soldaten heranzuschaffen. Aufgrund der Einkesselung des Stützpunktes konnten keine neuen Truppen über den Landweg ins Kampfgebiet entsandt werden, sodass die Franzosen Fallschirmjäger über der Festung abspringen ließen, um so die eigenen Truppen zu verstärken. Die Blockierung der Flughäfen durch die vietnamesische Artillerie und die Ungenauigkeit der Nachschublieferung per Fallschirmabwurf verschlimmerten die Lage der französischen Truppen zusätzlich.

In der zweiten Angriffswelle sollte das Zentrum der Festung attackiert werden. Am 30. März begann die 312. Infanteriedivision mit dem Angriff auf die Stellung Dominique im nordöstlichen Sektor. Der Kampf um diese Position stellte sich als der längste und am erbittertsten geführte Angriff der ganzen Schlacht heraus, und hielt bis Ende April an. Zur selben Zeit eröffneten die 316. im Osten, die 308. im Westen und die 304. Infanteriedivision im Süden den Angriff auf das Zentrum der stark ausgebauten Befestigungsanlage. Mehr als 30 Verteidigungsstützpunkte hatte Oberst de Castries anlegen und besetzen lassen, um das Zentrum und das Hauptquartier zu schützen. Ein großer Teil davon waren Eliteeinheiten der französischen Fallschirmjäger und der Fremdenlegion. Um ihre Bodentruppen zu unterstützen, setzte die französische Luftwaffe Napalm und Bombenangriffe ein, was den Angriff der Vietnamesen verlangsamte.

Die zweite Phase der Schlacht war durch einen chaotischen Stellungskampf gekennzeichnet. Angriffe und Gegenangriffe wechselten ständig, ohne dass eine Seite ihrem Angriff eine übergeordnete Stoßrichtung verleihen konnte. Die schweren Gefechte bei den östlichen Verteidigungsräumen Dominique und Eliane führte zu einer Spaltung zwischen beiden Außenposten. Im Westen konnte die 308. Division Mitte April die Stellung Huguette zum größten Teil einnehmen. Der Hauptflugplatz fiel zur gleichen Zeit. Im Süden konnten Verbände der 304. Infanteriedivision den Stützpunkt Isabelle von den übrigen Truppen abschneiden. Die französische Luftwaffe konzentrierte sich während der zweiten Phase auf die Stellungen der Việt Minh im Hinterland sowie auf Flak- und Artilleriestellungen. Doch konnten die Bombardierungen weder das Artilleriefeuer noch den Nachschub der Vietnamesen entscheidend schwächen.

Ein Versuch, mit 1.500 Hmong-Rekruten aus Einheiten der GCMA die eingeschlossenen Einheiten im April 1954 zu entsetzen, scheiterte.[9]

Die vietnamesische Fahne weht über dem französischen Befehlsbunker von Dien Bien Phu

Der Fall von Điện Biên Phủ[Bearbeiten]

Gegen Ende April waren nur noch wenige Stellungen der Festung rund um das Hauptquartier unter französischer Kontrolle, und die Lage um den Außenposten Isabelle auf der Anhöhe Hồng Cúm spitzte sich immer weiter zu. Festungskommandant Oberst Christian de Castries erkannte die Aussichtslosigkeit seiner Position. Seine Soldaten waren von den schweren Kämpfen gezeichnet und fürchteten die Gefangenschaft, einige begingen Selbstmord oder desertierten.

In der Festung gab es nur noch etwas über 2000 kampffähige Soldaten.[10] Es fehlte an Munition, schweren Waffen, es gab keine Handgranaten mehr, und es fehlte an Verpflegung und Trinkwasser. Die hunderten Verwundeten konnten nicht mehr versorgt werden, da es weder Verbandsmaterial noch sonst welche medizinischen Mittel mehr gab. Insbesondere unter den Truppen aus den Kolonien mehrten sich die Desertationen, und es gab am Fluss Gebiete, welche von vornehmlich marokkanischen Kolonialtruppen gehalten wurden, welche sich dem französischen Oberbefehl entzogen hatten und hier nur auf den Ausgang der Schlacht warteten. Sie schossen auch auf französische Verbände.[11]

Beim letzten Sturm auf die französischen Befestigungsanlagen setzte die Vietnamesische Volksarmee auf neue Techniken. Die Befestigungsanlagen von "Eliane" wurden unterminiert. In den Stollen unter der Festung wurden Sprengladungen angebracht und die Stollen mit allem verfüllt, was die Volksarmee nicht brauchen konnte. Blindgänger, in Containern abgeworfene Handgranaten, zu denen die Zünder fehlen, weil sie in anderen Containern waren, Munition, deren Kaliber die Volksarmee nicht brauchte, einfach alles, was explosiv war, wurde dort eingebracht und verdämmt. Die Explosion am 6. Mai 1954 um 17.00 Uhr war gewaltig und "Eliane" danach praktisch nicht mehr vorhanden. Beim Angriff auf die letzten Befestigungsanlagen kamen erstmals Salvengeschütze zum Einsatz. Diese Raketenwerfer, Nachfolger der Stalinorgeln, demoralisierten die letzten französischen Widerstandsnester nachhaltig.

Bunker der Festung Điện Biên Phủ

Am 2. Mai 1954 gingen die Vietnamesen zum Generalangriff über. Der aussichtslose Kampf der Franzosen zog sich noch bis zum 7. Mai hin. Bereits am 6. Mai befahl der Kommandeur die Vernichtung der militärischen Dokumente, und er ließ in der Nacht weiße Fahnen nähen. Am 7. Mai um 17.30 Uhr kapitulierte Oberst de Castries mit seinen verbliebenen Soldaten und ging in die Kriegsgefangenschaft. Einen Tag nach der Kapitulation ergaben sich auch die Soldaten des südlichen Stützpunktes Isabelle. Die letzte Bastion Frankreichs im Tal von Điện Biên Phủ war durch den Feind eingenommen worden. Die Fahne der Việt Minh wehte als Zeichen des Sieges auf dem Bunker des ehemaligen französischen Hauptquartiers.

Unmittelbar nach der Kapitulation erreichten vietnamesische Sanitäter das französische Lazarett. Hier befahlen sie den französischen Ärzten und Pflegern, sofort ihre Arbeit wieder aufzunehmen, und sie wurden ausdrücklich vorerst nicht zu Kriegsgefangenen erklärt. Im Gegenteil, die vietnamesische Volksarmee wurde dazu aufgefordert, Verbandsmaterial zu besorgen, die im bisherigen Niemandsland befindlichen Container nach Sanitätsmaterial abzusuchen und mit Hilfe der Franzosen die unzähligen Verletzten zu versorgen.[12] Dies kam jedoch für viele Verwundete zu spät.

Verluste[Bearbeiten]

In der Schlacht um Điện Biên Phủ kamen auf Seiten der Franzosen ca. 20.000 Soldaten zum Einsatz. Die Việt Minh setzte ca. 50.000 Soldaten ein. Es wurden rund 8.200 französische Soldaten getötet oder vermisst. Auf vietnamesischer Seite waren rund 20.000 Opfer zu beklagen. Nach der Kapitulation gingen ca. 10.300 französische Soldaten in die Gefangenschaft. Die meisten von ihnen standen unter Schock, waren verwundet, unterernährt und auf Grund der zuletzt in der Festung immer katastrophaler werdenden hygienischen Bedingungen mit Ruhr oder anderen Krankheiten infiziert. Sauberes Trinkwasser hatten die meisten schon seit Wochen nicht mehr gesehen und die Krankenquote war extrem hoch. Vor Beginn der letzten vietnamesischen Offensive galten nicht einmal 2000 französische Soldaten noch als einsatzfähig und kampfbereit.[13] Der Rest war gesundheitlich schwer angeschlagen, unterernährt und unterversorgt. Letztlich überlebten 3.290 die Gefangenschaft, was immerhin die doppelte Anzahl der Franzosen war, die zu Beginn der letzten Schlacht noch kampffähig war. Für die Franzosen wogen diese Verluste schwer, da sie in Điện Biên Phủ die Elite ihrer Indochinatruppen fast vollständig verloren. Ebenfalls erwähnenswert sind die ca. 1.600 auf französischer Seite desertierten Soldaten.

Analyse der Schlacht[Bearbeiten]

Die Niederlage Frankreichs in der Schlacht von Dien Bien Phu kann auf falsche Einschätzung des Feindes und eine geographische Fehlentscheidung zurückgeführt werden. Die Entscheidung der französischen Regierung, General Navarre den Oberbefehl über die Kolonialtruppen in Indochina zu übertragen, erwies sich ebenfalls als Fehlentscheidung.

Warnungen seiner Nachrichtendienste nicht beachtend, unterschätzte General Navarre den Gegner. Er glaubte nicht an eine Möglichkeit für den Việt Minh, schwere Flak- und Artilleriegeschütze auf der Hügelkette in Position zu bringen. Nach seiner Meinung war es nicht denkbar, größere Truppenkontingente in Bergen zu verschanzen, da deren Versorgung mit Waffen, Munition, Medikamenten und Lebensmitteln nur per Flugzeug realisierbar sei, welche den Việt Minh nicht zur Verfügung standen.

Den wichtigsten Grund für die Niederlage hatten sich die Franzosen selbst geschaffen: Die Entscheidung, die Festung in einer von Hügeln umgebenen Talmulde anzusiedeln, brachte die französischen Truppen noch vor dem ersten Schuss ins Hintertreffen. Die geographische Lage spielte einem Gegner, der das Gelände besser kannte, in die Hände. Ein zweiter Nachteil, den der Festungsstandort bot, war die Tatsache, dass ein Anflug für die Versorgungsflugzeuge aufgrund der hohen Berge nur aus einer Richtung möglich war. Der Abschuss der einfliegenden Flugzeuge wurde so erleichtert, etwa 56 Flugzeuge und deren Ladungen gingen verloren und mindestens 23 Piloten fielen.

Die Vietnamesen hatten einen erfahrenen und mutigen Anführer auf ihrer Seite. General Võ Nguyên Giáp war ein guter Stratege und kannte die Vorgehensweise der Franzosen sehr genau. Er ließ Frankreich lange in dem Glauben, seine Kräfte wären in Nordwestvietnam zu schwach. Er koordinierte schon die gemeinsamen militärischen Operationen von Việt Minh und Pathet Lao im zweiten Halbjahr 1953 und brachte die Franzosen überhaupt erst dazu, ihr Augenmerk auf Nordwestvietnam zu richten. Die Entscheidung, die Festung nicht mit einem Sturmangriff einzunehmen, sondern einen Außenposten nach dem anderen zu erobern, erwies sich schnell als erfolgreich. Er baute mit seiner Armee getarnte Stellungen in den Bergen aus, legte Gräben an, die dicht an die Festung reichten, und entwickelte ein gutes Sanitätswesen, das auch die Dorfbevölkerung einbezog.

Die ländliche Bevölkerung Vietnams trug entscheidend zum Sieg des Viet Minh bei. Sie unterstützte die Truppen, gab ihnen Unterschlupf oder half den Verwundeten. Die zivilen Bewohner des Tals schleppten auf Fahrrädern und Büffeln den Nachschub für die Front herbei.

In Frankreich stieg während der Gefechte um die Festung die Zahl der Kriegsgegner und auch die Presse sprach verstärkt von einer „guerre sale“, einem schmutzigen Krieg. Überdies machte sich in der französischen Nationalversammlung Unmut über die hohen Kosten breit. Darüber hinaus erschwerte es der kräftebindende Krieg in Indochina Frankreich, einen zureichenden militärischen Beitrag zur NATO und zur vorgesehenen Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) zu leisten.

Auswirkungen[Bearbeiten]

Vom 8. Mai bis zum 21. Juli 1954 tagte die Indochina-Konferenz in Genf. An der Konferenz nahmen die beiden Kriegsparteien Frankreich und Demokratische Republik Vietnam, sowie die USA, China, Großbritannien, die Sowjetunion, Vietnam, Laos und Kambodscha teil. Nach 87 Verhandlungstagen und unter dem Einfluss der vernichtenden Niederlage der Franzosen in der Schlacht um die Festung Điện Biên Phủ verständigten sich die Teilnehmer auf einen Waffenstillstand. Dieses „Genfer Abkommen“ trat am 21. Juli 1954 in Kraft und beendete den Indochinakrieg und die französische Kolonialzeit in Asien.

Rezeption[Bearbeiten]

Der Journalist Peter Scholl-Latour urteilte später über die Schlacht:[14]

„Die Überlebenden von Dien Bien Phu erzählten von der Schlacht, vom Versagen der Führung, von der schrecklichen Überraschung, als plötzlich Artilleriefeuer auf ihre unzureichenden Stellungen trommelte. Ein Thai-Bataillon war sofort übergelaufen. Die übrigen farbigen Truppen hatten sich passiv verhalten und Deckung gesucht. Wirklich gekämpft bis zum letzten Erdloch und bis aufs Messer hatten lediglich die französischen Fallschirmjäger, und die Fremdenlegionäre, zu 80 % Deutsche, seien zum Sterben angetreten wie in einer mythischen Gotenschlacht.“

Später wurde die Schlacht mehrfach noch in anderen Medien aufgearbeitet. Der Film Diên Biên Phú - Symphonie des Untergangs zeigt in bedrückenden Bildern frei von Heldenpathos das Leben und Sterben in einem Krieg, den die französischen Soldaten bereits verloren wissen. Das Drehbuch stammt von Pierre Schoendoerffer, einem Überlebenden der Kesselschlacht, der auch Regie führte. Bereits 1955 hatte der US-amerikanische Regisseur David Butler Jump Into Hell (deutscher Synchrontitel: Die Hölle von Dien Bien Phu) gedreht, mit Jacques Sernas, Kurt Kasznar und Peter van Eyck in den Hauptrollen.

Die deutsche Punkband Boxhamsters greift in ihrem Lied „Điên Biên Phú“ speziell den Weg der deutschen Legionäre von Frankreich nach Vietnam und die Geschichte der 55-tägigen Schlacht auf.[15]

Am 7. Mai 1954, dem letzten Tag der Schlacht, wurde das Chanson „Le déserteur“ des französischen Schriftstellers Boris Vian veröffentlicht.

Billy Joel erachtet die Schlacht in seinem Lied We Didn’t Start the Fire als maßgeblich für das Jahr 1954.

Literatur[Bearbeiten]

  • Saul David: Die größten Fehlschläge der Militärgeschichte. Heyne, München 2001, ISBN 3-453-86127-2. (Kap. 4: „Dien Bien Phu“)
  • Marc Frey: Das Ende eines Kolonialreiches. Dien Bien Phu, 13. März bis 7. Mai 1954. In: Stig Förster u.a. (Hrsg.): Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai. Dtv, München 2004, ISBN 3-423-34083-5, S. 358–373,
  • Marc Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums. Beck, München 2004, ISBN 3-406-45978-1, S. 11–41.
  • John Pimlott: Vietnam. The decisive battles. Macmillan, New York 1990, ISBN 0-02-580171-6.
  • Jules Roy: Der Fall von Dien Bien Phu. Des weissen Mannes Stalingrad in Indochina. Heyne, München 1964.
  • Peter Scholl-Latour: Der Tod im Reisfeld. Dreißig Jahre Krieg in Indochina. Dtv, München 2000, ISBN 3-423-36173-5.
  • Harry Thürk: Dien Bien Phu. Die Schlacht, die einen Kolonialkrieg beendete. Brandenburgisches Verlagshaus, Berlin 1997, ISBN 3-89488-076-7.
  • Paul Bonnecarrere: Frankreichs fremde Söhne. Motor-Buch-Verlag, Stuttgart 1974, ISBN 3-87943-333-X.
  • Bernhard B. Fall: Hell in a Very Small Place: The Siege of Dien Bien Phu. Lippincott, Philadelphia 1966. (Reprint: Da Capo Press, 2002, ISBN 0-306-81157-X)
  • Terry Kajuko: Képi Blanc's Paras. GaMa, Ingersheim 2010, ISBN 978-3-9807733-2-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Điện Biên Phủ – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ehrung der US-Piloten (PDF; 565 kB)
  2. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1.
  3. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 132.
  4. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 137.
  5. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 153.
  6. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 153.
  7. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 162.
  8. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 167.
  9. Alfred McCoy: The Politics of Heroin. New York 1991, ISBN 1-55652-126-X, S. 140, 143. (rev. ed.; Orig. 1972)
  10. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 265.
  11. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 259.
  12. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 278.
  13. Harry Thürk: Dien Bien Phu. 1997, ISBN 3-327-00643-1, S. 265.
  14. Peter Scholl-Latour: Der Tod im Reisfeld – 30 Jahre Krieg in Indochina
  15. Boxhamsters: Demut & Elite. BAD MOON/LADO Musik GmbH, 2004, DNB 35885377X.