Schlacht von Tours und Poitiers

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Schlacht von Tours und Poitiers
Datum 18. oder 25. Oktober 732
Ort Zwischen Tours und Poitiers
Ausgang Fränkischer Sieg
Konfliktparteien
Franken und Verbündete Mauren
Befehlshaber
Karl Martell Abd ar-Rahman
Truppenstärke
15.000 Mann 20.000 Mann
Verluste
1000–2.000 Tote (1007?)
4.000 Verwundete
etwa 5.000 Tote
etwa 5.000 Verwundete

In der Schlacht von Tours und Poitiers (auch Schlacht bei Cenon genannt) im Oktober 732 besiegten die Franken unter dem Kommando von Karl Martell die nach Gallien vorgestoßenen muslimischen Araber und stoppten deren Vormarsch im Westen (→ Islamische Expansion). Im Arabischen wird die Schlacht auch Schlacht an der balāṭ asch-schuhadāʾ („Schlacht an der Straße der Märtyrer“) genannt.

Nach einem heftigen Gefecht siegten die Franken, die von langobardischen, sächsischen und friesischen Truppen unterstützt wurden. Auch der Herzog Eudo von Aquitanien, ein alter Widersacher Karl Martells, stand den Franken in der Schlacht zur Seite. Der Heerführer der Mauren und Araber, Abd ar-Rahman, fiel während des Kampfes, und die Reste seines Heeres zogen sich auf die Iberische Halbinsel zurück. Die Franken hatten laut einigen Quellen damit gerechnet, den Kampf am nächsten Tage fortsetzen zu müssen, fanden aber am Morgen nach der Schlacht das Lager der Araber verlassen vor.

Karl Martell wurde wegen des Sieges später als Retter des Abendlandes überhöht. Allerdings wurde die Schlacht in zeitgenössischen Quellen nicht als herausragendes Ereignis betrachtet, sondern nur beiläufig erwähnt, was die Rekonstruktion der Abläufe sehr erschwert. Das Gefecht wurde erst in der Neuzeit zu einem welthistorischen Ereignis stilisiert. Die jüngste Geschichtsforschung ist mehrheitlich aber wieder zurückhaltender, was die Bedeutung der Schlacht betrifft.

Ort und Datum[Bearbeiten]

Sarkophag von Karl Martell in St. Denis (12. Jahrhundert)

Man kennt bis heute weder zweifelsfrei den genauen Ort noch das exakte Datum der Schlacht von Tours und Poitiers. Was den Ort angeht, lässt sich aber immerhin die Gegend zwischen den Flüssen Clain und Vienne südlich von Châtellerault vermuten; hier lag auch Alt-Poitiers an der alten Römerstraße, die die Araber bei ihrem Vormarsch nehmen mussten, während die Franken zunächst eine Stellung am Übergang über die Vienne beim heutigen Cenon-sur-Vienne bezogen haben dürften. Das eigentliche Schlachtfeld wird dann irgendwo zwischen diesem Übergang und den drei Kilometer entfernten Orten Vouneuil und Moussais-la-Bataille zu suchen sein. Heute erinnert eine Panoramatafel bei Moussais an die Schlacht.

Als Datum der Schlacht gilt einer der Samstage im Oktober 732, wobei der 18. oder der 25. Oktober am wahrscheinlichsten sind.

Verlauf der Schlacht[Bearbeiten]

Über den Verlauf der Schlacht ist nicht allzu viel bekannt. Doch ist überliefert, dass Karl mit seinen fränkischen Truppen die ersten sieben Tage der Schlacht damit verbrachte, auf Verbündete zu warten; es fanden nur Geplänkel statt. Als dann sächsische und wenig später auch langobardische Truppen eintrafen, hatten die Araber ihre Beute bereits nach Süden gebracht.
Am achten Tag griffen zunächst wohl die Araber die Langobarden an. Diese schlossen sich jedoch wie die Franken zu einer Phalanx zusammen, und die Sachsen und Franken schlossen einen Großteil der arabischen berittenen Bogenschützen ein und vernichteten diese. Es folgte wohl ein Gegenangriff der Verbündeten in Richtung des arabischen Lagers. Die Araber stürmten ihnen entgegen, es entbrannte der Hauptakt der Schlacht. Nun fiel Abd ar-Rahman im Kampf gegen Franken oder Sachsen. Die Araber zogen sich ob ihres gefallenen Anführers und der hohen Verluste in ihr Lager zurück. Karls Truppen brachen die Schlacht ebenfalls ab, da es dämmerte und sie fürchteten, in unbekanntem Terrain in einen Hinterhalt zu geraten.
Am Tag darauf rückten die Verbündeten in das arabische Lager ein, doch die Araber hatten es schon geräumt und ihren gefallenen Anführer mitsamt einiger Fahnen zurückgelassen.

In der Forschung wurde traditionell angenommen, bei der Schlacht sei erstmals schwer gepanzerte fränkische Reiterei zum Einsatz gekommen und habe den Kampf entschieden. Demgegenüber haben neuerdings Forscher wie Hugh Kennedy betont, in den ältesten Berichten werde derlei nicht erwähnt; im Gegenteil, die zeitnahe Mozarabische Chronik (siehe unten) spricht davon, die Langobarden und Franken hätten als Phalanx gekämpft und „wie ein Gletscher“ gewirkt, was kaum auf berittene Kämpfer hinweisen dürfte, sondern auf gepanzerte Fußtruppen in geschlossener Formation. Auch die Araber kämpften im 7. und 8. Jahrhundert entgegen landläufiger Vorstellung oft zu Fuß; in den großen Feldschlachten stiegen ihre Reiter meist ab und kämpften als Infanterie. Ob dies auch 732 der Fall war, lässt sich aufgrund der Quellenlage nicht entscheiden. Festzuhalten bleibt aber, dass die Annahme, es habe sich um eine Schlacht zwischen berittenen Muslimen und schwerer fränkischer Kavallerie gehandelt, durch die ältesten Quellen nicht gestützt wird. Es könnte sich also durchaus auch um ein Infanteriegefecht unter Beteiligung von Reiterei gehandelt haben.

Aus arabischer Sicht unterteilen sich die Tagesetappen der Schlacht in den „Morgen des Hundegebells“, den „Tag der Hilfe“ und den „Abend der Erschütterung“. Der Rückzug der Muslime erfolgte nachts über den „Weg der Märtyrer“.

Bedeutung der Schlacht[Bearbeiten]

Islamische Expansion bis zur Schlacht von Tours und Poitiers

Die Schlacht muss im Zusammenhang der weiteren Kämpfe zwischen Franken und Aquitaniern auf der einen Seite und Arabern auf der anderen Seite gesehen werden. So gab es schon seit 719 muslimische Vorstöße über die Pyrenäen, 725 plünderten die Araber gar Autun in Burgund, und die Kämpfe in Gallien waren mit dem Sieg von 732 auch noch lange nicht beendet. Im vormals westgotischen Septimanien um Narbonne hielten sich die Araber noch bis 739 bzw. 759, ehe Karl Martell und nach dessen Tod im Jahre 741 sein Sohn Pippin der Jüngere sie, erneut mit langobardischer Hilfe, von dort gewaltsam vertrieben, wobei beide mit äußerster Härte vorgingen.

Der Schlacht von 732 wurde dabei in der mittelalterlichen Geschichtsschreibung nicht die Bedeutung zugeschrieben, wie dies in der Neuzeit geschehen sollte. Christliche Zeitgenossen beschrieben die Schlacht, ein anonymer Verfasser aus Spanien (sogenannte Mozarabische Chronik von 754) stellt dabei den Arabern die Europenses gegenüber, ohne dass man darin ein geeintes Abendland sehen müsste. Erst 1000 Jahre später maßen Historiker wie Edward Gibbon dem Zusammenprall jene historische Bedeutung bei, der zufolge der Vormarsch der Araber nach Westeuropa im Falle einer Niederlage der Franken nicht mehr aufzuhalten gewesen wäre. In Lehr- und Schulbüchern sowie in populärwissenschaftlichen Darstellungen wurde diese Einschätzung oft übernommen und wird bis heute verbreitet.

Moderne Historiker bezweifeln dies. Zum einen glaubt man, dass die Araber am damals unterentwickelten und kalten Europa nördlich der Loire kein Interesse hatten. Es wird angenommen, dass es ihnen 732 lediglich darum ging, einen Plünderungsfeldzug gegen Tours zu führen, das durch sein Kloster einige Reichtümer angehäuft hatte und das für die Franken als Grabstätte des Heiligen Martin auch von hoher symbolischer Bedeutung war. Hätte man sich hingegen dauerhaft in Gallien festsetzen wollen, so hätte es zunächst gegolten, eine christliche Restherrschaft im galizischen Nordwestspanien aufzulösen, was den Arabern jedoch wegen des bergigen Geländes nicht gelang. So waren die muslimischen Heere aufgrund klimatischer Hemmnisse und eines immer länger werdenden Versorgungsweges am weiteren Vordringen gehindert und abgeschnitten. Überhaupt waren die Feldzüge der Araber mit neuzeitlicher Kriegsführung nicht vergleichbar. Es handelte sich meist um das rasche, raubzugmäßige Ausziehen einiger hundert bis tausender Soldaten durch eine dünn besiedelte Landschaft, die solchen Gruppen faktisch kaum Widerstand bot. Diese wären – selbst im Falle militärischer Erfolge – damit längst noch nicht in der Lage gewesen, ihre örtliche Vorherrschaft mittelfristig zu sichern, wie sich zur selben Zeit in Kleinasien zeigte. Aufgrund des Charakters der damaligen muslimischen Expansion als „Politik der Nadelstiche“ und Raubzüge – der arabische Begriff hierfür, Razzia, hat sich in veränderter Bedeutung bis heute erhalten –, mutet die Bedeutung der Ereignisse von 732 eher gering an.

Zum anderen sind wohl die Abwehrkämpfe von Byzanz, die zur gleichen Zeit in Kleinasien und am Mittelmeer stattfanden, weitaus bedeutender als die von abendländischen Historikern zum welthistorischen Sieg hochstilisierte Schlacht von Tours und Poitiers. So scheint in Wahrheit die arabische Niederlage vor Konstantinopel im Jahr 718 entscheidend gewesen zu sein, denn der Fall des Byzantinischen Reiches hätte weitaus weitreichendere Folgen gehabt als ein arabischer Sieg über die Franken. Während Byzanz, das für Europa als eine Art „Schutzschild“ fungierte, sich jahrhundertelang koordinierter und organisierter Angriffe zu Land und zur See erwehren musste, die in kurzen Abständen aufeinander folgten und hinter denen das Schwergewicht des Kalifats stand, hatte das Frankenreich nicht viel mehr als ein paar Plünderer abzuwehren.

Andererseits ist die Schlacht auch bei Muslimen in der späteren Überlieferung als die „Schlacht der Millionen Tränen“ geblieben, u. a. aufgrund des Todes des fähigen Heerführers Abd ar-Rahman. Es gibt bei Muslimen bis heute die Vorstellung, dass es damals beinahe gelungen sei, das christliche Abendland komplett zu überrennen; diese Annahme beruht allerdings ihrerseits nicht zuletzt auf der neuzeitlichen Rezeption der Ereignisse in Europa. Diese veränderte Wahrnehmung hatte zeithistorische Gründe: Zum einen gefiel es den Schriftstellern der Aufklärung und der Romantik, die Nationen des Westens als Retter des Abendlandes zu porträtieren. Zum anderen fiel es den damaligen Historikern nicht ein, dem nach Gibbons bahnbrechendem Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire damals als dekadent und bedeutungslos geschmähten Byzanz eine tragende Rolle im Abwehrkampf gegen die muslimische Bedrohung zuzugestehen, so dass man die Sicht Karl Martells als eines Retters des Abendlandes nur allzu gern rezipierte und ausschmückte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul Fouracre: The Age of Charles Martel. Longman, Harlow 2000, ISBN 0-582-06476-7.
  • Pierre Guichard: Al-Andalus. Acht Jahrhunderte muslimischer Zivilisation in Spanien. Wasmuth, Tübingen 2005, ISBN 3-8030-4028-0.
  • Hugh Kennedy: The Early Arab Conquests. Da Capo Press, Philadelphia 2007, ISBN 978-0-306-81585-0.
  • Ulrich Nonn: 1. Poitiers, Schlacht von. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 7, LexMA-Verlag, München 1995, ISBN 3-7608-8907-7, Sp. 44.
  • Ulrich Nonn: Die Schlacht bei Poitiers 732. Probleme historischer Urteilsbildung. In: Rudolf Schieffer (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte des Regnum Francorum. Referate beim Wissenschaftlichen Colloquium zum 75. Geburtstag von Eugen Ewig am 28. Mai 1988. (Beihefte der Francia 22), Sigmaringen 1990, ISBN 3-7995-7322-4, S. 37–56 (online im Münchener Digitalisierungszentrum).
  • Annalena Staudte-Lauber: Carlus princeps regionem Burgundie sagaciter penetravit. Zur Schlacht von Tours und Poitiers und dem Eingreifen Karl Martells in Burgund. In: Jörg Jarnut, Ulrich Nonn, Michael Richter (Hrsg.): Karl Martell in seiner Zeit. (Beihefte der Francia 37), Sigmaringen 1994, ISBN 3-7995-7337-2, S. 79–100 (online im Münchener Digitalisierungszentrum).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schlacht von Tours und Poitiers – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien