Schlafmittel

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Ein Schlafmittel oder Hypnotikum (von griechisch ὕπνος hypnos, ‚Schlaf‘; von Hypnos, dem griechischen Gott des Schlafes) ist ein Stoff, der den Schlafvorgang fördert. Dabei gibt es fließende Übergänge zu den Beruhigungsmitteln (Sedativa) einerseits und zu den Betäubungsmitteln (Narkotika) andererseits. Schlafmittel basieren auf synthetisch hergestellten oder natürlich vorkommenden (pflanzlichen) Wirkstoffen. Alle diese Substanzen verändern mit ihrer schlaffördernden Wirkung das natürliche Schlafprofil.

Schlafmittel werden oral als Tabletten, Kapseln oder Saft verabreicht. Je nachdem, ob die Schlaflosigkeit (Insomnie) eher beim Einschlafen oder in der Durchschlafphase auftritt, kommen entweder Mittel mit kurzer oder aber solche mit längerer Wirkdauer zum Einsatz.

In höherer Dosierung und intravenös werden kurz wirksame Schlafmittel ferner verwendet, um einen Patienten bei einer unangenehmen Untersuchung (beispielsweise Magen- oder Darmspiegelung) ruhigzustellen (Sedierung); in der Anästhesie dienen sie zur Einleitung einer Narkose.

Pflanzliche Schlafmittel[Bearbeiten]

Es gibt einige Pflanzen, die beruhigende und schlafanstoßende Inhaltsstoffe besitzen. Die Wirksamkeit ist aber bei allen geläufigen pflanzlichen Schlafmitteln nur schwach, daher können diese eher zur Beruhigung und Schlafeinleitung angewendet werden - sie eignen sich nicht als Durchschlafmittel.

Verwendet werden zur Schlafeinleitung bzw. Schlafförderung beispielsweise Extrakte – also Auszüge bestimmter Pflanzenteile – aus Baldrianwurzel, Johanniskraut, Hopfenzapfen, Melissenblättern und Passionsblumenkraut.[1][2] Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein fand auch Cannabistinktur Verwendung als Schlafmittel.[3]

Pflanzliche Schlafmittel sind rezeptfrei erhältlich.

Synthetische Schlafmittel[Bearbeiten]

Neben den pflanzlichen Schlafmitteln gibt es zahlreiche chemisch-synthetische Schlafmittel. Sie lassen sich in mehrere Gruppen einteilen. Stärker wirksame synthetische Schlafmittel sind verschreibungspflichtig.

Benzodiazepine[Bearbeiten]

Benzodiazepine sind eine Stoffgruppe mit beruhigenden, angstlösenden, krampflösenden und schlaffördernden Wirkungen, wobei sich die einzelnen Substanzen in Wirkdauer und Wirkstärke unterscheiden. Gebräuchliche Vertreter sind z. B. Nitrazepam, Triazolam, Flurazepam oder Temazepam. Sie wirken hauptsächlich auf die Stadien II, III (Verlängerung) und IV (Verkürzung) des synchronisierten („orthodoxen“) Schlafes, die REM-Phase wird so gut wie nicht beeinflusst. Benzodiazepine sind nicht zur Langzeitanwendung als Schlafmittel geeignet und dürfen in der Regel nicht länger als vier Wochen benutzt werden. Die Gefahr, ein Abhängigkeitssyndrom zu entwickeln, gilt als erhöht. Todesfälle durch falsche Anwendung oder nach versuchtem Suizid sind äußerst selten.

Nicht-Benzodiazepin-Agonisten[Bearbeiten]

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Nicht-Benzodiazepin-Agonisten sind moderne Schlafmittel der ersten Wahl und stellen eine Stoffgruppe dar, deren Vertreter Zopiclon, Zaleplon und Zolpidem sich von den Benzodiazepinen strukturell unterscheiden, jedoch an die gleichen Rezeptoren (GABA-Rezeptoren) binden und ein ähnliches Wirkprofil aufweisen. Sie werden auch Z-Medikamente (bzw. Z-Schlafmittel) genannt, weil ihre Namen mit Z beginnen. Die muskelentspannende und krampflösende Wirkung ist im Vergleich zu den Benzodiazepinen niedriger, auch soll das Abhängigkeitspotential geringer sein.[2] Z-Medikamente beeinflussen die Schlafarchitektur nicht nennenswert. Nicht-Benzodiazepin-Agonisten, insbesondere Zolpidem und Zopiclon, haben die Benzodiazepine als Schlafmittel der ersten Wahl in den letzten Jahren verdrängen können.

Barbitursäure-Abkömmlinge[Bearbeiten]

Barbiturate sind potente Schlafmittel mit hohem Risiko, da sie dosisabhängig schlaferzwingend wirken. Sie haben eine relativ lange Halbwertszeit und besitzen daher als unerwünschte Neben- und Nachwirkung Müdigkeit am folgenden Tag („Hangover“). Ferner unterdrücken sie den für die Erholung wichtigen REM-Schlaf, wodurch es zu einem REM-Rebound kommen kann. Es sind tödliche Überdosierungen möglich, insbesondere auch in Verbindung mit gleichzeitigem Alkoholkonsum, da eine Wirkungspotenzierung resultiert. Barbiturate werden deshalb als Schlafmittel so gut wie nicht mehr verwendet. 1993 wurde die allgemeine Zulassung in der Indikation "Schlafmittel" in Deutschland vom Bundesgesundheitsamt widerrufen.

Seltene Ausnahmen sind Schlafstörungen, die mit den sonstigen Mitteln nicht ausreichend gelindert werden können. Dabei müssen heutzutage ansonsten übliche und wirksame Schlafmittel mehrfach versagt haben. In solchen Fällen kann ein individueller Heilversuch des Arztes im Rahmen des sog. zulassungsüberschreitenden Einsatzes in enger Absprache mit dem Patienten ärztlich indiziert und somit juristisch gerechtfertigt sein. Dies setzt besondere Aufklärungs- und Dokumentationspflichten des Arztes sowie die vollumfängliche Instruktion des Patienten zu den möglichen Risiken und Chancen des individuellen Vorgehens voraus.

Strukturell der Barbitursäure nahestehend sind die nicht mehr als Schlafmittel gebräuchlichen Piperidindion-Derivate Methyprylon, Glutethimid und Thalidomid (Contergan) und die bromierten Harnstoff-Derivate Bromisoval und Carbromal.

Antihistaminika[Bearbeiten]

Viele Antihistaminika der ersten Generation vom Ethanolamin- oder Ethylendiamin-Typ weisen neben ihrer antiallergischen auch eine sedierende Wirkung auf. Diphenhydramin, Doxylamin, Meclozin und Promethazin werden daher auch als Schlafmittel verwendet. Sie verändern das normale Schlafmuster. Kurzwirksame Substanzen wie Doxylamin und Diphenhydramin besitzen keinen, längerwirksame Antihistaminika wie Promethazin können einen ausgeprägten Hang-Over-Effekt zeigen.[4] Das Abhängigkeitspotential ist gering.[5][4][6] Nach wenigen Tagen bis Wochen tritt ein Gewöhnungseffekt ein. Die Anflutungsgeschwindigkeit liegt bei etwa 1–3 Stunden, weshalb eine entsprechend vorgezogene Einnahme notwendig ist.[7][8] Unerwünschte Wirkungen sind vorwiegend anticholinerge Effekte, Schwindel und Kopfschmerzen sowie gastrointestinale Störungen.[9] Intoxikationen sind nur schwierig behandelbar.[4][5] Diphenhydramin und Doxylamin sind rezeptfrei erhältlich.

Sonstige Stoffe[Bearbeiten]

Chloralhydrat wird wegen der Kumulation (Anreicherung) seines Metaboliten mit einer Halbwertszeit von 3–4 Tagen und dem daraus resultierenden Hangover kaum mehr verwendet. Des Weiteren ist der typische Mundgeruch eine mögliche Ursache, dass dieses Präparat kaum noch Bedeutung hat. Auch Ethinamat und Methylpentinol sind heute obsolet. Das Thiazol-Derivat Clomethiazol wird nur noch zur Behandlung schwerer Schlafstörungen in höherem Lebensalter angewendet, wenn andere Behandlungsmaßnahmen wegen Wirkungslosigkeit oder Nebenwirkungen nicht anwendbar sind. Der Chinazolon-Abkömmling Methaqualon ist wegen seines Abhängigkeitspotentials als Schlafmittel obsolet.

Als Stoffe biogenen Ursprungs werden die Aminosäure Tryptophan und das Hormon Melatonin als Schlafmittel verwendet, ebenso das Melatonin-Derivat Ramelteon.

Sedierung und Anästhesie[Bearbeiten]

Als intravenöse Anwendung dienen Hypnotika (ggf. zusammen mit Schmerzmitteln und Muskelrelaxanzien) bei diagnostischen Maßnahmen sowie in der Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin zur Sedierung oder zur Einleitung einer Narkose. Dabei werden Benzodiazepine (Midazolam, Diazepam), Propofol, Etomidate, Barbiturate (wie Thiopental), 4-Hydroxybutansäure oder Ketamin eingesetzt.

Nebenwirkungen[Bearbeiten]

Viele Hypnotika werden nur sehr langsam abgebaut, so dass es am nächsten Morgen zu Müdigkeit und Abgeschlagenheit kommen kann, dem sogenannten „hangover“. Je nach Typ bzw. Wirkweise haben Schlafmittel weitere stoffgruppentypische ungewünschte Wirkungen. Es entstehen Wechselwirkungen mit zahlreichen Arzneistoffen, unter denen besonders die Wirkverstärkung bei gleichzeitiger Einnahme anderer zentral dämpfender Stoffe oder von Alkohol hervorzuheben ist.

Missbrauch[Bearbeiten]

Es gibt mehrere Gründe und Formen des Missbrauchs von Schlafmitteln. Über einen längeren Zeitraum eingenommene Schlafmittel führen oftmals zur Abhängigkeit.

Es gibt Fälle, in denen körperliche Überlastungssymptome (Schlaflosigkeit etc.) durch Schlafmittel behandelt werden. Dies ist jedoch nur als Sofortmaßnahme sinnvoll, da nur die Symptome bekämpft werden; die eigentliche Ursache muss in einem zweiten Schritt ebenfalls behoben werden.

Ein krimineller Missbrauch von Schlafmitteln sind die sog. K.-o.-Tropfen.

Weitere den Schlaf fördernde Stoffe und Maßnahmen[Bearbeiten]

Neben den aufgeführten pflanzlichen und chemisch-synthetischen Schlafmitteln gibt es weitere Stoffe, die den Schlaf fördern. So können etwa Antidepressiva (wie zum Beispiel Mirtazapin, Amitriptylin, Doxepin, Trimipramin, Trazodon), Phenothiazine (wie zum Beispiel Promethazin) oder Analgetika (Schmerzmittel) eine schlaffördernde Nebenwirkung aufweisen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Schlaf, Schlafstörung, Schlafhygiene, Circadiane Rhythmik

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Schlafmittel – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. T. Dingermann, K. Hiller, G. Schneider, I. Zündorf: Schneider Arzneidrogen. 5. Auflage, Elsevier 2004, ISBN 3-8274-1481-4.
  2. a b E. Mutschler, G. Geisslinger, H. K. Kroemer, P. Ruth, M. Schäfer-Korting: Arzneimittelwirkungen. Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie. 9. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 2008, ISBN 3-8047-1952-X, S. 209
  3. Therapie mit Cannabis und Co., in: Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 05/2009 vom 29. Januar 2009
  4. a b c Claudia Dellas: Crashkurs Pharmakologie. 2. Auflage, Elsevier,Urban&Fischer, München 2006, ISBN 978-3-437-43181-4, S. 36.
  5. a b Claus-Jürgen Estler, Harald Schmidt: Pharmakologie und Toxikologie. 6. Auflage, Schattauer, Berlin 2007, ISBN 3-7945-2295-8, S. 214.
  6. Beate Herpertz-Dahlmann, Franz Resch, Michael Schulte-Markwort, Andreas Warnke: Entwicklungspsychiatrie: Biopsychologische Grundlagen und die Entwicklung psychischer Störungen. 2. Auflage, Schattauer, 2007, ISBN 978-3-7945-2358-0, S. 388.
  7. Eduard Burgis: Intensivkurs allgemeine und spezielle Pharmakologie. 4. Auflage, Urban&Fischer, München 2008, ISBN 978-3-437-42613-1, S. 315.
  8. Boris Stuck, Joachim T. Maurer, Michael Schredl, Hans-Günter Weeß: Praxis der Schlafmedizin: Schlafstörungen bei Erwachsenen und Kindern ; Diagnostik, Differentialdiagnostik und Therapie. Springer, Heidelberg 2009, ISBN 978-3-540-88699-0, S. 107–108.
  9. Rote Liste (online): Eintrag D 49 - Diphenhydramin. Abgerufen am 18. Juli 2010.

Quellen[Bearbeiten]

  • Spork, Peter Das Schlafbuch - Warum wir schlafen und wie es uns am besten gelingt, S. 179 - 183 Schlafmittel- und -mittelchen, Rowohlt 2008, ISBN 978-3-499-62121-5
  • Benkert, O. Psychopharmaka Kap. VIII Hypnotika, C.H. Beck ISBN 3-406-47547-7
  • Laux, G., Diemeier, O., König, W. Psychopharmaka, Kap. 2.5 Hypnotika, Nebenwirkungen und Gegenanzeigen, Urban & Fischer, ISBN 3-437-22490-5
  • Hermann J. Roth u. Helmut Fenner (1988): Arzneistoffe. Stuttgart u. New York: Thieme.
  • Zehentbauer, J. Psychopillen, Kap. 7 Schlafen und Schlaftabletten, Zenit ISBN 3-928316-07-9
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