Schlagfertigkeit

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Preußische Fische

Als Schlagfertigkeit bezeichnet man die „entwaffnende“ Reaktion auf sprachliche „Angriffe“. Sie verrät Intelligenz und Geistesgegenwart.

Bedeutung[Bearbeiten]

Als schlagfertig gilt jemand, der auf eine unerwartete Bemerkung oder Frage treffend und witzig reagieren kann. Schlagfertigkeiten berühmter Persönlichkeiten finden Eingang in Anekdoten- und Zitatensammlungen. Berühmt (und gefürchtet) waren Otto von Bismarck, Hermann Ehlers,[1] Winston Churchill, Franz Josef Strauß und Herbert Wehner.

Schlagfertigkeit kann den Gegenüber oder das Publikum überraschen, aber auch den schlagfertigen Sprecher selbst, der ja spontan, ohne Möglichkeit der Reflexion reagiert. Folgt man Niklas Luhmann, ergibt sich durch eine Überraschung eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass die laufende Kommunikation fortgesetzt wird. Schlagfertigkeit kann deshalb ein besonders gutes Beispiel für die gelungene Fortsetzung einer Kommunikation sein, da wider Erwarten gelingt, was durch eine Invektive eigentlich unterbunden werden sollte. Der Angegriffene lenkt die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf sich und schafft Anschluss in einer Situation, die nicht auf Anschlussfähigkeit hin angelegt ist. Eine schlagfertige Bemerkung wäre in diesem Sinne keine „Pointe“, auf die eine Dramaturgie zuläuft, sondern eine Reaktion auf Ereignisse, die ansonsten möglicherweise die Kommunikation stoppen könnten – wenn man so will, eine Art „Notschalter“, der dafür sorgt, dass die Kommunikation in jedem Fall weiterfließt, egal wie dumm, peinlich oder unangenehm die Bemerkung ist, die das Gegenüber gerade gemacht hat.

In der parlamentarischen Rhetorik und in Talkshows ermöglicht Schlagfertigkeit, auf Zwischenrufe oder „dumme Fragen“ souverän zu reagieren oder peinliche Zwischenfälle herunterzuspielen. In Fernsehshows hat sie Unterhaltungswert. Viele Moderatoren und Comedians werden wegen ihrer Schlagfertigkeit eingesetzt; denn sie hilft Pausen zu überbrücken.

Lernbarkeit[Bearbeiten]

Allgemein gilt Schlagfertigkeit als angeborene Begabung, die sich nur in Grenzen trainieren lässt. Seit etwa 1995 geben Erfolgstrainer (damit) an, die Schlagfertigkeit zahlender Kunden verbessern zu können. Auch Ratgeberliteratur befasst sich mit diesem Thema. Institute zur beruflichen Weiterbildung und Anbieter von Seminaren verkaufen „Schlagfertigkeit“ meist unter modischen Kunstworten wie „Provokative Rhetorik“ oder „Power Talking“. Nicht selten geht es dabei weniger um eine Anleitung zur Schlagfertigkeit als um ein Training aggressiven Durchsetzungsvermögens. Andere Schlagfertigkeits-Trainer bieten Kurse an, die es Schüchternen erleichtern sollen, sprachlich zu „kontern“, wenn sie angegriffen werden, oder ihnen helfen sollen, leichter soziale Kontakte und beruflichen Erfolg zu erreichen. Hier verschwimmen die Grenzen zu Rhetorik, Konversationstraining und Alltagsgespräch.

Von jeher lieben die Deutsch-Balten das „Pliggern“, um Witz und Schlagfertigkeit ihres Gegenübers zu prüfen.[2] Im preußischen Offizierkasino wurde Schlagfertigkeit hart trainiert. Friedrich Wilhelm IV. war bekannt für seine liebenswürdige Schlagfertigkeit.[3] Im Adel und in den Corps wird solcher Witz noch heute erwartet und gepflegt.

Beispiele[Bearbeiten]

  • Bei einem Empfang steigt Eduard VIII. die Treppe hinauf. Als ihm ein unüberhörbarer Leibwind entweicht, zischt die hinter ihm gehende Herzogin: „Das ist mir ja noch nie passiert.“ Darauf Eduard erstaunt: „Wirklich? Ich hätte wetten können, dass der von mir war.“
  • Bei einer von Churchills Reden im Unterhaus ruft eine oppositionelle Hinterbänklerin: „Wenn ich mit dem Mann verheiratet wäre, würde ich ihm Arsen in den Kaffee geben.“ Darauf Churchill: „Und wenn ich mit der Dame verheiratet wäre, würde ich ihn trinken.“
  • Am 23. Oktober 2012 trafen sich der Republikaner Mitt Romney und der Demokrat Barack Obama zum dritten TV-Duell der US-Präsidentschaftswahl am 6. November 2012.
Romney: „Our Navy is smaller than it's been since 1917. Our Air Force is smaller and older than any time since 1947...[4]
Obama: „You mentioned the Navy, for example, and that we have fewer ships than we did in 1916. Well, governor, we also have fewer horses and bayonets, because the nature of our military's changed. We have these things called aircraft carriers, where planes land on them. We have these ships that go underwater, nuclear submarines.[5][6]
  • Ein Reporter fragt Franz Josef Strauß im Fernsehen, ob er denn ein Kalter Krieger sei. Darauf Strauß: „Ich bin lieber ein Kalter Krieger als ein warmer Bruder.“

Viele Witze leben von Schlagfertigkeit. In der Eisenbahn fragt ein Leutnant den anderen, ob er den Witz vom Admiral kenne. Ein gegenübersitzender Herr senkt die Zeitung und gibt sich als Admiral zu erkennen. Darauf der Leutnant: „Keine Sorge. Ich spreche laut und deutlich.“

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Zeit (1954)
  2. Herbert Schöffler: Kleine Geographie des deutschen Witzes (1995)
  3. Preußische Gesellschaft Berlin–Brandenburg
  4. Unsere Marine ist (jetzt) kleiner als sie vor 1917 war. Unsere Air Force ist kleiner und älter als die von 1947...
  5. dt. Sie erwähnen beispielsweise die Navy und dass wir (jetzt) weniger Schiffe haben als 1916. Nun, Herr Gouverneur, wir haben (heute) auch weniger Pferde und Bajonette, weil sich der ganze Aufbau unseres Militärs geändert hat. Wir haben diese Dinger, die man Flugzeugträger nennt und auf denen Flugzeuge landen können. Wir haben diese Schiffe, die unter Wasser sind, atomgetriebene U-Boote.
  6. Vera Kämper: Netz-Spott: Pferde und Bajonette, Spiegel-Online, 23. Oktober 2012

Literatur[Bearbeiten]