Schloss Tanlay

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Ostansicht des Logis
Nordost-Ansicht des Logis
Südost-Ansicht der Hauptschlossinsel

Das Schloss Tanlay (französisch Château de Tanlay) ist ein Wasserschloss in der gleichnamigen französischen Gemeinde im burgundischen Département Yonne. Es entstand während des 16. Jahrhunderts in den Formen der späten französischen Renaissance auf den Fundamenten eines mittelalterlichen Vorgängerbaus und wurde im 17. Jahrhundert im Stil des Louis-treize vollendet. Im Gegensatz zu dem rund zehn Kilometer entfernten Schloss Ancy-le-Franc wurde beim Bau der Anlage in Tanlay trotz klassizistischer Anlehnungen noch ein wenig der Aspekt von Wehrhaftigkeit bewahrt.

Die Schlossanlage liegt im Tal des Armançons an dessen rechtem Ufer nicht weit entfernt vom Canal de Bourgogne. Sie steht gemeinsam mit dem sie umgebenden Park seit dem 20. Dezember 1994 als Monument historique unter Denkmalschutz, nachdem frühere Unterschutzstellungen zuvor annulliert worden waren.[1][2] Teile der Außenanlagen und acht Räume im Corps de Logis können von April bis Oktober täglich außer dienstags entgeltlich besichtigt werden. Während der Schlosspark von Besuchern frei erkundet werden kann, ist der Zutritt zu den Innenräumen nur im Rahmen einer Führung möglich. Im Sommer finden in den Wirtschaftsgebäuden zudem Ausstellungen zeitgenössischer Kunst statt.

Regisseur Bernard Borderie fand das Schloss Tanlay derart ansprechend, dass er 1964 mit Michèle Mercier und Robert Hossein einen Teil seines Films Angélique nach dem gleichnamigen Roman der französischen Schriftstellerin Anne Golon auf der Anlage drehte. Tanlay stellte dabei das Schloss des Grafen von Peyrac, des Ehemanns Angéliques, dar.

Geschichte[Bearbeiten]

Bewohner und Besitzer[Bearbeiten]

Mittelalter[Bearbeiten]

Im 12. Jahrhundert war Tanlay in den Händen der Familie de Noyers und kam um 1197 durch die Heirat Adelines de Noyers mit Guillaume I. de Courtenay als Hochzeitsgeschenk an dessen Geschlecht.[3] Über mehrere Generationen wurde der Besitz innerhalb der Familie immer an den ältesten Sohn vererbt, bis Robert III. de Courtenay zwischen 1342 und 1345 kinderlos verstarb. Da sein jüngerer Bruder Jean schon vor ihm und auch ohne Nachkommen verstorben war, folgte Roberts jüngster Bruder Philippe als Besitzer von Tanlay nach.[4] Aus dessen Ehe mit Philiberte de Châteauneuf entsprangen zwei Söhne, die der Vater jedoch beide überlebte, sodass ihn 1385 die einzige Tochter seines jüngeren Sohns Etienne, Jeanne I., beerbte. Mit ihr endete die Ära der Familie de Courtenay als Besitzer von Tanlay, denn auch sie starb kinderlos, und so wurde Pierre, Sohn von Philippes Tochter Jeanne aus der 1375[5] geschlossenen Ehe mit Jean de Chamigny, neuer Grundherr Tanlays. Doch schon 1485 wechselte der Besitz an die Familie de Courcelles, denn nach dem kinderlosen Tod Aymé de Chamignys erbte dessen Schwester Philiberte. Sie brachte Tanlay an ihren Mann Philippe de Courcelles, mit dem sie seit etwa 1450 verheiratet war.[6]

Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

François de Coligny begann um 1555 mit dem Neubau

Nur eine Generation später starben die Courcelles de Tanlay mit Philippes Kindern Edme und Catherine, die beide keine Nachkommen hinterlassen hatten, aus. In seinem Testament vom 13. Februar 1533[7] bedachte Edme deshalb verschiedene Verwandte von sich mit seinem Besitz: Ein Drittel Tanlays ging an Claude des Essarts, den Großvater der Mätresse Heinrichs IV., der mit Claude de Chamigny verheiratet war. Das zweite Drittel vererbte er den noch unmündigen Kindern der Louise de Montmorency, Witwe Gaspard I. de Colignys, der ein Enkel von Edmes Onkel Pierre de Courcelles gewesen war. Das letzte Drittel hinterließ Edme schließlich Catherine de Beaujeu-Montcoquier, der jüngeren Schwester seiner Mutter Philiberte. Diese ließ Tanlay im Handstreich besetzen, um die Herrschaft für ihren Sohn zu sichern. Es folgte ein Erbschaftsstreit zwischen den verschiedenen Parteien, der erst im Jahr 1535 ein Ende fand, als Louise de Montmorency am 3. April Burg und Herrschaft für 7500 Livres tournois von den Miterben kaufte und so den Besitz wieder in einer Hand vereinte.[8] Sie überließ die heruntergekommene Anlage 1547 ihrem jüngsten Sohn François de Coligny, seigneur d’Andelot. Gemeinsam mit seinen älteren Brüdern Gaspard II. und Odet machte er Tanlay während der französischen Religionskriege zu einem wichtigen Stützpunkt der Hugenotten. Oft trafen sich dort die Anführer der protestantischen Partei, darunter auch Louis I. de Bourbon, prince de Condé, dessen Schloss Noyers nicht weit entfernt stand.

17. Jahrhundert bis heute[Bearbeiten]

Michel Particelli d’Hémery beauftragte die Vollendung des Schlosses

François vererbte Tanlay bei seinem Tod 1569 an seine Tochter Anne, die seiner zweiten, 1564 geschlossenen Ehe mit Anna von Salm entstammte.[9] Sie brachte die derweil zum Schloss umgebaute Anlage in ihre Ehe mit Jacques Chabot, Marquis von Mirebeau und Graf von Charny. Ihre Tochter Catherine übernahm Tanlay 1621[10] nach dem kinderlosen Tod ihres älteren Bruders Charles und brachte es 1635[11] in ihre zweite Ehe mit Claude Vignier, erstem Präsidenten des Parlements von Metz. Das Paar verkaufte die Schlossanlage am 13. September 1642[12] an den Oberintendanten der Finanzen unter Ludwig XIV., Michel Particelli d’Hérmery (auch d’Émery geschrieben). Er ließ den immer noch unvollendeten Schlossbau fertigstellen und benannte die Herrschaft mit königlicher Genehmigung aus dem Februar 1647 sogar in Hémery um.[13] Der neue Name konnte sich aber nicht durchsetzen, denn nach dem Tod Particellis im Jahr 1650 wurde das Territorium wieder mit Tanlay bezeichnet. Erbe des Anwesens und eines Bergs von Schulden in Höhe von 600.000 Francs[13] wurde Particellis Sohn aus seiner Ehe mit Marie Le Camus, Michel Particelly, Baron von Thorey. Dieser galt anfänglich als extravagant und etwas überspannt, doch seine Verrücktheiten und Ausfälle nahmen im Laufe der Zeit immer weiter zu. Der Baron schien allmählich den Verstand zu verlieren, sodass sein Schwager, der Staatssekretär Louis Phélypeaux de La Villière im Oktober 1662[14] die Verwaltung der Herrschaft Tanlay übernahm. Michel Particelli starb vor Dezember 1668[15] ohne Nachkommen und wurde von seiner Schwester Marie, deren Mann schon einige Jahre die Verwaltungsgeschäfte führte, beerbt. Für Louis Phélypeaux wurde die Herrschaft von Ludwig XIV. 1671 zum Marquisat erhoben.[11] Über Louis’ Sohn Balthazard, Marquis von Châteauneuf, kam Tanlay im Jahr 1700 an dessen ältesten Sohn Louis. Er verkaufte das Anwesen am 28. November 1704[16] an den königlichen Berater und Gouverneur von Saint-Denis, Jean Thévenin. Dessen Nachfahren sind noch heute Eigentümer des Schlosses. Letzter männlicher Spross der Familie war Jacques Thévenin, der 1957 verstarb. Alleinerbin war seine einzige Tochter Marguerite, die mit Edouard de La Chauvinière verheiratet war.[17] Deren Sohn ist der aktuelle Schlossherr.[17]

Baugeschichte[Bearbeiten]

Erster Schlossbau[Bearbeiten]

Als Guillaume I. de Courtenay in Folge seiner Heirat mit Adelines de Noyers Seigneur von Tanlay geworden war, entschied er sich, einen alten Donjon auf einer Anhöhe als Wohnsitz aufzugeben und anstatt dessen im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts eine größere und von Wassergräben umgebene Burg im Tal zu errichten. Diese erste Niederungsburg ließ François de Coligny abtragen und begann mit finanzieller Unterstützung seines Bruders Odet um 1555 unter Verwendung der alten Fundamente und der schon vorhandenen Gräben mit dem Bau eines Schlosses im Stil der französischen Renaissance.[11][18][19] Das Material des niedergelegten Vorgängerbaus wurde beim Neubau wiederverwendet.[20] Die Pläne für das Schloss könnten von dem Architekten Bertrand de Cazenove stammen, der auch für das Grabmal von François’ erster Frau Claude de Rieux verantwortlich zeichnete.[11] Ab 1558 begann François zudem mit dem Bau eines monumentalen Torbaus an der Südwest-Seite des Schlossareals. Auch dessen Architekt ist nicht überliefert, es könnte sich dabei aber um Nicolas Ribonnier handeln.[21] Ab 1566 wurde dann mit der Anlage eines Schlossparks begonnen.[21] Die Hugenottenkriege verhinderten jedoch einen schnellen Abschluss der gesamten Bauarbeiten. Als François de Coligny 1569 starb, war die Errichtung des Schlosses noch längst nicht abgeschlossen, fertiggestellt waren lediglich die südliche Partie des Corps de Logis samt einem Treppenturm, der Südflügel des Schlosses sowie die beiden daran anschließenden Rundtürme an der Süd- und Westecke. Der Torbau befand sich zu jener Zeit noch im Rohbau und wurde erst gegen 1610[22] unter François’ Nachfolger Jacques Chabot fertiggestellt. Sein Innenausbau dauerte jedoch wesentlich länger und war beim Tod Chabots im Jahr 1630 noch nicht beendet.[23]

Vollendung und Erweiterung[Bearbeiten]

Nachdem Michel Particelli das Schloss Tanlay 1642 erworben hatte, beauftragte er Pierre Le Muet im darauffolgenden Jahr mit der Fertigstellung der Anlage. Bauleiter vor Ort wurde der Maurermeister Hugues Postel.[24] Le Muet hielt weitestgehend am ursprünglichen Bauplan fest und vervollständigte das Anwesen durch die Vergrößerung des Corps de Logis und den Bau eines Nordflügels, um dem Kernbau ein symmetrisches Äußeres zu verleihen.[25] Außerdem ließ er als Zugang zum Hauptgebäude in dessen Hauptachse ein Torhaus errichten. Östlich des im 16. Jahrhundert begonnenen Monumental-Torbaus entstand ein dreiflügeliger Wirtschaftshof, der unter anderem einen großen Marstall umfasste. Durch den Ankauf umliegender Ländereien war es Particelli außerdem möglich, einen Garten im französischen Stil anzulegen,[11] in dem ein über 500 Meter langer Kanal ausgehoben wurde. Im Obergeschoss des Schlosses entstand nach den Plänen Le Muets eine Galerie. Zudem ließ er 1648 in einem der Ecktürme eine Kapelle einrichten, indem er in dem runden Turm einen quadratischen Raum schuf.

Die von Particelli beauftragten Arbeiten hatten ein enormes Ausmaß und fanden erst in seinem Todesjahr 1649 ihren Abschluss. Die Baustelle war riesig, denn schließlich wurden die zahlreichen Erweiterungsmaßnahmen in nur fünf Jahren vorgenommen. Für die unzähligen Bauarbeiter standen eigens zwei Bader (französisch barbiers chirurgiens) zur Verfügung, die Verletzungen behandelten und Krankheiten kurierten.[24] Particellis Vollendung des Schlosses verschlang die Unsumme von 2.500.000 Livres.[13]

Ab 18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Schloss Tanlay auf einer Zeichnung von Victor Petit, 1855

In der Nacht vom 3. auf den 4. November 1761[26] wurden der nördliche Teil des Obergeschosses im Corps de Logis sowie der Nordost-Flügel durch ein Feuer teilweise zerstört.[27] Dabei wurde auch die große Galerie in Mitleidenschaft gezogen. Die Schäden wurden zwar anschließend ausgebessert, die Galerie jedoch nicht in ihrer ursprünglichen Größe wiederhergestellt.[28] Die Reparaturkosten beliefen sich auf rund 85.000 Livres.[26]

Während der Französischen Revolution musste Schloss Tanlay nicht das Schicksal so vieler anderer Adelssitze teilen und überstand diese Zeit fast vollkommen unbeschadet.[29] Lediglich das Wappenrelief über dem Eingang eines Treppenturms wurde 1793 zerstört, weil solche Darstellungen als Sinnbild des Feudalismus verboten waren.[30]

Nachdem die Galerie im Corps de Logis 1805 restauriert worden war, erfolgten im Jahr 1862 Instandsetzungsarbeiten an der gesamten Anlage.[31][32]

Beschreibung[Bearbeiten]

Lageplan der Schlossanlage von Claude Sauvageot

Schloss Tanlay ist eine mehrteilige Anlage, die von einem Schlosspark umgeben ist. Ihr dreiflügeliges Hauptgebäude steht auf einer von Wassergräben umgebenen Insel und ist durch ein kleines Torhaus an der südöstlichen Seite der Insel erreichbar. Der Schlossgraben wird von den beiden Bachläufen Ru de Mélisey und Rau des Froides-Fontaines gespeist, die auch einen großen Kanal im Schlosspark versorgen, und fließt in den Armançon ab. Der Schlossinsel vorgelagert ist der sogenannte Grüne Hof (französisch Cour verte), an dessen südlichem Rand ein großes Torgebäude mit dem Hauptportal des Schlosses steht. Östlich des Grünen Hofs befinden sich – von diesem durch eine Mauer getrennt – die Wirtschaftsgebäude des Schlosses.

Torbau (Petit Château)[Bearbeiten]

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Schaufassade des Petit Château
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Rückwärtige, schlichte Fassade des Petit Château

Eine rund 1,5 Kilometer[33] lange, schnurgerade Lindenallee führt zu einem Torbau im Stil Louis-treize, der den Haupteingang zum Schlossareal bildet. Der Bau aus Haustein wird Kleines Schloss (französisch Petit Château) oder Le Portal[34] genannt und ist durch einen vorgelagerten Wassergraben gesichert. Über diesen führte früher eine Zugbrücke, die heutzutage durch eine steinerne Bogenbrücke ersetzt ist. Die zwei Geschosse des Gebäudes erheben sich auf einem 24×11 Meter[16] messenden Grundriss und sind von einem schiefergedeckten Dach mit reich verzierten Lukarnen abgeschlossen. Seine zwei kurzen Seitenflügel springen risalitartig aus der Mauerflucht hervor. Der monumentale Torbau besitzt ein Sockelgeschoss aus Rustikamauerwerk, das sich in den Eckquaderungen des Gebäudes und in den Fensterrahmungen des ersten Geschosses wiederholt. Das Obergeschoss wird durch korinthische Doppelpilaster vertikal gegliedert, die Fenster dieser Etage sind allesamt übergiebelt. Ein ornamentaler Fries verläuft unterhalb der Dachtraufe. Über der mittig gelegenen rundbogigen Tordurchfahrt sind noch die Kettenlöcher einer einstigen Zugbrücke erkennbar.

Im Gegensatz zu der sehr aufwändig gestalteten Schaufassade, die den von Südwesten kommenden Besucher begrüßt, ist die zum Grünen Hof gelegene Nordostfassade des Gebäudes wesentlich schlichter gehalten.

Grüner Hof und Wirtschaftshof[Bearbeiten]

Hinter dem Torbau und damit nordöstlich von ihm liegt der sogenannte Grüne Hof mit einem Ausmaß von 63×50 Metern.[27] Seine Rasenfläche wird von mehreren geradlinigen Wegen durchschnitten. Während die zum Hauptgebäude zeigende westliche Seite mauerlos ist, wird er an seinen drei übrigen Seiten von einer hohen mit Blendarkaden verzierten Mauer abgeschlossen. Eine mittig in der südöstlichen Mauerpartie gelegene Tür mit dem Relief eines Pferdekopfes in ihrem rundbogigen Giebel zeigt an, dass es sich dabei um den Zugang zum dahinter liegenden Wirtschaftshof mit Marstall handelt. Eine weitere Tür in der Nordostmauer ist mit einem Blumenrelief geschmückt und führt in den Schlossgarten.

Südöstlich des Grünen Hofs liegt der etwa 88×72 Meter[27] messende Wirtschaftshof mit einem niedrigen, dreiflügeligen Gebäude, in dem sich früher unter anderem die Pferdeställe befanden.

Hauptgebäude (Logis)[Bearbeiten]

Eine dreibogige Brücke aus Stein führt vom Grünen Hof über den durchschnittlich 22 Meter[27] breiten Wassergraben zum Portail neuf[35] genannten Torhaus aus dem 17. Jahrhundert, das früher als Wohnung des Pförtners diente.[27] Vor der Brücke stehen zwei etwa zehn Meter[27] hohe, gemauerte Obelisken, deren Sockel als Schilderhäuschen dienten. Das Torhaus in Manier französischer Pavillonbauten besitzt eine rhythmische Gliederung aus schweren rustizierten Halbsäulen dorischer Ordnung. Auf beiden Seiten seiner Rundbogendurchfahrt finden sich halbrunde Nischen mit darüberliegenden Steintafeln.

Das eigentliche Schloss, das zwecks Unterscheidung zum Torbau gelegentlich auch als Grand Château bezeichnet wird, ist ein dreiflügeliger Bau mit Schieferdach, dessen Trakte einen etwa 42×32 Meter[27] messenden Ehrenhof umrahmen. Dieser war an der Südostseite früher durch eine Mauer mit Blendarkatur und Wehrgang abgeschlossen, sie wurde aber im 18. Jahrhundert wegen Baufälligkeit abgerissen und durch die heutige Balustrade ersetzt.[36][37] Der Hof besitzt gemeinsam mit den drei Flügeln des Schlosses einen Grundriss in Form eines leicht trapezförmigen Vierecks, an dessen Ecken jeweils ein Rundturm mit Kuppeldach und bekrönender Laterne steht. Die beiden gartenseitigen Ecktürme im Norden und Westen – Colignyturm (französisch Tour Coligny) und Turm der Liga (französisch Tour de la Ligue) genannt – sind dreigeschossig und besitzen eine doppelte Laterne, während der südliche Archivturm (französisch Tour des archives) und der östliche Kapellenturm (französisch Tour de la chapelle) bei einem Durchmesser von zehn Metern[27] nur zwei Geschosse besitzen. Letzterer erhielt den Namen nach der in seinem Inneren eingerichteten Kapelle, was von außen durch ein bekrönendes Kreuz auf der Laterne erkennbar ist.

Die Nordwestseite der Schlossinsel wird komplett durch das zweistöckige Corps de Logis eingenommen, das im Norden und Süden von zwei kurzen Seitenflügeln begrenzt wird. Ihnen schließen sich niedrigere, schmale Trakte an, die im Erdgeschoss zur Hofseite offene Galerien aufweisen. In den beiden Innenecken des Dreiflügelbaus stehen achteckige Treppentürme mit drei Etagen und jeweils einer Wendeltreppe im Inneren. Beide sind von einer polygonalen Haube mit Laterne abgeschlossen. Der südlichere der beiden Türme wird Uhrenturm (französisch Tour d’horloge) genannt und stammt noch von dem durch François de Coligny ausgeführten Schlossneubau aus dem 16. Jahrhundert. Er wurde während der Erweiterungsarbeiten unter Michel Particelli kaum oder gar nicht verändert.[38] Der nördliche Treppenturm kam hingegen erst während des 17. Jahrhunderts hinzu. Über den Eingängen beider Türme befinden sich steinerne Wappentafeln. Sie zeigen die Wappen der Familien Coligny und Thévenin.[11] Das Wappen des Uhrenturms ist dabei von der Inschrift PREMIVM VIRTVTIS HONOS begleitet.

Die hofseitige Fassade des Corps de Logis ist durch Rechteckfenster in sieben Achsen unterteilt. Dazwischen finden sich je zwei Pilasterpaare. Im Erdgeschoss sind diese toskanischer Ordnung, in der ersten Etage hingegen dorisch. In der Mittelachse findet sich der Haupteingang, über dem in einer Kartusche die Initialen Michel Particelli d’Hémerys (MDPH) prangen. Die klassizistische Gartenfassade des Hauptflügels ist wesentlich schlichter gehalten. Auf Dachhöhe wechseln sich Lukarnen mit Ochsenaugen ab und sind damit eine der wenigen architektonischen Dekorationen.

Im Inneren des Logis ist viel der alten Innenausstattung sowie antikes Mobiliar erhalten. Dazu zählen zum Beispiel Boiserien und Möbel aus dem 17. und 18. Jahrhundert; darunter ein Sekretär im Louis-quatorze-Stil sowie ein renaissancezeitlicher Kabinettschrank mit dem Wappen der Herren von Tanlay. Auch sind einige aufwändig gestaltete Kamine noch im Original erhalten, zum Beispiel im sogenannten Zimmer der Erzbischöfe (französisch Chambre des Archevèques) ein mehr als 3,5 Meter hoher Kamin, der mit zwei Karyatiden und figürlichen Reliefs ausgestattet ist, und ein Kamin, der die Büste des Admirals Coligny als Dekoration besitzt.[39] Architektonisch verdienen zwei Räume besondere Erwähnung. Bei erstem handelt es sich um das nach Plänen Le Muets geschaffenen Vestibül im Erdgeschoss, das nach acht in Wandnischen stehenden Büsten aus Marmor römischer Kaiser Vestibül der Caesaren (französisch Vestibule des césars) genannt wird. Die Bögen seiner Gewölbedecke ruhen auf vier dorischen Zwillingssäulen, die den Raum in 3×3 Kompartimente unterteilen. Das Vestibül tritt auf der Gartenseite etwas aus der Flucht des Gebäudes hervor und vermittelt so den Eindruck eines kleinen Vorbaus. Darin befindet sich eine vergitterte Tür, deren schmiedeeisernes Gitter in das 16. Jahrhundert[40] datiert und aus der nicht mehr existenten Zisterzienserabtei Quincy ganz in der Nähe von Tanlay stammt.[41] Von dieser Tür führt eine Bogenbrücke über den Wassergaben zum ehemaligen Gartenparterre. Der zweite besonders bemerkenswerte Raum im Schloss ist der als Galerie gestaltete ehemalige Festsaal im Obergeschoss des Corps de Logis. Der 21 Meter[42] lange Raum besitzt eine tonnengewölbte Decke und wurde von Rémy Vuibert[43] mit Grisaillemalereien in Trompe-l’œil-Technik bemalt.

Zwei der Innenräume im 9,4 Meter[44] messenden Turm der Liga besitzen ebenfalls auffällige Malereien. Im Erdgeschoss deuten die maritimen Motive eines Deckengemäldes im pompejianischen Stil darauf hin, dass es sich bei dem Raum um das Arbeitszimmer des Admirals Gaspard II. de Coligny gehandelt haben könnte.[42] Im zweiten Obergeschoss des Turm findet sich am Kuppelgewölbe eine allegorische Deckenmalerei, die Mitglieder der Katholischen Liga und des Valois-Königshofes unter Katharina von Medici sowie Angehörige der protestantischen Hugenotten-Partei als antike Götter personifiziert. Katholiken werden dabei als Sinnbild von Lastern und Krieg dargestellt, während Hugenotten für Ideale und Tugenden stehen. Zu sehen sind unter anderem Diana von Poitiers (Diana oder Venus), François de Coligny (Herkules), Gaspard II. de Coligny (Neptun), Katharina von Medici (Juno), Margarete von Valois (Athene), Karl IX. (Pluto) und Henri I. de Lorraine, duc de Guise (Mars). Der Künstler dieser vor 1569[45] geschaffenen Seccomalerei[46] aus Temperafarben[47] ist der Schule von Fontainebleau zuzurechnen.[48]

Blick entlang des Kanals im Schlosspark

Schlosspark[Bearbeiten]

Ein Teil des etwa 58 Hektar[33] großen Schlossparks ist von einer rund 4400 Meter[24] langen Mauer eingefasst. Ein Großteil seiner Fläche wird heute als Golfplatz genutzt. Der Park wurde im französischen Stil angelegt und ist von einem Netz geradliniger Wege durchzogen. Auffälligstes Gestaltungsmerkmal ist der 526 Meter[47] lange und 25 Meter[49] breite Kanal, an dessen östlichem Ende als Point de vue ein kleines klassizistisches Wasserschloss mit dorischen Säulen steht. Gesäumt ist der Kanal von Bäumen, die mehr als 100 Jahre alt sind.[47]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Jean-Pierre Babelon: Châteaux de France au siècle de la Renaissance. Flammarion, Paris 1989, ISBN 2-08-012062-X, S. 539–543.
  • Raymond Colas: Tanlay. In: Françoise Vignier: Dictionnaire des châteaux de France. Bourgogne, Nivernais. Berger-Levrault, Paris 1980, ISBN 2-7013-0363-X, S. 305–306.
  • Gérard Denizeau: Larousse des châteaux. Larousse, Paris 2005, ISBN 2-03-505483-4, S. 242–245.
  • Max-Pol Fouchet: Tanlay. In: Die schönsten Burgen und Schlösser Frankreichs. 1. Auflage. Das Beste, Zürich u. a. 1979, ISBN 3-7166-0020-2, S. 220–224.
  • Claude Frégnac Merveilles des châteaux de Bourgogne et de Franche-Comté. Hachette, Paris 1969, S. 160–165.
  • Louis Hautecœur: Château de Tanlay. In: Société Francaise d’Archéologie (Hrsg.): Congrès Archéologique de France. 1958. Société Francaise d’Archéologie, Paris 1959, S. 244–250.
  • Eugène Lambert: Recherches historiques sur Tanlay. Band 2. A. Tissier, Joigny 1886 (online).
  • Bernhard und Ulrike Laule, Heinfried Wischermann: Kunstdenkmäler in Burgund. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1991, S. 461–462.
  • Bernard de Montgolfier: Dictionnaire des châteaux de France. Larousse, Paris 1969, S. 228–229.
  • Victor Petit: Guide pittoresque dans le département de l’Yonne. In: Annuaire historique du département de l’Yonne. Millon, Auxerre 1855, S. 438–443 (online).
  • Cathrin Rummel (Red.): Frankreichs schönste Schlösser und Burgen. 109 herrschaftliche Residenzen. 1. Auflage. Travel House Media, München 2012, ISBN 978-3-8342-8944-5, S. 150–153.
  • Claude Sauvageot: Palais, châteaux, hôtels et maisons de France du XVe au XVIIIe siècle. Band 1. Morel, Paris 1867, S. 37–54 (online).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Schloss Tanlay – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Schloss Tanlay in der Base Mérimée des französischen Kulturministeriums (französisch), Zugriff am 20. Dezember 2012.
  2. Eintrag des Parks in der Base Mérimée des französischen Kulturministeriums (französisch), Zugriff am 20. Dezember 2012.
  3. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 37.
  4. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 86.
  5. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay', Band 2, S. 101.
  6. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 116.
  7. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 130.
  8. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 132.
  9. C. Sauvageot: Palais, châteaux, hôtels et maisons de France du XVe au XVIIIe siècle. Band 1, S. 41.
  10. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 177.
  11. a b c d e f R. Colas: Tanlay, S. 305.
  12. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 180.
  13. a b c C. Sauvageot: Palais, châteaux, hôtels et maisons de France du XVe au XVIIIe siècle, Band 1, S. 43.
  14. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 217.
  15. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 219.
  16. a b V. Petit: Guide pittoresque dans le département de l’Yonne, S. 438.
  17. a b Homepage der Schlosswebsite, Zugriff am 2. Januar 2013.
  18. Françoise Vignier: Aimer les châteaux de Bourgogne. Ouest-France, Rennes 1986, ISBN 2-85882-949-7, S. 36.
  19. B. und U. Laule, H. Wischermann: Kunstdenkmäler in Burgund, S. 461.
  20. C. Sauvageot: Palais, châteaux, hôtels et maisons de France du XVe au XVIIIe siècle, Band 1, S. 39.
  21. a b G. Denizeau: Larousse des châteaux, S. 245.
  22. M.-P. Fouchet: Tanlay, S. 223.
  23. Claude-Etienne Chaillou des Barres: Les châteaux d'Ancy-le-Franc, de Saint-Fargeau, de Chastellux et de Tanlay. Vaton, Paris 1845, S. 206 (online)
  24. a b c C. Sauvageot: Palais, châteaux, hôtels et maisons de France du XVe au XVIIIe siècle, Band 1, S. 43, Anmerkung 1.
  25. Thorsten Droste: Burgund. Klöster, Schlösser, historische Städte und die Kultur des Weinbaus im Herzen Frankreichs. DuMont, Köln 1998, ISBN 3-7701-4166-0, S. 261 (auszugsweise online).
  26. a b E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 274.
  27. a b c d e f g h V. Petit: Guide pittoresque dans le département de l’Yonne, S. 439.
  28. C. Frégnac: Merveilles des châteaux de Bourgogne et de France-Comté, S. 164.
  29. Klaus Bußmann: Burgund. Kunst – Geschichte – Landschaft. DuMont, Köln 1977, ISBN 3-7701-846-9 (formal falsche ISBN), S. 266.
  30. C. Sauvageot: Palais, châteaux, hôtels et maisons de France du XVe au XVIIIe siècle, Band 1, S. 37, Anmerkung 1.
  31. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 299.
  32. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 38.
  33. a b Angabe gemäß online verfügbarer Katasterkarte für Tanlay
  34. Bertrand du Vignaud: Monuments de France. Chêne, Paris 1991, ISBN 2-85108-694-4, S. 194.
  35. Francis Miltoun: Castles and Chateaux of old Burgundy and the border provinces. L. C. Page & Company, Boston 1909, S. 91 (online).
  36. C. Frégnac: Merveilles des châteaux de Bourgogne et de France-Comté, S. 160.
  37. E. Lambert: Recherches historiques sur Tanlay, Band 2, S. 194.
  38. Stéphane Szeremeta (Hrsg.): Les 100 plus beaux châteaux de France. Petit Futé, Nouvelles Editions de l’Université, Paris 2011, ISBN 978-2-7469-3613-3, S. 44 (online).
  39. Francis Miltoun: Castles and Chateaux of old Burgundy and the border provinces. L. C. Page & Company, Boston 1909, S. 92 (online).
  40. C. Rummel (Red.): Frankreichs schönste Schlösser und Burgen, S. 150.
  41. C. Sauvageot: Palais, châteaux, hôtels et maisons de France du XVe au XVIIIe siècle, Band 1, S. 49.
  42. a b R. Colas: Tanlay, S. 306.
  43. C. Rummel (Red.): Frankreichs schönste Schlösser und Burgen, S. 151.
  44. V. Petit: Guide pittoresque dans le département de l’Yonne, S. 442.
  45. B. und U. Laule, H. Wischermann: Kunstdenkmäler in Burgund, S. 462.
  46. Thorsten Droste. Burgund. Klöster, Schlösser, historische Städte und die Kultur des Weinbaus im Herzen Frankreichs. DuMont, Köln 1998, ISBN 3-7701-4166-0, S. 262 (auszugsweise online).
  47. a b c C. Rummel (Red.): Frankreichs schönste Schlösser und Burgen. S. 152.
  48. Einige Kunsthistoriker sehen in dem Maler sogar einen Schüler Primaticcios. Vgl. zum Beispiel Bertrand du Vignaud: Monuments de France. Chêne, Paris 1991, ISBN 2-85108-694-4, S. 194.
  49. V. Petit: Guide pittoresque dans le département de l’Yonne, S. 443.

47.8492777777784.0851861111111Koordinaten: 47° 50′ 57″ N, 4° 5′ 7″ O