Schloss Wiepersdorf
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Schloss Wiepersdorf liegt in Wiepersdorf, Gemeinde Niederer Fläming, südöstlich von Jüterbog (Land Brandenburg).
Das Schloss Wiepersdorf nimmt in der Geschichte der Künste, insbesondere der Literatur, eine besondere Stellung in Deutschland ein. Als ehemaliger Wohnsitz von Ludwig Achim und Bettina von Arnim, dem bedeutenden Dichterpaar der Romantik, hat es eine lange Tradition als Ort des geistigen Austausches. Nach einer wechselvollen Geschichte hat 2006 die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die Aufgabe übernommen, das Haus mit Unterstützung des Landes Brandenburg und des Bundes dauerhaft als Künstlerhaus zu erhalten. Dabei geht es vor allem um drei Aspekte: bewahren – fördern – vermitteln. Im Von-Arnim-Museum wird an das Dichterpaar Achim und Bettina von Arnim erinnert und die Geschichte des Hauses dokumentiert. In dem traditionsreichen, denkmalgeschützten Künstlerhaus werden weiterhin Arbeitsaufenthalte von Künstlerinnen und Künstlern aller Disziplinen aus dem In- und Ausland mit Stipendien gefördert. Öffentliche Veranstaltungen, Lesungen, Konzerte, Kolloquien und Ausstellungen im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf sind eine Einladung an das Publikum zum spannenden Dialog über aktuelle Fragen zur Kunst, Literatur und Geisteswissenschaft.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Erbauung
Anstelle des heutigen Schlosses stand zunächst ein Herrenhaus der Familie von Leipzig. 1734 erwarb der Königlich Preußische Major Gottfried Emmanuel von Einsiedel (1690-1745) das Ländchen Bärwalde, wozu auch das Rittergut Wiepersdorf gehörte. Das Herrenhaus wurde ausgebaut, halb massiv, halb von Holz. 1736 kamen zwei schrägstehende Seitenhäuser hinzu, die aber noch nicht mit dem Haupthaus verbunden waren. Als General bei König Friedrich II. von Preußen in Ungnade gefallen, starb Einsiedel 1745 in Potsdam und wurde in der Gruft, die sich unter dem Westteil der Wiepersdorfer Kirche befindet, beigesetzt.
[Bearbeiten] Familie von Arnim
Der Königlich Preußische Kammerherr Joachim Erdmann von Arnim auf Friedenfelde in der Uckermark (1741-1804), verheiratet mit Amalie Caroline geb. Labes (1761-1781), kauft 1780 das Ländchen Bärwalde, mit Wiepersdorf und weiteren Rittergütern. Das Geld für den Kauf lieh ihm seine Schwiegermutter, Caroline Labes, zu landesüblichen Zinsen. Joachim Erdmann von Arnim lässt am Herrenhaus bauliche Veränderungen vornehmen und verbindet es durch Turmgebäude mit den Seitenflügeln. Es entsteht dadurch eine geschwungene Baugruppe.
Am 26. Januar 1781 wird das zweite Kind, der spätere Dichter Ludwig Achim von Arnim, in Berlin geboren. Im Februar stirbt seine Mutter an den Folgen der Geburt. Achim und sein Bruder Carl Otto wachsen bei der Großmutter Labes in Berlin auf. Nach dem Tod des Vaters 1804 werden beide Brüder Erben des Ländchens.
Ludwig Achim von Arnim heiratet 1811 Bettina Brentano (1785-1859). 1814 ziehen beide auf das Gut Wiepersdorf. Achim verlagert den Wirtschaftshof, der sich vor dem Schloss befand, auf die Südseite und lässt ihn dort größer aufbauen.
Während es Bettina nach 3 Jahren wieder nach Berlin zieht, bliebt Achim sein Leben lang als Gutsherr und Dichter in Wiepersdorf. Von gegenseitigen Besuchen abgesehen, leben beide getrennt von einander. Dieser räumlichen Trennung verdanken wir einen umfangreichen Briefwechsel, der Einblicke in diese ungewöhnliche Ehe gewährt, der aber auch gleichzeitig kulturgeschichtliche Ereignisse und dörfliches Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufzeichnet.
Ludwig Achim von Arnim stirbt am 21. Januar 1831 in Wiepersdorf. Er hinterlässt 7 Kinder, von denen der Älteste, Freimund, die Bewirtschaftung der Güter übernimmt. 1848 wird der erste Enkel des Dichterpaares, der spätere Maler Achim von Arnim-Bärwalde, geboren, der später die Güter übernimmt und umfangreiche Veränderungen an Haus und Garten vornehmen lässt. So entsteht 1877 am nördlichen Teil des Hauses auf den Resten des abgerissenen Nordflügels sein geräumiges Atelier. Es ist der größte Raum des Hauses, mit hoher Decke, die er nebst Türen kunstvoll ausgemalt hat. Später ließ er den Balkon und die halbrund ausschwingende Terrasse anbauen. Die breite Freitreppe mit massiver Balustrade und Vasen endet in einem abgesenkten Gartenparterre mit Mittelbeet. Südlich des Gartenparterres entstand 1888/89 die Orangerie. Sandsteinfiguren, Statuen aus der griechisch-römischen Sagenwelt und große Vasen, die der Maler von seinen Italienreisen mitbrachte, verleihen dem Park ein heiteres südliches Flair. Vor dem großen Atelierfenster stehen im Halbkreis aufgestellt fünf groteske Zwergenfiguren, deren Herkunft nicht überliefert ist. Am westlichen Teil des Gartenparterres schließt sich ein Landschaftsgarten an. Haus und Park stehen heute unter Denkmalschutz.
Die ehemals kleine Schlosskirche, die sich im nördlichen Teil des vorderen Schlossparks befindet, wurde 1894/95 ebenfalls nach den Plänen des Malers Achim von Arnim-Bärwalde umgebaut und erhielt ihr heutiges Aussehen. Auch die Gestaltung des Familienfriedhofs an der Kirche wurde nach seinen Plänen ausgeführt. Dort ruhen das Dichterehepaar und einige ihrer Nachfahren. Heute ist die Kirche eine Gemeindekirche und kann nur während der Gottesdienste oder bei Führungen besichtigt werden.
[Bearbeiten] Die Zeit des Nationalsozialismus
Bis 1945 blieben Schloss und Gut im Besitz der Familie von Arnim. Friedmund von Arnim, der sich um eine große Familie und die tief verschuldeten Gutsbetriebe von Zernikow und Wiepersdorf zu kümmern hatte, und seine Frau Clara, als Mutter von sechs Kindern mit der Führung des großen Gutshaushalts voll ausgelastet, konnten sich allerdings kaum um die Pflege des literarischen Nachlasses kümmern.
Viel war damals ohnehin nicht zu erreichen, da die offizielle Germanistik vollständig von den Nationalsozialisten beherrscht wurde. Friedmund von Arnim sorgte jedoch dafür, dass sein Schwager Walther Encke, der wegen seines Widerstands gegen den umstrittenen Regierungsantritt von Papens in Preußen am 20. Juli 1932 seinen Posten als Polizeimajor in Berlin verloren hatte und nach der Machtergreifung der Nazis zusätzlich gefährdet war, eine erste Bestandsaufnahme vornahm.
In Schloss Wiepersdorf, wo Friedmunds Mutter Agnes von Arnim wohnte, fanden u. a. der von den Nazis als „entarteter Künstler“ verfemte Maler Fritz Kuhr und der als „Halbjude“ eingestufte Germanist Werner Milch ein Refugium. Werner Milch konnte dort die Arbeit an seinem Buch „Die junge Bettine“ beginnen, das nach seinem Tod von Peter Küpper vollendet wurde.
Friedmund von Arnim und seine ältere Schwester Bettina Encke trugen mit ihrer Handlungsweise, die mit dem literarischen Nachlass nicht unmittelbar zu tun hatte, aber ganz dem Denken ihrer Urgroßmutter Bettina entsprach, dazu bei, dass nach dem Kriege Schloss Wiepersdorf und die darin enthaltenen Schätze vor völliger Zerstörung und Vernichtung bewahrt werden konnten: Sie gewährten jemandem Unterschlupf, der in den Augen der Nazis in seiner Person die größten aller denkbaren Übel vereinigte, nämlich Kommunist und Jude zugleich zu sein. Es handelte sich um Dr. Iwan Katz, einen ehemaligen Reichstagsabgeordneten der KPD und Freund Walther Enckes. Friedmund von Arnim hielt ihn zunächst auf seinen Gütern versteckt, während des Krieges verbarg ihn Bettina Encke in ihrer Wohnung in Berlin. Iwan Katz überlebte so die Naziherrschaft und kam nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in eine einflussreiche Position, indem er Mitglied des Berliner Magistrats wurde.
[Bearbeiten] Die Zeit der DDR
1945 wurde das Schloss für kurze Zeit sowjetische Kommandantur und Unterkunft für Kriegsflüchtlinge. Dabei gingen durch Plünderung bereits zahlreiche Einrichtungsgegenstände und Bücher der Bibliothek verloren. Als sich abzeichnete, dass im Zuge der Bodenreform Umsiedler in Schloss Wiepersdorf einziehen würden, drohte diesem weitere Plünderung und Verwahrlosung. Doch Bettina Encke gelang es mit der Unterstützung von Iwan Katz, Mitglieder der damaligen „Abteilung Kunst und Literatur“ in der „Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung“ in Berlin für den Gedanken zu gewinnen, in dem ehemaligen Arnimschen Familienbesitz ein Dichterheim einzurichten.
Am 16. Juli 1946 wurde unter der Geschäftsführung von Werner Schendell eine Stiftung gegründet, die in § 2 ihrer Satzung Schloss Wiepersdorf dazu bestimmte, „Dichtern und Schriftstellern, deren künstlerische Leistung eine Förderung verdient, auf vorübergehende Zeit eine Stätte zu ungestörter und sorgenfreier Arbeit zu bieten.“ Allerdings wurden das Schloss und die Arnimsche Bibliothek erst im Oktober 1948 unter Denkmalschutz gestellt, so dass bis dahin weitere wertvolle Stücke durch Plünderung verloren gingen. Nach der politisch motivierten Verhaftung Schendells 1950 wurden im darauffolgenden Jahr die Bestände der Bibliothek und der handschriftliche Nachlass des Dichterpaares, soweit in Wiepersdorf noch vorhanden, dem „Bettina-von-Arnim-Archiv“ in Berlin eingegliedert. Später wurden sie nach Weimar verbracht, wo sie sich nunmehr als Teil der Herzogin Anna Amalia Bibliothek unter der Obhut der Klassik Stiftung Weimar befinden. Bettina Encke indessen war zwischenzeitlich in Luckenwalde vom NKWD inhaftiert. Später ist sie in die Westzonen Deutschlands umgezogen. Sie lebte als Malerin bis zu ihrem Tode (1971)in Überlingen am Bodensee.
In Schloss Wiepersdorf verbrachten in den Folgejahren zahlreiche Schriftsteller, so z. B. Anna Seghers, Alfred Kantorowicz, Arnold Zweig und Sarah Kirsch z. T. wiederholt einige Arbeitswochen. Das Schloss wurde von der DDR unter Denkmalschutz gestellt, mehrmals umgebaut, saniert und modernisiert. Es befand sich in der Rechtsträgerschaft des Ministeriums für Kultur der DDR und ab 1979 des Kulturfonds der DDR. Das Schloss war Arbeits- und Erholungsstätte für Schriftsteller und Künstler.
[Bearbeiten] Nach der Wende
Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Stiftung Kulturfonds, die hervorgegangen ist aus dem Kulturfonds der DDR, Rechtsträger des Hauses und nach kurzer Sanierung wurde dieses am 7. August 1992 als Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf neu eröffnet. Künstlerinnen und Künstler aus allen Kunstbereichen und aus den verschiedenen Ländern lebten und arbeiteten hier im Haus. Sie erhielten von verschiedenen Stipendiengebern, u. a. von der Stiftung Kulturfonds, mehrmonatige Aufenthaltsstipendien. 1998 kündigte der Freistaat Sachsen einseitig den bei Gründung der Stiftung Kulturfonds geschlossenen Staatsvertrag unter Mitnahme des in diesem Vertrag allen beteiligten Ländern zugeschriebenen Anteils am Stiftungsvermögen. Zum Ende des Jahres 2004 folgten diesem Beispiel die Länder Sachsen-Anhalt und Thüringen. Infolge des damit verbundenen Kapitalverlustes musste die Stiftung Kulturfonds in die Liquidation gehen. Eine Rettung des Künstlerhauses durch eine Übernahme in die Zuständigkeit des Bundes gelang nicht, nachdem durch ein Veto Bayerns im Zuge der Debatte um die Föderalismusreform keine Fusion der Kulturstiftung der Länder mit der Kulturstiftung des Bundes zustande kam. Zum Ende des Jahres 2004 wurde allen Beschäftigten gekündigt, und die Stipendiaten mussten bis Mitte Dezember 2004 das Schloss verlassen. Die Zukunft der Immobilie Schloss Wiepersdorf war zu dieser Zeit ungeklärt.
[Bearbeiten] Die jüngste Entwicklung
2004 musste das Künstlerhaus in Folge der Liquidation der Stiftung Kulturfonds schließen. Am 1. Juli 2006 wurde die Arbeit im Künstlerhaus wieder aufgenommen. Neuer Träger ist die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (siehe Artikelanfang). Von August bis Dezember 2006 arbeiteten die Autoren Yitzhak Laor aus Tel Aviv, Norbert Lange aus Leipzig, Margaret Obexer aus Berlin sowie Rita König aus Rathenow und Wolfgang Zander aus Potsdam unterstützt mit Aufenthaltsstipendien des Landes Brandenburg in Wiepersdorf.
[Bearbeiten] Sehenswürdigkeiten
Museum im Schloss: Im Bettina und Achim von Arnim Museum, das 1992 in Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis Schloss Wiepersdorf und dem Freien Deutschen Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum eingerichtet wurde, wird das Leben und Werk des Dichterpaares dokumentiert. Gleichzeitig gibt es einen historischen Abriss der Geschichte des ehemaligen Herrenhauses wieder und Auskunft über den damaligen Freundes- und Gesprächskreis des Dichterpaares, zu dem u. a. Friedrich Carl von Savigny, Clemens Brentano und die Brüder Grimm gehörten. Darüber hinaus werden Bilder des Malers Achim von Arnim-Bärwalde gezeigt.
- Familienfriedhof derer von Arnim an der Kirche
- Park und Orangerie
Callot-Figuren: Nördlich des Schlosses stehen noch fünf der ursprünglich sechs sogenannten Callot-Figuren, benannt nach Jacques Callot, der 1616 am Hof Cosimos II. in den Stichen „Varie figure gobbi“ zwergenhafte Krüppel darstellte. Die Herkunft der Wiepersdorfer Zwerge ist nicht belegt.
[Bearbeiten] Siehe auch
Liste der Burgen und Schlösser
[Bearbeiten] Literatur
- Verena Nolte (Hrsg.): Schloß Wiepersdorf: Künstlerhaus in der Mark Brandenburg, Wallstein-Verlag, Göttingen, 1997. ISBN 3-89244-251-7
- Angelika Fischer (Fotos), Bernd Erhard Fischer (Text): Wiepersdorf: Bettina und Achim von Arnims Schloss und Park; eine Spurensuche, arani-Verlag, Berlin, 2. Aufl. 1996, ISBN 3-7605-8660-0
[Bearbeiten] Weblinks
- Schloss Wiepersdorf
- Die Herrschaft Wiepersdorf im 20. Jahrhundert
- Historie der Callot-Figuren
- Weitere Ausführungen zum Schloss Wiepersdorf bei Monumente Online
51.8825313.24052Koordinaten: 51° 52′ 57″ N, 13° 14′ 26″ O

