Schloss Wrisbergholzen

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Vorderseite mit Eingang von Schloss Wrisbergholzen, Dach mit blauen Plastikplanen notgesichert
Schlossanlage mit Mittelbau und Seitenflügel um 1850

Schloss Wrisbergholzen ist ein Schloss im Ortsteil Wrisbergholzen der Gemeinde Westfeld in Niedersachsen. Es wurde zwischen 1740 und 1745 von Freiherr Johann Rudolph von Wrisberg (1677–1764) im Stile des Barocks errichtet. Die dreiflügelige Schlossanlage befindet sich auf einem Gutshofgelände mit Wirtschaftsgebäuden, die in der Bauphase des Schlosses entstanden. Hinter dem Schloss befand sich während des 18. Jahrhunderts ein Barockgarten, der im 19. Jahrhundert zum englischen Landschaftspark ausgeweitet wurde und seit 1984 als „Alter Schlosspark Wrisbergholzen“ unter Naturschutz steht.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Burg Wrisbergholzen, Vorläuferanlage des Schlosses im Jahr 1589 mit Burggraben und Torhaus, dahinter die St. Martins-Kirche und rechts eine Wassermühle

Die erste urkundliche Erwähnung der Herren von Wrisberg erfolgte um 1350; das Rittergut in Wrisbergholzen befindet sich seit 1403 im Besitz der Familie. Das Gut war die wirtschaftliche Basis der Familie, vor allem durch Verpachtungen von Land. Anfangs wurde der Familie Wrisberg der Landbesitz als Lehen durch die Bischöfe von Hildesheim gewährt, später teilweise durch die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. 1633 wurde das Hauptgut in Wrisbergholzen zum Allod der Familie Wrisberg. Es vergrößerte sich im Laufe der Zeit durch Erwerbungen anderer Güter, wie Brunkensen; Wesseln seit 1600 und Irmenseul seit 1734. Nach dem Aussterben der Familie im Jahre 1764 fielen die Besitzungen auf dem Erbwege an die Familie von Goertz-Wrisberg, die bereits seit 1707 Rittmarshausen besaß und 1840 noch Limmer dazu erwarb. Diese Güter waren bis zum 19. Jahrhundert alle zum Allod umgewandelt.

Vorläufer der 1745 fertiggestellten Schlossanlage war eine mittelalterliche Burganlage. Eine Karte von 1589 bildet den Vorgängerbau mit Torhaus und Burggraben ab. Es handelt sich um ein Gebäude in Steinbauweise mit Renaissanceformen, welches zwei Geschosse und zwei Gebäudeflügel aufweist. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Anlage 1627 durch eine Bande räuberischer Soldaten, die die Gegend verheerten, geplündert.

Geschichte[Bearbeiten]

Lageplan von Schloss, Gutshof und Landschaftspark um 1850
Erbauer des Schlosses: Freiherr Johann Rudolph von Wrisberg (1677–1764)

Das heutige Schloss ließen Freiherr Johann Rudolph von Wrisberg, damals Präsident des Oberappellationsgerichts Celle, und seine Ehefrau Christiane Henriette von Schlitz, genannt von Görtz, zwischen 1740 und 1745 errichten. Zur Bauausführung verpflichteten sie die Gebrüder Bütemeister aus Moringen. Die klare Ausprägung des Schlosses als Barockanlage lässt das Einbeziehen des Vorgängerbaus als unwahrscheinlich erscheinen und spricht für dessen vorherigen Abbruch. Als Stilelement wurde jedoch der vormals kreisförmige Wassergraben übernommen, der dann in streng symmetrischer Form die Schlossanlage umschloss.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden die Schlossbesitzer enteignet und mussten ihren Wohnsitz verlassen. In den Räumen wurde eine Bildstelle mit Fotolaboren eingerichtet, um Luftbilder des nahe gelegenen Feldflugplatzes Wernershöhe, südwestlich von Wrisbergholzen, zu bearbeiten. Nach dem Krieg wählten zahlreiche Adelsfamilien, die aus ihrer Heimat im Osten des Großdeutschen Reiches geflüchtet oder vertrieben worden waren, Wrisbergholzen als vorübergehenden Wohnsitz. Sie wurden zunächst im Schloss untergebracht. Der aus Breslau stammende Adelsforscher Hans Friedrich von Ehrenkrook, der im Schloss 1945 Zuflucht gefunden hatte, gründete in Wrisbergholzen das Deutsche Adelsarchiv, das dort bis 1951 seinen Sitz hatte.

Baubeschreibung[Bearbeiten]

Mittelbau (links) und Seitenflügel (rechts) mit dem Fliesenzimmer
Fliesenzimmer
Gesindehaus mit Brauhaus und Speicher

Schloss[Bearbeiten]

Die Schlossanlage liegt am östlichen Rand des Gutshofes. Sie besteht aus einem etwa 40 Meter langen, zweigeschossigen Mitteltrakt mit Mittelrisalit, den ein Dreiecksgiebel betont. Der kunstvoll verzierte Giebel weist Ornamente und das Wappen der Adelsfamilien von Wrisberg sowie derer von Goertz auf. Er enthält die Jahreszahl 1745 als Baujahr des Schlosses. Die etwa 20 Meter langen, zweigeschossigen Seitenflügel springen rechtwinklig vom Mitteltrakt hervor. Ausgeführt ist der Baukörper als verputzter Massivbau in Kalkstein, wobei die Eckquaderungen aus Sandstein bestehen. Die Dächer sind überwiegend mit Schiefer belegt. Auf der Gebäuderückseite führt eine Freitreppe zum Park. Nennenswerte Räumlichkeiten im Schlossinneren sind die große Eingangshalle sowie der Gartensaal. Der Weiße Saal erstreckt sich als Prunksaal mit Stuckarbeiten über zwei Geschosse.

Fliesenzimmer[Bearbeiten]

Bekannt ist Schloss Wrisbergholzen für sein Fliesenzimmer mit 800 Emblemfliesen, die nach Art holländischer Innenräume die Wände des Raums im nördlichen Seitenflügel vollständig bedecken. 680 der großformatigen blauweißen Wandfliesen entstanden in der Zeit um 1750 in der Fayence-Manufaktur Wrisbergholzen. Alle Emblemfliesen sind Unikate und wurden vom Maler Johann Christoph Haase bemalt. Sie zeigen emblematische Motive, die auf literarischen Vorlagen aus dem 16./17. Jahrhundert von Joachim Camerarius, Otto van Veen und Diego Saavedra basieren. Die Fliesen behandeln die Lebensbereiche Wissenschaft, Diplomatie und Kunst. In bildlichen Darstellungen und Sinnsprüchen spiegeln sie Lebensweisheiten und Vorstellungen der Renaissancezeit wider. Sie sind in französischer, lateinischer und italienischer Sprache beschriftet. Außerdem gibt es einen zwölfteiligen Jahreszyklus.

Das Zimmer wurde von der gräflichen Familie früher als Studierzimmer und im Sommer als Speisesaal genutzt. Wahrscheinlich diente es auch als Ort gesellschaftlicher Veranstaltungen oder für Gesprächskreise.

Gutshof[Bearbeiten]

Der Gutshof und das dahinter liegende Schloss sind über eine Brücke über einen Wassergraben zugänglich. Der Zugang wird beidseitig von ehemaligen Gesindehäusern eingefasst. Seitlich schließen sich ein Brauhaus und Speicherräume an. Weitere Gebäude, zum Schlossgebäude hinweisend, sind mehrere symmetrisch angeordnete Ställe und Scheunen. Wie auch das Schloss sind die Wirtschaftsgebäude in Massivbauweise mit Kalkstein ausgeführt. Früher befanden sich auf dem Gelände zwei Wassermühlen an einem Wasserlauf mit angestauten Teichen, die heute nicht mehr bestehen.

Landschaftspark[Bearbeiten]

Mit dem Bau des Schlosses wurde Mitte des 18. Jahrhunderts an dessen Rückseite ein Barockgarten mit geometrischem Grundriss angelegt. Er wies eine typische Gliederung mit einer schlossnahen Beetzone und einer weiter entfernten Heckenzone auf. Ende des 18. Jahrhunderts weitete sich der Garten auf neun Hektar aus und wurde zum englischen Landschaftspark. Als zusätzliche Elemente kamen unter anderem zwei Teiche, ein Wasserfall mit Grotte, ein Teetempel auf einem künstlichen Hügel sowie die gräfliche Gruft hinzu. Am Rande des Parks wurde 1860 eine Orangerie errichtet. Der Park wurde 1984 unter Naturschutz gestellt. Von der Anlage her handelt es sich um ein herausragendes Beispiel eines historischen Landschaftsgartens. Seit Jahrzehnten befindet er sich in einem vernachlässigten Zustand.

Teetempel[Bearbeiten]

Um 1800 entstand im Park ein achteckiger Teetempel auf einem künstlichen Hügel, der den Gartenhöhepunkt darstellte. Er diente der gräflichen Familie als Aufenthaltsort im Freien und wurde für kleine Teegesellschaften genutzt. Der hölzerne Bau war Ziel und Ausgangspunkt von Sichtachsen, die durch den Garten und darüber hinaus in die freie Landschaft führten. Ende der 1990er Jahre drohte der Teetempel einzustürzen und wurde von 2001 bis 2003 restauriert. Er gilt als eines der letzten Beispiele eines reinen Holzgebäudes in Deutschland aus der Zeit des Aufkommens von Landschaftsgärten Anfang des 18. Jahrhunderts.

Zustand der Bauten und Anlagen[Bearbeiten]

Gartenseite mit Freitreppe, Dach mit blauen Plastikplanen notgesichert
Verlandender Teich im Park mit umgestürzten Bäumen im Wasser

Schloss und Park fielen nach dem Zweiten Weltkrieg in einen Dornröschenschlaf. Der Schlosseigentümer Graf von Goertz-Wrisberg verfügte nicht mehr über die erforderlichen Mittel für Renovierungen und Gartenpflege. Die landwirtschaftliche Nutzung des Gutshofes erfolgte seit etwa den 1970er Jahren nicht mehr. Seit dem Tod des Eigentümers 1986 wird das Schloss noch von seiner betagten Witwe bewohnt.

Seit Jahrzehnten befinden sich sämtliche Gebäude, Wege und Gartenanlagen des Schlosses in einem vernachlässigten und sanierungsbedürftigen Zustand. Die bisherigen Arbeiten beschränkten sich auf Notsicherungen der Gebäudesubstanz, etwa an Dächern, um weiteren Verfall zu stoppen. 2009 wurde das Schloss in das Bundesprogramm zur Sanierung gefährdeter Kulturdenkmäler aufgenommen. Der Sohn der heutigen Schlosseigentümerin, Alexander Graf von Goertz-Wrisberg, schätzte damals die Sanierungskosten auf rund 1 Million Euro.[1]

Verein zur Erhaltung der Baudenkmale[Bearbeiten]

1984 gründete sich der Verein zur Erhaltung von Baudenkmalen in Wrisbergholzen. Die etwa 20 aktive Mitglieder umfassende Organisation beschäftigt sich auf ehrenamtlicher Basis mit der Erhaltung der historischen Gebäude im Gesamtensemble des Schlosses Wrisbergholzen, insbesondere um die ehemals gräfliche Fayencemanufaktur Wrisbergholzen. Da sich das Schloss in Privatbesitz befindet, stehen dem Verein nur geringe öffentliche Mittel zur Verfügung. Seit 1996 führen die Vereinsmitglieder im Sommer, insbesondere am Tag des offenen Denkmals, fachkundige Führungen im Emblemfliesenzimmer des Schlosses und im Schlosspark durch. Seit 1999 kümmert sich der Verein verstärkt um die Pflege und Instandsetzung des vollkommen verwilderten Schlossparks.

Literatur[Bearbeiten]

  • Werner Graf Goertz-Wrisberg: Die Entwicklung der Landwirtschaft auf den Goertz-Wrisberschen Gütern in der Provinz Hannover auf Grund archivalischen Materials. Inaugural-Dissertation an der Universität Leipzig, Leipzig 1880
  • Die Kunstdenkmale der Provinz Hannover, II. Regierungsbezirk Hildesheim, 6. Kreis Alfeld, 1929, Online bei archive.org
  • Johannes B. Köhler: Angewandte Emblematik im Fliesensaal von Wrisbergholzen bei Hildesheim, Hildesheim 1988
  • Verborgene Perle in: Lebensartmagazin Nobilis, Juni 2006

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hildesheimer Chronik 2009

Weblinks[Bearbeiten]

52.0291889.914367Koordinaten: 52° 1′ 45″ N, 9° 54′ 52″ O