Schmutziger Krieg

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Dieser Artikel behandelt den Schmutzigen Krieg als politischen Begriff. Zu den historischen Vorgängen in Argentinien siehe Argentinische Militärdiktatur (1976–1983)
Ronald Reagans Außenminister Alexander Haig erklärte Mittelamerika 1981 zum „Testfeld des Kalten Krieges“. Binnen weniger Jahre danach brachte die US-gestützte Militärdiktatur in El Salvador etwa 40.000 Oppositionelle um, rund 0,8 Prozent der Bevölkerung.[1]
Familienangehörige von während des Bürgerkriegs in El Salvadorverschwundenen“ Menschen im Büro einer Menschenrechtskommission (1982). In dem Buch sind Bilder getötet aufgefundener Menschen abgebildet, damit suchende Angehörige Gewissheit über das Schicksal ihrer vermissten Familienmitglieder erlangen können.

Ein Schmutziger Krieg (spanisch guerra sucia) ist ein Konflikt, bei dem staatliche Sicherheitskräfte gegen innenpolitische Gegner bzw. separatistische, terroristische oder sonstige Widerstandsbewegungen vorgehen und dabei systematisch illegale oder menschenrechtsverletzende Methoden anwenden. Im Allgemeinen befinden sich die betroffenen Länder dabei nicht in einem regulären oder nichterklärten Krieg mit einem äußeren Gegner – vielmehr deutet der Ausdruck das massive Ausmaß illegaler Gewalt an, die dabei von der staatlichen Seite gegen eigene Bürger oder die eines von ihr besetzten Territoriums angewendet wird.

Zu den eingesetzten Mitteln zählen unter anderem willkürliche Verhaftungen, Inhaftierungen ohne rechtliche Grundlage und das Verschwindenlassen von Menschen,[2] die Anwendung von Folter[3] sowie „extralegale Hinrichtungen“.[2] Auch die Duldung oder Unterstützung von paramilitärischen Verbänden und Todesschwadronen,[4][5] die außerhalb der Gesetze operieren, und die Unterstützung oder Instrumentalisierung terroristischer Gruppen[6] durch die Regierung des betreffenden Landes zählen zu den Methoden.

Dabei wird regelmäßig die Grenze zur willkürlichen Unterdrückung und Terrorisierung großer Teile der Zivilbevölkerung überschritten. Amnesty international äußerte sich dazu wie folgt:[7]

„In den „Kriegen“ gegen politische Gegner jedweder Art sind Menschenrechte, wie das Recht, nicht gefoltert zu werden, das Recht, nicht willkürlich verhaftet zu werden, und das Recht auf Leben verletzt worden. Opfer dieser Verstöße wurden vielfach auch Bevölkerungskreise, die keinerlei illegale Aktivitäten ausgeübt haben. Einige Beispiele hierfür sind die „schmutzigen Kriege“ in lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien und Chile in den siebziger Jahren […].“

US-Außenminister Henry Kissinger sagte Vertretern der argentinischen Militärdiktatur 1976, dass er hoffe, dass sie ihr „Terrorismusproblem so schnell wie möglich unter Kontrolle bringen“ würden. Der argentinische Außenminister, der mit scharfer Kritik an den Menschenrechtsverletzungen seiner Regierung gerechnet hatte,[8] war danach in „euphorischer Stimmung“.[9] In den nächsten sieben Jahren ermordeten die Militärs bis zu 30.000 Menschen.

Besonders die systematische Praxis des Verschwindenlassens und der Folter stellen dabei gemäß internationalem Recht Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar.[2] Die Führung schmutziger Kriege ist vor allem ein Merkmal von Militärdiktaturen und autoritär geführter Staaten. Es gibt jedoch auch eingehend dokumentierte Beispiele, in denen westliche Demokratien Konflikte auf diese Art führten.[6][10][11]

Insbesondere stammt eine der grundlegenden militärtheoretischen Abhandlungen über diese Art der Konfliktführung von dem französischen Offizier Roger Trinquier (La guerre moderne), die auf seinen Erfahrungen im Indochinakrieg und dem Algerienkrieg basierte. Obwohl bekannt ist, dass die Kernpunkte der so genannten Französischen Doktrin das erzwungene Verschwinden von Menschen, schwerste Folter (bis hin zum Tod) und „extralegale Hinrichtungen“ waren, dient seine Abhandlung für Geheimdienste und Militär zahlreicher Länder bis heute als theoretische Vorlage zur Bekämpfung von Aufständischen (engl. Counterinsurgency).

Häufig wird auch die Rolle der USA kritisch betrachtet, die etwa in Südamerika während der 1970er und 1980er Jahre zahlreiche Militärdiktaturen bei der gewaltsamen Unterdrückung Oppositioneller unterstützten.[9][1] In diesem Zusammenhang wurde auch der Betrieb der Militärakademie School of The Americas (heute: Western Hemisphere Institute for Security Cooperation) kritisiert, die etwa 60.000 lateinamerikanische Offiziere durchliefen, von denen viele später an Putschen und schweren Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren. Zudem wird häufig die Rolle der USA bei der staatsterroristischen, multinationalen Geheimdienstoperation Operation Condor kritisch hinterfragt, bei der mindestens sechs südamerikanische Diktaturen bei der Verfolgung und Ermordung von Oppositionellen zusammenarbeiteten.[12][13][14]

Im März 2013 wurde bekannt, dass das US-Militär diese in Lateinamerika entwickelten und erprobten Techniken zur Unterdrückung von Oppositionellen, inklusive menschenrechtsverletzender Methoden wie der Folter, auch ab 2003 im besetzten Irak eingesetzt hatte.[15] Dabei seien auch US-Veteranen, die während des Bürgerkriegs in El Salvador in den 1980er Jahren das dortige Militär unter anderem in Foltermethoden ausgebildet hatten, zum Einsatz gekommen und hätten aktiv Foltermaßnahmen im Irak eingesetzt oder geleitet.[16] Dies sei von höchsten Stellen des US-Militärs genehmigt gewesen und habe „alle Arten von Foltertechniken zur Gewinnung von Geständnissen“ umfasst, darunter Elektroschocks, umgekehrtes Aufhängen von Verdächtigen und das Ausreißen von Fingernägeln.[15]

Der Begriff „Schmutziger Krieg“ wird im deutschen Sprachraum vor allem in journalistischen Veröffentlichungen[4][5][17] und von Menschenrechtsorganisationen[2][18] verwendet. Er findet aber auch in der Geschichtswissenschaft Anwendung, vor allem im angelsächsischen Raum.[6][10] Im weiteren Sinn werden als schmutzige Kriege auch „konventionelle“ kriegerische Auseinandersetzungen bezeichnet, bei denen zumindest eine der Parteien mit großer Härte oder Brutalität gegen die Zivilbevölkerung vorgeht. Dies ist häufig in so genannten asymmetrischen Konflikten der Fall, etwa in Guerilla-Kriegen.

Inhaltsverzeichnis

Beispiele [Bearbeiten]

Gedenkstätte für die 900 zivilen Opfer des Massakers von El Mozote (1981) in El Salvador
Die deutsche Sozialarbeiterin Elisabeth Käsemann wurde 1977 von argentinischen Soldaten entführt, gefoltert und ermordet, wie zehntausende argentinische Opfer der dortigen Militärdiktatur.

Insbesondere die folgenden Konflikte werden als schmutzige Kriege bezeichnet, wobei die Aufzählung nur beispielhaft und nicht abschließend ist:

Siehe auch [Bearbeiten]

Literatur [Bearbeiten]

  •  Roger Trinquier: La guerre moderne. Paris 1961 (engl. Ausgabe: Modern warfare. A French view of counter-insurgency, London 1964, siehe Weblinks).
  •  Martin Dillon: The Dirty War: Covert Strategies and Tactics Used in Political Conflicts. Routledge, 1999, ISBN 041592281X.
  •  Stephen Grey: Das Schattenreich der CIA: Amerikas schmutziger Krieg gegen den Terror. Goldmann, Spiegel Buchverlag, 2008, ISBN 3442129818.
  •  Iain Guest: Behind the Disappearances: Argentina's Dirty War Against Human Rights and the United Nations. University of Pennsylvania Press, 2000, ISBN 0812213130.
  •  Anna Politkovskaya: A Dirty War: A Russian Reporter in Chechnya. Harvill, 2001, ISBN 1860468977.
  •  Habib Souaidia: Schmutziger Krieg in Algerien. Chronos, Zürich 2001, ISBN 3034005377.
  • Donald Robinson (Hg.): The Dirty Wars. Guerrilla Actions Around the World from WWII to the Present, New York (Delacorte) 1968.

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. a b Benjamin Schwarz: Dirty Hands. The success of U.S. policy in El Salvador -- preventing a guerrilla victory -- was based on 40,000 political murders. Buchrezension zu William M. LeoGrande: Our own Backyard. The United States in Central America 1977-1992. 1998, Dezember 1998.
  2. a b c d e Angela Dencker: 25 Jahre Militärputsch und Völkermord in Argentinien. Die Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen aus der Sicht von amnesty international. In: menschenrechte.org. 21. März 2001, abgerufen am 17. Dezember 2008.
  3. FAZ, "... und ihre „Mechanikschule“ in Buenos Aires (Esma) zum größten geheimen Folterzentrum werden ließ, ..." aus Der Ideologe des dreckigen Krieges, 18.05.2013
  4. a b c Der schmutzige Krieg. In: 3sat.online. 16. Mai 2001, abgerufen am 16. Dezember 2008.
  5. a b c Algeriens schmutziger Krieg. Geheimdienstler packen aus. In: Le Monde Diplomatique. 17. März 2004, abgerufen am 16. Dezember 2008.
  6. a b c d  Paddy Woodworth: Dirty War, Clean Hands. ETA, the GAL and Spanish Democracy. Yale University Press, 2003, ISBN 0300097506.
  7. amnesty international: Rechte in Gefahr. In: Jahrbuch Menschenrechte 2003. Abgerufen am 17. Dezember 2008.
  8. Argentine Military believed U.S. gave go-agead for Dirty War. National Security Archive Electronic Briefing Book, 73 – Teil II, vertrauliche CIA-Dokumente, veröffentlicht 2002. Der damalige US-Botschafter Robert Hill schrieb nach einem weiteren Treffen von Kissinger mit Außenminister Guzzetti: "Guzzetti went to U.S. fully expecting to hear some strong, firm, direct warnings on his government's human rights practices, rather than that, he has returned in a state of jubilation, convinced that there is no real problem with the USG[overnment] over that issue".
  9. a b Argentine Military believed U.S. gave go-agead for Dirty War. National Security Archive Electronic Briefing Book, 73 – Teil II, vertrauliche CIA-Dokumente, veröffentlicht 2002
  10. a b c  Martin S. Alexander, John F. V. Keiger: France and the Algerian War, 1954-1962. Taylor & Francis, 2002, ISBN 0714682640, S. 179.
  11. a b c Charles M. Sennott: Reconciling a dark past. British government accused in lawyer's slaying. In: The Boston Globe. 7. Juli 2003, abgerufen am 9. Januar 2009.
  12.  Christopher Hitchens: The Case Against Henry Kissinger. In: Harper's Magazine. Februar 2001 (Seite 34, 37, 38, Online als PDF).
  13. National Security Archive: Chile: 16,000 Secret Documents Declassified. CIA Forced to Release Hundreds of Records of Covert Operations, 13. November 2000
  14. Telegramm des US-Botschafters in Panama zur Nutzung von US-Einrichtungen durch Condor-Agenten (PDF; 48 kB), 20. Oktober 1978, Quelle: George Washington University
  15. a b Murtaza Hussain: How the US exported its 'dirty war' policy to Iraq – with fatal consequences. The Guardian, 8. März 2013
  16. US military funded, oversaw detention and torture sites during Iraq invasion. PressTV, 7. März 2013
  17. Bruno Werner: Schmutziger Krieg. In: Die Zeit. 15. Mai 1992, abgerufen am 19. Dezember 2008.
  18. a b Salima Mellah: Der schmutzige Krieg in Algerien. Algeria-Watch, abgerufen am 19. Dezember 2008.
  19.  Christiane Kohser-Spohn, Frank Renken (Hrsg.): Trauma Algerienkrieg: Zur Geschichte und Aufarbeitung eines tabuisierten Konflikts. Campus, 2006, ISBN 3593377713.
  20. Marie-Monique Robin: Todesschwadronen - Wie Frankreich Folter und Terror exportierte. In: Arte Programmarchiv. 8. September 2004, abgerufen am 13. Januar 2009.
  21. "Operation Condor" - Terror im Namen des Staates. tagesschau.de, 12. September 2008
  22. Rights group urges Mexico to resolve "dirty war". Reuters, 5. April 2007
  23. Kate Doyle: The Dawn of Mexico's Dirty War. National Security Archive, 5. Dezember 2003
  24. Guatemalan president accused of involvement in civil war atrocities. The Guardian online, 5. April 2013
  25. Spain's state-sponsored death squads (Englisch) BBC. 29. Juli 1998. Abgerufen am 2. Oktober 2008.
  26. Bob Drogin: South African Policeman Found Guilty of Five Murders. Los Angeles Times, 27. August 1996
  27. a b Sir John Stevens, Commissioner of the Metropolitan Police Service: Stevens Enquiry 3. Overview & Recommendations. In: cryptome.org. 17. April 2003, abgerufen am 13. Januar 2009.
  28.  Martin Dillon: The Dirty War: Covert Strategies and Tactics Used in Political Conflicts. Routledge, 1999, ISBN 041592281X.
  29. Britain's dirty war; Northern Ireland.(Security forces and murder in Northern Ireland). In: The Economist. 26. April 2003, abgerufen am 9. Januar 2009.
  30. Peter Althammer: Schmutziger Krieg - Geheimoperationen in der Türkei. Dokumentarfilm, Deutschland, 2009
  31. Susanne Güsten: Türkei: Kurdenermordung war "Staatspolitik". Nürnberger Nachrichten, 17. August 2010