Schnittentbindung

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Bei der Schnittentbindung, Kaiserschnitt oder Sectio caesarea (von lat. sectio „Schnitt“ und caesarea „kaiserlich“) wird der Fötus auf operativem Wege aus der Gebärmutter der Mutter geholt. Dazu wird ein Unterbauch-Querschnitt an der Schamhaargrenze (Pfannenstielschnitt nach Johannes Pfannenstiel) vorgenommen, oder, in deutschsprachigen Ländern seltener, ein Schnitt vom Bauchnabel entlang der Linea alba zur Schambeinfuge (Längslaparotomie).

Wurde diese Operation früher fast ausschließlich aus lebensbedrohlichen medizinischen Gründen durchgeführt, so wird heutzutage etwa jedes dritte Kind in Deutschland per Kaiserschnitt entbunden anstatt spontan durch den Geburtskanal.[1] Wobei es große regionale Unterschiede (Kaiserschnittraten liegen zwischen 17% und über 50%)[2] gibt, welche "medizinisch nicht erklärbar" sind.[3].

Der insgesamt starke Anstieg auf durchschnittlich 31,9% wird kontrovers diskutiert, zudem die WHO eigentlich eine Kaiserschnittrate von ca. 10-15% empfiehlt.[4]

Etwa zwei Prozent der Kaiserschnitte in Deutschland erfolgen ohne medizinische Indikation[5] („Wunschkaiserschnitt“; siehe dort für Vor- und Nachteile gegenüber einer vaginalen Geburt). In anderen Ländern (z.B. Brasilien, China, Mexiko) ist die Wunschkaiserschnittrate deutlich höher.

Kaiserschnitt

Primärer und sekundärer Kaiserschnitt[Bearbeiten]

Generell unterscheidet man zwischen einem primären Kaiserschnitt und einem sekundären Kaiserschnitt. Hierfür gibt es jedoch mehrere Definitionsvarianten: eine medizinische und die durch Kodierrichtlinien vorgegebene Version.

Medizinische Definitionen[Bearbeiten]

  • Ein primärer Kaiserschnitt ist im Rahmen des Geburtsmodus geplant und die Geburt hat noch nicht begonnen, das heißt, es gab weder einen Blasensprung noch haben muttermundswirksame Wehen eingesetzt. Er beinhaltet auch den Wunschkaiserschnitt. Es gibt absolute (unbedingt nötig) und relative (situationsabhängig) Indikationen für einen primären Kaiserschnitt; absolute Indikationen sind zum Beispiel: eine regelwidrige Lage des Kindes (z. B. Querlage), Lebensgefahr für Mutter und/oder Kind (z. B. ein Gebärmutterriss), spezielle Vorerkrankungen der Mutter (z. B. schwere Wirbelsäulenverletzungen, HIV) oder des Kindes (z. B. Bauchdeckendefekte); zu den relativen Indikationen zählen unter anderem: Verdacht auf ein Missverhältnis zwischen kindlicher Größe und mütterlichem Becken, der Zustand nach einem Kaiserschnitt und die Beckenendlage (die eine regelrechte Längslage des Kindes ist und unter der Betreuung von erfahrenen Geburtshelfern vaginal geboren werden kann).
Entwickeln des Kindes
  • Von einem sekundären Kaiserschnitt spricht man, wenn die Geburt bereits begonnen hat, das heißt, wenn die Fruchtblase gesprungen ist oder es zu muttermundswirksamen Wehen kommt, unabhängig vom Schwangerschaftsalter und davon, ob man die Geburt noch aufhalten will, zum Beispiel, um eine zu frühe Frühgeburt zu vermeiden. Der sekundäre Kaiserschnitt beinhaltet deshalb auch die meisten mütterlichen und kindlichen Komplikationen, die unter der Geburt auftreten können und dazu führen, dass die Geburt nicht mehr gefahrlos fortgeführt werden kann. Indikationen für einen sekundären Kaiserschnitt sind zum Beispiel: Geburtsstillstand auf Grund einer mangelnden Drehung des kindlichen Kopfes, kindliche Herztonveränderungen, das Auftreten eines schwangerschaftsinduzierten Hypertonus oder Kindslagen, die die Geburt schwierig bis unmöglich machen, wie beispielsweise die Gesichtslage.

Ein Notkaiserschnitt kann grundsätzlich primär und sekundär erfolgen. Der Ausdruck bezieht sich lediglich auf die Dringlichkeit und damit auf die Gefahr, die für Mutter und/oder Kind besteht. Gründe für einen Notkaiserschnitt sind zum Beispiel eine vorzeitige Plazentalösung, Uterusruptur, Eklampsie, manifestes HELLP-Syndrom, anhaltender kindlicher Herztonabfall.

Situs vor Uterusnaht

Etwa 10 % aller Kaiserschnittentbindungen in Deutschland entfallen auf absolute Indikationen, hingegen werden ca. 90 Prozent der Kaiserschnitte aufgrund von relativen Indikationen entschieden (Stand: 2014, Studie der Berteslmann Stiftung von 2012).[3].

Definitionen nach Kodierrichtlinien[Bearbeiten]

Nach den deutschen Kodierrichtlinien (2011) und nach Definition des aktuellen OPS (2011) gelten seit einigen Jahren andere Kriterien zur Definition eines sekundären oder primären Kaiserschnittes. Es ergeben sich hierbei Unterschiede zur medizinischen Definition, die kodierungs- und abrechnungsrelevant sind. (Kodierrichtlinie 1525j Primärer und sekundärer Kaiserschnitt)

  • Ein primärer Kaiserschnitt ist definiert als ein Kaiserschnitt, der als geplante Prozedur vor oder nach dem Einsetzen der Wehen durchgeführt wird; die Entscheidung zur Sectio wird dabei vor Einsetzen der Wehen getroffen.
  • Ein sekundärer Kaiserschnitt (inkl. Notfallkaiserschnitt) wird definiert als ein Kaiserschnitt, der aufgrund einer Notfallsituation oder des Geburtsverlaufs aus mütterlicher oder kindlicher Indikation (z. B. HELLP-Syndrom, Geburtsstillstand, fetaler Disstress) erforderlich war, auch wenn dieser primär geplant war.

Anästhesieverfahren[Bearbeiten]

Der Kaiserschnitt kann unter rückenmarksnaher Regionalanästhesie (Periduralanästhesie oder Spinalanästhesie) oder auch unter Allgemeinanästhesie (Narkose) vorgenommen werden. Die Wahl des Anästhesieverfahrens hängt insbesondere auch von der Planbarkeit des Kaiserschnitts und der psychischen Belastbarkeit der Patientin ab. Rein durch die Anästhesie bedingte mütterliche Todesfälle sind bei Regional- und Allgemeinanästhesie für den Kaiserschnitt heutzutage extrem selten, jedoch nach heute zur Verfügung stehenden Daten bei der Narkose häufiger als bei der Regionalanästhesie[6]. Bestimmte Vorerkrankungen der Patientin können auch eine Regionalanästhesie verbieten (zum Beispiel bestimmte Herzerkrankungen, Gerinnungstörungen, Wirbelsäulendeformationen). Ist der Kaiserschnitt geplant, so erfolgt in den meisten Fällen eine Spinalanästhesie oder Periduralanästhesie (Regionalanästhesie)[7], Letztere insbesondere dann, wenn zur geburtshilflichen Schmerztherapie bereits ein Periduralkatheter gelegt worden ist. In diesem Fall kann die Mutter ihr Kind unmittelbar nach der Entbindung sehen. Fällt die Entscheidung für einen Kaiserschnitt dagegen kurzfristig (Notsectio), etwa infolge auftretender Komplikationen bei der natürlichen Geburt, so wird häufiger eine Allgemeinanästhesie durchgeführt.

Risiken, Nebenwirkungen, Spätfolgen[Bearbeiten]

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Allgemeine Komplikationen und Nebenwirkungen (ohne Spätfolgen)[Bearbeiten]

  • Verletzungen und Schädigungen benachbarter Organe oder Strukturen, in den meisten Fällen der Harnblase, aber auch der Harnleiter, des Darms, der Nerven (Folge z. B. Taubheitsgefühl) oder größerer Blutgefäße.
  • Großer Blutverlust durch eine sogenannte Atonie (unzureichende Kontraktion der Gebärmutter), der zu der Gabe von Bluttransfusionen führen kann (minimales Risiko auf eine Hepatitis- und HIV-Infektion) oder sogar zu einer Gebärmutterentfernung.[8]
  • Geburtsschock - psychische Probleme aufgrund des Gefühls der Auslieferung (traumatischem Geburtserlebnis):
  • Wundheilungsstörungen; Infektionen; Verwachsungen; Darmlähmung; Darmverschluss; Fistelbildung (Verbindungsgang) zwischen Harnwegen/Darm und Scheide/Gebärmutter.
  • Harnblasenentzündungen und Blasenentleerungsstörungen durch den für die Operation notwendigen Blasenkatheter
  • Narbenbrüche; Narbenwucherungen; Bewegungseinschränkungen durch Narbenschrumpfung
  • Risiko für Thrombosenbildung, Lungenembolien, Blutungskomplikationen, anästhesiologische Komplikationen, aber auch für Gebärmutterentfernungen ist signifikant erhöht.[9]

Unmittelbare Risiken für das Kind[Bearbeiten]

„...dass bei einem Kaiserschnitt gegenüber einer natürlichen Geburt sowohl die Kurzzeit- als auch die Langzeitmorbidität der Neugeborenen erhöht ist. [Außerdem] sind Anpassungsstörungen und beatmungspflichtige Komplikationen signifikant erhöht."“

  • Rückbildung der Gebärmutter und Stillphase sind durch einen Kaiserschnitt gestört [10], daher kommen Stillprobleme und Bindungsstörungen zwischen Mutter und Kind häufiger bei Kaiserschnittkindern vor.
  • Bindungsstörungen können durch ungenügende Bondingphase, andauernden Wundheilungsschmerz nach dem Eingriff verstärkt werden.
  • Verletzungen während der Operation und Entwicklung des Kindes, wie Schürfungen, Schnitte und Brüche sind selten, aber möglich, ebenso Marken von Saugglocke oder Zange, die manchmal noch zur Entwicklung des Kindes verwendet werden.
  • Anfangs unnatürliche Darmflora (spontan-entbundene Kinder erhalten die Darmflora ihrer Mutter durch das unwillkürliche Schlucken der Vaginalflüssigkeit)[11]

Physische Spätfolgen für Mutter und Kind[Bearbeiten]

  • Kontamination mit fremden Körperzellen und Rhesus-Inkompatibilität: Der Zusammenhang zwischen einerseits dem erfolgten Nachweis von Beta-Zellen mit dem Erbgut der Mutter der Testpersonen im Pankreas[12] (sogenanntem Mikrochimärismus), und andererseits dem bei ehemals per Kaiserschnitt entbundenen Personen (im Gegensatz zur vaginalen Entbindung) signifikant erhöhtem Auftreten der Autoimmunerkrankung Diabetes mellitus Typ 1 [13] (erinnert stark an die einstigen Erkenntnisse des Ignaz Philipp Semmelweis und) lässt kombiniert schließen, dass es während der Schnittentbindungen demnach signifikant häufiger zur Kontamination des kindlichen Blutkreislaufs mit Körperzellen der Mutter kommt. Eine auf gleichem Wege erfolgende Kontamination des mütterlichen Blutkreislaufs (s. Rhesus-Inkompatibilität#Pathogenese) liegt dabei nahe, woraus in diesem Fall eine häufige mütterliche Antikörperbildung bzw. Immunisierung Rhesus-negativer Mütter gegen Rhesus-D-Antigene der (Rhesus-positiven) kindlichen Erythrozyten resultieren dürfte. Für den Immunisierungs-Vorgang können lt. unterschiedlichen Quellen bereits 0,1-0,2 ml eingedrungenes Blut genügen.
  • Narbenendometriose – Durch Verschleppung von Gebärmutterschleimhaut in den operativen Zugangsweg kann es zur Narbenendometriose in der Bauchwand kommen. Die dabei auftretenden chronischen zyklusabhängigen Schmerzen sind oft schwer zu diagnostizieren. Die Therapie kann eine aufwendige operative Sanierung notwendig machen.[14] Die Häufigkeit nach einem Kaiserschnitt wird mit 0,03 bis 0,1 % angegeben.[15]
  • geringere Fertilität: Die Folgegeburtenrate ist bei Frauen, die bei der Erstgeburt per Kaiserschnitt entbunden haben, um bis zu elf Prozent geringer.[16]
  • Risiko eines Gebärmutterrisses bei einer Folgeschwangerschaft, besonders an der Narbe, ist erhöht.
  • Fehllage oder Verwachsungen des Mutterkuchens bei einer Folgeschwangerschaft (mit Risiko einer erhöhten Blutungsneigung).
  • Risiko einer Totgeburt bei der folgenden Schwangerschaft ist erhöht.
  • Kinder von Eltern mit Typ-1-Diabetes haben ein zweifach erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken; die andere Zusammensetzung der Darmflora des Kindes und ein davon ungünstig beeinflusstes Immunsystem werden als Ursache vermutet [17]

Psychische Spätfolgen für Mutter und Kind[Bearbeiten]

  • Psychische Probleme – auch auf die Paarbeziehung[18]
  • Posttraumatische Belastungsstörung: Symptome wie Übererregung, Albräume, innere Starre.[19]
  • extreme Angst vor Folgeschwangerschaft (die geringere Fertilität ist auch physisch begründet)
  • z. T. jahrelange Auseinandersetzung mit dem Thema "Kaiserschnitt": Etwa jede fünfte Frau beklagt Informationsdefizite in Bezug auf die Folgen eines Kaiserschnitts, Frauen nach sekundärer Sectio fühlen sich noch schlechter informiert.[20]


Die Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik in der Gynäkologie und Geburtshilfe (ÖGPGG) Barbara Maier spricht von einer regelrechten „Kaiserschnitt-Epidemie“ und warnt vor unterschätzten Folgeproblemen:

„Diese Eingriffe bergen Probleme und Risiken für später notwendige Operationen. Das ist kein Klacks.“

Zu den möglichen Schwierigkeiten gehören Eileiterschwangerschaften, Plazenta-Einnistungsstörungen und ein erhöhtes Risiko für Frühgeburt bei Folge-Schwangerschaften. Außerdem führen Narben und Verwachsungen häufiger zu Komplikationen bei anderen operativen Eingriffen wie etwa Bauchspiegelungen. Karl Franz Zwiauer sagt:

„Kinder aus Wunsch-Kaiserschnitten haben einige gravierende Nachteile, die in wissenschaftlichen Studien mehrfach belegt sind.“

Um die oben genannten Risiken und Nachteile zu vermeiden entwickelte die Schweizer Hebamme Brigitte Renate Meissner die Rebonding-Therapie, die darauf abzielt den Prozess einer natürlichen Geburt gemeinsam nachzuerleben.[21] Wenn Mutter oder Arzt zwecks Planbarkeit einen Wunsch-Kaiserschnitt wollen, wird das Kind meist vor der 40 Schwangerschaftswoche geholt. Es gebe genug wissenschaftliche Daten, die belegen, dass dies für die Kinder nicht optimal ist. Allem voran fehlen ihnen nützliche Bakterien, die sie sonst im Geburtskanal bekommen hätten. Diese schützen sie vor Krankheitserregern. Diese Kinder haben eine andere Darmflora und ein erhöhtes Risiko für Allergien, Infektionen, Asthma bis hin zu Diabetes Mellitus, erklärt Zwiauer mögliche Folgen, die nicht von der Hand zu weisen seien. Das führt zu einer erhöhten Krankheits- und Sterblichkeitslast. Unmittelbar nach der Geburt muss auch öfter die Atmung der Neugeborenen unterstützt werden.[22] Die internationale Vereinigung der Gynäkologie und Geburtshilfe (FIGO) äußert sich kritisch zu dieser Entwicklung.[23]

„Gegenwärtig ist aufgrund dessen, dass es keine eindeutigen Vorteile gibt, die Ausübung einer Kaiserschnittentbindung aus nicht-medizinischen Gründen ethisch nicht gerechtfertigt.“

Stillen[Bearbeiten]

Stillen ist nach einem Kaiserschnitt genauso möglich wie nach einer natürlichen Geburt; meist dauert es allerdings etwa einen Tag länger, bis die Milch kommt. Das gesunde Kind hat für diese Zeit normalerweise genügend eigene Reserven, muss also nicht zugefüttert werden. Ein frühes Bonding (durch möglichst frühen Hautkontakt zwischen Mutter und Kind) fördert eine gute Stillbeziehung. Nach einem Kaiserschnitt braucht man oft viel mehr Stillhilfe. Jede Frau in Deutschland hat nach der Geburt ihres Kindes acht Wochen Recht auf den anfangs täglichen Besuch einer Hebamme bei sich zu Hause. Bei Stillproblemen kann die Hebamme auch darüber hinaus Hilfe leisten. Stillfreundliche Schmerzmittel sind in den Tagen nach der Geburt oft unerlässlich wegen der Bauchwunde. Gynäkologen dürfen Haushaltshilfe für die schwierigere Anfangszeit verschreiben.

„Sanfter“ Kaiserschnitt[Bearbeiten]

Moderne, schonendere Operationsverfahren wie die Misgav-Ladach-Methode haben die Liegezeit im Krankenhaus auf wenige Tage verkürzt. Bei dieser Methode wird das Schneiden des Muskelgewebes stark reduziert. Stattdessen werden die Bauchdecke und die Gebärmutter durch Dehnen und Reißen des Gewebes so weit geöffnet, dass das Kind entnommen werden kann. Es hat sich gezeigt, dass die so entstandene Operationswunde schneller und komplikationsärmer heilt als die aus der herkömmlichen Operationstechnik resultierende Wunde.[24]

Statistische Entwicklung und Gründe[Bearbeiten]

Unter den für das Jahr 2011 vorliegenden Kaiserschnittquoten zwölf europäischer Länder waren in Italien (37,7 Prozent) und Rumänien (36,3 Prozent) besonders hohe Kaiserschnittquoten zu beobachten, in Finnland und Schweden besonders niedrige (jeweils 16,2 Prozent). In Deutschland lag die Kaiserschnittquote bei 31,1 Prozent.[3]

Im Jahr 2003 wurden in Deutschland 175.341 Frauen (25,5 Prozent) durch Kaiserschnitt entbunden, im Jahr 2012 waren es 208.254 (31,9 Prozent). Unter den Bundesländern war dabei der höchste Anteil in Hessen zu beobachten, der niedrigste Anteil in Sachsen. Die deutsche Bundesregierung sieht als Gründe für die steigende Kaiserschnittquote unter anderem einen wachsenden Anteil von Risikoschwangerschaften unter den Schwangeren sowie verbesserte Nutzen-Risiko-Bewertungen im Einzelfall aufgrund verbesserter Operations- und Narkosetechniken. Der Anteil der Risikoschwangerschaften unter allen Schwangerschaften stieg von 2001 bis 2010 von 68,5 auf 73,4 Prozent.[3]


Die wachsende Häufigkeit von Kaiserschnittgeburten lässt vermuten, dass dies nicht nur auf medizinische Notwendigkeiten zurückzuführen ist. Die Gründe für den Anstieg sind komplex und werden kontrovers diskutiert. Dass eine höhere Wunschkaiserschnittrate dafür verantwortlich ist, lässt sich nicht bestätigen. Denn eine Befragung von rund 4.200 bei der BARMER GEK versicherten Mütter durch die Bertelsmann-Stiftung im Februar 2012 ergab, dass "die Sectiorate ohne medizinische Indikation [...] bei weniger als zwei Prozent" [25] liegt. [26] Viel mehr sei laut Studie eine "Tendenz zur (vermeintlichen) Risikovermeidung" auszumachen, da die Risikoorientierung von Gynäkologen, sowohl während der Schwangerschaftsbegleitung als auch unter der Geburt, aus haftungsrechtlichen Gründen zu einer "defensiven Geburtsmedizin" resultiere.


Der Anteil der Risikoschwangerschaften an allen Schwangerschaften stieg in Deutschland von 2001 bis 2010 von 68,5 auf 73,4 Prozent.[3] Das erhöhte Risiko von Geburtsschäden lässt Ärzte bei problematischen Schwangerschaften (zum Beispiel großer Kopfumfang, Querlage, Frühgeburtlichkeit, oft auch wegen Beckenendlage) im Zweifelsfall aus haftungsrechtlichen Gründen zunehmend zum Kaiserschnitt tendieren. Als weitere Gründe für die zunehmende Kaiserschnittquote gelten das immer höhere durchschnittliche Geburtsgewicht in den Industriestaaten, das offenbar vorwiegend auf die veränderten Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen ist, organisatorische Vorteile (Wunschkaiserschnitt) und finanzielle Auswirkungen (Arzthonorar). Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit unerkanntem Gestationsdiabetes. Bei einem absehbaren Geburtsgewicht von deutlich über vier Kilogramm wird vorerst versucht die Geburt mit Hormonen einzuleiten; wenn dies nicht gelingt, wird meist ein Kaiserschnitt durchgeführt. Ab einem absehbaren Geburtsgewicht von 4000 Gramm ist der Arzt zur Vermeidung einer Haftung wegen Aufklärungsmangels nach Ansicht des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main zumindest dann, wenn weitere Risikofaktoren vorliegen, verpflichtet, auf die Möglichkeit der Kaiserschnittgeburt hinzuweisen. Es gibt Hinweise, dass der Kaiserschnitt ein Risikofaktor für das Auftreten von Nahrungsmittelallergien[27] oder Asthma[28] beim Neugeborenen sein könnte.

Studienergebnisse stellten 2010 fest, dass die Kaiserschnittrate der Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland zwischen 17 % in Dresden und 51 % in Landau in der Pfalz – also um das Dreifache – variierte. Als wichtigster Einflussfaktor für diese Unterschiede wird das unterschiedliche Vorgehen bei den sogenannten relativen Indikationen für einen Kaiserschnitt aufgeführt. Dagegen können häufig genannte „Faktoren – wie die Altersstruktur der Mütter, der Bildungsstand, eine unterschiedliche Verteilung von Früh- oder Mehrgeburten, von Kindern mit besonders hohem Geburtsgewicht oder mütterliche (Grund-) Erkrankungen – […] das beobachtete Ausmaß des Anstiegs und der regionalen Variation der Kaiserschnittrate nicht erklären.“[29] Regionale Unterschiede der Kaiserschnittraten sind demnach nicht auf unterschiedlich verteilte Risikofaktoren zurückzuführen (wie das Alter der Mutter). Stattdessen wird der bestehende Entscheidungsspielraum bei den relativen Indikationen für einen Kaiserschnitt von den Geburtshelfern in den Kliniken regional unterschiedlich bewertet.

Entbindungen in deutschen Krankenhäusern
Jahr Entbundende
Frauen
davon durch
Kaiserschnitt
Anteil
1991 822.842 126.297 15,3 %
1992 797.784 128.991 16,2 %
1993 785.183 132.334 16,9 %
1994 757.693 131.351 17,3 %
1995 749.086 131.921 17,6 %
1996 778.900 140.184 18,0 %
1997 795.724 147.314 18,5 %
1998 766.508 149.723 19,5 %
1999 750.617 152.612 20,3 %
2000 746.625 160.183 21,5 %
2001 715.136 161.548 22,6 %
2002 698.410 170.249 24,4 %
2003 687.508 175.341 25,5 %
2004 682.767 183.122 26,8 %
2005 664.597 183.346 27,6 %
2006 652.642 186.889 28,6 %
2007 664.454 194.526 29,3 %
2008 662.783 200.452 30,2 %
2009 644.274 201.480 31,3 %
2010 656.390 209.441 31,9 %
2011 642.197 206.012 32,1 %
2012 653.215 206.919 31,7 %

Quelle: Statistisches Bundesamt

In den Vereinigten Staaten existieren regionale Unterschiede von 200 bis 300 Prozent in den Raten von primären Kaiserschnitten, die durch unterschiedlichen Entscheidungen von Geburtshelfern und einem Mangel an Leitlinien zur klinischen Entscheidungsfindung erklärt werden.[30]

Vaginale Geburt nach Kaiserschnitt[Bearbeiten]

Unter Berücksichtigung aller Risiken ist nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt eine vaginale Geburt (auch VBAC - vaginal birth after cesarean) einem erneuten Kaiserschnitt (Re-Sectio) vorzuziehen und soll daher auch laut WHO gefördert werden: eine Rate von wiederholten Kaiserschnitten von über 60% sei nicht zu rechtfertigen; 75% Vaginalgeburten nach Kaiserschnitt sollen angestrebt werden[31]. Die Auffassungen über die Frage, ob nach einem Kaiserschnitt noch eine vaginale Geburt möglich ist, haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Dies liegt vor allem daran, dass zum Herausholen des Kindes (in der Fachsprache „Kindsentwicklung“) die Gebärmutter in der Regel nicht mehr durch einen vertikalen (Uteruslängsschnitt), sondern durch einen horizontalen Schnitt eröffnet wird (quere Uterotomie), was das Risiko eines Gebärmutterrisses bei einer Folgeschwangerschaft und insbesondere bei den mechanischen Belastungen einer physiologischen Geburt deutlich verringert hat (6-12% nach Längsschnitt im Vergleich zu 0,5% nach Querschnitt[32]). Dennoch ist das Risiko immer noch deutlich höher ist als bei einer vorangegangenen vaginalen Geburt. Galt vor einigen Jahren noch die Regel „einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt“, so wird es werdenden Müttern nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt bei ansonsten unproblematischen Schwangerschaften und Fehlen von Zusatzkriterien wie Narbenschmerzen heute meist freigestellt, ob sie eine Vaginalgeburt bevorzugen oder sich einem erneuten Kaiserschnitt unterziehen möchten.

Es konnte nicht belegt werden, dass kontinuierliches CTG-Schreiben während VBAC den Geburtsausgang positiv beeinflusst; jedoch erhöht es die Rate an wiederholten Kaiserschnitten[33]. Somit profitiern Mütter, die vaginal entbinden möchten, von CTG-Aufzeichnung in Intervallen statt durchgehend. Künstliche Hormone (bei Geburtseinleitung/Wehenverstärkung), insbesondere Misoprostol/Prostaglandin, erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Uterusruptur bei VBAC und sollten minimiert werden[32][34]. Auch kurz aufeinanderfolgende Geburten erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Uterusruptur bei VBAC[32].

Bei einem erneuten Schnitt wird meist die alte Narbe wieder eröffnet. Eine derbe, unschön verheilte alte Kaiserschnitt-Narbe wird spindelförmig ausgeschnitten, so dass nur eine Narbe zurückbleibt. Ein wiederholter Kaiserschnitt ist für den Operateur meist etwas schwieriger, da wie nach jeder Bauchoperation mit Verwachsungen gerechnet werden muss.

Geschichte[Bearbeiten]

Schnittentbindungen sind Operationen, die keinen hohen technologischen Entwicklungsgrad voraussetzen, sie konnten daher prinzipiell auch bereits in frühgeschichtlicher Zeit praktiziert werden. Vereinzelt konnten Ethnologen der Gegenwart solche Operationen auch bei indigenen Völkern miterleben. Dessen ungeachtet ist der Kaiserschnitt in der Antike vermutlich nicht praktiziert worden, weder Soranos von Ephesos (um 100 n. Chr.) noch Galen (2. Jahrhundert) oder Mustio (6. Jahrhundert) verzeichnen diese Methode in ihren Lehrbüchern.[35]

Laut dem römischen Schriftsteller Plinius (Naturalis historia 7, 47) leitet sich der Name „Caesar“ daraus her, dass der erste Träger dieses Namens aus dem Mutterleib geschnitten wurde (von lat. „sectio caesarea“ = cäsarischer Schnitt). Da aus „Caesar“ der Begriff Kaiser entstand, wurde analog aus der sectio caesarea der Kaiserschnitt. Im englischen Sprachraum heißt der Eingriff noch heute „Caesarean section“. Dass Julius Caesar selbst durch Kaiserschnitt entbunden worden sei, ist hingegen mit Sicherheit eine Legende, da seine Mutter die Geburt überlebte. Dies kam zur damaligen Zeit bei einem Kaiserschnitt praktisch nicht vor und hätte daher Eingang in die Geschichte gefunden.

Spätestens ab dem 6. Jahrhundert aber findet sich im Römischen Recht die Verpflichtung, an einer im Sterben liegenden oder soeben verstorbenen Schwangeren einen Kaiserschnitt vorzunehmen, um möglicherweise das Kind zu retten oder es zumindest getrennt beerdigen zu können:[35]

Dig. XI.8.2: Negat lex regia mulierem, quae praegnans mortua sit, humari, antequam partus ei excidatur. Qui contra fecerit, spem animantis cum gravida peremisse videtur.
Ein königliches Gesetz verbietet, dass eine Frau, die schwanger verstorben ist, beerdigt werde, bevor die Leibesfrucht aus ihr herausgeschnitten wurde. Wer dem zuwiderhandelt, setzt sich dem Vorwurf aus, die Hoffnung auf das Leben [des Kindes] mit der Schwangeren getötet zu haben.

Dieses Gesetz wird in den Digesten als „lex regia“, also als Gesetz aus der Königszeit (753–510 v. Chr) bezeichnet und könnte demnach sehr alt sein. Einige Autoren widersprechen dem aber und verstehen es als Gesetz christlicher Herkunft, das – angesichts mangelnder Erwähnung in medizinischen Quellen – auch nur selten angewandt worden sein dürfte.[35]

Fast 700 Jahre später, 1236, findet sich als nächste juristische Erwähnung in einem kirchlichen Statut aus Canterbury die Aufforderung, ein für lebend gehaltenes Kind aus dem Leib der Mutter zu schneiden, wenn diese während des Gebärens sterbe. 1310 auf der Synode in Trier wird dies ausformuliert, zugleich aber explizit befohlen: „Kann man annehmen, dass das Kind im Mutterleib schon gestorben sei, so ist letzterer nicht zu öffnen, […]“.[35]

Im Mittelalter wird der Kaiserschnitt sodann zu einem festen Bestandteil von Helden- und Heiligenviten[35]. Der Heilige Raimund Nonnatus, Patron der Schwangeren, Ammen und Kinder; für eine glückliche Entbindung und gegen Wochenbettfieber, trug seinen Beinamen (lat. non natus = nicht geboren), weil er durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen sein soll.

Bis in die Neuzeit war der Kaiserschnitt fast immer mit dem Tod der Mutter verbunden. Normalerweise wurde er daher nur an Toten vorgenommen, zum Beispiel um das Kind ordnungsgemäß bestatten zu können. Der erste bekannte erfolgreiche Kaiserschnitt an einer Lebenden wurde im Jahre 1500 in Siegershausen in der Schweiz vom Schweinekastrierer Jacob Nufer vorgenommen. Seine Frau überlebte die Prozedur nicht nur, sondern brachte im nächsten Jahr auf natürlichem Wege Zwillinge zur Welt. In Deutschland erfolgte der erste Kaiserschnitt am 21. April 1610 in Wittenberg durch Jeremias Trautmann. 1769 wurde von Joachim Friedrich Henckel der erste Kaiserschnitt im Verlauf der Linea alba durchgeführt.

Operationsnarbe eines Pfannenstielschnittes mit chirurgischen Klammern

Am 25. September 1881 wurde von Ferdinand Adolf Kehrer in Meckesheim der erste konservative klassische Kaiserschnitt durchgeführt. Diese Kaiserschnittmethode, bei der die Bauchdecke und die Gebärmutter nicht wie bisher üblich von oben nach unten, sondern quer aufgeschnitten werden und danach die Gebärmutter fest mit dem Bauchfellüberzug vernäht wird, war bahnbrechend und wird in der Modifikation nach Hermann Johannes Pfannenstiel, nach dem diese Technik auch benannt ist, auch heute noch überall angewendet.[36][37] Im Jahre 1895 führte Alfred Dührssen den vaginalen Kaiserschnitt ein.[38]

Eine ca. 7 Wochen alte Naht bzw. Operationsnarbe eines Kaiserschnitts mit noch sichtbarer Linea nigra bei einer 31 Jahre alten Mutter

Dank verbesserter Operationstechniken, der Einführung der Asepsis, Fortschritten in der Anästhesie, Bluttransfusionen und Antibiotika konnte die Müttersterblichkeit beim Kaiserschnitt, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts noch bei über 80 % lag, auf 0,04 ‰ im Jahr 2005[39] gesenkt werden. In den letzten Jahren „konkurriert“ der Kaiserschnitt als Geburtsmodus daher zunehmend mit der natürlichen Geburt (vgl. die Diskussion unter dem Stichwort Wunschkaiserschnitt). In einigen Privatkliniken in Brasilien beispielsweise liegt die Kaiserschnittquote heute bei über 70 %.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • R. Hartge: Geschichte des Kaiserschnitts. In: Extracta Gynaecologica 8 (1984), S. 431–443
  • Volker Lehmann: Der kayserliche Schnitt : die Geschichte einer Operation, Stuttgart [u.a] : Schattauer, 2006, ISBN 3-7945-2494-2
  • C. Oblasser, U. Ebner, G. Wesp: Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht : Fotobuch, Wegweiser und Erfahrungsschatz aus Sicht von Müttern und geburtshilflichen ExpertInnen, Salzburg : edition riedenburg, 2007, ISBN 978-3-9502357-0-8
  • Mändle/Opitz-Kreuter/Wehling: Das Hebammenbuch, Schattauer 3.Auflage

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kaiserschnitt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten]

  1. Der Irrglaube Kaiserschnitt – news.de vom 26. August 2010
  2. Faktencheck-Gesundheit: Interaktive Karten
  3. a b c d e  Deutscher Bundestag (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Cornelia Möhring, Birgit Wöllert, Sabine Zimmermann (Zwickau), weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 18/738 – Wirtschaftliche Lage der Hebammen und Entbindungspfleger. Nr. 18/900, Berlin 21. März 2014, ISSN 0722-8333, S. 1 (PDF-Datei).
  4. http://www.greenbirth.de/WHO-Empfehlung.pdf und http://www.akf-kaiserschnitt-kampagne.de/cms/wp-content/uploads/2014/01/akf_positionspapier_schwangerschaft_geburt_23_10_2010_01.pdf
  5. P.Kolip: Einflussfaktoren auf den Geburtsmodus: Kaiserschnitt versus Spontangeburt, in: J.Böcken, B.Braun, U. Repschläger (Hrsg.): Gesundheitsmonitor 2012. Verlag Bertelsmann Stiftung. Gütersloh März 2012, S.9. Gesundheitsmonitor
  6. Anesthesiology:Volume 86(2)February 1997pp 277-284
  7. Kinsella SM.; A prospective audit of regional anaesthesia failure in 5080 Caesarean sections.; Anaesthesia. 2008 Aug;63(8):822-32. Epub 2008 Jun 28.
  8. Studie der Bertelsmann-Stiftung 2012 S. 2.
  9. DGGG-Kongress 2012: - Kaiserschnitt oder natürliche Geburt – keine schwierige Entscheidung? - Pressemitteilung
  10. DGGG-Kongress 2012: - Kaiserschnitt oder natürliche Geburt – keine schwierige Entscheidung? - Pressemitteilung
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